House of Cards 5x13

House of Cards 5x13

Die Netflix-Serie House of Cards entwickelt sich in ihrer fünften Staffel von einem düsteren Politdrama in ein noch düstereres Politdrama. Können die neuen Showrunner davon abgesehen für neue Impulse sorgen oder bleibt am Ende alles beim Alten?

Claire (Robin Wright) blickt in die Zukunft und Frank (Kevin Spacey) hat diesmal das Nachsehen. / (c) Netflix
Claire (Robin Wright) blickt in die Zukunft und Frank (Kevin Spacey) hat diesmal das Nachsehen. / (c) Netflix
© laire (Robin Wright) blickt in die Zukunft und Frank (Kevin Spacey) hat diesmal das Nachsehen. / (c) Netflix

Trump! Wer die Hoffnung hegte, vor diesem Namen hier verschont zu bleiben, der muss gleich zu Beginn enttäuscht werden. Wie könnte man die fünfte Staffel von House of Cards auch besprechen, ohne den echten neuen Präsidenten Amerikas zu erwähnen? Mit ihm, diesem „orangenen Psychopathen“ (Zitat: Böhmermann) - mehr Comicschurke als reale Person -, hat sich alles geändert und somit auch die Wahrnehmung des Politdramas von Netflix. Tagein tagaus stellt Trump alles in den Schatten, was sich die Drehbuchautoren der Serie je erdenken könnten.

Die fünfte ist die erste Staffel von „House of Cards“, die nicht unter dem kreativen Regime des Serienschöpfers Beau Willimon entstanden ist. Er ging und hinterließ das Ruder seinen Kollegen Melissa James Gibson und Frank Pugliese. Wie er stammen diese beiden ursprünglich aus dem Theater - und ehrlich gesagt, merkt man das auch. Die Dialoge sind überspitzt wie eh und je, die Charakterzeichnung gewohnt dick aufgetragen und die Wendungen sogar noch dramatischer. Mein Kollege Axel Schmitt, der lange Zeit auf Besserung gehofft hatte, zog daher seinen persönlichen Schlussstrich unter die Serie. Sollten wir es ihm gleichtun oder besteht nach der fünften Staffel Hoffnung für die potentielle sechste?

One Nation, Underwood

Die Handlung der fünften Staffel knüpft nahtlos an die der vierten an. Frank (Kevin Spacey) und Claire (Robin Wright) versuchen als Präsidentschaftskandidaten, den Wahlkampf gegen den smarten Republikaner Will Conway (Joel Kinnaman) zu gewinnen - notfalls natürlich auch mit unfairen Mitteln. Zuletzt setzten sie dabei auf den bewährten Volksverdummer Angst, geschürt durch eine Kriegserklärung an die fiktive Terrororganisation ICO, die noch immer völlig generisch und wie ein halbherzig durchdachter Abklatsch des IS wirkt.

Als schließlich der Tag der Entscheidung kommt und die ersten Prognosen eintrudeln, müssen Frank und Claire, die am Wahlabend traditionsgemäß den Billy-Wilder-Film „Double Indemnity“ schauen und rezitieren - die wohl denkwürdigste Szene des Paares in dieser Staffel -, einsehen, dass sämtliche Anstrengungen womöglich nicht reichen. Der Politikverdruss führt zu einem Sieg des jungen Kontrahenten und Frank greift zum Telefon, um die Niederlage einzugestehen.

