House of Cards 6x08

House of Cards 6x08

Nach sechs Jahren ist das Kartenhaus von Netflix endlich eingestürzt. Wie schlägt sich die Serie House of Cards in ihrer letzten Staffel? Und kann Robin Wright die Geschichte des Politdramas auch alleine tragen? Unsere Kritik.

Szenenbild von „House of Cards“: Präsidentin Claire (Robin Wright) und ihr Vize Mark Usher (Campbell Scott)
Szenenbild von „House of Cards“: Präsidentin Claire (Robin Wright) und ihr Vize Mark Usher (Campbell Scott)
© zenenbild von „House of Cards“: Präsidentin Claire (Robin Wright) und ihr Vize Mark Usher (Campbell Scott)

Zu House of Cards mag jede/-r stehen, wie sie oder er will, aber eines muss der Netflix-Serie mit Kevin Spacey und Robin Wright neidlos zugestanden werden: Sie machte das Zeitalter des Streamings überhaupt erst möglich. Das Politdrama war 2013 die erste große Eigenproduktion der inzwischen weltweit agierenden VoD-Plattform. Nie zuvor entschieden sich solch namhafte Stars gegen das Kino und das Fernsehen und für das Internet. Und mit dem „Fight Club“-Regisseur David Fincher fand man sogar hinter den Kulissen einen Mann, der für Aufsehen sorgen konnte. Wie wir alle wissen, ging die Rechnung auf: Die Serie wurde zu einem echten Phänomen und legte damit den Grundstein für alles, was danach kommen sollte.

„House of Cards": Was passiert im Finale der Netflix-Serie?

Mehr als fünf Jahre ist der Serienstart nun her und über die Zeit verlor das Kartenhaus von Netflix sichtlich an Glanz - das werden selbst die größten Fans bestätigen. Durch den Missbrauchsskandal rund um Spacey drohte die Produktion im Herbst des letzten Jahres dann sogar gänzlich zu scheitern. Am Ende war es Wright, die beherzt dafür kämpfte, dass die sechste Staffel als standesgemäßer Schlussakt noch zustande kam - natürlich ohne ihren geschassten Kollegen. Der Schauspielerin ging es dabei nicht einmal um ihren persönlichen Ruhm, sondern um die fast 2500 Arbeitsplätze, die wegen Spacey auf der Kippe standen. Fragt sich nur, ob sich die acht Abschiedsepisoden auch inhaltlich gelohnt haben...

Jetzt ist sie am Zug

Im Finale der fünften Staffel von House of Cards gab Frank Underwood nach seinem unerbittlichen Kampf um die Macht den Präsidentenposten überraschend ab. Damit hätte er den Serienautoren Frank Pugliese und Melissa Gibson kaum einen besseren Ausgangspunkt für einen spontanen Rausschmiss bieten können. Vor dem Beginn der letzten Staffel schwor Netflix, dass Spacey in der Serie nie wieder zu sehen sein soll, was den Machern tatsächlich auch gelang. Dennoch ist der Geist von Frank selbstverständlich weiterhin allgegenwärtig und präsent - vielleicht sogar ein wenig zu präsent...

Claire hatte uns immerhin versprochen, dass sie nun an der Reihe sei und wir hatten gehofft, dass sie als neue Präsidentin für ein wenig frischen Wind im Weißen Haus sorgen könnte. Bald schon wird aber deutlich, dass sie ihrem verstorbenen Gatten ähnlicher ist, als es uns lieb wäre - und ihr wahrscheinlich auch. Im Prinzip kann man es schon beinahe das House of Cards-Prinzip taufen, so charakteristisch ist es für die Serie: Die Hauptfiguren haben keinerlei intrinsische Motivationen, keine Ideologie, keine Werte, kein Garnichts. Das ermöglicht es den Autoren zwar, sie glaubhaft drastische Schritte unternehmen zu lassen, aber andererseits kann man nicht mit ihnen mitfühlen, da sie eindimensionale Soziopathen sind.

