Gomorrha 1x01

„Ein zweites The Wire“, „das neue Sopranos“ - große Vorschusslorbeeren hat die italienische Produktion des Senders Sky Italia, Gomorrha, vorab bekommen. Nach Sichtung der Pilotepisode muss beinahe uneingeschränkt festgestellt werden: vollkommen zu Recht! Die Serie beginnt so rasant, aufwühlend und mitreißend, dass sie hoffentlich einen nachhaltigen Eindruck in der europäischen Fernsehlandschaft hinterlässt. Eingefangen werden die darin erzählten Geschichten in fantastischen, cineastischen Bildern einer gesellschaftlichen Brachlandschaft.
Ich will gut aussehen, wenn ich sterbe
Es sind erst knapp 15 Minuten vergangen, da hat der Zuschauer schon zwei explosive Action-set pieces gesehen. Im Zentrum der Erzählung steht der aufstrebende Mafiasoldat Ciro di Marzio (Marco D'Amore). Er und sein Mentor Attilio (Antonio Milo) sind Teil des einflussreichen Savastano-Klans aus Scampia, einem Stadtteil der süditalienischen Hafenstadt Neapel, wo das organisierte Verbrechen, das hier nicht Mafia, sondern Camorra heißt, das Sagen hat. Zu Beginn üben sie einen Brandanschlag auf den größten Rivalen der Familie, Salvatore Conte (Marco Palvetti), aus. Der besucht gerade seine Mutter in einem dieser für das Viertel so typischen, ausgreifenden Hochhausgebilde.
Conte und seine Mutter überleben - aber nur, weil Don Pietro Savastano (Fortunato Cerlino) das so angeordnet hat. Er wollte seinem erstarkenden Widersacher lediglich eine Lektion erteilen. Der solle sich dem Marihuanahandel widmen und ansonsten keine Ambitionen auf eine Ausweitung seiner Geschäftstätigkeit entwickeln. Seine Racheaktion für den Anschlag fällt jedoch ungleich blutiger aus. Doch die eigentliche Zielperson des Anschlags, bei dem ein Rollerfahrer zwei Bomben in ein Café wirft und mit einem Maschinengewehr wild um sich schießt - Ciro - überlebt.
Nun geraten die beiden Klans endgültig in einen blutigen Kreislauf aus Gewalt und Gegengewalt. Entgegen aller Vernunft fordert der von zunehmender Paranoia befallene Savastano sofortige Blutrache - ohne Vorbereitung, ohne Auskundschaften des feindlichen Geländes. Seine capos widersprechen halbherzig, zum ersten Mal wird offensichtlich, welch starre, unangreifbare Hierarchie innerhalb dieser Organisation herrscht: Loyalität ist alles, den Anweisungen des Klanoberhaupts ist unbedingt widerspruchslos Folge zu leisten. Ciro ist mit der - kaum vorhandenen - Strategie seines Bosses indes überhaupt nicht einverstanden und äußert seine Bedenken auch mehrmals gegenüber Attilio. Der bläut ihm jedoch stoisch ein, dass er niemals zu widersprechen habe.

Also macht sich die Bande auf den Weg zu einer Fabrik, wo tagsüber der Drogenschmuggel abgewickelt und in den Abend- und Nachtstunden das Versteck Contes vermutet wird. Der kaum geplante Angriff endet in einer Katastrophe, beide Seiten haben mehrere Opfer zu beklagen. Für Ciro wiegt jedoch am schwersten, dass er bei der Stürmung seinen besten Freund, Mentor und Ersatzvater Attilio verliert - und das alles für nichts, schließlich fehlt von Conte jede Spur.
Du brauchst keine Chancen
Er überbringt die schlechten Nachrichten an Savastano, der versucht, die Enttäuschung seines Soldaten mit Durchhalteparolen und leeren Versprechungen zu mildern. Äußerlich lässt sich Ciro nichts anmerken, aber innerlich brodelt es in ihm. Sein schwerster Gang steht ihm nämlich noch bevor. Er muss Attilios Witwe und ihren vier Kindern den gewaltsamen Tod ihres Ehemanns mitteilen.
Von all dem unfreiwillig unbehelligt fristet Gennaro „Genny“ Savastano (Salvatore Esposito) das zu Tatenlosigkeit und verwöhnter Langeweile bestimmte Leben des Sohnes eines mächtigen Bandenführers - AJ Soprano kann davon ein Lied singen. Er will unbedingt seinen Teil zum aufziehenden Bandenkrieg beitragen, wird aber sowohl von seinem Vater als auch von seinem Kumpel Ciro zum Nichtstun verdammt. Am Ende der Episode - während seine Klanfreunde gerade ihren Angriff starten - findet er in einer Disco wenigstens einen Ersatz, für den es sich zu leben lohnen könnte: Noemi (Elena Starace). Den Preis für seine Aufdringlichkeit bezahlt er postwendend, als er auf dem Parkplatz sein verschrottetes Motorrad findet. Der Tanztempel liegt nämlich auf Feindgebiet.
Wenngleich die Auftaktepisode neben den diversen Racheaktionen kaum einen Plot beinhaltet, gibt sie doch einen tiefen, direkten Einblick in die inneren Mechanismen der Camorra und ihrer Mitglieder. Ciro und Attilio haben Familien, um die sie sich liebevoll kümmern. Sie wohnen in schlichten Apartments, die bis an den Rand mit typisch italienischem Dekor vollgestopft sind. Attilios Kinder schlafen in Stockbetten und vergnügen sich mit einem Karaokespiel an der Konsole. Ihr Vater schaut ihnen dabei liebevoll zu. Er schließt Pferdewetten mit seinen Kumpels im Café ab, wo später der Bombenanschlag stattfinden soll. Sonntags treffen sich die Familien zum gemeinsamen Mittagessen, bei dem die Ehefrauen Urlaub und Alltagssorgen besprechen.

