Die neue AMC-Serie Halt and Catch Fire beginnt vielversprechend. Wenngleich die Geschichte selbst noch nichts Außergewöhnliches bietet, schafft die Pilotepisode ein überzeugendes Stimmungsbild der frühen 80er Jahre. Dazu steuern vor allem die tollen Bilder und der großartige Soundtrack bei.

Gordon (Scoot McNairy), Cameron (Mackenzie Davis) und Joe (Lee Pace) bestaunen den Einmarsch einer Armee. / (c) AMC
Gordon (Scoot McNairy), Cameron (Mackenzie Davis) und Joe (Lee Pace) bestaunen den Einmarsch einer Armee. / (c) AMC

Die Autoren der neuen Retroserie Halt and Catch Fire verpacken eine originelle Story in weniger originelle Einzelgeschichten. Zu Beginn der Pilotepisode erklären sie den Serientitel: „An early computer command that sent the machine into a race condition, forcing all instructions to compete for superiority at once. Control of the computer could not be regained.“ („Ein früher Computerbefehl, der die Maschine in eine Wettlaufsituation versetzt, was alle übrigen Anweisungen dazu zwingt, um die Vorherrschaft zu kämpfen. Die Kontrolle des Computers war dadurch verloren.“)

Vielversprechender Auftakt

Wenngleich ich wahrlich kein Computerexperte bin (und deshalb auch nicht mit vielen computerspezifischen Metaphern werde aufwarten können), so ist diese Definition eindeutig auf die Hauptfigur der Serie gemünzt. Joe MacMillan (Lee Pace) ist ein smarter, gutaussehender, aalglatter Businesstyp mit mysteriöser Vergangenheit, der in den ersten Szenen mit seinem Porsche ein Gürteltier überfährt, eine renitente Informatikstudentin flachlegt und sich einen neuen Job als Verkäufer bei der Technologiefirma Cardiff Electric angelt. Er will sich mit dem verkannten Computergenie Gordon Clark (Scoot McNairy) zusammenschließen, um mit ihm gemeinsam einen IBM-Computer nachzubauen.

In der Pilotepisode bleibt indes unklar, was MacMillans Motivation ist, es wird nämlich schnell klar, dass er kein Computerexperte ist. Warum brennt er also für die Idee, einen besseren Computer zu bauen als den, der von der großen „BlueChip“-Konkurrenz angeboten wird - und der dem Konzern ein Beinahe-Monopol verleiht? Ist er eine Art Don Quijote, der gegen die Übermacht eines einzigen Unternehmens kämpfen will? Oder treibt ihn die Suche nach Ruhm und Reichtum an? Letzteres dürfte nicht der Fall sein, macht MacMillan doch zumindest äußerlich den Eindruck, als habe er nicht unbedingt Probleme damit, schnelles Geld zu verdienen.

Gestatten: Die zentralen Charaktere von %26bdquo;Halt and Catch Fire%26ldquo;. © AMC
Gestatten: Die zentralen Charaktere von %26bdquo;Halt and Catch Fire%26ldquo;. © AMC

Bei einem ersten Verkaufsgespräch für seinen neuen Arbeitgeber wird indes deutlich, dass er für die Idee eines besseren, schnelleren und einfacher zu bedienenden Personal Computer brennt - zumindest, wenn man nach der Leidenschaft urteilt, die er in dem Gespräch an den Tag legt. Mich hat der Inhalt des Gesprächs nicht wirklich mitgerissen - es fühlte sich vielmehr so an, als hätten die Autoren einen ausgeschlachteten Motivationssatz an den nächsten gereiht. Sein Kollege Gordon, den er zu dem Gespräch mitgeschleppt hat, kommentiert das still mit einem hämischen Grinsen. Die potentiellen Kunden zeigen sich jedoch beeindruckt.

Joe MacMillan - der Don Draper der 80er

Jedoch hat MacMillan nicht bei Cardiff angefangen, um möglichst viele Rechenmaschinen und Computerlösungen zu verkaufen. Sein eigentliches Ziel ist es nämlich, an Gordon Clark heranzukommen. Gordons visionärer Artikel im Computermagazin Byte hat ihn aufhorchen lassen. Er glaubt, Gordon sei genau der richtige für sein Vorhaben. Rätselhaft ist wiederum MacMillans Vorgehen. Er stößt Gordon mehrmals vor den Kopf und verstört ihn mit seiner herablassenden Art - nur um ihn danach zu überzeugen, bei dem riskanten Projekt mitzumachen.

Der Überzeugungsprozess gehört zu den weniger gelungenen Sequenzen der Auftaktepisode - vor allem auch, weil sich dieser Prozess am Ende noch einmal wiederholt. Es gehört zu den am meisten ausgelutschten TV-Tropen, dass eine Person, die einer neuen Idee zunächst abgeneigt gegenübersteht, überzeugt werden muss. MacMillan schafft es schließlich mit Ambition und verquerem Charme, sowohl Gordon als auch Cameron Howe (Mackenzie Davis) umzustimmen. Diese Szenen sind jedoch die uninteressantesten, sind sie doch vorhersehbarer als eine Ampelschaltung.

