Reacher 1x01

© oster zur Serie Reacher (c) Amazon Prime Video
Roman-Autor Lee Child soll mit Tom Cruise als „Jack Reacher“ nie so richtig zufrieden gewesen sein. Cruise brachte zwar die Starpower mit, doch die beiden Verfilmungen hatten nur überschaubaren Erfolg an den Kinokassen. Nun probiert man es lieber als Serie noch einmal und hat mit Alan Ritchson (Titans) einen körperlich imposanteren (und vor allem größeren) Darsteller für die Titelrolle gefunden. Zudem nimmt man sich den ersten Jack-Reacher-Roman „Killing Floor“ („Größenwahn“) aus dem Jahr 1997 und macht daraus acht Episoden. Persönlich habe ich die Romane nie gelesen und kenne nur die Cruise-Filme. Doch im Ersteindruck scheint die Produktion von Amazon Prime Video sich deutlich näher an die Roman-Vorlage zu halten, als die Filme es getan haben. Das folgende Review dreht sich um die Pilotfolge Willkommen in Margrave.
Worum geht es in Reacher?
Reacher (Ritchson) wird den Zuschauern als wortkarger Riese vorgestellt, der im Bus unterwegs ist und zufällig nach Margrave kommt, als ein Mord das 1700-Seelen-Örtchen erschüttert. Eigentlich will er nur friedlich seinen Kuchen essen, ehe die Polizei das Diner, das er sich ausgesucht hat, umstellt. Augenzeugen wollen ihn am Tatort gesehen haben. Doch beim ersten Verhör sagt er nichts. Erst, als Chief Detective Oscar Finlay (Malcolm Goodwin) sich einschaltet, wird er ein wenig gesprächiger. Reacher meint, er ist zur besagten Zeit zu Fuß ins Stadtinnere gelaufen und kann Finlay direkt hilfreiche Analysen zum Fall geben. Trotzdem kommt er erst einmal in eine Zelle.
Wenig später gesteht ein gewisser Hubble (Marc Bendavid), ein örtlicher Bänker, den Mord im Verhör von Roscoe (Willa Fitzgerald) und Finlay. Ganz offensichtlich nimmt er die Schuld aber nur für die wahren Täter auf sich. Gemeinsam wandern Hubble und Reacher in den Knast, in welchem sie durch ein „Versehen“ mit den Schwerverbrechern, die lebenslange Haftstrafen absitzen, vermischt werden. Reacher weiß sich jedoch zu wehren, schützt Hubble und erhält von ihm einige Infos zu seinen Aktionen.
Als Reachers Alibi geklärt wird, kommt er wieder auf freien Fuß, schaut sich in der Stadt um und wird erneut bedroht. Wenig später gibt es einen zweiten Mordfall. Dabei handelt es sich um Reachers Bruder Joe, den dieser offenbar jahrelang nicht mehr gesehen hatte und nicht einmal wusste, dass er sich in der Gegend aufhielt. Reacher schwört, die Verantwortlichen zu finden und zu töten.
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In an investigation the details matter

Reacher ist eine Art Figur, die heutzutage wahrscheinlich selten geworden ist. Er ist ein Mann weniger Worte, der lieber Taten sprechen lässt. Er gibt Angreifern klare Ansagen und Countdowns, die aber immer vor Ablauf gebrochen werden, um das Überraschungsmoment zu nutzen und ein Typ, der kaum Spuren hinterlässt. Vom Internet hält er nicht viel, vom festen Wohnsitz ebenso wenig und eigentlich möchte er unbehelligt bleiben, zieht offenbar aber Ärger und Trubel immer wieder an.
Zudem bringt er durch seine jahrelange Militärerfahrung, die er aber nicht an die große Glocke hängt, viel analytisches Wissen mit, was man auf den ersten Blick nicht von ihn erwarten würde.
