House of Cards 1x11

Warum nur? Warum? Nach Sichtung der neuen Episode von House of Cards bleibt ein völlig perplexer Zuschauer zurĂŒck. Ohne groĂe dramaturgische Not drĂ€ngen die Autoren der Serie ihren Hauptcharakter Frank Underwood (Kevin Spacey) in die Ecke des reinen Bösen. Dass der Protagonist einer Politthrillerserie als Person des öffentlichen Interesses einen kaltblĂŒtigen Mord begeht, ist in vielen FĂ€llen unrealistisch. Bei House of Cards ist es mehr: ein Zeugnis darĂŒber, wie unflexibel die Autoren mit ihren zuvor ausgestanzten Charakterschablonen umgehen.
I don't want you to feel any pain tonight
An dieser Stelle wurde schon mehrmals kritisiert, dass House of Cards eine Figur mit Identifikationspotential fehlt. Dies lĂ€sst kaum einen anderen RĂŒckschluss zu, als dass es den Autoren hauptsĂ€chlich darum geht, die Karrieristen der amerikanischen Politik als rĂŒcksichtslose Egomanen zu brandmarken. Die neue Episode bestĂ€tigt dieses Bild und verstĂ€rkt es sogar noch. Die Ereignisse zwischen Frank Underwood und Peter Russo (Corey Stoll) legen sogar nahe, dass die Botschaft der Autoren lautet, das freiheitlich-demokratische Politiksystem fĂŒhre innerhalb der kapitalistischen Wirtschaftsordnung unweigerlich zur absoluten moralischen Verwahrlosung seiner Protagonisten.

Als Brandschrift gegen die - zugegebenermaĂen bedenklichen - AuswĂŒchse heutiger postmoderner Gesellschaften wĂŒrden diese und einige vorangegangen Episoden durchaus dienen. Um eine mitreiĂende und möglichst realistische Geschichte zu erzĂ€hlen, ist der portrĂ€tierte Handlungsfortlauf jedoch eher kontraproduktiv. Aus diesem Anlass und aus einer genuinen VerĂ€rgerung des Autors heraus soll hier noch einmal auf die von den Autoren so eindeutig gewollte Konstruktion von Frank Underwood als Antiheld eingegangen werden.
Im Gegensatz zu einer dramatischen Hauptfigur, einem Helden, der den Leser oder Zuschauer vor allem zum Eskapismus einlĂ€dt, zeichnet sich die Modellierung eines Antihelden dadurch aus, dass auch SchwĂ€chen und Verletzungen thematisiert werden. Dies erlaubt den Autoren, eine tiefergehende Charakterisierung zu vollfĂŒhren, da sie ihren (Anti-)Helden nicht nur als glĂ€nzende IdentifikationsflĂ€che darstellen mĂŒssen. Umgekehrt bedeutet dies jedoch auch, dass Zuschauer, die an realistischer Darstellung interessiert sind, sich besser mit klassischen Antihelden identifizieren können. Kurz gesagt: Der Held lĂ€dt ein zum TrĂ€umen, der Antiheld hĂ€lt der Gesellschaft einen Spiegel vor.
In Reviews zu frĂŒheren Episoden von House of Cards wurde oftmals kritisiert, weder Francis Underwood noch irgendeine andere Figur bieten Möglichkeiten zur Identifikation. Hiermit war freilich nicht gemeint, dass sich der Rezensent vollstĂ€ndig mit der Hauptfigur identifizieren wolle. Vielmehr bedeutete dies, dass einzelne Charakermerkmale dazu einladen sollten, zumindest minimale Gemeinsamkeiten erkennen zu können. Dies stellt eine höchst subjektive Sichtweise dar. Deshalb soll im folgenden Abschnitt der Vergleich zu anderen Antihelden der Seriengeschichte gezogen werden.
Antihelden im Serienkosmos
Drei der prominentesten Antihelden der postmodernen Ăra der Autorenserien sind Tony Soprano (James Gandolfini) aus The Sopranos, Walter White (Bryan Cranston) aus Breaking Bad und Jimmy McNulty (Dominic West) aus The Wire. Die KomplexitĂ€t dieser drei Figuren erreicht der Charakter des Frank Underwood zu keinem Zeitpunkt. Sie sind witzig, schlagfertig und zu jeder Niedertracht fĂ€hig. Sie schlagen oder misshandeln ihre NĂ€chsten, um im selben Moment entschuldigend mit den Achseln zu zucken. Dem Zuschauer liefert jeder dieser Charaktere mehrere Merkmale, die er bewundern, hassen oder eben bei sich selbst finden kann.
Frank Underwood schafft dies nicht. Er ist nicht witzig, er bringt keinen Zuschauer zum Lachen. Und nach dieser Episode steht fest: Er ist das personifizierte Böse. Wer sich als Zuschauer so weit aus dem Fenster lehnt und behauptet, er könne sich mit ihm identifizieren, der kann nur die negativen Eigenschaften seines Charakters meinen. Ganz einfach deshalb, weil es keine positiven gibt. Wendet man die hier getĂ€tigte AusfĂŒhrung zum Unterschied zwischen klassischem Held und Antiheld auf das Beispiel Underwood an, so bleibt zu konstatieren: Er ist gar kein Antiheld, sondern ein klassischer Held mit bösem Antlitz. SĂ€mtliche seiner dunklen Vorhaben sind nĂ€mlich von Erfolg gekrönt. In diesem Sinne ist er also ein super villain.