Szenenbild von House of Cards: Die Geschwister Annette (Diane Lane) und Bill Shepherd (Greg Kinnear) und ihr Ziehsohn Duncan (Cody Fern) mischen das Weiße Haus auf.
Szenenbild von House of Cards: Die Geschwister Annette (Diane Lane) und Bill Shepherd (Greg Kinnear) und ihr Ziehsohn Duncan (Cody Fern) mischen das Weiße Haus auf. - © Netflix

Wer sich eine Besserung durch Claire erhofft, wird doppelt enttäuscht: Besonders in den letzten Episoden - etwa ab der fünften Folge nimmt die anfangs zähe Staffel endlich Fahrt auf - zeigt sie ihr wahres Gesicht und stellt sogar ihren liebevoll gehassten Francis in den Schatten. Zwar hat wenigstens sie es endlich mal mit halbwegs ernst zu nehmenden Gegnern zu tun, nämlich mit den Milliardärsgeschwistern Annette (Diane Lane) und Bill Shepherd (Greg Kinnear), aber auch die sind machtlos, als Claire zum Finale völlig über die Stränge schlägt. Binnen weniger Minuten lässt sie den noch immer fleißig ermittelnden Tom Hammerschmidt (Boris McGiver), die redselige Ex-Außenministerin Cathy Durant (Jayne Atkinson) und die unbequeme Lobbyistin Jane Davis (Patricia Clarkson) ermorden.

So etwas passiert eben, wenn man ein Raubtier in Bedrängnis bringt: Ja, die Welt war nicht gut zu Claire und umso böser ist sie eben zu der Welt. Statt der zumindest nach außen hin trauernden Witwe den Einstieg in das höchste Amt Amerikas zu erleichtern, wird sie zu Beginn der Staffel von allein Seiten angegangen. Und natürlich spielt auch ihr Geschlecht dabei eine entscheidende Rolle, denn eine weinende Präsidentin mit verschmierter Mascara passt einfach nicht zum traditionellen Bild von Stärke. Als dann auch noch klarwird, dass Claire schwanger ist - vielleicht von Francis, vielleicht aber auch von Tom Yates (Paul Sparks), den sie ja ebenfalls ermordete -, erfüllen sich sämtliche Albträume, die kleingeistige Misogynisten wegen einer weiblichen Führerin der freien Welt haben könnten...

Die Anti-Feministin

Als VerfechterIn der Frauenrechte muss Mensch allerdings kein allzu großes Mitleid mit Claire haben, denn sie ist die Letzte, die an die Emanzipation glaubt. Für sie ist der Geist des Feminismus höchstens eine nützliche Waffe im Kampf gegen ihre Gegner - und junge Frauen, die an höhere Werte glauben, somit willkommenes Kanonenfutter. Selbst, wenn sie ihrem politischen Kabinett auch das letzte Y-Chromosom entfernt, macht sie das noch nicht zur nächsten Gloria Steinem - zumal sie überhaupt kein Interesse an den Ansichten ihrer auserwählten Mitstreiterinnen zu haben scheint. Bezeichnend ist diesbezüglich vor allem die Szene, als ihr Gegner Bill Shepherd, der die beiden Underwoods mit seinem Kapital seit Jahren in der Tasche hat und nun auch von Claire Gehorsam fordert, ihre Hand führt, damit sie einen Gesetzentwurf für ihn unterschreibt. „Ich will mich niemals wieder so entmännlicht fühlen“, sagt Claire, die den Übergriff als Überlebende einer Vergewaltigung aber sicherlich auch drastischer wahrgenommen haben dürfte als ein schlichter Beobachter.

Im Gegensatz zu Francis wird sie jedenfalls nicht klein beigeben und somit bis zum Äußersten gehen, um ihren „männlichen“ Stolz zu verteidigen. Zum Äußersten bedeutet in diesem Fall übrigens wirklich genau das, nämlich notfalls gar die Zündung einer Atombombe, zu der sie als oberste Kriegsherrin immerhin berechtigt wäre. Und da wird House of Cards dann plötzlich doch wieder spannend. Konkret geplant ist ein Erstschlag gegen die arabische Terrororganisation ICO, den der russische Präsident Petrov (Lars Mikkelsen), aber auch die restliche Weltgemeinschaft aufs Schärfste verurteilen würde. Claire ist das egal, denn sie will damit eigentlich nur ihren Feinden im Inneren beweisen, wie stark sie ist.

