Gomorrha 2x09

Gomorrha 2x09

Die Lunte brennt: In Jeder gegen jeden erreicht die Eskalationsstufe in der von Ciro geschaffenen Allianz ein neues, blutiges Level. Während sich die Bündnispartner mehr und mehr an die Gurgel gehen, bleibt auch der tragische Blick auf die Kollateralschäden dieses Krieges nicht aus.

Donna Annalisa Magliocca (Cristina Donadio) in „Jeder gegen jeden“ / (c) Sky
Donna Annalisa Magliocca (Cristina Donadio) in „Jeder gegen jeden“ / (c) Sky

Jeder gegen jeden, die neunte Episode der zweiten Staffel von Gomorrha, wird ihrem Titel mehr als gerecht: Nachdem O'Principe (Antonio Folletto) und Rosario (Lino Musella) vor Kurzem erst das Zeitliche gesegnet haben und das Misstrauen unter den Mitgliedern von Ciros (Marco D'Amore) initiiertem Bündnis nur noch weiter gewachsen ist, droht die Lage jetzt endgültig zu eskalieren.

Nun heißt es langsam aber sicher tatsächlich jeder gegen jeden und Pietro Savastano (Fortunato Cerlino) muss sich eigentlich nur zurücklehnen und der mörderischen Kettenreaktion, deren Anstoß er gewesen ist, entspannt zusehen. Alte Streitigkeiten, aktuelle Machtkämpfe, der Hunger und die Gier nach mehr und mehr - all das wird zum Treibstoff unserer Figuren, die allesamt ihr eigenes Süppchen kochen und deren Loyalität Ciro gegenüber nach dem Ende der Episode in Frage gestellt werden sollte.

Mittendrin

Aber es ist nicht nur die gewohnt vielschichtige Haupthandlung um den ausgebrochenen Krieg zwischen Ciros Leuten und Rückkehrer Savastano sowie der Kampf unseres jungen Paten um Machterhaltung und Kontrolle, was in „Jeder gegen jeden“ in bekannter Manier fesselt. Die Serienmacher nehmen sich wie so oft in dieser Staffel auch die Zeit, über den Tellerrand zu blicken und auf Nebenfiguren zu schauen, die in diese blutige Welt verstrickt sind und schon lange einen Weg aus dieser heraus suchen.

So folgen wir zur Abwechslung für eine erhebliche Laufzeit der Folge der Schwiegertochter von Donna Annalisa (Cristina Donadio): Marinella (Denise Capezza), die seit vielen Jahren unter der herrischen, alles kontrollierenden Mutter ihres inhaftierten Gatten Raffaele (Vincenzo Pirozzi) hat leiden müssen. Nun kehrt dieser aus dem Gefängnis zurück und soll sogleich eine wichtige Rolle einnehmen, indem er einen vakanten Platz in Ciros Bündnis ausfüllt. Erneut muss man den Machern ein Kompliment aussprechen, wie es ihnen gelingt, die zentrale Handlung mit einer sehr persönlichen Nebengeschichte einer Randfigur zu verknüpfen. Dabei lässt man nie das große Gesamtbild aus den Augen, dessen brutale Ausmaße nur noch verstärken, wie sehr man mit Marinella in ihrer belastenden Situation mitfühlt.

Einmal im zermürbenden Apparat der Gangster und Drogenbosse involviert, gibt es keinen Ausweg mehr aus diesem. Marinella flüchtete sich immer wieder zu ihrem Liebhaber, einem Fahrer von Donna Annalisa, vielleicht sogar mit der Hoffnung, eines Tages der Tortur ihrer Schwiegermutter zu entrinnen. Mit der Entlassung ihres Mannes Raffaele aus dessen Haft holt Marinella aber erneut die traurige Realität und ihre Zukunft ein. Ihr Geheimnis fliegt auf, ihr Geliebter wird schmerzhaft beseitigt, von ihrem impulsiven Ehemann droht ihr häusliche Gewalt. Einst eine einfache Kellnerin, findet sich Marinella nun in einer äußerst bedrückenden, gefährlichen Lebenslage wieder, für die sie nicht gemacht ist.

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Freiheit

Zu überleben und frei zu sein, das hat seinen Preis. Donna Annalisa, der man beinahe schon eine sadistische Freude anmerkt, Marinella seelisch zu quälen, weil sie nie gut genug für ihren Sohn war, hat diesen Preis schon längst bezahlt. Sie ist eine unabhängige Frau, hat sich ihre Machtposition hart erarbeitet und wird diese nicht so einfach hergeben. Freiheit kann es nicht geben, wenn man einen Ehemann zur Seite hat. Freiheit muss man sich erkämpfen.

Annalisas Predigt hört sich schon fast wie eine indirekte Aufforderung an Marinella an, etwas Dummes zu tun, Raffaele ins Visier zu nehmen und sich durch dessen Tod ihre Freiheit zurückzuholen. Doch ist die gebrechliche Marinella, die sich bis auf einen kleinen Moment nicht einmal verbal gegenüber ihrem Gatten behaupten kann, überhaupt in der Lage dazu, so weit zu gehen?

Ein kleiner Schubs

Sie ist es - und leitet über Pietro Savastanos „Augen und Ohren“ Patri (Cristiana Dell'Anna) ein Attentat auf Raffaele ein, das jedoch fehlschlägt und Marinella zur Polizei fliehen lässt. Ihr Problem ist damit noch nicht gelöst, während Don Pietro im Feindeslager mit minimalem Aufwand erneut den maximalen Schaden anrichtet. Ob Raffaele nun umgebracht wird oder nicht, spielt dabei keine wirkliche Rolle. Entscheidend ist, dass Savastano weiterhin immer dann Öl ins Feuer gießt, wenn Ciro alles daran setzt, wieder etwas Einigkeit unter seinen Leuten herzustellen. Das Gebilde ist jedoch instabil und wird nie wieder seine geordnete Form annehmen. Zu groß sind Eifersüchteleien und persönliche Ambitionen der Bündnismitglieder.

