Die lang erwartete Pilotepisode der britisch-amerikanischen Koproduktion von BBC One und Cinemax, Hunted, feierte gerade ihre Premiere. Leider hinkt ein Großteil der Episode der brillant inszenierten Auftakt-Viertelstunde hinterher.

Melissa George als Sam Hunter in „Hunted“ / (c) BBC One
Melissa George als Sam Hunter in „Hunted“ / (c) BBC One

Im Vorfeld wurde viel über die Serie Hunted, die von BBC One und Cinemax koproduziert wird und aus der Feder von The X-Files-Showrunner Frank Spotnitz ist, berichtet. Am letzten Donnerstag lief sie zum ersten Mal über den Bildschirm. Doch: Ist die Serie mehr als ein Abziehbild der Filmreferenzen?

Bereits im Vorspann bietet sich die erste filmhistorische Referenz, denn dieser erinnert stark an James Bond, den Agenten ihrer Majestät. Dabei bleibt es jedoch nicht: Sam Hunter (Melissa George) wird in ihrer Rolle als Überagentin einer privaten Londoner Sicherheitsfirma als eine Mischung aus Jack Bauer (24) und Sidney Bristow (Alias) inszeniert. Hinzu kommen als zusätzliches Stilmittel zahlreiche Ortswechsel, wie man sie aus der „Bourne“-Trilogie kennt. Offensichtlich dachten sich die Macher, es reiche aus, einfach die besten Zutaten aus allen popkulturell bedeutsamen Agententhrillern zusammenzumischen und fertig sei die perfekte postmoderne Antiheldin.

Eine Zeit lang funktioniert dieses Rezept auch wunderbar. Der Auftakt spielt in Tanger, Marokko: Nach einer heißen Liebesnacht mit ihrem Zielobjekt steht Sam Hunter im Mittelpunkt einer vorgetäuschten Exekution, wunderbar choreographierten Kampfszenen und einer Gefangenenbefreiung mit anschließender Verfolgungsjagd durch die engen Altstadtgassen der nordafrikanischen Großstadt. In diesen Szenen wird das Potential einer mit großem Aufwand produzierten Agentenserie voll ausgeschöpft.

Sam Hunter: Allein gegen den Rest der Welt?

Sam kann mithilfe ihres love interest und Kollegen Aidan Marsh (Adam Rayner, HawthoRNe) den Angreifern entkommen. Kurze Zeit später wird in einem Café jedoch ein weiterer Mordanschlag auf sie ausgeübt. Langsam blendet das Bild der angeschossenen und blutenden Sam aus. Die Handlung setzt ein Jahr später wieder ein. Sam hat den Anschlag überlebt und macht sich in einer etwas zu lange geratenen Montage in den schottischen Highlands wieder fit für ihre Rückkehr ins Agentenleben. Dabei verfolgt sie genau ein Ziel: herauszufinden, wer sie verraten und an ihre vermeintlichen Mörder ausgeliefert hat.

Bis zu diesem Zeitpunkt gibt es kaum Dialoge. Sam Hunter lässt vielmehr die Fäuste beziehungsweise die Waffen sprechen. Dies ändert sich nach ihrer Rückkehr nach London in die Zentrale ihres Arbeitsgebers. Ab diesem Zeitpunkt nimmt das Niveau der Episode leider auch Stück für Stück ab. Die Macher scheinen ihre volle Konzentration auf den Look der Serie gelegt und darüber vergessen zu haben, an der Qualität der Dialoge zu feilen. Einige sind wohl lediglich dazu geschrieben worden, das Verhältnis der verschiedenen Charaktere zueinander zu erklären. Deren Vorgeschichte hätte man jedoch auch weitaus eleganter darstellen können, anhand von Blicken, Emotionen, Gesten. Hier trauen die Drehbuchautoren ihren Zuschauern wohl zu wenig zu. Ob dies ein Ergebnis der transatlantischen Koproduktion ist, sei dahingestellt.