Szenenbild von House of Cards: Claire (Robin Wright) setzt als erste Präsidentin der USA auf ein vollständig weibliches Kabinett.
Szenenbild von House of Cards: Claire (Robin Wright) setzt als erste Präsidentin der USA auf ein vollständig weibliches Kabinett. - © Netflix

Tschechows sprichwörtliche Atombombe wäre kurz vor dem großen Finale damit also etabliert. Fragt sich nur, ob House of Cards tatsächlich bereit ist, kurz vor dem Schluss endgültig und vor allem absichtlich zur Karikatur zu werden - theatralisch war das Politdrama ja immer schon, mit jeder Menge Anleihen von Shakespeare und Konsorten. Apropos, auch über die Vierte Wand und Claires Brüche ebenjener muss selbstverständlich gesprochen werden. Ihren ersten hatte sie schließlich erst am Ende der fünften Staffel - und der sorgte damals bereits für Gänsehaut.

Dass Robin Wright ihrem Kollegen Kevin Spacey schauspielerisch in Nichts nachsteht, war sowieso schon klar, weshalb es nur die wenigsten überraschen dürfte, dass sie mindestens genauso köstlich auf der machiavellistischen Szenerie herumkauen kann. Soll heißen: Auch sie kann äußerst unheimlich erscheinen und uns als Zuschauer selbst durch die Bildschirmscheibe hindurch das Fürchten lehren. Im Gegensatz zu Spacey bringt sie zudem eine Vampiraura mit, die stark an die Game of Thrones-Schurkin Cersei Lannister (Lena Headey) erinnert. Kann es wirklich Zufall sein, dass auch diese Regentin mit blonder Kurzhaarfrisur von manischer Geigenmusik begleitet wird und nötigenfalls alle ihre Feinde in die Luft sprengen würde? Übrigens sind beide mit ihrem extravaganten Modegeschmack ein Traum für jede Kostümbildnerin...

Abrechnung mit dem Alten

Wie gesagt: Frank Underwood mag in House of Cards nicht mehr zu sehen sein, aber sicherlich noch zu hören - wenn auch nicht direkt. Ad absurdum wird seine passive Dauerpräsenz geführt, als Franks ehemalige rechte Doug (Michael Kelly) ein altes Audiotagebuch des Präsidenten findet und Stück für Stück Passagen daraus an die Journalistin Janine Skorsky (Constance Zimmer) weitergibt, die sich an Claire für den Tod von Tom und auch von ihrer alten Kollegin Zoe (Kate Mara) rächen will. Selbst hören darf sie die Stimme Franks aber nicht - genauso wenig wie wir -, was dadurch begründet wird, dass die Aufnahmen für Doug eine zu persönliche Bedeutung haben.

Ja, Doug hat Frank wirklich geliebt, viel mehr sogar als Claire. Als die, um ihre eigene Macht zu sichern, ihren toten Gatten und den Vater ihrer ungeborenen Tochter öffentlich denunziert, um so dem Vorwurf des Nepotismus zuvorzukommen, sieht der gebrochene Handlanger das Vermächtnis seines Patriarchen in Gefahr und greift daher selbst zu den Waffen. Claire geht in ihren Distanzierungsversuchen sogar so weit, den Namen Underwood abzulegen und stattdessen wieder ihren Mädchennamen Hale zu tragen. Ein weiterer Schritt der Pseudo-Emanzipation, wobei auch hier nicht klar ist, ob die Autoren der Serie tatsächlich glauben, dass diese Tat heldenhaft und nicht einfach nur opportunistisch ist. Ganz besonders wenig subtil wird das Ganze jedenfalls, als Claire den berühmten Ring ihres toten Mannes an ihren Mittelfinger steckt - ausgegraben übrigens von den Shepherds als Zeichen der Warnung -, und ihn uns in einer eindeutigen Geste entgegenstreckt.

Szenenbild von House of Cards: Der große Showdown muss natürlich zwischen Claire (Robin Wright) und Doug (Michael Kelly) stattfinden.
Szenenbild von House of Cards: Der große Showdown muss natürlich zwischen Claire (Robin Wright) und Doug (Michael Kelly) stattfinden. - © Netflix

So viele Akteure kurz vor dem großen Finale auch noch auf dem Platz sind - man denke beispielsweise an die skrupellosen Shepherds, ihren „Sohn" Duncan (Cody Fern), den gefeuerten Vizepräsidenten Mark Usher (Campbell Scott), den vielleicht bald neuen Präsidenten Brett Cole (Boris Kodjoe), Skorsky, Petrov, die ehemaligen Underwood-Angestellten Seth (Derek Cecil) und Linda (Saskina Jaffrey) und noch viele, viele mehr -, der wahre Endkampf muss natürlich zwischen Claire und Doug stattfinden, den beiden wichtigsten Menschen im Leben von Francis beziehungsweise Frank.