Wie gewohnt haben die Gegner der Underwoods nicht die geringste Chance.
Wie gewohnt haben die Gegner der Underwoods nicht die geringste Chance. - © Netflix

Aber „House of Cards“ wäre nicht „House of Cards“, wenn Frank in seiner göttlichen Vorahnung all das nicht schon längst eingeplant hätte. Mit gefälschten Geheimdienstinformationen bewirkt er einen nationalen Terroralarm und somit eine Unterbrechung der Wahl. Neun Wochen vergehen und die Staaten Ohio und Pennsylvania wollen die im Chaos eingeholten Abstimmungsergebnisse noch immer nicht beglaubigen. De facto hat Amerika keinen Präsidenten mehr oder eigentlich gleich zwei. In der bis dato vollmundigsten Vierte-Wand-Szene erklärt Frank uns Zuschauern, was die US-Verfassung in solch einem Fall vorschreibt. Unglaublich, aber wahr: Am Ende könnte gar ein Münzwurf entscheiden.

Wer akzeptieren kann, dass „House of Cards“ nur wenig mit der Realität zu tun hat - und das sollte man, andernfalls würde man bis zur fünften Staffel vermutlich gar nicht durchhalten -, der wird wie ich an solchen Szenarien große Freude haben. Ähnliches tut auch die Kiefer-Sutherland-Serie Designated Survivor, in der ebenfalls der Worst Case durchgespielt wird, allerdings mit dem Vorteil, dass sich das ABC-Drama längst nicht so ernst nimmt und anders als „HoC“ keinen Anspruch auf das Prädikat der Prestigeserie erhebt.

Frank lässt es am Ende übrigens nicht zum Münzwurf kommen. Bei seinem Glück stolpert er über eine Tonaufzeichnung seines Konkurrenten, die diesen als arrogantes Ekel und obendrein als Hitzkopf entlarvt. Mit einem solchen Ruf sinken seine Chancen auf Null und Frank wird wenig später offiziell vereidigt. Auch hier fällt auf, wie unspektakulär das Conway-Tape im Vergleich zum Trump-Tape („Grab them by the pussy“) wirkt. Als Kritiker fühlt man sich fast schon hintergangen: Man will „House of Cards“ rügen, weil die Handlung unrealistisch ist, doch auf der anderen Seite erscheint sie verglichen mit der Realität weit untertrieben.

Not My President

Mit den Parallelen zu Trump ist es ohnehin schwierig. Der Großteil der Drehbücher wurde lange vor der Wahl im November geschrieben, da bereits am 20. Juli 2016 die Filmarbeiten losgingen. Gedreht wurde bis zum 14. Februar 2017, Melissa James Gibson und Frank Pugliese hätten also durchaus noch die eine oder andere Anspielung einbauen können. Insgesamt haben sie sich jedoch merklich zurückgehalten - ob es anders besser gewesen wäre, vermag ich nicht zu sagen.

Als richtig erwies sich in meinen Augen dafür die Entscheidung, den Fokus wieder vermehrt auf das zentrale Protagonistenduo Frank und Claire zu richten. In früheren Staffeln verschwendete die Serie viel Zeit mit langweiligen und meist im Sande verlaufenden Nebenhandlungssträngen. Vor allem die zwielichtigen Machenschaften Dougs (Michael Kelly) waren Ballast für das Niveau der Serie. Spacey und Wright bringen das notwendige Talent mit, um auch aus den glattesten und plattesten Dialogzeilen das Maximum herauszuholen. Auf die meisten Nebencharaktere trifft dies leider nicht zu, zumal andere Hochkaräter wie der Oscarpreisträger Mahershala Ali nicht gehalten werden konnten.

Im erbitterten Kampf um die Macht geht Frank (Kevin Spacey) immer größere Risiken ein.
Im erbitterten Kampf um die Macht geht Frank (Kevin Spacey) immer größere Risiken ein. - © Netflix

Ein, zwei interessante neue Charaktere konnten die Showrunner in dieser Staffel aber trotzdem einführen. Herausragend ist vor allem Patricia Clarkson in der Rolle der erfrischend kompetenten Intrigantin Jane Davis. Vielversprechend erschien zunächst auch der junge Journalist Sean Jeffries (Corey Jackson), der sich mit seiner nonchalanten Art als potentieller Nachfolger Zoe Barnes' (Kate Mara) ankündigte, letztlich aber von der Macht verführt wurde. Als völlig vergessenswert erwies sich indes der Parlamentarier Alex Romero (James Martinez) - nein, nicht der aus Bates Motel -, der als großer Gegenspieler Franks dessen Amtsenthebung herbeiführen wollte. Franks Feinde waren schon immer erschreckend naiv und dementsprechend harmlos.

