Gomorrha 2x07

Gomorrha 2x07

Für die zweite Staffel von Gomorrha hat sich das Kreativteam ganz offensichtlich eine einfache Faustregel überlegt: Keine Episode ohne brutalen Magenschlag. Ordnung muss sein bildet da keine Ausnahme, wenngleich die Hoffnung bis zum Ende berechtigten Bestand hat.

Ein echter Panther! / (c) Sky
Ein echter Panther! / (c) Sky

Es ist erstaunlich, wie wenig Rücksicht die Gomorrha-Macher auf ihre eigenen Figuren nehmen. Da bauen sie eine halbe Staffel lang einen komplexen, interessanten Charakter wie O'Principe (Antonio Folletto) auf, nur um ihn ganz am Ende der Episode Ordnung muss sein beinahe beiläufig auszulöschen. Die Intention dahinter ist klar - das Leben als Mafioso ist eben nicht glamourös und cool, sondern rau, schmutzig und meistens tödlich. Die Brutalität, mit der dieses Mantra vorgetragen wird, ist jedoch immer wieder herzzerreißend.

Ein Magier

Dabei sieht es lange danach aus, als würde es die Serie tatsächlich schaffen, eine leichenfreie Episode hervorzubringen. Der begnadete Drogenstrecker O'Principe (nachfolgend: O'Pri) lebt die Früchte seines Talents freizügig aus. Er gönnt sich selbst ein materiell gutes Leben, das durch teure Autos, eine schicke Wohnungseinrichtung und viel Schmuck gekennzeichnet ist. Andererseits will er all jene, denen es weniger gut geht, an seinem Reichtum teilhaben lassen. Im Wochenabstand verteilt er Geschenke an die Kinder der Umgebung; seiner Freundin Azmera (Liana Balogun) verhilft er sogar zur Selbstständigkeit.

Unbemerkt bleibt dieser großspurige Lebensstil nicht lange. Spätestens, als sich O'Pri einen Panther anschafft, um diesen auf der Dachterrasse angekettet zu lassen, sieht sich sein Freund und Kollege O'Mulatto (Luca Gallone) dazu gezwungen, mahnende Worte zu finden. Wir wissen, wie recht er damit hat, haben wir doch schon gesehen, wie es unter den alliierten Parteien rumort. Vor allem Rosario (Lino Musella) betätigt sich als Kritiker, der fest davon ausgeht, O'Pri nutze sein Talent, um in die eigene Tasche zu wirtschaften.

Ob das wirklich geschieht, erfahren wir bis zum Schluss nicht. Einen weiteren Hinweis für die Richtigkeit dieser Vermutung bekommen wir allerdings schon beim einzigen Auftritt von Genny (Salvatore Esposito). Er versteht das in Scampia aufgebaute System der Gewinnaufteilung nicht: „Wer mehr verkauft, soll auch mehr verdienen.“ Überdies sucht er nach einem vertrauenswürdigen Stellvertreter in Neapel, den er als seine Nummer eins installieren kann. O'Pri hat daran kein großes Interesse - er verzichtet auf Schutz, weil er glaubt, unverzichtbar zu sein.

Kurzzeitig sieht es danach aus; als wäre die Zeit von Rosario (Lino Musella) abgelaufen. © Sky
Kurzzeitig sieht es danach aus; als wäre die Zeit von Rosario (Lino Musella) abgelaufen. © Sky

Für das demokratisch organisierte Kollektiv, das von Ciro (Marco D'Amore) lose angeleitet wird, stimmt das auch. Der beste Drogenmischer mag sich große Portionen des Gewinns einverleiben, ohne ihn wäre die Gewinnmarge all seiner Verbündeten aber noch kleiner. Das bedeutet natürlich nicht, dass die Stimmung auf einem Allzeithoch wäre, was sie angesichts einer erfreulichen Umsatzsteigerung eigentlich sein könnte - wären da nur nicht die urmenschlichen Eigenschaften Geiz und Eifersucht, die einer geordneten Zusammenarbeit entgegenstehen.

Das Bündnis lässt grüßen

Während die Gangster der Gewinnausschüttung zusehen, beklagen sie sich wahlweise darüber, dass sie ein zu kleines Stück des Kuchens abbekommen (O'Track (Carmine Monaco) und Cardillo (Christian Giroso)) oder dass sich O'Pri lieber selbst um seine Finanzgeschäfte kümmern möchte, statt den Gewinn einem gemeinsamen Geldwäscheprojekt zuzuführen. Und wenngleich Rosario den richtigen Verdacht hinsichtlich O'Pris Streckmethodik hat, so wäre er doch besser beraten, auf Ciro zu hören und sich mit Unmutsäußerungen zurückzuhalten.

