Kevin Can F*** Himself 1x01

© erienfoto zur Serie Kevin Can F*** Himself (c) AMC
Im Mai 2019 ging mit The Big Bang Theory die vorerst letzte wirklich große US-Sitcom in Rente. Die verbliebenen Vertreterinnen des altbewährten, aber längst überholten Genres - seien es The Conners bei ABC, The Neighborhood bei CBS oder auch The Simpsons bei FOX - erreichen nur noch moderate Quoten. Multi-Kamera-Comedy scheint in einer Krise zu stecken, obwohl die Marvel-Serie WandaVision zuletzt noch einen Lobgesang auf Klassiker wie „I Love Lucy“, „Bezaubernde Jeannie“, „The Brady Bunch“ sowie Full House, Malcolm in the Middle oder Modern Family sang.
Bei AMC (und dem Streamer AMC+) geschieht nun genau das Gegenteil: Mit dem neuen Format Kevin Can F*** Himself sollen Sitcoms endgültig zu Grabe getragen werden, vor allem die sexistischen. Der freche Titel ist eine direkte Anspielung auf die kurzlebige CBS-Serie Kevin Can Wait mit King of Queens-Star Kevin James. Galant gab der Schauspieler, dessen Werk von der schwarzen Komödie schonungslos in den Dreck gezogen wird, seinen Segen für die Parodie (wir berichteten). Ob er selbst mal einen Blick riskiert, können wir nur erahnen...
Die Idee zu Kevin Can F*** Himself stammt von der Lodge 49-Autorin Valerie Armstrong. Produziert wird das Ganze von Rashida Jones (Parks and Recreation), Will McCormack („Toy Story 4“) und Craig DiGregorio. Die Hauptrolle ging an die Emmypreisträgerin Annie Murphy (Schitt's Creek). Der titelgebende Kevin wird gespielt von Eric Petersen. Und auch Mary Hollis Inboden (The Real O'Neals) ist mit an Bord.
Bei der Pilotepisode, die den ironischen Titel Living the Dream trägt, führt Oz Rodriguez (A.P. Bio) Regie. Er inszeniert dabei eine verrückte Mischung aus strahlendem Multi-Kamera- und tristem Single-Kamera-Stil.
Worum geht's in der Serie Kevin Can F*** Himself?
Die Serie beginnt als typische Sitcom: Kevin McRoberts (Petersen) wird uns als ganz normaler Durchschnittsamerikaner präsentiert. Einer, der mürrisch seinen Job macht und den Frust nach Feierabend mit Bier runterspült. Der nur für die Wochenenden lebt, wenn er mit seinen Freunden Football schauen kann und sich wieder betrinkt. Seine Frau Allison (Murphy) kümmert sich aufopfernd um ihn und das gemeinsame Eigenheim. Geht aber selbst auch noch arbeiten. Kinder haben die beiden nicht - und auch sonst nichts, was sie verbinden würde.
Schon in der ersten Szene kriegen wir einen Vorgeschmack davon, welchen Ton sich Allison tagein, tagaus von ihrem Mann gefallen lassen muss. Er scheint in ihr tatsächlich seine persönliche Dienerin zu sehen, während seine Kumpels ihr sexistische Kommentare vor den Latz knallen. Natürlich reagiert sie immer schlagfertig, damit sich kein Mann schlecht fühlen muss. Erst, wenn sie allein ist, zeigt sie ihren Ärger. Wann immer Kevin fern ist, wird aus der bunten Sitcom plötzlich ein düsteres Drama. Murphys Mine versteinert, denn sie ist gefangen in einer erdrückenden Ehe und einem kafkaesken Zerrbild des American Dream.

Für uns Zuschauer ist klar: Sie kann nicht bei diesem Kerl bleiben. Er hat sie nicht verdient und sie kann nur ohne ihn ein erfülltes Leben führen. Trotzdem verrennt sich die Protagonistin - wie fremdgesteuert - in gemeinsamen Zukunftsplänen. So sucht sie vor allem nach einem schönen neuen Haus, in das sie umziehen können. Sie denkt, in einer anderen Kulisse könnte sie glücklicher werden, dabei ist die Kulisse nicht wirklich das Problem. Dass sie das nicht begreift, mag uns unverständlich erscheinen, doch immerhin reden ihr alle anderen Figuren immer wieder ein, wie toll ihr Leben mit Kevin doch sei.
