
Vielleicht haben sich die Autoren der neuen CBS-Dramaserie Intelligence gedacht, die Grundkonstellation reicht bereits aus. Man übertrage einem beliebten Seriendarsteller die Hauptrolle, verleihe seiner Figur ähnlich rauen Charme wie in seiner bekanntesten Rolle als Trickbetrüger Sawyer in Lost und statte die Geschichte mit einem minimal bemerkenswerten Twist aus. Damit dürften sie insgesamt gar nicht so falsch gelegen haben, denn nach allem, was wir über das Verhalten des durchschnittlichen TV-Zuschauers wissen, könnte diese neue Produktion durchaus zu einem Erfolg werden.
This is more than personal
Josh Holloway legt seinen Charakter Gabriel Vaughn als Lightversion von Sawyer an. Er verzichtet auf das omnipräsente Spitznamenverteilen, verfügt jedoch über eine ähnliche Ausstrahlung. Fehlt nur noch, dass er sich nun noch öfter als in der Auftaktepisode (darin: keinmal) das T-Shirt auszieht, um seinen makellos trainierten Oberkörper zu enthüllen. Vaughn ist ein Elitesoldat, der sich nach diversen Kriegseinsätzen einer Operation unterzogen hatte. Bei dieser wurde ihm ein Mikrochip ins Gehirn eingepflanzt, um fortan das gesamte Internet (oder besser: den information grid) in Millisekundenschnelle abrufen zu können.

Weil diese neue Form eines kybernetisch aufgewerteten Menschen die gefährlichste Waffe der Welt ist, nach der sich die meisten Regierungen sehnen, braucht der Nationalheld und gleichzeitig rücksichtslose Einzelgänger eine Beschützerin zur Seite gestellt - und wohl auch aus dem dramaturgisch wichtigen Grund, irgendwann einmal eine Will-They-Won't-They-Situation heraufbeschwören zu können. Die typische Rolle des zunächst ablehnenden, dann jedoch offensiv einsatzfreudigen Sidekicks übernimmt Meghan Ory als Riley Neal.
Sie wird als aktive Secret-Service-Agentin mit Vorstrafen in die Geschichte eingeführt. Selbst ihr Chef, der US-Präsident, glaubt, dass der Schutz des Cyborgs größere Priorität hat als sein eigener. Damit wir Zuschauer das alles auch ja mitbekommen, während wir gerade mit unserer second screen-Berieselung beschäftigt sind, darf Vaughns Vorgesetzte und Chefin des Projekts „Clockwork“, Lillian Strand (Marg Helgenberger), mehrmals wiederholen, von welch großer Signifikanz all diese Umstände sind. Dabei fallen solche Sätze wie: „,Clockwork' is this generation's Manhattan Project.“ Und, um die Charakterisierung Vaughns zu beschleunigen: „He's a hero. He's also reckless, unpredictable and insubordinate.“
In Intelligence werden alle Umstände so oft erklärt, dass diese für Networkserien so prägnanten Drehbuchkniffe zum Ärgernis werden. Einerseits zeigen sie auf, dass die Autoren ihre Zuschauer für wahrlich ignorantes Konsumvieh halten, das zwischen Werbepausen beschäftigt werden muss. Andererseits spricht es nicht gerade für die Fähigkeiten der Kreativkräfte, wenn sie es nicht einmal schaffen, die 40-minütige Pilotepisode mit ausreichend interessanten Dialogen auszustatten, so dass eben nicht alles ständig wiederholt werden muss.
You can trade in secrets, you can trade in lies, you can trade in favors.
Der Plot der Auftaktepisode ist daher auch so austauschbar wie vergessenswert. Der chinesische Geheimdienst (natürlich müssen es die Chinesen sein!) entführt den führenden „Clockwork“-Wissenschaftler Dr. Shenandoh Cassidy (John Billingsley), um einen eigenen Cyborg bauen zu können. Zunächst steht dessen Sohn Nelson Cassidy (P. J. Byrne) im Fokus der Ermittlungen. Dann jedoch gelingt es Gabriel dank seiner Fähigkeit zum „Cyber-Rendering“ („I can create a virtual snapshot of an event in my mind and then walk through it. It's more than that. It's like a virtual evidence wall.“ Ach so! Na dann...), den wahren Verräter auszumachen. Es ist der klischeemäßig nerdige „Clockwork“-Programmierer Amos Pembroke (Elden Henson), der aus nicht weiter spezifizierten Beweggründen zu den Chinesen übergelaufen ist.

