Helgoland 513 1x01

© Sky
Das passiert in der Serie „Helgoland 513“
In der nahen Zukunft: Vor Jahren hat in Helgoland 513 ein tödliches Virus die Menschheit heimgesucht und innerhalb kürzester Zeit den Zusammenbruch der Zivilisation herbeigeführt. In Deutschland ist nur noch ein Ort sicher: das von der Außenwelt abgeschottete Helgoland. Auf der Insel leben 513 Menschen, denn mehr kann die Hochseezuflucht nicht ernähren. Um den Status Quo aufrechtzuerhalten, herrschen moralisch fragwürdige und brutale Gesetze. Wer die Regeln bricht, landet auf einer aus allen Einwohnern bestehenden Liste ganz unten. Eine Scheinabstimmung entscheidet darüber, wer sterben muss und wer noch eine Chance bekommt, sich auf der Insel zu bewähren.
Während auf dem Festland das Chaos herrscht, wähnen sich die Menschen auf Helgoland in einer trügerischen Scheinsicherheit. Doch während der Arzt Marek (Alexander Fehling) rücksichtslos Menschenversuche vornimmt, um endlich einen Impfstoff zu entwickeln, weckt der Reichtum des Refugiums Begehrlichkeiten beim „Grafen“ (Samuel Finzi), der in Hamburg eine Bande schwer bewaffneter Söldner anführt. Noch hat die „Bürgermeisterin“ Beatrice (Martina Gedeck) das Heft fest in der Hand, doch wie lange noch?
Kein Ende
Bevor wir näher auf die Geschichte sowie die Umsetzung derselben von „Helgoland 513“ eingehen, sei eingangs vorausgeschickt, dass sich ein näherer Blick auf die Serie leider nicht lohnt. Nicht, weil die Story schlecht, die schauspielerischen Leistungen nicht angemessen oder die visuelle Umsetzung mies wäre. Ganz im Gegenteil. Doch warum sollte man circa 300 Minuten Lebenszeit in eine Show investieren, die mit einem dicken Cliffhanger endet und von der schon vor der Veröffentlichung klar war, dass es keine Verlängerung geben würde?
Schuld an diesem bedauerlichen Umstand ist die Tatsache, dass Sky schon vor Monaten das offizielle Aus für deutsche Produktionen verkündete und damit auch klar war, dass „Helgoland 513“ nur diese eine Staffel erhält. Immerhin besteht vielleicht die kleine Chance, dass die Serienerfinder Veronica Priefer, Robert Schwentke und Florian Wentsch mit dem Projekt bei einem anderem Streaming-Anbieter oder bei einem der öffentlich-rechtlichen Sender unterkommen.
Die Prämisse
Zu wünschen wäre es ihnen, denn tatsächlich zeigt die deutsche Dystopie einige starke Ansätze, die durchaus einer näheren Erkundung wert gewesen wären. Die eigentliche Prämisse ist dabei denkbar einfach und ehrlich gesagt sogar ein wenig unlogisch, aber dennoch interessant. Ein Pockenvirus griff vor 15 Jahren weltweit um sich und hat innerhalb kürzester Zeit einen Großteil der Menschheit ausgelöscht. Die zivilisatorischen Strukturen brachen zusammen, seitdem herrschen Chaos, Gewalt und Kannibalismus. Nur auf der Hochseeinsel Helgoland hat sich das Virus nicht verbreitet.
Das ist vor allem der harten Inselführung unter der eiskalten ehemaligen Verkäuferin Beatrice zu verdanken, die restriktive Gesetze einführte und sich als Herrin über Leben und Tod aufspielt. Ihr zur Seite steht der Arzt Marek, der seine Frau an einen wütenden Mob verlor und mit allen Mitteln versucht, einen Impfstoff zu entwickeln. Gemeinsam mit einigen anderen Komplizen haben Beatrice und er während des Zusammenbruchs rund die Hälfte der Inselbewohner in den sicheren Tod gezwungen. Seitdem besteht die Einwohnerzahl auf Helgoland aus genau 513 Personen. Wird beispielsweise ein Baby geboren, muss eine Bewohnerin oder ein Bewohner dafür sterben.
