Heels 1x01

Heels 1x01

In letzter Zeit nehmen Wrestlinginhalte im Serienbereich zu. Doch bisher hat sich keiner so realistisch mit dem Independent-Wrestling auseinandergesetzt wie die neue Serie Heels, die ab sofort bei Starzplay und Starz weltweit zu sehen ist. Stephen Amell und Alexander Ludwig spielen die Brüder im Zentrum.

Szenenfoto aus der Serie Heels (c) Starz/Starzplay
Szenenfoto aus der Serie Heels (c) Starz/Starzplay
© zenenfoto aus der Serie Heels (c) Starz/Starzplay

Wrestlinglaufbahnen werden in letzter Zeit gerne humorig aufgearbeitet: Young Rock, The Big Show Show oder der Spielfilm „Fighting with My Family“ sind mal mehr und mal weniger biografisch akkurate Aufarbeitungen der Wrestler, die man als The Rock, Big Show oder Paige kennt. Auf dramatischer Ebene macht wohl kaum einer dem oscarnominierten Film „The Wrestler“ von Regisseur Darren Aronofsky mit Mickey Rourke als Altstar der Szene etwas vor. Zu Zeiten der WCW gab es außerdem einen Film namens „Ready to Rumble“ mit Kurzzeit-Champion (fragt besser nicht) David Arquette. Nun wagen sich Michael Waldron (Loki, Rick and Morty) und Starz respektive Starzplay in Zusammenarbeit mit den Hauptdarstellern Stephen Amell (Arrow) und Alexander Ludwig (Vikings) an eine Aufarbeitung heran, die Indiewrestling mit Kleinstadtcharme der Marke Friday Night Lights vereint.

Ich konnte vorab die ersten vier der acht Episoden von Heels anschauen und bin als jahrelanger Wrestlingfan durchaus angetan, denn man merkt, dass Liebhaber der Unterhaltungsform das Sagen haben.

Worum geht es in Heels?

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Starz/Starzplay - © Starz/Starzplay

Im Zentrum stehen die beiden Brüder Jack (Stephen Amell) und Ace Spade (Alexander Ludwig), die die Stars der DWL aka Duffy Wrestling League in Duffy, Georgia sind. Nach dem Tod des Vaters trägt Jack dafür die Verantwortung und ist als Booker tätig. Das bedeutet, er schreibt die Shows, legt die Storylines und Ausgänge fest und ist obendrein selbst noch der amtierende Champion der kleinen Liga, die ungefähr auf dem Niveau von „Ring of Honor“ agiert, nur eben lokal und nicht landesweit. Jack spielt im Ring dabei den Bösen (im Jargon auch „Heel“), während sein Bruder den Guten (laut Jargon „Babyface“/„Face“) mimt.

Im echten Leben sind die Rollen jedoch vertauscht. Jack ist ein Familienvater und bemüht sich, ein Vorbild zu sein, während sein Bruder jung und ungestüm ist und sich gerne mit den Stadtbewohnern privat anlegt, zu tief ins Glas schaut oder sich sonstige Skandale einhandelt. Ace steht vom Momentum her kurz vor einem großen Sieg gegen seinen Bruder. Doch der muss sich die Frage stellen, ob der unreife Ace bereit für die damit einhergehende Verantwortung ist, zumal ein Talentscout bereits zum Zuschauen angereist ist, um ihn womöglich für seine Liga abzuwerben. Was macht Jack? Lässt er den Titel wechseln? Stellt er seinen Bruder absichtlich bloß, um die Liga zu schützen oder vertraut er seinem Versprechen für die Zukunft?

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Starz/Starzplay - © Starz/Starzplay

Die meiste „In-Ring-Action“ der bisherigen vier Folgen kann man in der aufwändigen Pilotepisode sehen. Dort kommt die Stimmung des lokalen Indiewrestlings sehr gut rüber. Man gibt sich bei den Choreografien, den Kostümen, den Einmärschen, den Charakteren sowie deren Gimmicks große Mühe. Auch dabei, dass man eben nicht die WWE, WCW, New Japan oder AEW ist, was die Präsentation angeht, sondern ein paar Stufen darunter, also vielleicht eher WxW, Progress oder RoH. Hauen und Pappe kommt hier zum Einsatz, ebenso wie eine familienlastige Do-It-Yourself-Mentalität, in der die Frau von Jack beispielsweise wie einst Mutter Space die Kostüme schneidert. Eine, in der man lokale Werbungen schaltet, um auf die Shows aufmerksam zu machen, in der die Mittel und die Anzahl an potentiellen Zuschauern, die die Shows besuchen, irgendwo auch limitiert sind. Für Jack ist es eine Art Familiensache, weil er das Erbe des Vaters fortsetzt. Ace würde als Jungspund gerne mal sehen, was die große weite Welt für ihn im Angebot hat. Das ist somit auch einer der zentralen Konflikte der Serie. Was möchte man erreichen? Ist das Familienband stärker als finanzielle Angebote von außen? Wann ist es richtig (und auch wirtschaftlich angebracht), die Gesinnung im Ring zu wechseln? Denn ein guter Bösewicht bringt die Zuschauer heran, die sehen wollen, wie er irgendwann vom strahlenden Babyface besiegt wird. Doch was dann? Oftmals lieben es Wrestlingligen nämlich, den Helden den Schurken monatelang jagen zu lassen und zögern den finalen Moment so lange wie nötig und möglich heraus. Das geht aber natürlich dann etwas besser, wenn man wöchentliche TV-Shows hat, statt nur unregelmäßige Liveshows (auch bekannt als „House Shows“, wenn keine Kamera läuft). Die DWL probiert sich an allerhand modernen Methoden, wie zum Beispiel die Shows online anzubieten oder mit Social Media die Werbetrommel zu rühren. Doch irgendwann ist beim aktuellen Geschäftsmodell immer Schluss...