Wenn jemand Frank etwas anhaben kann, dann nur er selber - und genau so kommt es am Ende auch. In der wohl dämlichsten Wendung der Seriengeschichte tritt Frank nach kurzer Präsidentschaft freiwillig zurück und überlässt den Posten seiner Frau Claire. Wieso? Er will seinen Untergang selbst gestalten. Das Amt, für das er die gesamte Welt aus den Angeln gehoben, für das er gelogen, betrogen und getötet hat und mit dem er nie etwas anfangen wollte, als es zu besitzen, gibt er nun einfach auf. Und seine Motive wirken genauso schleierhaft wie zu Beginn der Odyssee. Vor allem, dass er Claire in seinen ausgefuchsten Plan nicht eingeweiht hat, entbehrt jedweder Logik.

Den Tiefpunkt stellt die Szene dar, in der Frank seine verwirrte Frau aufklärt. Irgendwie sei er zu der plötzlichen Erkenntnis gelangt, dass die wahre Macht nicht im Oval Office, sondern im privaten Wirtschaftssektor liegt. Wie sehr verachtete er seinen Assistenten Remy Danton (Ali), als dieser das Parlament verlassen und stattdessen in die Lobby wechseln wollte? Und nun tut er dasselbe. Offenkundig wussten die Showrunner mit Frank als Präsidenten nichts mehr anzufangen - Weltraumpräsident Frank Underwood in Staffel zwölf vielleicht? - und so übernimmt nun Claire das Amt, wenn auch auf denkbar ungeschickteste Art und Weise.

My Turn

Jetzt ist Claire also die Präsidentin und im Prinzip gefällt mir dieser Gedanke sogar. Vielleicht hat sie ja eine Idee, was sie mit der Macht anfangen kann. Vielleicht hat sie anders als ihr machtbesessener Mann eine Ideologie und politische Ziele. Ob dem so ist, werden wir leider erst in der sechsten Staffel erfahren, falls diese bestellt wird. Der erste Eindruck von Präsidentin Claire ist allerdings ernüchternd. Zu sehr scheint sie bereits selbst vom kostbaren Nektar der Macht betört zu sein.

Besonders enttäuschend ist, dass Claire kurz vor ihrer Beförderung noch schnell an Franks Boshaftigkeitslevel angepasst wird. In einer zur Fremdscham einladenden Sexszene vergiftet sie ihren Redenschreiber und Liebhaber Tom Yates (Paul Sparks), nachdem dieser gedroht hatte, pikante Details zu seiner Beziehung mit dem Präsidentenpaar zu veröffentlichen. Überboten wird dieser Mord in seiner theaterwürdigen Hyperbolik nur noch durch den von Frank herbeigeführten Treppensturz Catherine Durants (Jayne Atkinson), die vor dem Untersuchungskomitee gegen die Underwoods aussagen wollte.

Am Ende steht Claire (Robin Wright) als große Siegerin und 47. Präsidentin der USA da.
Am Ende steht Claire (Robin Wright) als große Siegerin und 47. Präsidentin der USA da. - © Netflix

Frank überbietet Claire sogar in Sachen Romantik. Während ihre Liebesaffäre mit Tom - übrigens schön, dass sich „House of Cards“ nicht davor scheut, Vornamen doppelt zu vergeben (siehe Tom Hammerschmidt) - bereits sehr unglaubwürdig wirkt, erscheint Franks gleichgeschlechtliche Liaison mit dem Personaltrainer Eric Rawlings (Malcolm Madera), dem er erstmals in Verkleidung seines Urahnen Augustus Underwood begegnete, völlig fehl am Platz. Nicht, dass ein Präsident nicht bisexuell sein könnte, doch man merkt eindeutig, dass dies bei Frank nur eingesetzt wird, um ihn irgendwie interessanter und komplexer wirken zu lassen.

