Joe vs Carole 1x01

© er Hauptcast der Serie Joe vs Carole auf einem Serienposter (c) Peacock
Am 20. März 2020 feierte die Dokuserie „Tiger King: Murder, Mayhem and Madness“ aka „Großkatzen und ihre Raubtiere“ ihre Premiere bei Netflix und eroberte die Welt im Sturm. Einige Wochen lang - passenderweise zu den ersten Lockdowns und Beschränkungen durch die Coronakrise - war die wilde Dokumentation das Gesprächsthema Nummer eins, weil die Lebensrealität der Protagonisten so unglaublich erschien, das nicht mal die abgedrehtesten Serien damit konkurrieren konnten.
Fast zwei Jahre später ist der Streamingdienst Peacock nun der erste, der aus dem Stoff eine Dramaserie macht, wobei zwischenzeitlich weitere Projekte in Entwicklung waren, die aber teilweise mittlerweile schon wieder eingestellt wurden. So wollte Amazon Prime Video zeitweise Nicolas Cage als Tiger King Joe Exotic aus dem Käfig lassen.
Die offizielle Vorlage von „Joe vs. Carole“ ist die zweite Season des True-Crime-Podcasts „Over My Dead Body“, aber die Aufarbeitung von Netflix machte den Stoff weltberühmt.
Darum geht es in Joe vs Carole
Die Hauptrollen der verfeindeten Tigerfreunde spielen John Cameron Mitchell (Shrill, The Good Fight) als Joe Exotic aka Joseph Allen Maldonado-Passage und Kate McKinnon („Saturday Night Live“, „Ghostbusters“) als Carole Baskin.
Die Serie geht los mit einem Besuch zweier Fish-and-Wildlife-Agenten bei Carole und ihrem Ehemann Howard (Kyle MacLachlan, Twin Peaks), da Joe Exotic einen Auftragskiller engagiert hat. Die Agenten können im Prinzip aber nicht mehr übernehmen, als das Ehepaar zu warnen. Wenig später sieht man sie beim Waffenshoppen und Carole stellt die Frage, wie es dazu kommen konnte. Ein Flashback nimmt die Zuschauer dann sieben Jahre in die Vergangenheit mit und zeigt, wie Carole überhaupt auf Joe aufmerksam wurde.
Carole verschreibt sich in ihrer Organisation Big Cat Rescue, die durch viele Freiwillige unterstützt wird, der nationalen Tierrettung. Eines Tages bemerken sie eine neue Organisation namens Awakening Productions und Carole schickt jemanden, um sich dort umzuschauen. Schnell sieht man, wie Joe seine Zootiere offenbar nicht den Ansprüchen von Baskins nach behandelt und immer öfter kann Baskin Beweise finden, dass er seine Operation expandiert, denn seine markante Frisur wird immer wieder auf Fotos in der Region abgelichtet.
Joe wird derweil als Mensch dargestellt, der Zoowärter-Autodidakt via Google ist und den Menschen, die dafür bereit sind zu zahlen, eine Show bieten möchte. Das Tierwohl spielt eine untergeordnete Rolle. Vielmehr sollen Tiere mit Betäubungsmitteln gefügig gemacht werden, wenn eine Revue oder Fototermine anstehen. Wenn das mal nicht wie gewünscht klappt, dann macht er per Spraydose auch ein Schaf zu einem Tiger...
Carole und ihr Team sammeln mit Spionen und via Social Media Beweise für Joes unlautere und tierfeindliche Methoden und starten schließlich eine Massenkampagne im Internet, die dazu führt, dass immer mehr Veranstalter und Orte auf Abstand zu Joe gehen. Das löst dann besagte Fehde aus, die sogar einen Mordauftrag nach sich zieht.
Hey all you cool cats and kittens!
Die Macher scheinen recht klar Partei für Carole zu ergreifen, die im Verlauf der Auftaktfolge Unwanted Animals deutlich besser wegkommt als Joe. Serienmacher Etan Frankel (Shameless, Friday Night Lights, Animal Kingdom) hat seine Freude daran, die Paradiesvögel und Weirdos mit ihren augenscheinlichen Spleens zu präsentieren. Gleichzeitig läuft man oft Gefahr, dass man schnell ins klamaukige abdriftet, wenn man etwa einige Zeit damit verbringt zu zeigen, wie sehr Carole damit überfordert ist, einen Anruf auf stumm zu stellen oder ein Intro für ihre erste Webshow zu finden.
Wegen McKinnons „Saturday-Night-Live“-Historie ist sie natürlich prädestiniert für Parodien von bunten Vögeln und schrillen Typen, aber ich werde manchmal den Eindruck eines überlangen Skits nicht los, der sich in Nebensächlichkeiten verliert. Mitchell ist an sich ebenfalls ein guter Darsteller, der es sich in seinen vergangenen Rollen zur Spezialität gemacht hat, den typischen Unsympathen zum Leben zu erwecken (siehe The Good Fight als rechter Troll). Vielleicht gelingt es ihm im Verlauf der Serie auch, einige überraschend nette Seiten von Joe zu zeigen.
