Karen Pirie 1x01

Karen Pirie 1x01

Mit „Karen Pirie - Echo einer Mordnacht“ bringt das ZDF einen schottischen Krimi an den Start, der von der ersten Minute an Fragen aufwirft, spannend inszeniert ist und mit einer starken Hauptdarstellerin punktet. Aber lest selbst...

Lauren Lyle in der Serie „Karen Pirie“
Lauren Lyle in der Serie „Karen Pirie“
© ITV/ZDF

Das passiert in „Karen Pirie“

DS Karen Pirie (Lauren Lyle) ist eine kluge Frau und gute Polizistin, die aber in ihrem Job unterfordert ist. Als eines Tages eine beliebte Podcasterin auf Ermittlungsfehler eines 25 Jahre alten Mordfalles hinweist und damit einen Shitstorm im Netz lostritt, entscheidet sich ihr Chef DI Lees (Steve John Shepherd) ausgerechnet dafür, dass sie den Cold Case wieder aufrollen soll.

Mit dem jungen, aber engagierten DC Murray (Chris Jenks) an ihrer Seite deckt die Ermittlerin nach und nach dunkle Geheimnisse auf, die die einzigen Verdächtigen, drei ehemalige Studenten, in Bedrängnis bringen. Doch dann überschlagen sich plötzlich die Ereignisse...

Die Vorlage

Karen Pirie ist die serielle Adaption des Krimis „The Distant Echo“ („Echo einer Winternacht“), den die beliebte schottische Autorin Val McDermid 2003 (in Deutschland: 2004) veröffentlichte. Im Fokus der Geschichte steht die junge Polizistin Karen Pirie, die hier ihren ersten Fall löst und damit gleich einem komplexen Cold Case gegenübersteht.

Für die TV-Umsetzung haben Drehbuch-Schreiberin Emer Kenny (Father Brown) und Regisseur Gareth Bryn (Hidden) die Handlung jedoch vom Winter in den Sommer verlegt. Abgesehen davon bleiben sie aber im Großen und Ganzen der literarischen Vorlage so treu, dass sich selbst Val McDermid angetan zeigte, wie sie in einem Interview erwähnte: „Ich war, ehrlich gesagt, begeistert, als ich die fertige Serie gesehen habe. Sie ist in vielerlei Hinsicht großartiges Fernsehen.

Spannende Unterhaltung

Nun könnte man solche Aussagen als gelungenen Werbemove interpretieren, wenn sich der erste von drei Teilen nicht tatsächlich ausnehmend spannend präsentieren würde. Die Geschichte beginnt im Jahr 1996 und handelt vom mysteriösen Tod der 19-jährigen Kellnerin Rosie Duff.

Rosie ist hübsch und lebenslustig und hat viele Verehrer. Doch da sind ihre beiden Brüder Colin und Brian, die eifersüchtig über sie wachen und nicht davor zurückschrecken, etwaige Bewunderer zu verprügeln. Als sie vom Medizinstudenten Ziggy (als Student gespielt von Jhon Lumsden) auf eine Party eingeladen wird, schleicht sie sich deshalb heimlich von der Arbeit fort.

Spätestens hier wird in „Karen Pirie - Echo einer Mordnacht“ klar, dass Rosie den Abend nicht überleben wird. Dreieinhalb Stunden später so wird uns eindrücklich per Einblendung eines alten Weckers vermittelt, ist die junge Frau tot. Der Fall wird kompliziert, als Ziggy der Dorfpolizistin Janice blutüberströmt vor das Auto läuft.

Atemlos und für das Publikum packend erzählt er, dass er und seine Freunde Alex und Weird eine Sterbende auf dem Friedhof der örtlichen Kathedrale entdeckt haben. Trotz aller Bemühungen kommt jede Hilfe zu spät, doch nun tauchen Fragen auf: Was haben die drei Studenten auf dem Friedhof gemacht? Haben sie Rosies Körper lediglich dort gefunden, oder vielmehr direkt etwas mit dem Fall zu tun? Und wenn nicht: Wer hätte ein Motiv gehabt, sie zu ermorden?

Zeitebenen

Szenenfoto aus der Serie „Karen Pierie“
Szenenfoto aus der Serie „Karen Pierie“ - © ZDF / Ryan Kernaghan / W. P. Karen Pirie Limited 2021

Das ist die Ausgangssituation, mit der es Karen 25 Jahre später tun bekommt, weil sich seitdem niemand mehr des Falls annahm. Die Polizistin ist klug, hartnäckig und ausdauernd, hat aber auch ihre kleinen Fehler, die Schauspielerin Lauren Lyle mit großer Spielfreude ans Licht fördert. Schön ist, dass sie nicht, wie viele andere ihrer fiktiven Kolleginnen und Kollegen, unter „zwanghafter Dyfunktionalisierung“ leidet, sondern als junge Beamtin sowohl am Anfang ihres Lebens als auch ihrer Karriere steht. Das verleiht dem Charakter trotz des ernsten Hintergrunds der Story eine gewisse Frische, die zu gefallen weiß.

Dramaturgisch bleibt die Geschichte in den ersten 90 Minuten (insgesamt gibt es drei Teile) auf zwei Erzählebenen in der Vergangenheit und Jetzt-Zeit der Serie angesiedelt. Allerdings wird beiden Strängen genug Raum gegeben, um das Rätsel um Rosies Tod zu etablieren und einige Fährten zu legen, denen man gemeinsam mit Karen folgt.