Derartige Prämissen sind grundlegend im Dystopiegenre weit verbreitet und kamen in nicht unähnlicher Form beispielsweise schon im Science-Fiction-Klassiker „Logan's Run“ zum Einsatz. Neu ist, dass die Serienmacher hier geschickt mit einer Reihe moralischer und soziologischer Fragestellungen spielen und diese teilweise mit einer Prise schwarzen Humor gewürzt auf die Spitze treiben. Wer beispielsweise den Leitsatz einer fiktiven Spezies namens Vulkanier kennt, wird mit der Art, wie Helgoland von Beatrice geführt wird, schnell vertraut werden. Denn die Grundregel der Insel ist utilitaristischer Natur und zielt auf den Gedanken ab, dass das Leben vieler mehr wiegt als das von wenigen.
Starke Themen
In diesem Fall stimmt die Rechnung allerdings ohnehin nicht, weil Helgoland, wie wir im letzten Teil der Staffel erfahren, zu Beginn der Handlung von knapp 1000 Menschen bewohnt wurde, von denen Beatrice die Hälfte mit Waffengewalt in eine Fähre zum Festland steckte - und sie damit mitten in den Virusausbruch hineinschickte. Natürlich darf und soll man sich sogar die Frage stellen, wie man selbst handeln würde, wenn man wüsste, dass nur ein Teil einer Gruppe überleben kann. Wen würde man opfern und warum?
Wäre man überhaupt in der Lage, vermeintlich weniger nützliche oder schwächere Individuen zurückzulassen? Daran, dass man über solche Gedanken angewidert den Kopf schüttelt, hat in „Helgoland 513“ vor allem Martina Gedeck großen Anteil, die ihre Rolle als vermeintliche Lebensretterin wundervoll abstoßend spielt. An Beatrice gibt es nichts Sympathisches. Ihr Interesse gilt niemals anderen Menschen, sondern immer nur ihr selbst. Sie ist despotisch, machtgierig, skrupellos und berechnend.
Dennoch verfügt sie über ein gewisses Charisma und versteht es, andere Menschen an der schwächsten Stelle beim Schopf zu packen. So gelingt es ihr beispielsweise spielend, die Inselreporterin Lola (toll gespielt von Kathrin Angerer) nach ihrem Gutdünken zu manipulieren, die für sie angeblich alltägliche Videos für die Inselbevölkerung produziert. Diese versprühen aber auf dem Bildschirm einen bitterbösen Zynismus, wie sich schnell zeigt. Wenn Lola vor der Tafel mit dem 513 Namen steht und die drei Kandidaten wie in einem Quiz benennt, die sich möglicherweise bald die Klippe herunterstürzen müssen oder an einen Käfig gekettet im Watt ertrinken sollen, stockt einem ob der betont übertriebenen Leichtigkeit schier der Atem. In solchen Momenten spielt „Helgoland 513“ ihre Stärken voll aus und beweist, dass Dystopie wesentlich mehr kann, als hochglanzpolierte CGI-Bilder für die Kinoleinwand zu erzeugen.
Einen weiteren Seitenhieb verteilen die Macher auf die leider immer größer werdende Riege der Verschwörungstheoretiker und Populismusgläubigen. Markes Frau wird ausgerechnet in dem Moment brutal ermordet, als sie Patient Null und damit eine Chance auf ein Gegenmittel gefunden hat. Interessant ist dabei die vom Mob angeführte Begründung, dass das Virus von Wissenschaftlern gezüchtet worden sei, die man nun für das Ende der Welt büßen lassen wolle. Bei solchen Bildern fühlen sich geschichtlich einigermaßen versierte Zuschauende unangenehm an die blutige und menschenverachtende Kulturrevolution und den Roten August 1966 in Peking erinnert, dem hunderte Akademiker und Lehrer grundlos zum Opfer fielen.
Der Kerngedanke hinter solchen Szenen ist klar: aufzuzeigen, dass der Deckmantel der Zivilisation sehr dünn ist und jederzeit reißen kann, wenn ein Anführer oder eine Anführerin die Massen nur genug anstachelt. Angst ist dabei von jeher ein probates Mittel, um eine Massenhysterie auszulösen und eigentlich friedliche Menschen in einen rasenden Pöbel mit schwingenden Fackeln und Mistgabeln zu verwandeln.