Tony Soprano ist ein liebender Familienvater und hat einen - wie krude auch immer gearteten - Ehrenkodex. Genauso die The Wire-Antihelden Bunk Moreland (Wendell Pierce) oder Omar Little (Michael Kenneth Williams) („Man's gotta have a code.“). Jimmy McNulty liebt seine Kinder und beweist in der vierten Staffel von The Wire auch, dass er zum braven Hausmann taugt. Auch Walter White wĂŒrde fĂŒr seine Kinder durchs Feuer gehen.
Und Frank Underwood? Der ist unfĂ€hig zur NĂ€chstenliebe, behandelt selbst ihm nahestehende Personen nur nach der Maxime, wieviel sie ihm jeweils einbringen können. Ein solch egoistisches und narzisstisches Arschloch ist einem im Fernsehen bisher kaum untergekommen. Den Mord an Russo verwendet er im nĂ€chsten Augenblick dazu, seine Frau Claire (Robin Wright) aus den Armen ihres Liebhabers zu entreiĂen. Am Ende tut der Regisseur der Episode gut daran, Underwoods Beileidsbekundungen nur im Abspann anklingen zu lassen. Ihm dabei in die Augen zu schauen, wĂ€re fĂŒr manche Zuschauer schlicht unertrĂ€glich.
Fazit
Um die eigene Meinung einmal recht lapidar auszudrĂŒcken: Es ist einfach schade, wie verschwenderisch die Autoren von House of Cards mit dem potentiell groĂartigen Stoff und ihrem absoluten Ausnahmeschauspieler Kevin Spacey umgehen. Sicherlich gehört die Politserie zu den technisch und dramaturgisch gelungensten Neustarts der letzten Jahre.
Um mit den mehrfach erwĂ€hnten Dramaplatzhirschen mithalten zu können, braucht die Serie aber, so redundant diese Forderung auch klingt, ein gröĂeres Identifikationspotential. Der erste Teil der aktuellen Episoden hĂ€tte dafĂŒr - wenn auch spĂ€t - noch einmal eine Möglichkeit geboten. Sowohl Peter Russo als auch Claire Underwood und Zoe Barnes (Kate Mara) zeigen erstmals Anzeichen der LĂ€uterung. Eindringlich portrĂ€tieren die Darsteller gebrochene Menschen, die an einem Scheideweg im Leben stehen.
Diese positive Entwicklung zerstören die Autoren jedoch mit der hanebĂŒchenen Wendung des Mordes an Russo. Gleichzeitig rauben sie dem Zuschauer erneut jegliche Hoffnung auf einen Lichtblick, eine positive Wendung oder wenigstens einen liebenswerten Charakterzug.
Dabei steht die groĂe Frage im Raum: Warum eigentlich? Die realitĂ€tsferne Wendung kommt ohne triftigen Grund. Ohne Not dekonstruieren die Autoren den Charakter Frank Underwood weiter, indem sie ihn zum kaltblĂŒtigen Mörder werden lassen. Die Dramaturgie der bisherigen Episoden hĂ€tte ohne Weiteres dazu gereicht, die Geschichte spannend weiterzuerzĂ€hlen.
Selbst die Szene im Auto, als Underwood scheinbar spontan den Entschluss zum Mord fasst, ist von einer inszenatorischen IntensitĂ€t, dass einem beim Zuschauen regelrecht der Atem stockt. Leider setzen die Macher von House of Cards jedoch auf den kurzfristigen Schockeffekt, anstatt ein langfristig homogenes CharakterportrĂ€t zu entwerfen. Die gute Serie bĂŒĂt damit endgĂŒltig ihre Chance ein, in Zukunft zu den besten zu gehören.
Verfasser: Axel Schmitt am Montag, 15. April 2013(House of Cards 1x11)
Schauspieler in der Episode House of Cards 1x11
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei EpisodenfĂŒhrern?