House of Cards 1x05

Dass Francis Underwood (Kevin Spacey) und seine Ehefrau Claire (Robin Wright) ein vom Ehrgeiz getriebenes power couple sind, stand seit dem Auftakt der Politserie House of Cards fest. Die neue Episode belegt: Sie pflegen einen beinahe pathologischen Umgang miteinander. Beide wissen von den AffÀren des jeweils anderen. Die einzige Frage, die sie sich dabei stellen, ist, welchen persönlichen Nutzen sie daraus schlagen können.
Friends make the worst enemies
Andererseits könnte man die Beziehung als eine post- oder gar hypermoderne charakterisieren. Im heutigen gesellschaftlichen Klima, in dem sich jeder selbst der NĂ€chste ist und laut vorherrschender neoliberaler Ideologie auch genau das sein sollte, verhalten sich Francis und Claire wie zwei Prototypen dieser Theorie. Die Ehe bildet lediglich die Basis fĂŒr ihre stĂ€ndige Selbstoptimierung. An diesem Fundament wird nicht gezweifelt, solange es fĂŒr beide den gröĂten Nutzen bringt. Die neoliberalen Wirtschaftstheoretiker in ihren ElfenbeintĂŒrmen der Wissenschaft dĂŒrften beim Anblick der beiden in FreudentrĂ€nen ausbrechen. FĂŒr alle anderen ist das schlicht und ergreifend nur eines: zum Kotzen.

So wartet der Zuschauer mit steigender Frustration darauf, dass sich diesen beiden Psychopathen endlich einmal ein unĂŒberwindbares Hindernis in den Weg stellt. Eines, das ihnen ihre kaum ertrĂ€gliche Arroganz zurĂŒck ins Gesicht schleudert. Zu Beginn der Episode deutet sich zumindest an, dass sich Frank Underwood auf hĂ€rtere Zeiten einstellen muss. Am Ende jedoch steht er wieder wie der strahlende Sieger da. Auf der Strecke bleiben dabei ein Freund und ein politischer WeggefĂ€hrte, dessen Idealismus vollstĂ€ndig in Drogen, Alkohol und letzten Endes Karrierismus untergeht.
Der oberste Lobbyist des fiktionalen Dachverbandes der Bildungsgewerkschaften „American Organisation of Teachers and Educators“, Marty Spinella (Al Sapienza), kann es nicht fassen, dass Frank ihm bei der Bildungsreform in der Streitfrage des collective bargaining (~ Tarifrunde) ins Gesicht gelogen hat. Underwood schafft es, ihn in diesem Punkt zu beschwichtigen, nur um Spinella im nĂ€chsten Atemzug die Zornesröte zurĂŒck ins Gesicht zu treiben. Als Tausch fĂŒr die Streichung des Zusatzartikels ĂŒber die Tarifrechte fordert Francis, die Verhandlungen zu den performance standards (~ Leistungsvorgaben) neu aufzurollen.
Spinella sieht sich gezwungen, mit Underwood zu brechen und fortan die volle Macht der Lehrergewerkschaften auf der StraĂe zu mobilisieren. Ab diesem Zeitpunkt wird die Episode in zwei HandlungsstrĂ€nge aufgeteilt, die sich in ihrer Nachvollziehbarkeit stark voneinander unterscheiden. Der eine handelt von Peter Russo (Corey Stoll), der sich in der letzten Episode dazu erpressen lieĂ, den SĂŒndenbock fĂŒr Francis und seine Machtspielchen zu mimen. Nun bekommt er den ganzen Zorn der Bevölkerung aus seinem Wahldistrikt zu spĂŒren. Er droht, daran zu zerbrechen, weil er alle seine bisherigen Errungenschaften zerstört sieht.
You fuck me, I fuck back
Teufel Francis macht ihm jedoch das nĂ€chste Angebot, das er kaum ablehnen kann. Er bietet ihm seine volle UnterstĂŒtzung fĂŒr den Kampf um das nĂ€chsthöhere Amt des Gouverneurs seines Heimatstaates Pennsylvania an. Russo sieht keinen möglichen Ausweg und lĂ€sst sich endgĂŒltig von seiner politischen GroĂmannssucht korrumpieren. Er spricht es nicht explizit aus, doch jeder Zuschauer weiĂ in diesem Augenblick, wie er sich entscheiden wird.
Der gelungene ErzĂ€hlstrang findet also bei Francis Underwood sein vorlĂ€ufiges Ende. Genau dort, wo der weniger gelungene ErzĂ€hlstrang anfĂ€ngt. Marty Spinella lĂ€sst nĂ€mlich alle seine Verbindungen spielen. Somit kann er den Hotelmanager eines schicken Washingtoner Etablissements davon ĂŒberzeugen, Claire Underwood fĂŒr ihre abends angesetzte Spendengala abzusagen. Auch von Francis lĂ€sst dieser sich nicht einschĂŒchtern - also kommt dem Ehepaar der Einfall, die Gala einfach auf dem Vorhof des Hotels abzuhalten.

