Gypsy 1x10

© ïżœïżœGypsyâ / (c) Netflix
Auf den ersten Blick kommt Gypsy etwas zĂ€h und inhaltsleer daher. Doch wenn man genauer hinschaut, ist es gerade die langsame ErzĂ€hlweise und das Nicht-Gesagte, was den Zuschauer in den Bann des Netflix-Dramas zieht. Ăber zehn Episoden verfolgt man den schleichenden VerĂ€nderungsprozess der Psychotherapeutin Jean Holloway gespielt von Naomi Watts. Mehr mit Blicken und Gesten nimmt Watts den Zuschauer mit auf eine Reise in ihr Seelenleben. Die versteckten Botschaften aus dem Leben einer Frau, die eigentlich alles hat und genau das beginnt in Frage zu stellen, spricht sicherlich viele an. Und genau diese Thematik und die Tatsache, dass sich Jean StĂŒck fĂŒr StĂŒck in eine Richtung bewegt, deren Ziel niemals klar wird, macht die erste Staffel von „Gypsy“ unterschwellig spannend.
Ihr Leben scheint perfekt. Jean Holloway arbeitet als Psychotherapeutin in einer Gemeinschaftspraxis. Eine Kollegin ist ihre beste Freundin. Ihr Mann Michael (Billy Crudup) ist ein erfolgreicher Architekt. Ihre Tochter Dolly ist selbstbewusst und weiĂ, was sie will. Das Innere ihres Hauses könnte einem Einrichtungskatalog entsprungen sein. Sie selbst ist attraktiv und faszinierend. Das weiĂ auch ihr Mann, denn das Sexleben der Eheleute ist recht erfĂŒllt. Doch genau wie bei der Serie selbst, muss man bei Jeans Leben genauer hinschauen, um zu verstehen. Dann nĂ€mlich bemerkt man die kleinen aber tiefen Risse im sich als so einwandfrei prĂ€sentierenden Leben der Holloways. Dolly wĂ€re lieber ein Junge anstatt ein MĂ€dchen. Damit sorgt sie an der Schule und bei den etwas pikierten Helikopter-MĂŒttern fĂŒr allerlei Aufruhr. Dass Michael seine Familie liebt und dennoch öfter ganz knapp an einer AffĂ€re mit seiner Assistentin Alexis (Melanie Liburd vorbeischlittert, bleibt nicht verborgen. Jeans Kontakt zu ihrer Mutter ist von eher schwieriger Kommunikation geprĂ€gt. Und so nah, dass sie ihrer besten Freundin von den jĂŒngsten Entwicklungen erzĂ€hlt, sind sich die beiden dann doch nicht.
Hinzu kommt Jean selbst. Ihr Ausbruch aus den bisherigen Strukturen ist das Zentrum von „Gypsy“. In ihrer Rolle als Therapeutin beginnt sie Grenzen zu ĂŒbertreten, indem sie Kontakt zu nahen Angehörigen ihrer Patienten sucht. Und das ist der rote Faden der ersten Episoden. GrenzĂŒberschreitung und ein Ausstieg aus der Angepasstheit. Das wird in allen Handlungen Jeans deutlich. Sie fĂ€ngt an, offensiv und direkt Sex von ihrem Mann zu fordern. Sie erhöht ihren Alkoholkonsum enorm und wechselt von Wein auf Whiskey. Sie schneidet die Haare ihrer Tochter kurz und zeigt damit allen an der Schule bildlich den Mittelfinger.
Trotz aller Offensichtlichkeit, bleibt Jeans kompletter Charakter doch verborgen. Wir bekommen zwar nacheinander ein Bild von dem, was sie umtreibt und wie sie tickt, aber ganz verstehen wir sie nicht. Was sie wirklich will und wo genau sie hingeht, wird auch mit Ende der ersten Staffel nicht deutlich. Zu oft schwankt sie zwischen verschiedenen Optionen. Zu wenig spricht sie ehrlich ĂŒber das, was sie bewegt. Aber genau diese Zerrissenheit prĂ€sentiert Naomi Watts in groĂartiger und ehrlicher Form. Damit schafft sie es diejenigen zu erreichen, deren saubere Lebensfassade auch schon einmal zu bröckeln begann. Am klarsten zeigt sich ihr Ausbruch aus bestehenden Strukturen in der AffĂ€re mit der Barista Sidney, die Exfreundin ihres Patienten Sam (Karl Glusman). Sophie Cookson brilliert an der Seite von Watts, auch wenn ihr Charakter weit weniger vielfĂ€ltig ist. Doch sie deutet an, wozu sie in der Lage ist. Auch in dieser Beziehung kann sich Jean nicht entscheiden. Erst kĂŒsst sie Sidney, dann geht sie auf Abstand, als nĂ€chstes fĂ€hrt sie in ihre Wohnung und dann reagiert sie nicht mehr auf Nachrichten von ihr. Bis zum Schluss weiĂ der Zuschauer nicht, welche GefĂŒhle sie fĂŒr Sidney hegt und wie es fĂŒr die beiden weitergeht.
ĂberflĂŒssig hingegen wirken die Geschichten von Jeans anderen Patienten. Da haben wir zum einen Allison (Lucy Boynton), die offenbar ein Drogenproblem hat und der eine Bezugsperson fehlt. Und zum anderen geht es um Claire (Brenda Vaccaro), die ein gestörtes VerhĂ€ltnis zu ihrer Tochter hat. Beide Geschichten wirken eher nebensĂ€chlich und haben auch nicht viel an Inhalt zu bieten. Es bleibt abzuwarten, ob sie irgendwann an Bedeutung gewinnen oder eher störende Nebenhandlungen bleiben.
Fazit:
Gypsy serviert nichts auf dem Silbertablett. Der Zuschauer muss schon Interesse mitbringen, um das Netflix-Drama zu verstehen. Doch wenn man sich darauf einlĂ€sst, wird man in die Tiefe geholt und gleichzeitig auf Abstand gehalten. Das macht die Handlung trotz ruhiger ErzĂ€hlweise so spannend. Weil nie klar ist, was als nĂ€chstes passiert. Der Plot liefert keine Aneinanderreihung aufregender Ereignisse. Es sind eher die stillen Offenbarungen und die subtile Körpersprache, die eine prickelnde AtmosphĂ€re aufbaut. Die Botschaft zu transportieren gelingt natĂŒrlich nur durch tolle schauspielerische Leistungen, von denen „Gypsy“ reichlich zu bieten hat.
Vor allem Naomi Watts lĂ€sst den Zuschauer GefĂŒhlswechsel miterleben, ohne diese sprachlich zu begrĂŒnden. Das lĂ€sst viel Raum fĂŒr eigene Spekulationen. Dadurch bleibt das Publikum stets gedanklich am Ball und der ein oder andere entwickelt vielleicht seine ganz eigenen ErklĂ€rungsansĂ€tze. Auch musikalisch kann die Serie ĂŒberzeugen. Wir bekommen nicht nur eine gute Musikauswahl geliefert. Es ist den Machern sogar gelungen, dass Stevie Nicks, ihren 1982 fĂŒr Fleetwood Mac geschriebenen Song âGypsyâ, neu einsingt. Alles in allem finde ich „Gypsy“ abgesehen von kleinen Mankos wirklich gelungen und freue mich auf Staffel zwei.
Verfasser: Gine Kreuzer am Sonntag, 23. Juli 2017(Gypsy 1x10)
Schauspieler in der Episode Gypsy 1x10
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