Wie eine Art Joe Friday aus „Dragnet“ oder Sherlock Holmes (in der Interpretation von Benedict Cumberbatch) kann er mit wenigen Blicken viel über eine Person schlussfolgern. Daran muss man sich in einer Serie aus dem Jahr 2022 vielleicht gewöhnen, weil das ein relativ altmodisches Stilmittel der Exposition ist, welches man in Romanen durchaus so vorfindet und akzeptiert, in Serien aber vielleicht darüber stolpert. Insgesamt könnte man die Machart der Produktion durchaus oldschool nennen, denn wie in den 80ern oder 90ern und vorherigen Jahrzehnten ist Reacher sehr analog, kantig und geradlinig. Für Amerika sicherlich völlig untypisch verzichtet er auf einen fahrbaren Untersatz (es sei denn, jemand fährt ihn) und läuft durch die Gegend. Ihm reichen simple Shirts und Jeans und monetärer Besitz ist ihm auch nicht wichtig.
Er ist allerdings auch kein Mann ohne Leichen im Keller, glaubt aber fest daran, dass die meisten seiner Opfer ihr Schicksal verdient haben. Kurze Flashbacks in die Vergangenheit zeigen, dass Reacher schon als Kind keiner Konfrontation aus dem Weg ging, wenn Bullys sich ihm in den Weg stellten.
Das passt insgesamt ganz gut zum Serienangebot von Amazon Prime Video, bei welchem Serien wie Bosch oder Goliath ebenfalls viele Staffeln erfolgreich überdauern konnten. Reacher als manly man passt zum Dad-TV-Image, das früher Serien wie Walker, Texas Ranger und „Renegade“ (sowie natürlich zahlreiche weitere) geprägt haben. Das raue, kompromisslose, männliche Yellowstone dürfte aus ähnlichen Gründen ein Quoten-Hit sein, der im Kabelfernsehen gerade seinesgleichen sucht.
Darum glaube ich, dass Reacher einen Nerv treffen könnte - bei allen Leuten, die es gerne rauer haben wollen und Helden mögen, die erst prügeln und dann bei Bedarf Fragen stellen. Besonders dynamisch oder innovativ ist das, was die ersten 50 Minuten präsentieren, selten. Die Kampfszenen sind dafür jedoch brachial und wuchtig. Freigegeben sind die meisten Episoden ab 16, die zweite sogar erst ab 18. Es gibt also sicherlich oftmals Backenfutter für Reachers Feinde.
Ritchson ist sicherlich ein richtiger Ansatz für die Rolle und durchaus imposant anzusehen, aber dennoch mit einer Seite, der man abnimmt, dass wir es mit einem im Kern guten Typen zu tun haben. Auch Goodwin, bekannt aus iZombie, und Fitzgerald gefallen mir als Supporting Player der örtlichen Polizei. Ein bisschen Geflirte mit Fitzgeralds Figur Roscoe ist okay. Man muss abwarten, ob Reacher dann von Fall zu Fall respektive von Ort zu Ort eine neue Flamme erhält oder ob das doch platonisch bleibt.
Fazit
Ich breche beim Schreiben über Reacher sicherlich nicht in Begeisterungsstürme aus. Es ist ehrlich gesagt auch keine Serie, die ich präferiert verfolgen würde. Trotzdem hat sie etwas und ich bin nach dem Anschauen neugierig geworden, in welche Richtung sich die Erzählung entwickelt. Zur Buchtreue kann ich, wie bereits beschrieben, wenig sagen, das kann aber gerne bei der Diskussion in den Kommentaren nachgeholt werden.
Reacher liefert einen bodenständigen, soliden Start hin, der Krimi- und Actionelemente vereint und einen überaus männlichen Protagonisten ins Zentrum rückt, was einer bestimmten Zielgruppe sicherlich sehr zusagen wird.
Hier abschließend noch der englische Trailer zur Serie „Reacher“:
Verfasser: Adam Arndt am Freitag, 4. Februar 2022Reacher 1x01 Trailer
(Reacher 1x01)
Schauspieler in der Episode Reacher 1x01
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?