In Windeseile organisieren sie das Fest, welches natĂŒrlich zu einem vollen Erfolg wird und viel mehr Spendengelder einsammelt, als ĂŒberhaupt nötig gewesen wĂ€ren. Auch die eilig von Spinella zusammengetrommelten Demonstranten können den Erfolg der Party nicht ĂŒberschatten, am Ende werden sie sogar mit den Resten des BĂŒffets abgespeist. Zu diesem Zeitpunkt hat der Zuschauer aufgehört zu zĂ€hlen, wieviele Fliegen Underwood gerade wieder mit einer Klappe geschlagen hat. Drohendes Unheil könnte jedoch in den kommenden Episoden weiterhin von Marty Spinella ausgehen. Zu wĂŒnschen wĂ€re es der Dramaturgie des Politthrillers allemal.
Auch die in der Zuschauergunst auf niedrigem Niveau stagnierende Journalistin Zoe Barnes (Kate Mara) feilt weiter an ihrem Aufstieg. Nebenbei erhĂ€lt sie von der gehörnten, aber dies nicht so empfindenden Claire ein Lob fĂŒr ihren Ehrgeiz. Nach ihrem Rauswurf beim Washington Herald kann sie sich die Stellen praktisch aussuchen. Sie entscheidet sich fĂŒr einen Onlinenachrichtendienst. Sie glaubt, er könnte das nĂ€chste groĂe EnthĂŒllungsmagazin werden, im Stile des realen Politico. In der Welt von House of Cards scheint es weit und breit niemanden zu geben, der in irgendeiner Weise idealistisch handelt. Ein trauriges, wenn auch realistisches Abbild heutiger westlicher Gesellschaften.
Fazit
Die fĂŒnfte Episode von House of Cards hinterlĂ€sst den Zuschauer mit ambivalenten GefĂŒhlen. Einerseits ist die Charakterisierung Peter Russos sehr gut gelungen, andererseits nervt es so langsam, dass den Unsympathen Frank und Claire alles scheinbar spielend gelingt. Hier hĂ€tten sich die Autoren fĂŒr die schwierigere, aber zugleich spannendere Variante entscheiden sollen: Die Spendengala platzt, Claire ist fortan auf das Geld von SanCorp. und deren Lobbyisten Remy Danton (Mahershala Ali) angewiesen. Dadurch wĂ€re die perfekte Fassade der Underwoods fortan von einem tiefen Riss verziert, was auch die AffĂ€ren der beiden in ein neues Licht gerĂŒckt hĂ€tte.
Diese hypothetische Chance haben die Autoren verpasst. Stattdessen entschieden sie sich dafĂŒr, einen relativ bedeutungslosen Handlungsstrang zu erzĂ€hlen. Einzig die Widerstandskraft Marty Spinellas und der Lehrergewerkschaften könnte Francis vorerst Probleme bereiten. Sowieso fragt man sich bei seiner Gesinnung, was er in der demokratischen Partei zu suchen hat. In dieser Episode wurde besonders deutlich, welch offensichtlich republikanischen Anstrich seine Handlungen und VortrĂ€ge haben. Ob er nun die Rechte der Gewerkschaften drastisch beschneiden oder seinen Fahrensmann Russo instrumentalisieren will, er wĂ€hlt dabei meistens eine republikanische Rethorik.
Diese Feststellung fĂŒhrt abermals zurĂŒck zu den Autoren, denn an der exzellenten Regie Joel Schumachers („Phone Booth“, „Twelve“) ist wirklich nichts auszusetzen. Es muss also die Frage erlaubt sein, ob die Autoren bei der Modellierung Underwoods nicht etwas ĂŒber die StrĂ€nge geschlagen haben. SchlieĂlich haben sie ihn als das personifizierte Böse modelliert. Eine etwas feiner strukturierte Charakterisierung wĂ€re hier wĂŒnschenswert gewesen. Oder ihn einfach mal auf die Fresse fallen lassen. Das wĂŒrde vorerst ausreichen.
Verfasser: Axel Schmitt am Montag, 4. MĂ€rz 2013(House of Cards 1x05)
Schauspieler in der Episode House of Cards 1x05
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei EpisodenfĂŒhrern?