„Lanterns“: Warum man DCs Version von „True Detective“ unbedingt eine Chance geben sollte

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„Are you afraid“? Diese Frage zieht sich durch den Rekrutierungsprozess des Green Lantern Corps und der dazugehörigen HBO-Serie „Lanterns“, die ab sofort wöchentlich die Fans von Superhelden-Stoffen und Krimiserien-Unterhaltung mit auf eine Reise durch das ländliche Amerika mitnehmen möchte. In Deutschland ist das jeden Montag beim Streamingdienst HBO Max möglich.
Man könnte meinen, es ist eine Mischung aus dem damaligen Story-Arc „Hard Travelling Heroes“ (hier mehr zu passenden „Green Lantern“-Comics erfahren) und der TV-Serie „True Detective“, die über die Lanterns gestülpt wird. Und schon in der ersten Episode wird deutlich, dass man möglichst viele Kritikpunkte an „Green Lantern“ aus 2011 mit Ryan Reynolds austilgen und vermeiden möchte.
Das bedeutet: Möglichst wenig Neongrün, das Kostüm ist zwar vorhanden, aber kommt nur spärlich zum Einsatz, und die Aliens kommen in den meisten Fällen in menschlicher Gestalt daher. Dazu hat man mit Kyle Chandler („Friday Night Lights“, „Bloodline“) einen Serienveteranen engagiert, der als Hal Jordan den Mentor für seinen mutmaßlichen Nachfolger/Ersatz/Stellvertreter John Stewart (Aaron Pierre) mimt. Dabei gibt es viele Reibungspunkte, die sich von den ersten Minuten an über deutlich entfalten. Auf kreativer Ebene sind Comic-Autor Tom King („Batman“, „Vision“, „Mr. Miracle“, „Supergirl: Woman of Tomorrow“), Damon Lindelof („Lost“, „The Leftovers“, „Watchmen“) und Chris Mundy („Ozark“, „True Detective“) involviert, die den bodenständigen Ton der Serie erklären und rechtfertigen. Jetzt das Angebot von Max entdecken (Affiliate-Link).

DC Universe durch den Lindelof-Filter
Wie schon bei „Watchmen“ nimmt sich der erfahrene Produzent und Macher der Crew, Damon Lindelof, den DC/Comic-Mythos zur Brust und filtert ihn, wie Kollege James Gunn es mit „Peacemaker“ schon vormachte, durch eine dreckige, schonungslose und erwachsene Brille. Das kann man kritisieren, weil das DC-Universum, bis auf „Superman“ mit David Corenswet, bislang vor allem die jungen Zuschauer etwas ausschließt, aber gleichzeitig hat HBO auch den Ruf, „Quality TV“ für erwachsene Zuschauer zu sein. Genau das liefert man hier mit einem Superhelden-Anstrich und einem Whodunnit und Whydunnit zugleich.
Die Pilotfolge verläuft dabei gleich auf drei Zeitebenen: 1996, 2016 und 2026. Im Fokus steht eher die Ausbildung und der Werdegang von John Stewart, der von klein auf offenbar dazu erzogen wurde, keine Angst zu haben. 1996 wird Hal Jordan als großer erster irdischer Green Lantern im TV gefeiert und das schindet Eindruck beim jungen John. Er weiß da schon, was er einmal werden möchte.
Jordan ist ein Testpilot ohne Angst, Verpflichtungen und Familie und über die ersten vier Episoden, die ich vorab sehen konnte, wird die Comic-Origin dem Zuschauer relativ eng via Erzählungen, also mehr tell als show, an die Hand gegeben. Das gilt für Ring-Vorgänger Abin Sur, den Schwur oder die Auflademodalitäten des Ringes und der zugehörigen Batterie-Laternen. Die Informationen werden also durchaus niederschwellig vermittelt und das gefällt mir besser als Techno-Mumbo-Jumbos oder Info-Dumps, aber ob das alle Zuschauer genügend abholt, muss sich noch zeigen. Ich habe ein bisschen den Eindruck, als ob die Comicleser damit besser zurechtkommen werden als mit den Comic-Vorlagen nicht vertraute Zuschauer, weil eine Figur wie Green Lantern im Mainstream durch ihre besonderen Regeln, trotz Nathan Fillion als Guy Gardner in „Superman“ und „Peacemaker“, nicht ganz so vertraut ist, wie ein Batman, Mann aus Stahl oder Spider-Man.
Alien-Whodunnit?