Längen
All das macht „Helgoland 513“ großartig, so dass aus der Serie durchaus eine kleine Perle hätte werden können, wenn man ihr einerseits mehr Zeit in Form von weiteren Staffeln gewährt, die Episodenzahl andererseits aber dafür auf sechs gekürzt hätte. Vornehmlich im letzten Drittel schleichen sich nämlich hier und da dann doch einige wenige Längen ein, die vor allem in den Folgen vier und fünf zum Tragen kommen.
Die eigentliche Handlung um den Grafen, der die Insel erobern möchte, hätte stellenweise schlicht mehr Straffung vertragen, zumal der auf das Festland verbannte Sohn von Beatrice namens Hendrik (Lászó Breiding) trotz seiner hemmungslosen Gewaltausbrüche letztlich blass und nichtssagend bleibt. Sicherlich ist die Figur für die Weiterführung des Plots wichtig, doch das ständige Schwanken zwischen Brutalo und jammern (man verzeihe mir die harten Worte) lassen den Charakter zu einer Nervensäge avancieren, die man nicht einmal richtig hassen mag.
Wesentlich besser funktioniert da das Beziehungsgeflecht auf der Insel, etwa das zwischen Lolas Tochter Fiona (Tijan Marei) und ihrem Freund sowie ihrer Mutter. Fiona ist rebellisch, eigensinnig und oft genug unsympathisch, bleibt aber stets nachvollziehbar. Auch der Techniker Ewelike (Selam Tadese) fügt der Atmosphäre der Staffel wichtige Facetten hinzu. Er bricht das Gesetz, in dem er heimlich ein Funkgerät baut, tut dies jedoch nur, um seine Frau zu retten, die einsam auf einem Boot lebt. Er gerät im Verlauf der Serie ins Visier von Beatrice, die jeden vermeintlichen oder potentiellen Gegner ausschaltet um jeden Widerspruch im Keim zu ersticken.
Last, but not least sind da noch Marek und sein Sohn Linus (Tobias Resch), der einer der wenigen wirklich unschuldigen Menschen auf der Insel ist und sich beim Versuch, ein Gegenmittel zu finden, infiziert. In Episode sieben beichtet Marek dem sterbenden Linus, dass er an der Ermordung von fast 500 Menschen beteiligt war, um ihn zu retten. Dennoch empfindet man dank der starken Schauspielleistung von Alexander Fehling Mitleid mit der Figur, weil der Arzt zwar immer wieder moralisch falsch handelt, aber dennoch zumindest versucht, die Menschheit zu retten. Er ist sich darüber bewusst, dass ein Weg zur Hölle mit massenhaften guten Absichten gepflastert ist und versucht seinen Taten letztlich einen Sinn zu verleihen, der mit Linus' Tod aber jede Motivation verliert. Dass er dabei einen Hauch à la Josef Mengele nicht verleugnen kann, ist offensichtlich.
Fazit
Wie man vielleicht aus dem bisherigen Text herauslesen kann, ist „Helgoland 513“ also trotz einiger weniger Längen intelligent geschriebenes Fernsehen mit Sinn und Verstand, dem man aber schon vor der Ausstrahlung der Staffel den Todesstoß versetzte. Die Finalfolge endet leider mit einem spannenden Cliffhanger, der das ohnehin zum Zerreißen angespannte politische Gefüge auf der Insel möglicherweise vollkommen verändert und die Karten neu gemischt hätte. Es ist sehr schade, dass wir nun höchstwahrscheinlich nicht mehr miterleben, wie sich die Geschichte weiterentwickelt.
Dennoch vergeben wir für das bisher Geleistete vier von fünf Punkten.
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Hier abschließend noch der Trailer zur Serie „Helgoland 513“, die bei Sky One und den Sky-Streamingdiensten zu finden ist:
Verfasser: Reinhard Prahl am Montag, 18. März 2024Helgoland 513 1x01 Trailer
(Helgoland 513 1x01)
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