Tom Clancy's Jack Ryan 1x08

© ??Tom Clancy's Jack Ryan“ (c) Amazon
Ihr kennt das, wenn man ein bestimmtes Genre nicht mehr sehen kann, oder? Zuletzt war in der Serienwelt zum Beispiel ein regelrechter Fantasy-Boom zu beobachten, der weiterhin anhält und auf der Erfolgsgeschichte von Game of Thrones fußt. Wirklich jeder möchte sein eigenes Fantasy-Spektakel im Programm haben, siehe Amazons „Herr der Ringe"-Serie oder „The Witcher" von Netflix. Geschichten über (vorwiegend weiße) Antihelden, die uns auf dramatische Art und Weise irgendwie sympathisch gemacht wurden, sind ebenfalls lange Zeit en vogue gewesen, zählen heute aber eher zu der Reihe von TV-Serien, an denen man sich ein Stück weit sattgesehen hat.
Für mich persönlich stellt das Seriengenre rund um Agenten, Geheimdienste und der Kampf um Informationen gegen dubiose Mächte (oftmals aus dem Nahen Osten) eines der Themengebiete dar, die mich mittlerweile kaum noch hinter dem Ofen hervorlocken. Es gibt Ausnahmen, so zum Beispiel das wunderbare Counterpart, das gefühlvolle London Spy oder das stilsichere Condor, um nur einige wenige zu nennen. Selbst dem „Bond“-mäßigen The Night Manager könnte ich etwas abgewinnen. Aber es gibt eben auch diesen Schlag an Serien innerhalb dieses Genre, die mir inzwischen unfassbar austauschbar erscheinen und alle nach dem gleichen Modell konstruiert sind. Homeland ist wahrscheinlich der Referenzpunkt schlechthin. Eine gute Portion 24 findet man ebenfalls in solchen Produktionen wieder. The Looming Tower, Deep State, sogar das gerade von Netflix wiederbelebte Designated Survivor gehen in diese Richtung.
Kritik zum Auftakt von „Tom Clancy's Jack Ryan"
Da ich Zeit meines Lebens als Serienjunkie wahrlich meinen ordentlichen Anteil an derartigen Serienproduktion gesehen habe, hatte die neue Amazon Prime-Serie Tom Clancy's Jack Ryan im Vorfeld einen eher schweren Stand bei mir. Die ersten vier Folgen, die der Presse vorab zur Verfügung gestellt worden waren, bestätigten meine Vorahnung: „Tom Clancy's Jack Ryan“ ist aus dem exakt gleichen Regal wie „Homeland“ und dergleichen gefallen, selbst wenn die Bücher über den fähigen CIA-Spezialisten Jack Ryan aus der Feder von Tom Clancy schon lange vor vergleichbaren Titeln existierten. So ähnlich hatte ich es in der oben verlinkten Kritik geschrieben. Die Serie hinterlässt handwerklich einen sehr ordentlichen Eindruck und gibt Genrefans genau das, was sie sehen wollen: eine internationale Jagd nach gefährlichen Terroristen, harte Entscheidungen und knackige Wortgefechte in CIA-Konferenzräumen, wuchtige Action und sogar ein wenig menschliches Drama sowie moralische Grautöne, die heutzutage einfach nicht fehlen dürfen.
Das ist okay. Das Publikum für eine solche Geschichte ist nach wie vor existent, „Tom Clancy's Jack Ryan“ ist jetzt weder besonders schlecht noch besonders gut. Es handelt sich um vergleichsweise harmlose Vorabendunterhaltung, nicht mehr und nicht weniger. Ich für meinen Teil bin jedoch zum einen mit so vielen anderen Serientiteln beschäftigt und zum anderen von diesem Genre gesättigt, dass mir die ersten vier Folgen von „Tom Clancy's Jack Ryan“ dann auch gereicht haben. Dachte ich zumindest... Denn irgendetwas hat mich dann doch zurück zu diesem sehr gewöhnlichen Spionagedrama gezogen.