Die Mafiosi fahren am liebsten Luxuskarossen aus deutscher Produktion. Drogen gelangen per Waschmaschine nach Scampia, um später auf der Straße oder in Industrieruinen verhökert zu werden. Genny besitzt eine Bar mit angeschlossener Spielhölle, wo sich Jugendliche gegeneinander wegen ihres Kleidungsstils aufziehen. Am Ende aber, wenn beide Seiten ihre Wunden lecken und sich darauf vorbereiten, ihre Opfer zu begraben, da kommt es zum nachhaltigsten, erschütterndsten Bild der Pilotepisode: Kinder spielen vor einer typischen Hochhauskulisse die Aktivitäten des einzigen Vorbildes nach, das sie kennen: die Camorra.
Ich mache die Regeln
Regisseur Stefano Sollima, der in sieben von zwölf Episoden auf dem Regiestuhl saß und als „künstlerischer Leiter“ (ein „Artistic Director“ ist laut Sollimas eigener Aussage aber kein Showrunner) der Serie fungiert, fängt die Geschichte in quasidokumentarischen Bildern ein. Den Gebäuden, dem Stadtviertel und den Schauplätzen kommt in Gomorrha eine ebenso große Bedeutung zu wie der Figurenzeichnung und dem Plotfortschritt. Es war den Produzenten ein zentrales Anliegen, sämtliche Szenen an Originalschauplätzen aufzunehmen. Das Team musste sich dabei auf Locationscouts aus Scampia verlassen, ohne sie hätte es niemals Zutritt zu diesen Örtlichkeiten bekommen.

So gelingt es Sollima, eine einzigartige Atmosphäre zu schaffen. Die grandiosen Kulissen werden dabei von einer herausragenden Bildkomposition begleitet. Das drängende Sounddesign, das mehrmals von kompromisslosem italienischen Rap komplementiert wird, ist ebenso unerlässlich für die Erschaffung der hohen atmosphärischen Dichte. Als wiederkehrendes Motiv lässt Sollima den Wagen seines Helden Ciro bei dessen nächtlichen Fahrten von einer Kamera begleiten. Wie ein immerfort Suchender bahnt sich der Protagonist einen Weg durch diesen von künstlichem Licht erhellten, einbetonierten Großstadtdschungel.

Die ikonischen Wohnsiedlungen Scampias lässt Sollima wie außerirdische Raumschiffe erscheinen, die eine Bruchlandung hinlegen mussten. Bei all diesem meditativen Einsatz von Schauplätzen und Kulissen kommt die Action jedoch nicht zu kurz. Wie es in einem guten Piloten eben sein sollte, kracht es hier gleich dreimal gewaltig. Auf Anfrage weigerte sich Produzentin Gina Gardini, etwas über die Höhe des Budgets zu verraten, Sollima gab immerhin zu, dass Sky Italia tief in die eigene Tasche greifen musste. Das Ergebnis kann sich sehen lassen. Gomorrha startet grandios in die erste Staffel.

Gomorrha 1x01 Trailer
(Gomorrha 1x01)
Schauspieler in der Episode Gomorrha 1x01
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