Als omnipotenter Einzelgänger stürzt sich Vaughn also nur mit Riley als Unterstützung in das Versteck der Chinesen, um seinem Mentor und Ziehvater Cassidy zur Hilfe zu eilen. Dort erhofft er sich nämlich - warum auch immer - neue Informationen zum Verbleib seiner Ehefrau Emilia. Die soll bei einem Terroranschlag in Mumbai ums Leben gekommen sein - zumindest beharrt Lillian Strand auf dieser Version der Geschichte. Mehr noch: Als eingeschleuste Agentin sei sie zu der Terrororganisation übergelaufen, deren Aktivitäten sie hätte ausspähen sollen. In der offiziellen Version der amerikanischen Geheimdienste wird sie demnach als Vaterlandsverräterin eingestuft.
Gabriel glaubt von dieser Version natürlich kein einziges Wort und versucht deshalb, bei sämtlichen Einsätzen auch Informationen über seine Ehefrau herauszufinden. Dabei bringt er sowohl Kollegen als auch die eigentlichen Missionen in Gefahr. Aber das ist egal, denn er ist ja die gefährlichste Waffe der Welt. Am Ende bekommt er schließlich Gewissheit darüber, dass Emilia noch lebt. Wir Zuschauer bekommen indes die Gewissheit, dass die Chinesen mit ihrem Experiment erfolgreich waren: Ihr Supercyborg Mei Chen (Faye Kingslee) lebt!
Es gibt ein grundlegendes Problem in der Auftaktepisode - oder besser: in der Grundkonzeption - von Intelligence. Die außergewöhnliche Fähigkeit der Hauptfigur Gabriel Vaughn ist nicht halb so eindrucksvoll, wie es sich die Autoren um Serienschöpfer Michael Seitzman wohl erhofft haben. Er kann Informationen in Sekundenschnelle aus dem Internet abrufen und verarbeiten. Ein gewiefter Geheimdienstanalyst könnte Ähnliches wohl in minimal längerer Zeit mit einem Computer oder gar Smartphone. Die furchteinflößenden Fähigkeiten der „Google Glasses“ sind dabei noch gar nicht berücksichtigt.
Technology is not revolutionary. It's evolutionary.
Hinzu kommt, dass wirklich nichts im Verborgenen bleibt oder gar dem Zuschauer zur eigenen Verarbeitung überlassen wird. Marg Helgenberger wird in ihrer Rolle als Cyber-Command-Chefin zur reinen Stichwortgeberin degradiert. Ihre Dialogzeilen sind beinahe unerträglich on the nose. Ähnlich blass bleibt Meghan Ory als Riley Neal, wobei daran auch die Charakterkonzeption schuld ist. Einzig Holloway überzeugt mit einer etwas abgespeckten Version seines Lost-Charakters. Sawyer-Fans dürften also durchaus auf ihre Kosten kommen.

Positiv kann die technische Umsetzung hervorgehoben werden. Zu Beginn hat die Auftaktepisode einen beinahe cineastischen Look, der später leider in diversen Kulissen zugrunde geht. Auch die Actionszenen am Anfang können überzeugen - im Gegensatz zu denen am Ende im Versteck der Chinesen. Natürlich muss es auch eine Szene geben, die in einer schwach beleuchteten, mit lauter Electromusik beschallten Lokalität spielt. Mehr als ein müdes Schulterzucken kann jedoch auch diese Szene nicht hervorrufen.
Trotz all dieser Kritik würde mich nicht überraschen, wenn Intelligence bei richtiger Programmierung zu einem Zuschauererfolg wird. Im Procedural-lastigen Programm von CBS kann die Serie fast schon als „innovativ“ bezeichnet werden - sie ist sicherlich das bessere Hostages. Außerhalb dieses Biotops sorgt das Drama jedoch nur für routiniertes Weiterschalten.