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Vielleicht war es einfach nur der Umstand, dass ich angefangene Staffeln von TV-Serien eher ungern nicht zu Ende bringe und bereits vier von den insgesamt acht Episoden der ersten Staffel von Tom Clancy's Jack Ryan gesehen hatte. Vielleicht war es auch einfach angenehm, dass die Laufzeit der einzelnen Folgen schön kompakt war und die beiden Serienschöpfer Carlton Cuse und Graham Roland ziemlich gut wissen, wie sie eine Episode strukturieren müssen, um wenig Langeweile aufkommen zu lassen. Vielleicht war es aber auch einfach besagte Harmlosigkeit und (bitte nicht falsch verstehen) eine überraschend befriedigende Mittelmäßigkeit, die diese Serie (bewusst oder unbewusst) auszeichnet. „Tom Clancy's Jack Ryan“ funktioniert auf einem extrem simplen Level. Und davon geht wiederum ein eigenartiger Reiz aus.
Wie bereits erwähnt erfindet „Tom Clancy's Jack Ryan“ das Rad definitiv nicht neu. Man fährt eher auf bereits erprobten Reifen eine Strecke entlang, die viele Zuschauer nur zu gut kennen. Manchmal nimmt man sich dabei ein wenig wichtig, manchmal feuert man eine lachhafte Actionsequenz raus, die etwas an der Glaubwürdigkeit der Geschichte kratzt. Doch irgendwann stört einen das kaum noch, weil die verschiedenen Einzelteile dieser Serie ab einem gewissen Punkt sich einfach fügen und so im Einklang miteinander sind, dass sich das Resultat wunderbar schnell weggucken lässt, ohne dass man sich allzu viele Gedanken darüber machen muss, was eigentlich gerade auf dem Bildschirm passiert.
Und womöglich ist das der große Vorteil der Serie. Wenn man möchte, so kann man aus der ersten Staffel von „Tom Clancy's Jack Ryan“ eine Handvoll mehr oder minder tiefsinnige Lektionen filtern. Zum Beispiel, dass nicht jeder Muslim (Obacht, Überraschung!) gleich ein gemeingefährlicher Terrorist ist. Dass der Kampf gegen den globalen Terror weitaus komplexer ist, als man auf den ersten Blick glaubt. Dass sich im Feindeslager auch ganz normale Menschen mit sehr persönlichen Problemen befinden und dass viele Methoden der US-Behörden unverhältnismäßig und unmenschlich sind; das alles kann man als Zuschauer mitnehmen. Wenn man denn möchte. Besonders neu sind diese Erkenntnisse nämlich nicht, sie sind ein fester Bestandteil in diesem Seriengenre, weshalb erfahrene Serienkenner dieses Attribut von „Tom Clancy's Jack Ryan“ wahrscheinlich eher kaltlassen wird.
Aber wie gesagt, sofern man denn will, kann man dieser Facette durchaus etwas abgewinnen. Man kann sie aber auch komplett ignorieren. Das Schöne ist nämlich, dass die Serie sich davor hütet, dem Zuschauer diese Aspekte ihrer Erzählung mit aller Macht aufzudrücken. Zumindest entsteht selten der Eindruck, dass es so ist, weil man solche vergleichsweise abgedroschenen Momentaufnahmen geschickt mit Szenen konterkariert, die eine sehr einfache Funktion erfüllen: den Plot kurzweilig und geradlinig voranzutreiben. Mehrfach habe ich mich bei der Sichtung der ersten Staffel von „Tom Clancy's Jack Ryan“ dabei erwischt, wie ich mir ungläubig an die Stirn gefasst habe, weil manche Entwicklung so hanebüchen und, offen gesagt, bescheuert war, dass ich es kaum glauben konnte. Und dennoch hat es mir eine große Freude bereitet, dem Ganzen weiter zu folgen, weil sich die Verantwortlichen offensichtlich kein bisschen darum geschert haben, ob das alles nun Sinn ergibt oder nicht. Hauptsache, wir unterhalten unsere Zuschauer! Schnell weiter zur nächsten Szene! Beeilung, die Welt muss gerettet werden!