Im Meeting wird das neue Trio von Cardiff-Manager John Bosworth (Toby Huss; r.) zusammengestaucht. © AMC
Im Meeting wird das neue Trio von Cardiff-Manager John Bosworth (Toby Huss; r.) zusammengestaucht. © AMC

MacMillan gelingt es, Gordon umzustimmen, indem er ihn daran erinnert, welch visionäre Arbeit er einst geleistet habe. Den Byte-Artikel mit dem Titel „The Future of Open Architecture“ („Die Zukunft offener Architektur“) bezeichnet er als „treasure map“, als „Schatzkarte“. Gordon ist zunächst renitent, erinnern ihn seine damaligen Visionen doch schmerzlich daran, dass er sich und seine Familie damit einst beinahe um die Existenzgrundlage gebracht hätte.

Gordon, der Visionär

Seine Ehefrau Donna (Kerry Bishé) muss ihn zu Beginn aus der Ausnüchterungszelle abholen, weil er seine Tage nach dem Zusammenbruch des eigenen Projekts damit verbringt, einen Job abzusitzen, der ihn emotional nicht erfüllt, und die Stunden danach im Alkohol zu ertränken. Er ist ein Geist im eigenen Haus, hat kein Interesse an seinen Kindern, hilft nicht bei der Hausarbeit und gerät immer weiter in einen depressiven Abwärtsstrudel.

Donna ist ebenfalls Informatikerin, sie arbeitet bei Texas Instruments. Gemeinsam hatten sie einst versucht, ein eigenes Unternehmen zu gründen und mit dem Modell „Symbonic“ einen eigenen Computer auf den Markt zu bringen. Sie liehen sich dazu Geld von Donnas Vater, als der sich jedoch weigerte, weitere Investitionen zu tätigen, war das Projekt zum Scheitern verurteilt. Gordon hängt jedoch heute noch daran: „The 'Symbonic' was the best thing your dad ever did“, erzählt er voller Resignation seinen Kindern. („Der 'Symbonic' war das beste, was Euer Vater je auf die Beine gestellt hat.“)

Ein Slapstick-Moment; der für mich bestens funktionierte. © AMC
Ein Slapstick-Moment; der für mich bestens funktionierte. © AMC

Von Donna hat er sich hernach das Versprechen abringen lassen, keine solche Abenteuer mehr einzugehen. Seitdem streift er als leere Hülle seiner selbst durch das graue Büro und den ebenso grauen Alltag. Eines kann über Halt and Catch Fire indes wahrlich nicht behauptet werden - dass es der Serie an Farbe fehlen würde. Die Kamera, die mehrmals im schrägen Winkel aufgestellt ist, produziert wunderbar poppige Farben, unter anderem, als MacMillan und Clark in einer nächtlichen Geheimaktion den IBM-Computer nachbauen.

Tolle Farben, schöne Bilder

Die technische Umsetzung dieses Piloten ist eine der Stärken der Episode. Es gibt viele Montagen, die - mit einem tollen Soundtrack unterlegt - an die großartigen Montagen aus Breaking Bad erinnern. Sowieso erinnert Gordon Clark in seiner depressiven Unterschätztheit und offensichtlichen Unsicherheit ein bisschen an Walter White. Sein Counterpart MacMillan wäre demnach der Don Draper, wenn man bei der Analogie zu anderen AMC-Serien bleiben will. Aus diesen Formaten scheint auch der feine Humor entlehnt zu sein, der manchmal subtil (der Fön-Witz), manchmal weniger subtil (der Kurzschluss) daherkommt, mich jedoch mehr als einmal zum Lachen brachte.

Insgesamt fühlt sich die Pilotepisode von Halt and Catch Fire tatsächlich so an, als hätte man sich im AMC-Geschichtenpool bedient und diverse Elemente in ein originelles Setting verpflanzt (wenngleich das Setting angesichts der neuen HBO-Comedy Silicon Valley gar nicht mehr so originell ist). Dank einer starken Besetzung (auch die Nebenrollen, zum Beispiel Donna Clark oder MacMillans Chef John Bosworth (Toby Huss), sind glänzend besetzt), einer sehr ansehnlichen optischen Umsetzung und einem großartigen Soundtrack (wozu im Übrigen auch der sehr coole Vorspann gehört) fallen diese Kritikpunkte jedoch weniger stark ins Gewicht.* Bei mir hat die Pilotepisode großes Interesse geweckt, ich werde auf jeden Fall für weitere Episoden dabeibleiben - und darauf hoffen, dass die Charaktere fortan weniger statisch und vorgestanzt wirken.

*Ich konnte als eingesetzte Künstler bisher The Clash, The Vandals und XTC identifizieren. Leider erkenne ich den grandiosen Song nicht, der während der Schlussmontage läuft, als die IBM-Anwaltsarmee bei Cardiff einmarschiert. Könnte das ein Bonobo-Track sein? Vielleicht weiß ja einer unserer Leser mehr. Würde mich freuen.

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