Worum geht es eigentlich? In Nebraska geschehen mysteriöse Morde und alle, inklusive Sheriff Kerry (Kelly Macdonald) glauben zunächst augenscheinlich an einen normalen Anschlag. Doch, als die Lanterns dazukommen, spielen auf einmal Außerirdische als Verdächtige eine Rolle und nun wird das zu einem Fall für die Space Cops, die ihre Ringe von den Guardians of the Universe erhalten, die in der Show auch in menschlicher Gestalt präsentiert werden, offiziell um niemanden zu schocken, aber inoffiziell wohl auch, um das Budget nicht pro Folge zu maximieren und die Serie etwas greifbarer zu gestalten. Die große Frage lautet: Wer steckt hinter der Mordserie? Und was sind eigentlich Manhunter?
Zwar sind wir durch Marvel, „Star Trek“, „Star Wars“ und auch DC selbst längst verschiedenfarbige- und förmige Aliens gewohnt, doch irgendwie wollen King und Lindelof wohl eher die Stimmung aus „Watchmen“ und „True Detective“ rüberbringen als ein knallbuntes DCU.
Außerdem gibt es pro Folge formelle Lektionen für John Stewart, den Hal widerwillig unter seine Fittiche nimmt. Dabei geht es um Dinge, wie zum Beispiel keine Angst zu zeigen, Improvisationstalent, Beweissammlung, Beobachtungsgabe, Fluglektionen und Übungen in Willenskraft (Stichwort Vogel). Das ländliche Amerika in Nebraska spielt dabei immer wieder als backdrop (Hintergrund) eine Rolle. Etwa durch die Bars, die Cops oder Nebenfiguren, die noch wichtiger werden und eigene Interessen haben; und die auch mal in eine xenophobe Richtung gehen können. Nicht jeder ist dabei so, wie sie oder er auf den ersten Blick scheint und es werden im Verlauf der Serie reichlich Geheimnisse aufgedeckt.
Relativieren muss man die Budgetfrage, denn der Look der Serie ist wertig und teuer, nur verzichtet man eben wie der 2011er Film auf überbordende Alien-Welten, grünen Schimmer überall und knallbunte Kostüme und Widersacher. Selbst einige klassische Figuren wie Sinestro (Ulrich Thompson) werden sehr zurückgenommen und minimal designt präsentiert. Er hat als bisher einzige Ausnahme eine eher pinke Hautfarbe und ist eher Loki mit einer kleinen Prise Hannibal Lecter. Hier schwingt eine vorherige und nicht explizit gezeigte Beziehung zwischen ihm und Hal mit, denn er war einst Hals Mentor, wie es in den Comics und andernorts schon etabliert wurde.
Grey Lantern?
Hal ist als Veteran zwar häufig um keinen Spruch oder auch mal ein dreckiges Mittel (wie das Konstruieren von Falschgeld per Ring für die Jukebox) verlegen, aber insgesamt ist eine Charakterisierung durch eine weitere Figur richtig: Ist es wirklich das Fehlen von Angst, die sein Dasein bestimmt oder doch die Einsamkeit? Darum kann man „Lanterns“ oft auch als überraschend intime Charakterstudie verstehen, etwas, wofür Tom King im Comicbereich oft steht. Dies gilt zum Beispiel insbesondere für Folge drei, die mehr in die Psyche und Denkweise von John Stewart eintaucht.
Man kann nach dem Auftakt, der mit einem starken Cliffhanger endet, welcher dann aber nicht direkt aufgelöst wird, gespannt sein, wie es weitergeht. Ebenso muss man sich fragen, ob man immer seinen Augen trauen kann, in einer Welt, in der es Backup-Hologramme und lebensechte Ringkonstrukte aus der stärksten Waffe des Universums gibt.
Fazit
Für mich stellt „Lanterns“ eine spannende Ergänzung zum DCU dar. Meine einzige Sorge dreht sich um Awareness- und Franchise-Rufe nach dem 2011er Flop. Ich habe mich - völlig anekdotisch und mit kleiner Fokus-Gruppe - mal in einer Comic-Community umgehört und dort war die Serie vielerorts noch gar nicht auf dem Radar. Hier haben DC und HBO also noch einiges an Nachholbedarf. Da hat Marvel also einen ziemlichen Vorsprung, auch wenn „Superman“ oder „Peacemaker“ bewiesen haben, dass die Nachfrage da ist. Zumal die Serie mit John Cena als Chris Smith, zusammen mit „Harley Quinn“ oder „Creature Commandos“, gezeigt hat, dass DC gerne dazu bereit ist, ältere Zuschauerschichten mit Gewalt und expliziter Sprache abzuholen. Damit verschließt man sich eventuell ein Stück weit vor dem Mainstream, kann aber auch reifere Stoffe behandeln und die Helden im Zentrum etwas tragischer und mit mehr moralischen Graustufen oder Schwarztönen zeigen.
Ansonsten stellt „Lanterns“ mindestens ein sehenswertes Experiment für DC-Freunde und Fans der Serienmacher dar. Manchmal vielleicht tempomäßig und von der Action her etwas zurückgenommener als vergleichbare Stoffe, allen voran „Superman“ und „Supergirl“, aber dennoch ein lohnender Ansatz, den ich gerne weiterverfolge. Für den Auftakt gebe ich viereinhalb von fünf grünen Laternen. Für die Folgen zwei bis vier dann eher - je nach Episode - zwischen dreieinhalb und vier grünen Vögelchen. Zu „Supergirl“: Neuer DC-Film spaltet die Meinungen: Darum ist ausgerechnet der größte Star jetzt das größte Problem des Films.