Ein Beispiel: der überkomplizierte, elaborierte Plan des Terroristenanführers Suleiman (Ali Suliman), der erst in den finalen Zügen der Staffel ersichtlich wird. Zunächst wurden ein paar als Geiseln genommene Ärzte ohne Grenzen mit Ebola infiziert, deren Chefdoktor zufällig der beste Kumpel des Präsidenten der USA ist. Nachdem die Ärzte von einer Spezialeinheit befreit wurden, kommt der Präsident in direkten Kontakt mit seinem alten Freund, dem an Ebola erkrankten Doktor. Wie pfiffig von Suleiman! Das Ende des US-Präsidenten? Natürlich nicht. Nachdem Jack Ryan diesen teuflischen Plan entlarvt hat, folgt der nächste Schnörkel: Der US-Präsident, mittlerweile unter Quarantäne in einem Krankenhaus, befindet sich nun auf dem perfekten Präsentierteller, um einen Anschlag mit radioaktivem Todespulver auf ihn ausüben zu können. Die Terroristen schummeln sich nach einem Bombenattentat in das Gebäude und installieren dort eine Apparatur, mit der das Todespulver durch die Lüftungsschächte gepustet werden soll. Jetzt aber: das Ende des US-Präsidenten?
Das klappt natürlich alles nicht, weil Jack Ryan letzten Endes den Tag rettet. Auf seine ganz eigene Art und Weise ist diese quatschige Verkettung von komischen Ereignissen aber sehr unterhaltsam. Und irgendwie sogar ganz packend. Kurz möchte man die Zeit und Energie aufwenden, die Sinnhaftigkeit dieses Plans zu hinterfragen. Aber warum denn eigentlich? Tom Clancy's Jack Ryan findet einen Weg, gleichzeitig bierernst und lockerleicht zu sein. Diese tonale Achterbahnfahrt kann gelegentlich etwas kontraproduktiv sein, weil man sich selbst untergräbt (so ist für mich zum Beispiel nur schwer zu glauben, dass der von Wendell Pierce gespielte Jim Greer sich wesentlich besser im Feuergefecht schlägt als diverse exzellent ausgebildete Marines, jahrelange Erfahrung hin oder her), aber als Zuschauer kommt man gar nicht richtig dazu, diese Mängel bis ins kleinste Detail zu analysieren, weil schon die nächste Herausforderung auf unsere Helden wartet und keine Zeit verschwendet werden darf, den Drölf-Phasen-Plan der bösen Islamisten zu vereiteln.
Die Serie fühlt sich in ihrer ganzen Ausrichtung so genügsam und mittelmäßig an, dass es fast schon eine Tugend ist. Die entscheidenden Prozente, warum man letzten Endes doch dranbleibt, werden nicht durch die tausendfach durchgekauten Themen, die stereotypischen Charaktere oder die bekannten Genretropen rausgeholt. Es ist die Leichtigkeit, ja fast schon Unbekümmertheit, angesichts doch sehr ernster, brutaler Bilder (ein schreckliches Giftgasmassaker in einer Pariser Kirche zum Beispiel), mit der es flott und geradlinig zum nächsten Plotpunkt geht. Es ist das Vertrauen in die mal sehr bodenständige, mal sehr übertriebene Machart, die eine gewisse Abwechslung mit sich bringt. Und es ist das generell gute, sympathische Zusammenspiel der Darstellerriege, aus der jetzt niemand wirklich herausragt, aber jeder seinen Beitrag zu einem mehr als soliden Gesamtpaket leistet.
Und so hat mich Tom Clancy's Jack Ryan letztlich doch gepackt. Durch eine Einfachheit, über die sich die Serienschöpfer eventuell nicht einmal selbst im Klaren sind. Möglicherweise haben Carlton Cuse, Graham Roland und ihr Team mit ihrer Serie auf etwas Großes abgezielt, das uns zum Nachdenken anregen soll. Ganz ehrlich: Das tut es bei mir nicht wirklich. Aber das ist gar nicht schlimm. Denn Superagent Jack Ryan findet andere, weitaus simplere Möglichkeiten, mich bei der Stange zu halten. Ob es beabsichtigt ist oder nicht, kann mir am Ende ja eigentlich egal sein, oder? Solange es mir Spaß macht. Und das tut es. Irgendwie.
Die erste Staffel von „Tom Clancy's Jack Ryan" ist aktuell bei Amazon Prime Video zu sehen. Eine zweite Staffel wurde bereits bestellt und soll 2019 ihre Premiere feiern.
Englischsprachiger Trailer zur Serie „Tom Clancy's Jack Ryan":
Verfasser: Felix Böhme am Sonntag, 16. September 2018(Tom Clancy's Jack Ryan 1x08)
Schauspieler in der Episode Tom Clancy's Jack Ryan 1x08
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