Im Krieg

Durch Raffaeles Beförderung wächst nicht nur der Einfluss von seiner Mutter Donna Annalisa. Die anderen, wie zum Beispiel der junge, machthungrige O'Track (Carmine Monaco) und seine Bande, werden nur noch ungehaltener, übergeht man sie doch nach wie vor komplett. Sie wollen mehr. Hinzu kommen persönliche Rachegelüste aus der Vergangenheit und schon brodelt der Konflikt zwischen O'Track auf der einen und Annalisa und Raffaele auf der anderen Seite. Es kommt zum blutigen Hin und Her zwischen beiden Parteien. Savastano selbst spricht derweil nur von einem „kleinen Schubs“, den es gebraucht hat, um Zwietracht zu säen.

Das Ergebnis: Nur noch mehr Grabenkämpfe untereinander, der Tod von O'Track durch Donna Annalisas Handlanger sowie der mögliche Zerfall von Ciros geschmiedeter Allianz. Sein demokratischer Ansatz ist zum Scheitern verurteilt, da es einfach die Natur des Menschen ist, sich selbst der Nächste zu sein. Genauso wenig kann er sich in den Konflikten unter seinen Capi heraushalten und neutral bleiben. Ciro muss Entscheidungen treffen, bevor der Laden endgültig vor die Hunde geht und sich diese auf offener Straße zerfleischen, nur damit Savastano am Ende erneut emporsteigen, die Scherben aufsammeln und sein Imperium wieder aufbauen kann.

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Nackenschläge

Es ist spürbar, dass wir uns in die finale Phase der zweiten Staffel von Gomorrha begeben, etwaige Bündnisse auf dem Prüfstand stehen und Ciro sich warm anziehen muss. Don Pietro sucht bereits den Kontakt zu Donna Annalisa, die nach dem missglückten Attentat auf ihren Sohn und dem internen Kleinkrieg mit O'Tracks Anhängern nun in die Arme des einstigen Paten getrieben werden könnte. Der gnadenlosen Mafiosa wäre es aber auch zuzutrauen, dass sie eines Tages selbst große Machtansprüche stellt und sie es leid ist, sich ihren männlichen „Kollegen“ unterzuordnen.

Ihre kleine Karaokeeinlage mit ihrem favorisierten Sexspielzeug ist zwar wenig subtil, die Parallelmontage zu Marinella und ihrer Beinahe-Emanzipation von Raffaele durch dessen Tod ist aber dennoch ein schöner, inszenatorischer Einfall. Die Risse in Ciros Bündnis werden tiefer und es würde nicht verwundern, wenn auch schon bald die nächsten wie zum Beispiel O'Mulatto (Luca Gallone) dem designierten Anführer aufs Dach steigen, weil die derzeitige Lage äußerst unbefriedigend ist. Konflikte untereinander sorgen für ungewollten Lärm und Opfer, was wiederum die Obrigkeit auf den Plan ruft, die in Jeder gegen jeder präsenter als zuvor ist.

Zweite Chance

Doch was tun, um wieder Herr der brisanten Lage zu werden, um wieder die Kontrolle zu erlangen? Ciros Weg führt zu einem alten Bekannten, Gennaro (Salvatore Esposito), der von seinem Vater durch den Mord an O'Principe ebenso aufs Glatteis geführt wurde wie Ciro. Letzterer hat noch dieses eine Ass im Ärmel, denn so, wie Don Pietro Savastano Unruhe in seinem Lager stiften kann, kann Ciro auch einen Keil in die ohnehin schwierige Vater-Sohn-Beziehung von Pietro und Gennaro treiben.

Letzterer wird nach wie vor von seinem Vater klein gehalten, wobei er sich selbst schon längst so weit sieht, das „Familiengeschäft“ zu übernehmen und in die Fußstapfen seines Erzeugers zu treten. Gennaro denkt mittlerweile an sein eigenes Vermächtnis und möchte es seinem Vater nicht mehr recht machen. Seine Zeit ist gekommen. Und diese Selbstwahrnehmung Gennaros erkennt auch Ciro, der nur etwas geschickt provozieren muss, um Gennaro die Richtung vorzugeben, die auch ihm etwas nützt. Wie bereits von Don Pietro so treffend gesagt, genügt manchmal nur ein kleiner Schubser, um Großes zu bewirken.

Ob Gennaro nun mit Ciro gegen seinen eigenen Vater vorgehen wird? Man kann es fast in seinem Kopf rattern hören, wie er abwägt, ob er sich ein für alle Mal von Don Pietro loslösen und sein eigener Herr werden soll. Gomorrha verspricht in der Endphase seiner zweiten Staffel noch einmal ordentlich Schwung aufzunehmen und stellt uns spannende Konstellationen in einem unberechenbaren Machtkampf in Aussicht. Sicher ist indes nur, dass niemand sicher ist.

Verfasser: Felix Böhme am Donnerstag, 7. Juli 2016
Episode
Staffel 2, Episode 9
(Gomorrha 2x09)
Deutscher Titel der Episode
Jeder gegen jeden
Titel der Episode im Original
Sette Anni
Erstausstrahlung der Episode in Italien
Dienstag, 7. Juni 2016 (Sky Italia)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Dienstag, 5. Juli 2016
Regisseur
Francesca Comencini

Schauspieler in der Episode Gomorrha 2x09

Darsteller
Rolle
Marco D'Amore
Fortunato Cerlino
Ivana Lotito
Gianfranco Gallo

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