Ziggy, Alex und Weird, so viel wird schnell deutlich, hüten auf jeden Fall ein schreckliches Geheimnis, das einen Zusammenhang zu Rosies gewaltsamen Tod impliziert. Was genau die Drei verdächtig macht, soll an dieser Stelle aus Spoilergründen nicht verraten werden, sicher ist jedoch, dass es genügt, um Karens Interesse zu wecken.

Ungereimtheiten

Gemeinsam mit ihrem sympathisch von Chris Jenks gespielten Kollegen DC Jason Murray rollt sie den Fall von hinten auf und stößt auf eine Ungereimtheit nach der anderen. Der Wechsel der Zeitebenen ist dabei ein besonders wichtiges Element, weil sich einerseits durch das partielle Miterleben des Geschehens, andererseits aber auch das Enthüllen immer weiterer Fakten allmählich die Wahrheit vor den Augen der Zuschauenden enthüllt. Allerdings eröffnet das neue Fragestellungen, die es über die kommenden vier Stunden zu beantworten gilt.

Die Inszenierung

Unterlegt ist das Ganze mit eindrücklichen Bildern und einem passenden, Spannung erzeugenden Score, der uns noch intensiver an die Handlung bindet. „Karen Pirie - Echo einer Mordnacht“ ist keine temporeiche Krimiserie nach US-amerikanischen Vorbild. Vielmehr spielt die Serie ihre narrativen Stärken mit dem Fokus auf die Hauptfiguren und dem verschlafenen Nest Fife aus, in dem jeder jeden kennt und in dem es mehr zu ergründen gibt, als es oberflächlich scheint.

Kameramann Ryan Kernaghan (Ted Lasso) und Regisseur Gareth Bryn unterstreichen diese Tatsache mit einem unaufgeregten Inszenierungsstil, der aber dennoch die Aufmerksamkeit des Publikums erregt und zum Mitraten animiert.

Überraschungen

Zwar deutet alles drauf hin, dass die ehemaligen Studenten (in der Jetztzeit Arzt, Künstler und Geschichtsdozent) die Täter sind, doch es gibt auch berechtigte Zweifel. Ziggy soll beispielsweise mit Rosie ein Verhältnis gehabt haben, ist aber in Wirklichkeit schwul, Alex war zu betrunken, um einen Mord zu begehen, und Weird hatte kein Interesse an ihr. Doch warum plagen Ziggy dann auch 25 Jahre später noch so starke Gewissensbisse, dass er das Grab der Ermordeten besucht und um Verzeihung bittet? Und weshalb weigern sich die anderen beiden, die Wahrheit über jene Schicksalsnacht preiszugeben, als Ziggy das Schweigen nicht mehr erträgt? Derartige Hinweise und Schnipsel gibt es einige, was „Echo einer Mordnacht“ zu einem hochinteressanten und spannenden Krimi macht, der noch manche Überraschung bereithalten dürfte.

Fazit

Szenenfoto aus der Serie „Karen Pierie“
Szenenfoto aus der Serie „Karen Pierie“ - © ZDF / Ryan Kernaghan / W. P. Karen Pirie Limited 2021

Wer guten Brit-Crime mit interessanten Figuren mag, wird an „Karen Pirie - Echo einer Mordnacht“ seine helle Freude haben. Der Fall, den die junge Ermittlerin mit dem ungewöhnlichen Kleidungsstil zu knacken hat, wirft Fragen ohne Ende auf. Die Geschichte ist so inszeniert, dass man beiden Erzählebenen gut folgen kann und auf immer weitere Hinweise stößt, die noch mehr Interesse an der Auflösung des Plots wecken.

Die schauspielerischen Leistungen sind durch die Bank hervorragend, wobei Lauren Lyle aus dem ohnehin guten Cast noch einmal deutlich hervorsticht. Sie zeichnet ihre Protagonistin als selbstbewusste Frau, die sich in einer männerdominierten Domäne behaupten muss. Auf den ersten Blick wirkt sie unscheinbar, doch charakterlich beweist sie eine so große Stärke, dass sie sich sogar mit ihren Vorgesetzten anlegt oder deren Anweisungen umgeht.

Mit Chris Jenks steht ihr ein ebenfalls junger Sidekick zur Seite, der durchaus gewollt an die typischen Cosy-Crime-Assistenten angelehnt ist, wie man sie beispielsweise aus „Midsummer Murderers“ kennt. Er ist dynamisch, engagiert, smart und loyal und bildet damit eine gelungene Ergänzung zu Pirie.

Auch von technischer Seite gibt es nichts zu bemängeln. Die Kameraführung ist routiniert, die Schnitttechnik abgesehen von einigen Actionszenen unaufgeregt, aber intensiv und der Score von Stephanie Taylor unterstreicht das Setting aufs Beste. Dafür gibt es von uns viereinhalb von fünf Hinweisen.

Hier abschließend noch der Trailer zur schottischen KrimiserieKaren Pirie - Echo einer Mordnacht“ im ZDF:

Verfasser: Reinhard Prahl am Sonntag, 23. Juli 2023

Karen Pirie 1x01 Trailer

Episode
Staffel 1, Episode 1
(Karen Pirie 1x01)
Deutscher Titel der Episode
Der Fall Rosie Duff
Titel der Episode im Original
The Distant Echo: Part 1
Erstausstrahlung der Episode in Großbritannien
Sonntag, 25. September 2022 (ITV)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Sonntag, 23. Juli 2023

Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?