Allerdings haben sich die Macher ohnehin einer Löwenaufgabe angenommen, denn die Dokuserie und ihre Protagonisten sind so drüber und einmalig, dass man ihnen mit einer konventionellen Erzählung gar nicht gerecht werden können. Fast jeder, der „Tiger King“ geschaut hat (zumindest die deutlich bessere und dynamische erste Staffel), der konnte bei diesem Crash-TV-Exponat wohl kaum abschalten und wurde in einen hypnotischen Sog gezogen, der einen ganz besonderen Menschenschlag abgebildet hat. Was ich damit sagen will: Es ist in diesem Fall wahnsinnig schwer, die Realität (oder zumindest die inszenierte Realität einer solchen Dokumentation, die ja auch ein Framing betreibt) zu übertreffen.
That bitch poked the wrong goddamn bear!
McKinnon, Mitchell und Co bemühen sich zwar nach Kräften und könnten Leuten, die vielleicht noch nie etwas von „Tiger King“ gehört haben, sofern es das gibt, einen Einstieg ermöglichen, der etwas behutsamer ist als das absolute Chaos der Dokuserie. Aber irgendwie bezweifle ich, dass viele „Tiger-King“-Neulinge eine solche Serie überhaupt schauen...
Schwer tue ich mich außerdem bei dem mittelprächtigen CGI, was allerdings ein notwendiges Übel ist, um die Tiere der Serie zum Leben zu erwecken, denn letztlich schaue ich mir lieber nicht ganz gelungene Computereffekte an, als Tierquälerei zu fordern. Gleichzeitig weiß ich natürlich, dass die Budgets irgendwo auch ihre Grenzen haben und ohne Tiere wäre das Format wohl kaum umsetzbar.
Die erste Episode kratzt an zahlreichen Themen, die man vielleicht schon in der Dokuserie gesehen hat: Die Attentäter-Story, Joes Sexualität und seine Praktiken, um Geld zu machen und Caroles Ruf zu schädigen, Caroles bisweilen tragische Vergangenheit und ihr Feldzug für das Wohl der Tiere, aber natürlich auch das Spektakel durch solche Privatzoos. Ich bin gespannt, ob das Schicksal ihres Exmannes auch eine Rolle spielen wird. Obwohl ich sagen würde, dass Carole im Piloten in einem besseren Licht als Joe präsentiert wird, werden doch auch einige Charaktermerkmale von ihr persifliert, beispielsweise das Nichtbezahlen von Freiwilligen und eben ihre Technik-Fails.
Fazit
Der Auftakt zu Joe vs Carole ist eine mittelprächtig unterhaltsame Angelegenheit. Das größte Problem dieser fiktiven Aufarbeitung der Tiger-King-Saga ist die bereits vorhandene Dokuserie, die einfach alles in den Schatten stellt, was man in Serienform präsentieren könnte. So wirken die Performances bisher oftmals wie Sketch-Comedy-Nachahmungen, die man nicht wirklich ernst nehmen kann (was ironischerweise wohl auch für die echten Persönlichkeiten gilt). Das hätte man sich allerdings auch irgendwie denken können...
Das Veröffentlichungstiming dürfte auch eine Rolle spielen, warum die Serie sich für mich in einem merkwürdigen Tal der Nichtrelevanz befindet. Man ist am echten Phänomen einfach noch viel zu nah dran und hätte locker mal noch zehn Jahre warten sollen, ehe es vielleicht so etwas wie einen Hauch von „Tiger-King“-Nostalgie oder -Fassungslosigkeit geben könnte. Wahrscheinlich wollte man aber das heiße Thema schnellstmöglich abarbeiten - auch im Angesicht von Konkurrenzprojekten.
Viel Neues dürfte insgesamt nicht zum Thema beigesteuert werden. So kann man die Peacock-Produktion vielleicht allen empfehlen, die noch nicht genug von den Großkatzen-Dompteuren haben, die aber keine neuen Tricks erwarten sollten.
Man darf allerdings auch nicht vergessen, dass viele echte Protagonisten sich früher oder später in kriminelle Machenschaften verstrickt haben und sicherlich keine Helden sind, die glorifiziert werden sollten. Nicht umsonst verbüßt Joe inzwischen eine umfangreiche Haftstrafe (wir berichteten)...
In Deutschland kann man Joe vs Carole im Peacock-Bereich von Sky streamen.
Hier abschließend noch der aktuelle Trailer zur Serie „Joe vs Carole“:
Verfasser: Adam Arndt am Freitag, 4. März 2022Joe vs Carole 1x01 Trailer
(Joe vs Carole 1x01)
Schauspieler in der Episode Joe vs Carole 1x01
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?