Hindafing 1x06

Hindafing 1x06

2017 kann durchaus als das Jahr angesehen werden, in dem sich die deutsche Serie von der unüberwindlich erscheinenden Übermacht internationaler Formate emanzipiert hat. Überraschend ist dabei vor allem, dass sie von einem winzigen Format aus Bayern angeführt wird: Hindafing.

Was wollen die nur alle von mir? (c) BR
Was wollen die nur alle von mir? (c) BR
© as wollen die nur alle von mir? (c) BR

Die bayrische Provinzposse Hindafing hört genauso kompromisslos auf, wie sie angefangen hat, und genau das ist eines der Merkmale, das sie zur besten deutschen Serie dieses Jahres macht. Am Ende kommt alles brillant zusammen, und bleibt doch so, wie es schon immer war. Das aus Niklas Hoffmann, Rafael Parente und Regisseur Boris Kunze bestehende Autorenteam dieser BR-Dramedy hat Figuren erschaffen, denen man alles zutraut, im Guten wie im Schlechten, denen man aber auch Erfolg wünscht, und dann wieder das Gegenteil.

Eine Scheißidee

Sie haben schlichtweg hervorragende Charakterarbeit geleistet. Deshalb fällt auch gar nicht auf, dass die nur sechs Episoden umfassende Miniserie (über eine eventuelle Verlängerung ist bisher nichts bekannt) bis an den Rand vollgestopft ist mit Plot. Hier passiert so viel wie in anderen Serien in einer ganzen 22-teiligen Staffel nicht. Betrug, Korruption, Menschenschmuggel, Drogensucht, Brandstiftung, Konfessionswechsel, ja sogar Inzest und Mord - die fiktive bayrische Kleinstadt Hindafing ist wahrlich vor nichts gefeit. Und beinahe alles trägt die Handschrift des ambitionierten Bürgermeisters Alfons Zischl (Maximilian Brückner).

Bei ihm laufen alle Fäden zusammen, er ist ein moderner Sisyphos. Seine Absichten sind rein, seine Methoden jedoch nicht. Hat er einen Erfolg errungen, muss er andernorts schon wieder drei Brände löschen, von denen er möglicherweise einen selbst gelegt hat. Das ist wunderbar mitanzusehen, weil es mit genau der richtigen Mischung aus Komik und Dramatik daherkommt. Die Figuren sind nie nur Abziehbildchen, sondern haben alle eine Vorgeschichte, haben alle eigene Erlebnisse, die sie bewegen und motivieren. So ergibt am Ende alles ein schlüssiges Gesamtbild, das als wunderbarer Abschluss dient.

Mehr muss man davon gar nicht sehen, wenngleich es natürlich schön wäre, würde sich dieses Produktionsteam abermals zusammensetzen. In der Finalepisode Energiewende (die Serie ist derzeit bei Netflix zu sehen) beweist es, dass es eine Geschichte nicht nur aufsehenerregend beginnen und dann immer weiter steigern, sondern auch zu einem höchst zufriedenstellenden Ende führen kann. Im Mittelpunkt steht einmal mehr - wie könnte es anders sein? - unser guter Zischl. Der Crystal-Meth-abhängige Politiker hat viel durchgemacht in den letzten Tagen, was vor allem an seiner Drogensucht liegt.

Gleich zu Beginn wird Bürgermeister Zischl (Maximilian Brückner) mit dem Hochdruckstrahler malträtiert.
Gleich zu Beginn wird Bürgermeister Zischl (Maximilian Brückner) mit dem Hochdruckstrahler malträtiert. - © BR

Nun aber sieht es so aus, als könnte er als Gewinner aus diesem riesigen Schlamassel hervorgehen, das er selbst nur lapidar als „Pechsträhne“ bezeichnet. Zuvor muss er aber noch seine bislang vielleicht härteste Prüfung überstehen: den Entzug. Dass dies vielleicht eine gute Idee sein könnte, muss ihm allerdings ein Anderer sagen, der gar keine Ahnung hat, wie tief Zischl selbst im Drogensumpf steckt. Der Arzt seiner Ehefrau Marie (Katrin Röver), die in der vorletzten Episode eine Überdosis erlitten hatte, glaubt, dass sie die Schwerstabhängige ist und empfiehlt ihr deshalb einen Entzug.

Der ganze Bua ein Depp

Marie hält das für eine gute Idee, da sie an Amnesie leidet und sich gar nicht daran erinnern kann, überhaupt nichts mit Drogen am Hut gehabt zu haben. Die Worte, die der Arzt stellvertretend für sie an Zischl richtet, kommen trotzdem beim Richtigen an: Wer von der Sucht nicht loskommt, der klappt irgendwann einfach zusammen. Also genehmigt sich Alfons schweren Herzens einen letzten tiefen Zug, bevor er seinen geliebten Stoff im bayrischen Fahrtwind verteilt. Seine Laune wird hernach graduell schlechter - ganz so, wie es der Arzt prophezeit hat. Aber natürlich gibt es da noch mannigfaltige andere Probleme, die sein Leben zur Hölle machen.

Zum Beispiel hat er sich einmal mehr von Landrat und Saunafreund Pfaffinger (Jockel Tschiersch) bequatschen lassen, ein Großprojekt in die „Metropolregion Hindafing“ zu bringen. Nach dem gescheiterten Windpark und dem mit Fleischproduzent Goldhammer (Andreas Giebel) geplanten, aber wegen einer vom Landrat angeordneten Flüchtlingsunterkunft geplatzen Bioeinkaufszentrum „Donau Village“ ist das „Pilotprojekt zur Erdgasgewinnung“ aka Fracking also sein dritter Anlauf, aus Hindafing mehr als nur ein austauschbares Örtchen in der bayrischen Provinz zu machen.