Von ihrem Chef Rupert Keel (Stephen Dillane; Game of Thrones, „Spy Game“) bekommt Sam also ihren alten Job zurück. Sie führt ein kurzes Gespräch mit ihrem Exfreund Aidan, in dem er beteuert, nichts mit dem Mordanschlag auf sie zu tun gehabt zu haben. Außerdem erfährt der Zuschauer, dass Sam zum Zeitpunkt des Anschlags schwanger war und Aidan deshalb seinen Job bei der Sicherheitsfirma aufgeben wollte. In mehreren Rückblenden, die Sam als nächtliche Flashbacks erlebt, wird ihre Vorgeschichte weiter ausgeleuchtet: Als junges Mädchen musste sie den Mord an ihrer Mutter mit ansehen und danach ihre eigene Entführung durch deren Mörder über sich ergehen lassen.

Zurück in der Firma präsentiert Keel dem Agententeam die ersten Zielobjekte der neuen Operation: Jack Turner (Patrick Malahide, Game of Thrones), Multimillionär und zwielichtiger Geschäftsmann und dessen Sohn Stephen (Stephen Campbell Moore, „The Bank Job“). Der alte Turner plant, sein gesamtes Vermögen in ein Staudammprojekt in Pakistan zu stecken und steht unter Verdacht, unliebsame Gegner dieses politisch hochbrisanten Projekts einfach ausschalten zu lassen.

Sam gelingt es, sich nach einem vorgetäuschten Entführungsversuch von Steven Turners Sohn Edward (Oscar Kennedy) als angebliche Retterin des Jungen mit neuer Identität als „Alex Kent“ aus den USA in die Familie einzuschleusen. Hier haben die Macher ein nettes Gimmick eingebaut: Fortan wechselt Sam zwischen englischem und amerikanischem Akzent, was nicht nur ihr, sondern auch dem interessierten Zuschauer eine Extraportion Konzentration abverlangt.

Beim Kaffee mit Steven Turner schafft es Sam, weiteres Vertrauen zu gewinnen, indem sie vorgibt, eine ähnliche Lebensgeschichte wie er zu haben. War die Anbahnung des Vertrauensverhältnisses bisher noch halbwegs nachvollziehbar, so ärgert man sich nun doch ein wenig über den stark konstruierten weiteren Handlungsverlauf: Noch beim Kaffee bittet er - selbstverständlich gegen den Willen seines Übervaters - Sam alias Alex darum, bei ihm einzuziehen und seinen Sohn zu unterrichten.

Ein namenloser Gegenspieler

Unterdessen springt die Handlung nach Istanbul und Amsterdam. Dort lernt der Zuschauer die Identität, nicht jedoch den Namen des Mannes (Scott Handy; „A Knight's Tale“, „Match Point“) kennen, der hinter dem Anschlag auf Sam steckt. Im Hause Turner macht sich Sam sogleich an die Arbeit und installiert Kameras und Mikrofone. Zum Ende der Episode gibt sich der immer noch namenlose Bösewicht bei den Turners als der von ihnen erwartete Wasserbauingenieur Dr. Horst Goebel aus Amsterdam aus. Als er Sam alias Alex Kent vorgestellt wird, bleibt der Zuschauer im Unklaren darüber, ob er überhaupt weiß, wem er da gegenübersteht.

Fazit

Hunted startet ambitioniert. Die größten Stärken zeigen sich in den Actionszenen, den Landschaftsaufnahmen und der zweifellos technisch perfekt inszenierten Bildsprache aus der Kamera von Paul Kirsop. Die Produzenten müssen jedoch aufpassen, dass bei all den schönen Bildern und technischen Finessen nicht vergessen, eine gute Geschichte zu erzählen. Ohne spannende Story degenerieren nämlich selbst die anspruchsvollsten Aufnahmen zu reinem Selbstzweck.

Zwar verfügt Sam Hunter wie fast alle modernen Antihelden über eine tiefschwarze Vergangenheit, jedoch wirken die restlichen Darsteller wie Schablonen aus zigmal gesehenen Agentenfilmen und -serien. Die zarte Melissa George täte mithin gut daran, ihrer Sam Hunter eine etwas menschlichere Fassade zu verleihen.

Die erste Viertelstunde macht jedoch Hoffnung auf mehr, denn dort wird das das ganze Potential der Serie entfaltet. In Zukunft sollte die Devise für die Serienmacher also lauten: weniger wacklige Handkamera, mehr ausgefeilte Dialoge.

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