Sie beide wissen da noch nicht, dass O'Pri zur Zielscheibe einer Organisation wird, über deren Existenz kaum noch jemand nachdenkt. Pietro Savastano (Fortunato Cerlino) hat die angestrebte Rückkehr auf den neapolitanischen Mafiathron jedoch nie aufgegeben. Geduldig brütet er in seinem selbstgewählten Gefängnis über einem möglichst effektiven Schlag gegen Ciros Organisation. Damit würde er auch den eigenen Sohn treffen, was ihm nach den Entwicklungen der letzten Episoden herzlich egal sein dürfte. Botin Patrizia (Cristiana Dell'Anna) wird dabei unversehens zu seiner Beraterin ausgebildet.

Zunächst muss sie aber von ihrem Onkel Malammo (Fabio De Caro) dazu überredet werden, überhaupt zum Dienst anzutreten. Weil sie genug von Pietros herrschaftlichem Führungsstil hat, kündigt sie, ohne ihren Arbeitgeber darüber zu informieren. Dessen engster Vertrauter macht ihr daraufhin klar, dass dies nicht so einfach sei, wie sie sich das vorstelle. Es bliebe ihr nun nur noch die Option, das Weite zu suchen. Er werde sich um ihre Geschwister kümmern. Glücklicherweise tritt Patrizia aber die Flucht nach vorne an, was Pietro wohlwollend zur Kenntnis nimmt: „Sobald du in die richtige Richtung denkst, denkst du das Richtige.

So brutal; so traurig; so folgerichtig: O%26#039;Pri (Antonio Folletto) und sein Panther. © Sky
So brutal; so traurig; so folgerichtig: O%26#039;Pri (Antonio Folletto) und sein Panther. © Sky

Leidtragender dieses Erweckungserlebnisses ist O'Pri, den Patrizia als optimales Opfer einschätzt, um Ciros Bündnis weiter zu schwächen. Dabei sieht es lange danach aus, als könnte eine Eskalation des Konflikts innerhalb der Organisation verhindert werden. O'Pri hat eine Einsicht, was seinen ausschweifenden Lebensstil angeht, und verkauft Teile seines Fuhrparks. Wirklich beruhigt ist Azmera danach nicht - ein Gefühl, das später bestätigt werden wird. Rosario lässt seiner Wut nämlich nicht nur verbal freien Lauf, sondern ordnet auch einen Anschlag auf ihren Laden an.

Die Sache endet hier

O'Mulatto reagiert darauf genau so, wie man sich das von einem aufbrausenden Mafioso vorstellt. Er fordert sein Recht auf Rache gegen Rosario ein, wobei er von dessen Aktionen gar nicht selbst betroffen ist. Wieder ist es O'Pri, der den schlaueren Schachzug wählt. Er stellt Ciro vor die Wahl, weiterhin seine Dienste in Anspruch zu nehmen und Rosario dementsprechend zu bestrafen, oder darauf zu verzichten. Selbst ein begnadeter Taktiker, erkennt Ciro die Gelegenheit zur leichenfreien Konfliktlösung. Er zwingt O'Pri auf Linie, indem er Rosario erst fallen lässt und dann eine Entschuldigung von ihm forciert.

Wie schon sein Rivale Genny beim Umgang mit O'Track in der letzten Episode wählt Ciro den weniger hitzigen, dafür aber profitableren Weg. Unter den nun regierenden Mitgliedern der Camorra scheint sich eine Herrschaftsform durchzusetzen, die weniger auf solch vagen Begriffen wie Ehre und Respekt aufgebaut ist, sondern mehr auf dem gemeinsamen Ziel der Profitmaximierung. Wie sich jedoch immer wieder zeigt, sind ebenjene Werte so tief in dieser Kultur verankert, dass selbst die vielversprechendsten Erfolgsmodelle daran kaum rütteln können.

Überdies ist die alte Garde längst nicht ausgeschaltet, wie das niederschmetternde Ende dieser Episode zeigt. O'Pri wird darin von seinem Tierpfleger an Pietro Savastano verraten, wobei der sich nur kurz anhört, was seine Zielperson zu sagen hat. Der Hinweis auf dessen Verwicklung mit Genny ist seiner Sache jedoch nicht zuträglich. Pietro ist so old school, dass er es sich nicht nehmen lässt, seinen Widersachern selbst den größtmöglichen personellen Verlust zuzufügen. Die Mafiaserie Gomorrha zeigt sich einmal mehr von ihrer brutalsten Seite - und greift dabei nicht mal auf den Tschechow'schen Panther zurück.

Verfasser: Axel Schmitt am Mittwoch, 22. Juni 2016
Episode
Staffel 2, Episode 7
(Gomorrha 2x07)
Deutscher Titel der Episode
Ordnung muss sein
Titel der Episode im Original
Il Principe e il Nano
Erstausstrahlung der Episode in Italien
Dienstag, 31. Mai 2016 (Sky Italia)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Dienstag, 21. Juni 2016
Regisseur
Claudio Giovannesi

Schauspieler in der Episode Gomorrha 2x07

Darsteller
Rolle
Fortunato Cerlino
Marco D'Amore

Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?