House of Cards 1x07

Nach der an dieser Stelle vor einer Woche recht emotional vorgetragenen Kritik ist es in der siebten Episode der Politserie House of Cards endlich einmal Francis Underwood (Kevin Spacey), der seine emotionale Seite zur Schau stellen darf. Zwar würde er dies vor sich und der Kamera niemals eingestehen, dennoch schwingt in seiner Selbstansprache am Ende ein Hauch nostalgischen Wehmuts mit. Wehmut darüber, nicht selbst Vater zu sein. Wehmut darüber, niemanden zu haben, vor dem man keine Geheimnisse hat. Wehmut darüber, nicht mehr jung zu sein.
Failure is not an option
Im politischen Alltag bleibt Francis jedoch keine Zeit für Wehmut. Nach der erfolgreich und gegen alle gewerkschaftlichen Widerstände durchs Repräsentantenhaus geprügelten Bildungsreform hat er sich bei Präsident Walker (Michael Gill) einen besonders guten Stand erarbeitet. Diese Karte wird er gewiss des Öfteren ausspielen, zum ersten Mal muss er sie schon gegenüber dem Präsidenten und dessen Stabschefin Linda Vasquez (Sakina Jaffrey) zücken. Diese zeigt sich nämlich wenig überzeugt von seinem Ersatzkandidaten für das Amt des Gouverneurs von Pennsylvania.

Bevor er aber den höchsten Amtsträger im Land überzeugen kann, obliegt Francis die heikle Aufgabe, Peter Russo (Corey Stoll) von der Richtigkeit seines Ansinnens, Gouverneur zu werden, vollends zu überzeugen. Dem wird bei einer der ersten Sitzungen seines Kampagnenteams langsam, aber sicher klar, worauf er sich da eigentlich eingelassen hat. Besonders eine sehr gelungene Einstellung der Regie von Charles McDougall bleibt hier in Erinnerung. Russo sitzt im vorläufigen Wahlkampfhauptquartier im Keller der Underwood'schen Residenz reglos auf der Couch, während um ihn herum ein geschäftiges Treiben und aufgeregte Diskussionen herrschen. In seinem Gesicht spiegelt sich die pure Versagensangst wider.
Mit Angst kennt sich ein weiterer Charakter besonders gut aus. Underwoods Büroleiter Doug Stamper (Michael Kelly) bekommt in dieser Episode endlich so viel Raum zur charakterlichen Entfaltung, wie er sich mit seinen vorherigen Auftritten verdient hat. Der trockene Alkoholiker wird von Underwood als Russos persönlicher Wachhund dazu beauftragt, jegliche Fehltritte zu melden und möglichst zu verhindern. Peter Russos größtes Problem ist nämlich seine raue Vergangenheit inklusive Alkohol- und Drogenmissbrauchs seit frühester Kindheit.
Genau darin sieht Francis Underwood jedoch die größte Chance: „Honesty is your best defense and offense“. Im Wahlkampf will er Russo zum Underdog stilisieren, der einen Neustart wagt und deshalb beim Wähler eine zweite Chance verdient hat. Ganz offensiv soll das Team mit seiner problembehafteten Vergangenheit umgehen und so der Gegenseite den Wind aus den Segeln nehmen: „People love an underdog.“ Der einzige, der von diesem Ansatz nicht restlos überzeugt zu sein scheint, ist Peter Russo selbst. Er fühlt sich wie eine Marionette und fürchtet um das Bild, das seine Kinder von ihm bekommen könnten.
We are nothing more or less than what we choose to reveal
Um dem entgegenzuwirken, setzt Underwood einen dreiteiligen Plan in die Tat um. Zunächst hält Doug Stamper in einem gemeinsamen Treffen der Anonymen Alkoholiker als Russos Sponsor eine aufrüttelnde Rede, die in ihrer ganzen Doppeldeutigkeit auf ihn gemünzt ist. Um sicherzugehen, dass Russo auch versteht, wovon Stamper wirklich spricht, schaut er ihn mehrere Male intensiv an. Russo versteht, ist jedoch immer noch nicht restlos überzeugt. Für diesen Fall zieht Underwood jedoch einen weiteren Trumpf aus der Westentasche. Er bietet Russos Exfreundin Christina Gallagher (Kristen Connolly) die Position der stellvertretenden Wahlkampfleiterin an.
Als Stamper und Gallagher es unabhängig voneinander schaffen, Russo endgültig zu überzeugen, stellt der nur eine Bedingung: Seine Kinder dürfen nicht in den Wahlkampf involviert werden. Sogleich setzt Underwood also Teil drei seines Plans um. Er beauftragt Zoe Barnes (Kate Mara) mit einer exklusiven Reportage über den neuen Gouverneurskandidaten.

