House of Cards 1x06

House of Cards 1x06

In der sechsten Episode von House of Cards liegt zwar zum ersten Mal ein Stolperstein im Weg von Francis Underwood, dann verfällt die Serie jedoch wieder schnell in die alte Routine. Claire Underwood spricht es gar aus: Am Ende gibt es immer nur einen Sieger.

Vom Freund zum Feind: Marty Spinella (Al Sapienza) begrüßt Francis Underwood (Kevin Spacey) zum TV-Duell. / (c) Netflix
Vom Freund zum Feind: Marty Spinella (Al Sapienza) begrüßt Francis Underwood (Kevin Spacey) zum TV-Duell. / (c) Netflix

Zur ungefähren Mitte der ersten Staffel der Politthrillerserie House of Cards keimt etwas Hoffnung auf, der politische Aufstieg Francis Underwoods (Kevin Spacey) könnte vorerst einen empfindlichen Dämpfer erhalten. Am Ende der sechsten Episode lässt die Serie ihren Zuschauer jedoch zum ersten Mal kopfschüttelnd und richtiggehend verärgert zurück. Die Autoren müssen sich ernsthaft die Frage gefallen lassen: Wo ist der staffelübergreifende Spannungsbogen? Soll die Serie eine bloße Aneinanderreihung von Erfolgserlebnissen eines unsagbar widerlichen Politikercharakters sein?

We've already crossed the Rubicon

Diese Vermutungen, die bislang von der überzeugenden Darstellung der Protagonisten und einem vermeintlich frischen, wenn auch schwer zu ertragenden Blick hinter die Kulissen überlagert wurden, wandeln sich langsam, aber sicher in Unmut über das fehlende übergreifende Narrativ der Serie. Ja, es gibt episoden- und wahrscheinlich auch staffelübergreifende Erzählstränge und ja, die Hauptfigur muss öfter einmal ein paar Hürden überspringen. Wenn diese Probleme jedoch stets innerhalb einer Episode ohne größere Widerstände gelöst werden, mutieren sie zu rein plakativen Schauwerten. Deren Botschaft lautet dann: Hier stehe ich, keiner kann mich besiegen.

Politisches Tagesgeschäft I: Underwood (Kevin Spacey) berät sich mit Patricia Whitaker über Russo als möglichen Gouverneurskandidaten. © Netflix
Politisches Tagesgeschäft I: Underwood (Kevin Spacey) berät sich mit Patricia Whitaker über Russo als möglichen Gouverneurskandidaten. © Netflix

Das Resultat lässt sich am Beispiel der sechsten Episode besonders einfach herausarbeiten. Der Zuschauer kann sich beim besten Willen mit keinem der Hauptfiguren identifizieren. Im Gegenteil - es kommt eher zu einer inneren Ablehnungshaltung gegenüber Francis Underwood und Konsorten. Hier setzen die Autoren die falschen Akzente. Zwar zeigen sie eindringlich und stellenweise beeindruckend die inneren Mechanismen des Politikbetriebs auf, jedoch versäumen sie es, eine emotionale Bindung zum Zuschauer herzustellen. So bleibt House of Cards ein auf Gefriertemperatur heruntergekühltes Schaufenster der Politikmanege, das letztlich nur ein Zielpublikum befriedigt: den Stammtisch.

Bis zur Mitte der Episode keimt jedenfalls die zarte Hoffnung, Underwood könnte doch endlich einmal ordentlich auf die Fresse fallen. Mit dem Rücken zur Wand erbettelt er sich von der Stabschefin des Präsidenten, Linda Vasquez (Sakina Jaffrey), mehr Zeit, um den auf seinem Höhepunkt befindlichen Lehrerstreik zu brechen. Es kommt schließlich zum verbalen TV-Duell mit seinem ehemaligen Freund und jetzigen größten Gegenspieler, Marty Spinella (Al Sapienza), den obersten Lobbyisten der Lehrergewerkschaft.

Darin erleidet Frank eine bittere, weil selbstverschuldete Niederlage. Diese erinnert stark an den Fauxpas des ehemaligen republikanischen Präsidentschaftskandidaten Rick Perry. Dieser konnte sich in einem TV-Duell nicht mehr an ein wichtiges Detail aus seinem Wahlprogramm erinnern und kommentierte dies dann mit einem lapidaren „Oops“. Für Perry bedeutete dieser meltdown das Ende seiner präsidentiellen Ambitionen. Underwood hingegen staubt sich kurz ab und macht nach einer kurzen kontemplativen Pause, in der zum ersten Mal sein Menschsein leicht durchschimmert, weiter mit seinem politischen Tagesgeschäft.

I don't mind that you improvised, I just wish you'd have done it better

Wenn sich die Autoren aber schon dafür entschieden haben, Francis einen so folgenschweren Fehler im nationalen Fernsehen begehen zu lassen, dann sollten sie diesen Handlungsstrang auch konsequent fortführen. Diese Chance lassen sie jedoch ungenutzt verstreichen und so kommt es mal wieder zum altbekannten Erzählmuster von Francis, der wie ein Phönix aus der eigenen Asche steigt. Was bisher anhand der Beleuchtung unterschiedlicher Politikphänomene noch gut funktioniert hatte, wird wegen seiner Redundanz zum Ärgernis. Man möchte ihnen zurufen: Wenn es schon ein solch kolossaler Kotzbrocken sein muss, dann doch bitte ein nicht so erfolgreicher!

