Kritik der neuen BBC-America-Serie Killing Eve mit Sandra Oh und Jodie Comer

© ?blicherweise erfährt Villanelle (Jodie Comer) von einer Postkarte, wo sie als Nächstes zuschlagen soll. (c) BBC America
Die Schauspielerin und Drehbuchautorin Phoebe Waller-Bridge hat in den letzten Jahren eine beachtliche Karriere hingelegt, die sie bis in das Ensemble des Star-Wars-Spin-offs „Solo“ führte. Ihrem beeindruckenden Portfolio als Serienschöpferin, das bisher aus den tollen britischen Comedys Crashing (UK) und Fleabag besteht, fügt sie nun mit der Serienmörder-Dramedy Killing Eve einen weiteren gelungenen Eintrag hinzu. Natürlich ist auch dieses Format weiblich geprägt: Die Hauptrollen spielen zwei Frauen.
Trouble is not interested in me
In der Pilotepisode Nice Face kommt es zwischen ihnen zu noch keiner direkten Konfrontation. Dass diese wohl aber alsbald stattfinden wird, ist so sicher wie die Existenz von schwarzem Humor in einem Waller-Bridge'schen Drehbuch. Sich gegenüber stehen werden im Laufe von acht Episoden der ersten Staffel eine Auftragsmörderin, die nur auf den Nom de Guerre Villanelle (Jodie Comer) hört, und die MI5-Möchtegern-Geheimagentin Eve (Sandra Oh). Der Auftakt verspricht ein witzig-düsteres Katz-und-Maus-Spiel zwischen den beiden, das sich über ganz Europa erstreckt.
Eve ist - wie viele ihrer Kollegen, beispielsweise ihr desillusionierter Vorgesetzter Bill (David Haig) - hoffnungslos gelangweilt von ihrem Arbeitsalltag. Statt als Agentin spannenden Fällen nachzugehen, sieht sie sich größtenteils zu öden Schreibtischtätigkeiten verdammt. Hinzu kommt ein zerrüttetes, aber höchst amüsantes Verhältnis zum nächsten Vorgesetzten Frank (Darren Boyd), der es einfach nicht verwinden kann, nicht auf Bills Geburtstagsfeier eingeladen worden zu sein - ein vermeintlicher Nebenkriegsschauplatz, der aber weitreichende Konsequenzen zeitigt.
Das genaue Gegenteil von Eves trostlosem Berufsleben führt Villanelle, die bisweilen von einer Postkarte, bisweilen aber auch von ihrem Kontaktmann Konstantin (Kim Bodnia) erfährt, in welche glamouröse europäische Metropole oder Region sie als Nächstes abgeordnet wird, um eine Zielperson möglichst geräuschlos zu ermorden. Das kann sie so gut, dass selbst bei ihr die Gefahr besteht, irgendwann könnte einmal Langeweile aufkommen. Also versüßt sie sich den Alltag mit kleinen Gemeinheiten - zu Beginn der Episode bringt sie beispielsweise ein kleines Mädchen, das sie freundlich anlächelt, um sein Eis.

Als sie den Job in Wien erledigt hat, kehrt sie an ihren Wohnort in Paris zurück, wo sie ihre alte, gebrechliche Nachbarin gleich mal mit der gleichen verschmitzten Verachtung behandelt wie zuvor das Mädchen. Spätestens an dieser Stelle dürfte man als Kenner von Waller-Bridges Werk wissen, welcher Schalk hier am kreativen Ruder sitzt, auch ohne den Vorspann studiert zu haben. Wem das gefällt, der kann schonmal ziemlich sicher davon ausgehen, dass ihm die tonale Ausrichtung der Serie auch weiterhin zusagen wird. Über dunklen Humor verfügt die Autorin im Übermaß.
It's impressive... and awful
Ganz einwandfrei hat Villanelle in Wien aber nicht gearbeitet, denn es gibt eine Zeugin. Die Freundin des ermordeten russischen Politikers ist davongekommen, hat sich nach London gerettet und soll sich dort nun von ihrem Schock erholen, um eine Aussage machen zu können. Hier wittert Eve, die stets zu nicht erlaubten Alleingängen bereit ist, um die omnipräsente Tristesse zu durchdringen, ihre Chance. Eine einfache Deduktion sowie eine List führen sie zu der sehr richtigen Annahme, dass es sich nur um eine Mörderin handeln kann. Irgendeiner der higher-ups scheint diese Erkenntnis aber verhindern zu wollen.
Also strengt sie weitere eigene Recherchebemühungen an, inklusive gefährlicher Selbstverletzung. Madame Villanelle ist da schon wieder unterwegs zu ihrem nächsten Auftrag in der Toskana, wo sie einen wohlhabenden Geschäftsmann mittels giftiger Haarnadel ermordet. Der Einsatz kreativer Tötungsmethoden gehört zum festen Langeweilebekämpfungsprogramm der Mörderin. Genau darin besteht aber auch die Chance des MI5, sie zu fassen. Die Russland-Expertin des Geheimdiensts, Carolyn Martens (Fiona Shaw), ist sich bereits genauso sicher wie Eve, dass nur eine Frau am Werk gewesen sein kann.
Allerdings ist sie sich ebenfalls bewusst, dass es innerhalb ihrer Organisation schier unüberwindliche Widerstände gegen diese Theorie gibt. Also engagiert sie die wegen ihrer Alleingänge frisch gefeuerte Eve als ihre Zuarbeiterin. Am Ende der Pilotepisode hat die Neu-Agentin endlich erreicht, wovon sie stets geträumt hat. Zu dem Zeitpunkt ist sie auch schon ihrer Zielperson begegnet, natürlich ohne es zu merken. Vergessen wird sie diese Begegnung ob ihrer Skurrilität jedoch nicht allzu schnell, vor allem wenn sie realisiert, wer da vor ihr stand.
In der Auftaktepisode gelingt es Autorin Waller-Bridge, dem ausgelutschten Agentengenre einen amüsanten neuen Dramedy-Twist zu verpassen. Ihr Drehbuch ist gewohnt bissig, mit Comer und Oh sind zwei Schauspielerinnen gefunden worden, die voll in ihren Rollen aufgehen. Kurzweilig, witzig, mit vielen interessanten Charakteren und Darstellern versehen - so kann es mit Killing Eve gerne weitergehen.
Trailer zu Episode 1x02: 'I'll Deal With Him Later'