All das sind für die Fans sicherlich spannende Elemente des Wrestling-Games, die recht authentisch behandelt werden. Ob casual fans und Zuschauer davon abgeholt werden, muss sich zeigen. Nischig ist und bleibt die Serie nämlich trotz bekannter Namen. Allein schon wegen der Sendeheimat, die bisher eher respektable Hits hatte statt Zuschauermagneten. Vielleicht kann Heels das aber auch unverhofft ändern, da Starzplay weltweit sicherlich auch immer weiter wachsen kann.

Während die erste Episode durch Wrestlinginhalte besticht, gehen die weiteren Folgen, die ich bisher gesehen habe, dann ausführlicher auf das normale Arbeitsleben und die privaten Angelegenheiten der „Sports Entertainer“ ein. Denn in der DWL kann keiner nur vom Showkampf leben. Jack verkauft etwa Rasenmäher, kann dabei aber seine larger than life-Rolle selten ablegen. Ace muss zu sich selbst finden und ihn locken lukrative Angebote, bei denen er sich dann oft genug aber selbst im Weg steht. Zudem lernen wir zahlreiche Talente kennen, die groß rauskommen oder zumindest in der lokalen Liga auf den Durchbruch hoffen. Denn natürlich kann es meistens nur wenige Leute an der Spitze geben, während andere lange Zeit auf ihre Titelchance warten.

Das Talent-Roster

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Starz/Starzplay - © Starz/Starzplay

Crystal (Kelli Berglund) ist ein sogenanntes Valet, also die Ringbegleitung von Ace, die gerne mehr erreichen würde, als nur schön auszusehen - sie würde auch gerne mal in den Ring steigen oder Ideen einbringen. Im Privaten kommt sie mit Ace zusammen. Ihr Talent liegt jedoch auch im Ideenbereich und bei der Charakterarbeit, was zunächst nicht ganz ernst genommen wird, mit der Zeit verdient sie sich aber den Respekt von Jack und Co und sie hilft einem Kollegen bei der Weiterentwicklung seiner Figur. Staci Spade (Alison Luff) ist Jacks Frau und die Mutter seines Sohnes, der wiederum großer Fan seines Onkels Spade ist. Staci muss sich die Frage stellen, ob es ihr reicht, als Hausfrau und Aushilfe in der Liga glücklich zu werden oder ob sie vielleicht eher eigene Karrierepläne schmiedet. Besonders, als sie die Mutter von Jack und Ace kennenlernt, sieht sie ein, dass man sich selbst absichern muss, falls der Partner plötzlich nicht mehr da ist. Was mit dem Vater geschieht, soll hier nicht explizit verraten werden, allerdings zeigt ein Flashback sein Schicksal, was maßgeblich für die aktuelle Lage der Brüder verantwortlich ist. Bisweilen ist das auch ein großer wunder Punkt für beide, wenn etwa Stadtbewohner sie damit provozieren.

Das Ensemble der Serie ist überaus charismatisch. Die Verkörperung der Doppelrollen gelingt Amell und Ludwig gut. Bei Amell wird man dennoch manchmal nicht ganz den Eindruck los, dass er etwas in seiner Bandbreite begrenzt ist. Actionrollen kann er sehr gut, wenn es dann um Emotionalität geht, wirkt er trotz oder wegen jahrelanger Arbeit bei Arrow manchmal hölzern oder stoisch. Die Nebenfiguren können sich ebenfalls sehen lassen. Die hübsche und charmante Berglund als Crystal schließt man sicherlich schnell ins Herz und spätestens, als sie in einem Barkampf mal zeigt, aus welchem Holz sie geschnitzt ist, hat sie dann auch bei den boys einen Steinen im Brett.

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Ludwig macht es den Zuschauern leicht, ihn im Ring zu mögen, aber privat zu hassen. Genau diese Mischung würde man bei manch echtem Entertainer wahrscheinlich auch vermuten, wobei ich das nie so richtig mit Gewissheit sagen kann. Chris Bauer ist als Wild Bill dabei. Eine Skandalnudel, der eine Mischung aus Alt-Star, Talentscout und Manager ist und Ace überzeugen soll, die Lager zu wechseln. Wenn man das Business etwas kennt, fühlt man sich bei Wild Bill auf jeden Fall an einige Old-School-Persönlichkeiten erinnert.