Politisches Tagesgeschäft II: Christina Gallagher (Kristen Connolly) erhält eine persönlich angehauchte Nachricht von Peter Russo (Corey Stoll). © Netflix
Politisches Tagesgeschäft II: Christina Gallagher (Kristen Connolly) erhält eine persönlich angehauchte Nachricht von Peter Russo (Corey Stoll). © Netflix

Nach seiner Niederlage greift Underwood unter Mithilfe seines engsten Vertrauten Doug Stamper (Michael Kelly) tief in die medienmanipulative Trickkiste. Nachdem auch diese Versuche zu scheitern drohen, lassen sie sich auf ein kaum zu unterbietendes Niveau herab und nutzen das persönliche Schicksal einer unterprivilegierten Familie aus, um ihr politisches Überleben abzusichern. Da auch dieser moralisch kaum vertretbare Taschenspielertrick nicht den erwünschten Erfolg einbringt, begibt sich Underwood in den sprichwörtlichen Nahkampf.

Bei einem als Kompromissverhandlung getarnten persönlichen Gespräch mit Spinella reizt er diesen solange, bis der sich zu einer Handgreiflichkeit hinreißen lässt. Nach dieser Kurzschlussreaktion wissen beide, was die Stunde geschlagen hat. Spinella wird seine streikenden Lehrer zurückbeordern und in den Verhandlungen einknicken, was Francis seinen erhofften „totalen Sieg“ einbringt. Zurück bleibt ein Zuschauer mit einem flauen Bauchgefühl und der Frage, wohin die Geschichte von House of Cards denn eigentlich führen soll.

Da hilft es auch nicht großartig weiter, dass Francis zwischendurch seine humane Seite zum Vorschein bringt. Kollege Stamper ist wenigstens ehrlich, als er von Francis nach seinem Glauben an das Karma gefragt wird: „Absolutely not.“ Claire Underwood (Robin Wright) wandelt derweil auf gleichsam unverständlichen Pfaden. Wieso sie bei ihrem sterbenden Ex-Personenschützer unbedingt Hand anlegen muss, leuchtet selbst bei mehrmaligem Nachdenken nicht wirklich ein. Auch hier gingen die Autoren wohl nach der Devise vor, dass der eine oder andere Schockmoment für zusätzliches Rauschen im Blätterwald sorgen könnte. Leider sind ihre Motivationen so durchschaubar wie langweilig.

Fazit

In der sechsten Episode wird zum ersten Mal offensichtlich, was sich schon drohend am Horizont abgezeichnet hatte. Die Autoren setzen offenbar eher auf Schauwerte denn auf Substanz. Anders ist die völlige Abwesenheit irgendeiner Charakterentwicklung bei den Hauptprotagonisten kaum zu erklären. Einen kurzen und hoffnungsvollen Moment lang haben sich die Autoren selbst eine Steilvorlage zu einer möglichen Besinnung Underwoods auf wie auch immer geartete „Werte“ geschaffen, ließen diese jedoch sträflich ungenutzt.

Bei aller Kritik konnte sich die Episode jedoch auch wieder durch ihren schonungslosen Blick hinter die Kulissen des Politikbetriebs auszeichnen. Darin setzt sie weiterhin zweifellos Maßstäbe. Besonders gelungen ist beispielsweise die Rekonstruktion der Entstehung eines bestimmten Sprichworts beziehungsweise einer ideologischen Redewendung, deren ständige multimediale Wiederholung die Öffentlichkeit von ihrer Richtigkeit überzeugen soll.

In den USA gibt es dafür einen schönen, ohne Eleganzverlust kaum zu übersetzenden Ausdruck: the rhetoric. Wer im tosenden amerikanischen Politikbetrieb den Kampf um die Deutungshoheit der öffentlichen Meinung gewinnen will, der kommt nicht umhin, sich solcher geflügelter Wörter zu bedienen. So schlagen sich Underwood und Stamper auch die Nächte um die Ohren, um auf diesen einen eingänglichen Ausdruck zu kommen, der ihre ganze Agenda in einem oder wenigen Wörtern zusammenfasst. Schließlich ist Claire diejenige, die im Vorbeigehen den rettenden Einfall hat: „Unorganised Labor.

Sucht man in House of Cards jedoch nach persönlichem Wachstum - ein dramaturgisches Stilmittel, das in keiner guten Dramaserie fehlen sollte - so muss man sich schon in die zweite Schauspielreihe begeben. Dort stößt man dann auf den hundsäugigen Kongressabgeordneten Peter Russo (Corey Stoll), der sich als vom Alkohol geläuterter Gutmensch profilieren und sein Leben in eine neue Richtung lenken will. So richtig will man noch nicht mit ihm mitfiebern, aber zu diesem Zeitpunkt nimmt man als Zuschauer alles mit, was man an Charakterentwicklung finden kann.

Verfasser: Axel Schmitt am Montag, 11. März 2013
Episode
Staffel 1, Episode 6
(House of Cards 1x06)
Deutscher Titel der Episode
Der Streik
Titel der Episode im Original
Chapter 6
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Freitag, 1. Februar 2013 (Netflix)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Montag, 11. März 2013
Autor
Sam Forman
Regisseur
Joel Schumacher

Schauspieler in der Episode House of Cards 1x06

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