Insatiable 1x01

© ast der Serie „Insatiable“ (c) Annette Brown/Netflix
Was ist wichtiger: die Intention oder das, was Leute sich ungebeten aus einer Story ziehen? Darf man das zeigen, was man kritisieren will und wer entscheidet, ob es Satire ist? Die Fragen, immer wieder aufs Neue diskutiert von unzähligen Feuilletonisten und Kritikern, entbrennen auch an der neuen Netflix-Serie Insatiable. Die Diskussionen um „Fat Shaming“ sind bereits nach der Veröffentlichung des Trailers entbrannt, doch nach der Pilotepisode der Satire hat dieser Vorwurf einen schweren Stand.
Worum geht es?
Patty (Debby Ryan, Jessie) hat es nicht leicht. In der Schule wird sie gehänselt, weil sie dem Schönheitsstandard nicht entspräche. Ihre Mutter ist eine Möchtegernschönheit, die zu früh schwanger wurde. Immerhin hat sie ihre beste Freundin an ihrer Seite, Nonnie (Kimmy Shields, Big Little Lies), die in jeder Situation für sie da ist. Und dann ist da dieser kurze Moment, in dem sie denkt, dass sie eine Chance bei ihrem Schwarm, dem beliebten Brick (Michael Provost) haben könnte, als er im Sportunterricht zusammenbricht. Doch, als ihr auch dieser Traum unter den Füßen weggezogen wird, verliert Patty jede Zuversicht auf ein zufriedenes Leben ohne Selbsthass. Zerstört sitzt sie vor dem Supermarkt und frisst ihren Frust in sich rein, als ein augenscheinlich obdachloser Mann sie anspricht, als „fett“ beleidigt und ihr ihre Schokolade wegnehmen will. Sie schlägt ihm ins Gesicht, er schlägt zurück.
Wechseln wir zur zweiten Hauptfigur der Story, dem glücklosen Anwalt Bob (Dallas Roberts; The L Word, The Walking Dead), dessen große Leidenschaft es ist, junge Mädchen für Miss-Wahlen zu coachen. Genau dort jedoch ereilt ihn ein großes Unrecht, denn er wird nach einer Niederlage von der Mutter seines Schützlings als Pädophiler bezeichnet und verliert so seinen Ruf. Daraus resultiert, dass niemand aus der High Society zu der Gala kommen will, die er und seine Frau Coralee (Alyssa Milano) geben. Doch letztere hat eine Lösung und besticht die beliebte Etta Mae (Carly Hughes, American Housewife), die Gästeliste wieder aufzustocken. Denn Coralee und Bob leben ihr bestes Leben als wohlhabende Mitglieder ihrer Südstaatengemeinde.
Zuvor muss sich Bob jedoch noch von seinem Vater, dem Beisitzer der Anwaltskanzlei demütigen lassen und wird ungefragt auf einen Pro-Bono-Fall angesetzt. An dieser Stelle laufen die beiden Geschichten zusammen, denn Bob soll Patty verteidigen, die von dem vermeintlich Obdachlosen verklagt wird, dessen Nase sie gebrochen haben soll.
Als wir Patty auf den Stufen des Gerichtsgebäudes wieder begegnen und Bob sie zum ersten Mal sieht, hat sie nur noch wenig mit dem Teenager der ersten Minuten zu tun. Denn durch die Auseinandersetzung wurde ihr Kiefer gebrochen, wodurch sie auf Flüssignahrung umsteigen musste und sich schlank gehungert hat.
Bob riecht seine Chance, mit Patty als Teilnehmerin der Miss-Wahlen ein Comeback als Coach zu feiern. Doch zunächst berät er sie, wie sie sich am vorteilhaftesten für den Prozess präsentieren könnte, den sie dann auch gewinnt. Unterdessen hat der Teenager außerdem einen crush in Richtung ihres Anwalt entwickelt und will daher unbedingt mit ihm an den Miss-Wahlen arbeiten.
Wie kommt es rüber?
Die Aufregung über das vorgeworfene „Fat Shaming“ ist nicht komplett unberechtigt, auch wenn die Serienmacherin zu bedenken gibt, dass Patty ziemlich schnell feststellen muss, dass Schlankheit und Beliebtheit nicht mit Glücklichsein gleichzusetzen sind. Doch es bleibt natürlich dabei, dass hier ein Teenager erst abnehmen und in den Olymp der Attraktivität aufsteigen muss, um das Leben so weit zu reflektieren, dass er seinen eigenen Weg finden kann.
Doch den Vorwurf des Fat Shaming nehmen die Macher hin, um ihre Satire zu erzählen und landen damit am Ende der Pilotepisode im Großen und Ganzen auf der richtigen Seite. Statt etwas gutzuheißen, was verwerflich ist, schaffen die Autoren es, die Albernheiten für sich zu nutzen. Sie gehen in unangenehme Situationen, aber übertreten eine gewisse Linie nicht, sondern rudern kurz vorher zurück.
Daneben ist Insatiable auch die Geschichte von Außenseitern, die unverstanden bleiben, aber trotzdem nicht aufgeben. Bob mit seiner ungewöhnlichen Vorliebe für Miss-Wahlen ist sich der Gefahr, als Pädophiler wahrgenommen zu werden, durchaus bewusst. Doch man nimmt ihm aufrichtig ab, keinerlei Hintergedanken zu haben, was die Allgemeinheit jedoch nur akzeptieren kann, wenn es ihr in den Kram passt.
Es ist auch eine Seifenoper, in der jeder heimlich in jeden verknallt ist und ein Geheimnis hat. Dabei nimmt die Serie sich passenderweise selbst nicht zu wichtig, sondern konzentriert sich auf die darunter liegende Botschaft, die sie für uns hat. Und die vermutlich eher langweilig als ein Schocker sein dürfte. Denn das größte Problem der Satire sind nicht das Fat Shaming oder die Lust am Grenzgehen, sondern die große Leere zwischen den Aufregern. Die knappe Dreiviertelstunde der Pilotepisode lebt vor allem davon, wenn ein starker Darsteller es schafft, das Beste aus dem Drehbuch zu ziehen. Manchmal ist das Alyssa Milano, manchmal schafft es Dallas Roberts, mit einem Blick einen amüsanten Moment zu kreieren.
Fazit
Doch hinter dem Anspruch, schwierige Themen über Satire ins Gespräch zu bringen geht den „Insatiable“-Machern der Blick darauf verloren, dass man es auch flächendeckend unterhaltsam verpacken sollte, damit die Zuschauer dranbleiben. Netflix traut sich damit wieder an einen unkonventionelleren Stoff, frei nach dem bewährten Prinzip des Streamingdienstes: abwarten, was kleben bleibt.
Verfasser: am Freitag, 10. August 2018Insatiable 1x01 Trailer
(Insatiable 1x01)
Schauspieler in der Episode Insatiable 1x01
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