Stück für Stück ahnt Allison, was vor sich geht. Der Hass auf Kevin wird klarer und klarer, bis sie am Ende der ersten Episode bereits die erste Mordfantasie ereilt. Nach diesem Schockmoment sehen wir sie zum ersten Mal richtig lächeln. Sie weiß nun: Ein neues Haus für sich und ihren Mann ist nicht, was sie will, sie will seinen Tod. Und wer weiß, vielleicht begibt sich Kevin Can F*** Himself in der zehnteiligen Auftaktstaffel noch auf ganz andere Pfade. Auch ein „Truman Show“-Szenario wäre denkbar, in dem der eigentliche Endgegner die Autoren der Sitcom sind, in der sie als Figur gefangen ist...
Wie ist es?
Vor allem fällt auf, mit welcher Leichtigkeit Kevin Can F*** Himself das Antivorbild parodiert. Die Witze, die hier geschrieben wurden, könnten so auch eins-zu-eins in jeder echten Sitcom der vorgeführten Sorte vorkommen. Das beweist, wie anspruchslos derartige Formate offenbar auch in der Herstellung sind. Somit entkräftet die Serienschöpferin Valerie Armstrong schon mal jeden Vorwurf, sie und ihr Team wären einfach neidisch auf den Erfolg von Kevin James und Konsorten. Nein, wenn sie wollte, könnte sie ein Kevin Can Wait auch jederzeit aus dem Ärmel schütteln.
Genauso beeindruckend ist die Darbietung von Annie Murphy, die blitzschnell zwischen Comedy und Drama umschalten kann. Dabei sagt ihr Gesicht auch in den Hochglanz-Sitcom-Szenen so viel Niedrigschwelliges. Ihre Allison versprüht gleichzeitig eine selbstbewusste Coolness und eine bemitleidenswerte Unterwürfigkeit. Der Charakter ist ganz einfach tief zerrissen, weil er noch zur Hälfte in einem Albtraum feststeckt und erst langsam daraus erwacht. Man freut sich schon darauf, sie bei voller Klarheit zu erleben, wenn sie sich endlich richtig ausleben kann.
Etwas gewöhnungsbedürftig ist sicherlich die Inszenierung. Teilweise sind die häufigen Übergänge zwischen Sitcom und Drama nicht ganz flüssig, was sicher Absicht ist, denn normalerweise sind Hybride aus Single-Kamera und Multi-Kamera leicht umzusetzen (How I Met Your Mother setzte beispielsweise auf beides). Vielleicht hätte der Regisseur Oz Rodriguez noch etwas mehr mit dem Holzhammer arbeiten sollen, um an der Intention keine Zweifel aufkommen zu lassen. Am besten funktionieren die Wechsel so auch, wenn sie mit einem klirrenden Glas oder ähnlichen Auslösern einhergehen.
Allgemein ist zu befürchten, dass der ungewöhnliche Stil von Kevin Can F*** Himself auf lange Sicht ermüdend wirkt. Ein Experiment, um etwas Frisches auszuprobieren, kann schnell zu nerven anfangen. Ohnehin ist aber davon auszugehen, dass die Sitcom-Fassade im weiteren Verlauf der Season immer mehr bröckeln wird, bis wir irgendwann ganz im düsteren Drama angekommen sind. Insgesamt ein sehr vielversprechendes Format, das ein ganzes Genre infrage stellen könnte.
Hier der Trailer zur AMC-Serie Kevin Can F*** Himself:
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Verfasser: Bjarne Bock am Montag, 21. Juni 2021Kevin Can F*** Himself 1x01 Trailer
(Kevin Can F*** Himself 1x01)
Schauspieler in der Episode Kevin Can F*** Himself 1x01
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