Die sieht erst einmal gar nicht ein, wieso sie ein puff piece (im Deutschen: Lobeshymne) über Russo verfassen soll. Dann kommt ihr ein Einfall, auf den sie vor ihrer Bekanntschaft mit dem verschlagenen Frank sicher nicht gekommen wäre. Sie bietet ihrer ehemaligen Gegenspielerin beim Washington Herald, Janine Skorsky (Constance Zimmer), eine Stelle bei ihrem neuen Arbeitgeber, dem Onlinemagazin Slugline, an. Gleichzeitig liefert sie ihr die Exklusivreportage über Russo. So hat sie sich im Washingtoner Politik- und Medienzirkus eine weitere Verbündete geschaffen.
Neben seiner Beteiligung am Aufbau Russos zum vorbildlichen Wahlkandidat muss sich Stamper einer weiteren dringlichen Aufgabe widmen. Entgegen der Abmachung bleibt die in der zweiten Episode vermeintlich stillgestellte Prostituierte Rachel Posner (Rachel Brosnahan) so gar nicht ruhig. Sie will Stamper um einen größeren Betrag erpressen, da sie weder Zuhause oder Freunde noch Geld habe. Er lässt sich erweichen und erfüllt mit der Hilfe von Underwoods Sekretärin Nancy Kaufberger (Elizabeth Norment) eine von Rachels Bedingungen.
Es scheint also wieder einmal alles wie geschmiert zu laufen für Francis Underwood und Konsorten. In dieser Episode sind die sich erfüllenden Pläne aber viel erträglicher dargestellt, da sie mit emotionalen Momenten persönlicher Schwäche und persönlicher Zweifel verwoben wurden. Selbst die sonst so kühle Claire (Robin Wright) lässt hinter ihrer Fassade durchscheinen, dass nicht alle Dinge in ihrem Leben zu ihren Gunsten laufen. In diesen kurzen Momenten läuft House of Cards zur Höchstform auf.
Fazit
Wenngleich die Kritik der letzten Woche eventuell etwas zu harsch formuliert war, so beweist doch die siebte Episode von House of Cards, dass der Politthriller auch anders kann. Der Ausleuchtung von Franks und Claires emotionalen Charaktereigenschaften werden zwar nur kurze Momente zugestanden, diese entschädigen in ihrer Vielschichtigkeit jedoch für die Abwesenheit genau dieser Augenblicke in vorhergehenden Episoden.
Weiterhin soll an dieser Stelle ein gesondertes Lob für die Regie ausgesprochen werden. Speziell die Inszenierung der Eingangsszenen im Oval Office und die Parallelmontage mit dem Treffen der Anonymen Alkoholiker ist in ihrem Detailreichtum besonders sehenswert. Auch das Drehbuch hat dabei ein Schulterklopfen verdient. Chefautor Beau Willimon und seine Schreiberlinge leisten hervorragende Recherchearbeit.
Die siebte Episode nimmt sich wiederholt Auszeiten, um den Charakteren Raum zur Entfaltung zu lassen. Die kurzen kontemplativen Momente von Peter Russo und des Vizepräsidenten Matthews (Dan Ziskie) fangen sehenswert ein, wie der schnelllebige Politikeralltag seinen Protagonisten manchmal über den Kopf wachsen kann. Russo entwickelt sich langsam zu einem Geheimfavorit, zumindest was die persönlichen Sympathien des Rezensenten betrifft. Hier trifft die Theorie Underwoods zu, wonach die Menschen einer guten Underdogstory nie wirklich abgeneigt sind.
Eventuell haben die Autoren gemerkt, dass sie mit der eindimensionalen Fokussierung auf die politischen Erfolge des scheinbar unschlagbaren Francis etwas übertrieben haben. Sollte den übrigen Charakteren von nun an weiterhin so viel Spielzeit zugestanden werden, könnte dies House of Cards in der zweiten Hälfte der ersten Staffel zu noch größerer dramaturgischer Pracht verhelfen.
Verfasser: Axel Schmitt am Montag, 18. März 2013(House of Cards 1x07)
Schauspieler in der Episode House of Cards 1x07
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