Eine echte Chance auf Rettung des Charakters könnte sich hingegen durch seinen Rücktritt ergeben - egal, wie der zustande kam. Frank als Lobbyist klingt zumindest spannender als Frank als Präsident. Nicht umsonst war die Auftaktstaffel der Serie, in der Frank bloß ein kleines Rädchen im Regierungsapparat war, das nicht einfach entscheiden konnte, sondern manipulieren musste, die beste. Vielleicht ereilt Frank aber auch ein ganz anderes Schicksal: Beim jetzigen Stand muss er eventuell mit einer Gefängnisstrafe rechnen und sein Assistent Doug, der die Schuld am Tod von Zoe Barnes' auf sich genommen hat, sogar mit Schlimmerem.

Nur eine Begnadigung seitens der Präsidentin, also seitens Claire, könnte die beiden davor bewahren. Und so sicher, wie sich Frank der Loyalität seiner Frau wähnte, so schmerzhaft dürfte ein möglicher Betrug für ihn werden. Über die Jahre fügte er Claire zahlreiche Kränkungen zu und gab ihr oft das Gefühl, an zweiter Stelle zu stehen. Nun, da sie per Gesetz ganz oben steht, könnte sie sich rächen. Ihre finalen Worten lauten: „My turn“. Das Blatt hat sich gewendet und Claire ist plötzlich unsere neue Ich-Erzählerin. In einem verblüffend wirksamen Twist - begünstigt durch Wrights grandioses Schauspiel - offenbart sie uns, dass sie seit Anbeginn der Serie von unserer Anwesenheit wusste.

Fazit

Fast wäre es House of Cards mit diesem letzten Gänsehautmoment gelungen, die Schwächen der fünften Staffel vergessen zu machen. Zugegeben: Die Vorstellung, Claire an der Macht und Frank am Boden zu sehen, ist verlockend. Wenn sie jedoch zu tief in seine Fußstapfen tritt, könnte es schnell wieder langweilig werden. Langeweile ist das passende Stichwort zur Gesamtbewertung dieser Staffel. Denn, während die vorherigen drei Staffeln mit ihren mangelhaften Drehbüchern hauptsächlich Gefühle des Ärgers hervorriefen, kam nun auch sie erstmals dazu. Dies war vermutlich die düsterste Staffel von allen, umso verheerender, dass sie - zumindest bei mir - so wenig Eindruck hinterließ.

Hinzu kommt das moralische Problem, dass „House of Cards“ in der Ära Trump die denkbar schlechteste künstlerische Reaktion auf das reale Politikgeschehen darstellt. Wie der VOX-Kritiker Todd VanDerWerff treffend bemerkt, spielt die Serie in einer Welt, in der sich jede Verschwörungstheorie als wahr erweist. Zündstoff für Menschen, die in sozialen Medien lauthals „Fake News!“ skandieren oder während des Wahlkampfes den Hashtag #PizzaGate (einfach mal googlen) zum Trenden brachten. Im schlimmsten Fall hat „House of Cards“ sogar zu dem Klima beigetragen, das Trumps Triumph überhaupt erst möglich machte.

Verfasser: Bjarne Bock am Mittwoch, 7. Juni 2017
Episode
Staffel 5, Episode 13
(House of Cards 5x13)
Deutscher Titel der Episode
Jetzt bin ich dran
Titel der Episode im Original
Chapter 65
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Dienstag, 30. Mai 2017 (Netflix)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Dienstag, 4. Juli 2017
Autoren
Melissa James Gibson, Frank Pugliese
Regisseur
Robin Wright

Schauspieler in der Episode House of Cards 5x13

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