Dieses Mal steht er jedoch nicht dahinter, dieses Mal sind die grauen Eminenzen im Hintergrund (also Pfaffinger, dessen Berater aus der Staatskanzlei und der chinesische Investor) zu weit gegangen. Für den Erfolg des Projekts ist Zischls plötzlicher Sinneswandel allerdings nicht weiter relevant: Längst ist es dem Konsortium gelungen, die übrigen Gemeinderatsmitglieder sowie Großgrundbesitzer Goldhammer zu korrumpieren. Da macht es auch nichts, dass die ersten Probebohrungen ein Erdbeben ausgelöst haben. Karli Spitz (Heinz-Josef Braun), Zischls einziger Konkurrent bei der Bürgermeisterwahl, den er nur mittels Wahlbetrug besiegen konnte, spielt liebend gerne das Zünglein an der Waage.

Beim Fußball wird gesoffen - und gemauschelt.
Beim Fußball wird gesoffen - und gemauschelt. - © BR

Ebenso überraschend ist Goldhammers Kehrtwende, der seinen Traum vom Bioland Hindafing, inklusive glücklicher Rinder auf grüner Weide, für eine viel düsterere Vision eingetauscht hat, was er im unvergleichlichen bayrischen Slang folgendermaßen verkündet: „Bio is' bloß a Mode. Billiglohn is' die Zukunft.“ Sein Traum: Größter Fleischproduzent Deutschlands werden. Seine Methode: Massenproduktion mit den aufgenommenen Flüchtlingen, die als billige Arbeitskräfte herhalten. Bitterböser geht es kaum, und das im ARD-Regionalprogramm.

Tragisch, aber wahr

Neben diesen großen Handlungsbögen gibt es viele kleine, die eine ähnlich schwarzhumorige Wucht entfalten. Da wäre zum Beispiel die inzestuöse Beziehung zwischen Felix (Frederic Linkemann) und Jackie Spitz (Kathrin von Steinburg) zu nennen, aus der ein Kind hervorgegangen ist, das jahrelang Zischl angehängt wurde, inklusive Erpressung. Oder die Liebesgeschichte zwischen Moritz Goldhammer (Roland Schreglmann) und der aus Libyen geflüchteten Shadi (Jasmina Al Zihairi), die sich mit ihrem nun zum Islam konvertierten Lover abermals auf die Flucht begeben muss, dieses Mal vor den deutschen Behörden, obwohl sie unschuldig ist.

Es gibt die unendlich zarte, bestürzende und doch irgendwie auch wahnsinnig lustige Geschichte von Pfarrer Kraus (Michael Kranz) und Flüchtling Amadou (Joel Sansi), zwischen denen eine zarte Liebe erblüht, die jedoch durch den unglücklichsten Zufall der gesamten Serie zerstört wird, als Amadou vom paranoiden Polizisten Erol (Ercan Karacayli) erschossen wird. Das Ganze ereignet sich - natürlich - in Zischls Keller, was dem aber in die Karten spielt, weil seine Machenschaften sonst von Erol aufgedeckt worden wären. Dafür, dass er selbst von einer Pechsträhne spricht, hat Zischl doch auch ganz schön viel Glück.

Und am Ende? Ja, da geht alles wieder von vorne los. Auf einer Ausstellung von Maries Malerei (die sie sich im Übrigen von Amadou geklaut hat) sieht Zischl so deprimiert aus wie eh und je. Das geht an Pfaffingers Berater Schrüll (Christian Lex) nicht unbemerkt vorüber. Also steckt er Zischl ein Päckchen Crystal zu und pflanzt eine Idee in seinem Kopf: Sobald das Frackingprojekt erwartungsgemäßg gescheitert ist, wird es einen neuen Landrat brauchen. Die Spirale beginnt sich wieder zu drehen. Zischl wird zugreifen. Er kann nicht anders.

Hindafing war meine Serienentdeckung des Jahres. Das Erfolgsgeheimnis der Miniserie ist nicht nur ihre Unerbittlichkeit gegenüber Geschichte und Figuren, sondern auch ihr schwarzer Humor und die darin versteckte Gesellschaftskritik. Sind wir nicht alle ein bisschen Amigo? Ein weiterer, nicht zu unterschätzender, Faktor ist die Besetzung. Allen voran Maximilian Brückner tanzt meisterlich auf dem schmalen Grat zwischen Karikatur und Antiheld, bei dem es lohnt, mitzufiebern. Aber auch der Rest des Ensembles glänzt durchgehend. Score, Sounddesign und visuelle Umsetzung holen aus dem kleinen Budget das Maximum heraus - rundherum ein gelungenes Werk.

Verfasser: Axel Schmitt am Samstag, 9. Dezember 2017
Episode
Staffel 1, Episode 6
(Hindafing 1x06)
Titel der Episode im Original
Energiewende
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Dienstag, 30. Mai 2017 (Das Erste)
Erstausstrahlung der Episode in Österreich
Freitag, 1. September 2017
Erstausstrahlung der Episode in der Schweiz
Freitag, 1. September 2017
Autoren
Niklas Hoffmann, Boris Kunz, Rafael Parente
Regisseur
Boris Kunz

Schauspieler in der Episode Hindafing 1x06

Darsteller
Rolle
Maximilian Brückner
Andreas Giebel
Katrin Röver
Petra Berndt
Michael Kranz
Ercan Karacayli
Johanna Bittenbinder
Kathrin von Steinburg
Jockel Tschiersch

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