Willie (Mary McCormack, In Plain Sight) ist die Geschäftspartnerin von Jack, die sich viel um administrative Aufgaben und die Geschäftsführung kümmert. Sie ist taff und hat das meiste schon gesehen, weswegen man ihr nicht so schnell etwas vormachen kann. Auch sie wird in der ersten Staffelhälfte in die eine oder andere Storyline verwickelt, die durchaus kontrovers ist. Beispielsweise etwas mit Wild Bill, was man am besten selbst entdeckt. McCormack steht die Rolle gut zu Gesicht.

Was neben dem Wrestling und den Privatleben eine große Rolle spielt, ist außerdem das Americana-Flair und das Kleinstadtleben, etwa wenn Figuren sich auf den Wasserturm zurückziehen, um nachzudenken oder sich zu unterhalten, wenn es Abstecher in die örtliche Kneipe gibt, in der man auf potentielle Zuschauer trifft, oder wenn man Deals mit lokalen Autohändlern aushandelt, um die eigene Firma zu unterstützen, die irgendwo ständig ums Überleben kämpft.

Das alles sind Aspekte, die mich tatsächlich zum Durchziehen der vier Episoden gebracht haben. Aber auch der eine oder andere Gaststar wie Phil Brooks aka CM Punk und die Wrestlingaction, die tatsächlich recht gut inszeniert ist, sind Einschaltgründe für „Heels“. Manchmal tendieren die einstündigen Folgen vielleicht dazu, sich etwas zu sehr im interpersonellen Familiendrama zu verlieren und es gibt sicherlich auch einige Momente, die sich dann etwas langweilig anfühlen. Die erste und die dritte Folge bieten am meisten Wrestlingaction und gefallen mir entsprechend auch etwas besser als manch andere Folge, doch auch abseits vom Ring gibt es genug Kurzweiliges, um dranzubleiben.

Was bei Starz-Serien zudem auch nicht fehlen darf, sind ständige Sex- und Nacktszenen, die sich nicht immer ganz organisch anfühlen, sondern eher schon wie ein Mandat von der Senderführung, um mal etwas freizügiger zu sein. Das hat das Format zwar nicht nötig, ein großes Problem damit habe ich aber nicht. Es ist nur auffällig, dass so etwas so oft bei Starz passiert. Man muss nur mal Vida oder Run The World heranziehen. Allerdings gilt Starz in den USA eben auch neben Showtime und HBO als großer Pay-TV-Anbieter, bei dem man eben auch das anbieten kann, was Networks und normale Kabelsender weniger bieten. Für uns Europäer ohnehin wahrscheinlich weniger ein Problem als für die amerikanischen Zuschauer.

In der vierten Folge wird dann auch das sehr interessante Thema einer gescheiterten Persönlichkeit angedeutet, von der es im Wrestling leider viel zu viele gibt. Oftmals starben Helden der 80er, 90er und 2000er nämlich viel zu früh - wegen Süchten oder anderen psychologischen Problemen und Druck. Auch vor solchen Themen scheint „Heels“ nicht zurückzuschrecken.

Fazit

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Starz/Starzplay - © Starz/Starzplay

Alles in allem ist Heels eine spannende Annäherung an das Wrestlingbusiness aus einer Sichtweise, in der vor allem lokale, kleine Ligen in den Fokus rücken. Man merkt, dass auf kreativer und darstellerischer Ebene Fans involviert sind, die mit Liebe für Details und Fachbegriffe ein sehenswertes Projekt für alle Fans und solche, die es werden wollen, umgesetzt haben. Es wird genug erklärt, um alles zu verstehen und auch langjährige Fans dürften auf ihre Kosten kommen, weil sie gewisse Dinge wiedererkennen.

Ich bin außerdem gespannt, ob es einen Langzeitplan gibt und wohin die Reise führen wird. Nach den ersten vier Folgen kaufe ich mir also weitere Tickets für die DWL-Shows und möchte gerne sehen, wie der Bruderzwist sich entwickelt.

Mehr zur Serie findet Ihr auch in unserem exklusiven Interview-Feature.

Hier abschließend noch der Trailer zur neuen Serie „Heels“:

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Verfasser: Adam Arndt am Sonntag, 15. August 2021

Heels 1x01 Trailer

Episode
Staffel 1, Episode 1
(Heels 1x01)
Titel der Episode im Original
Kayfabe
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Sonntag, 15. August 2021 (Starz)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Sonntag, 15. August 2021
Erstausstrahlung der Episode in der Mediathek
Sonntag, 15. August 2021
Erstausstrahlung der Episode in Österreich
Sonntag, 15. August 2021
Autor
Michael Waldron
Regisseur
Peter Segal

Schauspieler in der Episode Heels 1x01

Darsteller
Rolle
Alexander Ludwig
Ace
Alison Luff
Kelli Berglund
Allen Maldonado
James Harrison Jr.
Trey Tucker
Robby Ramos

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