Dennoch wirkt das große Serienfinale in Chapter 73 aufgrund der vielen offenen Handlungsstränge äußerst überstürzt. Zwar verabschieden sich große Fernsehdramen wie The Sopranos oder Mad Men häufig ambivalent, doch bei House of Cards war der Plot schon immer etwas wichtiger als der Stil, weshalb die offenen Fragen durchaus stören: Wird Claire die Atombombe zünden? Kann sie ihre Macht verteidigen? Und wird die amerikanische Bevölkerung jemals alle schmutzigen Geheimnisse der düsteren Underwood-Ära erfahren? Als einziger Anhaltspunkt kann hier das kurze Aufblitzen ihrer silbernen Statue als schwangere Präsidentin im Vorspann der letzten Folge genommen werden. Gut möglich, dass die Shepherds ihren ursprünglichen Plan, Claire doch noch gewaltlos aus dem Amt zu drängen und dafür als Heldin für Frauen zu verewigen, umsetzen konnten. Aber das ist reine Spekulation...

Sinnloser Schmerz

Damit nun zum echten Finale: Lange Zeit haben Claire und Doug versucht, zusammenzuhalten, da sie wussten, wie eng ihr jeweiliges Schicksal mit dem des anderen verknüpft ist. Um Franks Erbe zu retten, sieht Doug am Ende aber nur noch eine Chance: Er muss Claire umbringen - und das natürlich mit Symbolcharakter im Oval Office. Claire ist aber klug genug, um das alles bereits vorherzusehen. Sie kennt Dougs größte Schwäche, nämlich die eine grausame Wahrheit, die ihn so sehr quält: Er ist Schuld am Tod seines Mentors, den er mit einer gezielten Überdosis davon abhalten wollte, alles zu zerstören, was sich die beiden über so viele Jahre gemeinsam aufgebaut haben. Ein Fehler, wie sich später zeigte, denn Claire hatte keinerlei Scheu, auf das Grab eines Toten zu spucken. Und es verzehrt sie noch nach einem weiteren Opfer: Doug.

Mit einem goldenen Brieföffner sticht sie der tragischen Seele mitten ins Herz - Shakespeare wäre stolz. Und dann repliziert sie die allererste Szene der gesamten Seriengeschichte, als Francis einen angefahrenen Hund von seinem Leid erlöste. „Der Schmerz ist nun vorbei“, flüstert sie ihrem Opfer zu, denn auch Doug ist für sie nicht mehr als ein gequältes Tier und sie der großherzige Todesengel. Am Schluss blickt sie direkt in die Kamera und der Vorhang fällt - ein für alle Mal bei House of Cards. Sicherlich ein Ende, das zum Ton einer derart überdramatischen Serie passt. Trotzdem macht sich irgendwie Enttäuschung breit, denn, wenn schon Poesie, warum dann nicht gleich richtig? Eine völlige Auslöschung Washingtons mittels Nuklearwaffen aus dem eigenen Arsenal Amerikas bliebe zumindest eher in Erinnerung - und so wäre Claire immerhin auch alle ihre Feinde losgeworden, während sie im wohl sichersten Bunker der Welt vielleicht überlebt hätte. Aber egal.

So entschied man sich auf alle Fälle für das am wenigsten kontroverse Finale - vielleicht angemessen, aber auch eine verschenkte Chance, denn nach dem Ausscheiden von Spacey - den man keine einzige Sekunde lang vermissen musste - war dem Chaos ohnehin bereits Tür und Tor geöffnet. Man hat den Eindruck, dass sich House of Cards nach sechs Staffeln noch immer in der Rolle des großen Prestigedramas sah, obwohl dieser Ruf längst ruiniert war. Hätte die Netflix-Serie ihre eigene Schwächen früher erkannt und vielleicht sogar umarmt, hätte sie besonders in ihren späten Jahren viel mehr Spaß machen können. Doch nun sind die Würfel gefallen und das Kartenhaus ist endlich eingestürzt.

Verfasser: Bjarne Bock am Dienstag, 6. November 2018
Episode
Staffel 6, Episode 8
(House of Cards 6x08)
Deutscher Titel der Episode
Vermächtnis
Titel der Episode im Original
Chapter 73
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Freitag, 2. November 2018 (Netflix)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Freitag, 23. November 2018
Autoren
Frank Pugliese, Melissa James Gibson
Regisseur
Robin Wright

Schauspieler in der Episode House of Cards 6x08

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