GLOW 3x01

GLOW 3x01

Die Gorgeous Ladies of Wrestling sind zurück: Die dritte Staffel der Netflix-Dramedy GLOW drückt zunächst deutlich auf die Stimmungsbremse, um so den Charakteren neue Wege der Selbstentfaltung zu eröffnen. Ein kleines Wagnis, das letzten Endes aber Früchte trägt. Unsere Kritik zur neuen Staffel.

„GLOW“ (c) Netflix
„GLOW“ (c) Netflix
© ??GLOW“ (c) Netflix

Anmerkung: Diese Kritik bezieht sich auf die komplette dritte Staffel von GLOW.

In der Vergangenheit wurde ich nicht müde zu erwähnen, dass GLOW, die extrem kurzweilige Wrestling-Show aus dem Hause Netflix, wo am heutigen Freitag, den 9. August die nunmehr dritte Staffel ihre Weltpremiere feiert, die perfekte Wohlfühlserie ist. Die Dramedy von Liz Flahive und Carly Mensch hat uns in den bisherigen zwei Staffeln zahlreiche komplexe Figuren präsentiert, die mit großer Leidenschaft und auf sehr kreative Weise ihre ganz persönlichen Träume und Ziele verfolgen. Dabei müssen die Charaktere natürlich auch immer wieder unschöne Rückschläge verkraften, ob es nun sehr private oder allgemeine, gesellschaftliche Probleme aufgrund überholter Rollenbilder und institutionalisierten Sexismus sind, die den Wrestlerinnen um Ruth Wilder (Alison Brie) und Debbie Eagan (Betty Gilpin) entgegenschlagen.

Doch die „Gorgeous Ladies of Wrestling“ lassen sich nie unterkriegen, sie wehren sich gegen Vorurteile und vorbestimmte Rollen, sie scheitern, sie triumphieren, sie suchen und finden ihren eigenen Weg. Und das macht „GLOW“ eben zu dieser Art Feel-Good-Veranstaltung, selbst wenn die Figuren sich immer wieder alles andere als gut fühlen. Doch ihre Bestrebungen, ihr unermüdlicher Kampf, für sich selbst die Sache auszumachen, die sie mit Glück erfüllt, all das überträgt sich meisterhaft auf uns Zuschauerinnen und Zuschauer. Es ist sehr leicht, bei diesen Dingen mitzufiebern, uns in die verschiedenen Protagonistinnen und Protagonisten hineinzuversetzen und ihnen unentwegt die Daumen zu drücken, dass sie das erreichen, was sie sich vornehmen, um sie selbst und um glücklich zu sein.

Das hört sich alles ganz wunderbar und fast schon zu rosarot an, aber - wer hätte es gedacht - so einfach funktioniert weder „GLOW“ noch das Leben an sich. Und so haben wir jetzt in der dritten Staffel der Wrestlingserie einen Punkt erreicht, an dem vor allem in der ersten Hälfte der zehn neuen Episoden zahlreiche Stimmungsdämpfer eingebaut sind, die nicht nur die unterschiedlichen Figuren erden, sondern auch der/-m außenstehenden Beobachter/-in unmissverständlich vor Augen führen, dass es zwar ganz toll ist, wenn man Träume, Wünsche und Ziele hat, das Erreichen dieser jedoch manchmal sehr schwer, wenn nicht sogar ein Ding der Unmöglichkeit ist. So kann es einem zumindest vorkommen. Und wenn man nach wie vor nicht weiß, was man eigentlich vom Leben will und man sich die Frage stellt, wie man all die Aspekte seines Daseins unter einen Hut bringen kann, um wirklich erfüllt und zufrieden zu sein, dann ist es gleich noch viel schwerer, an sich selbst und seine Träume zu glauben.

Für die gorgeous ladies hat sich am Ende der zweiten Staffel von „GLOW“ eine aufregende neue Herausforderung aufgetan: Vegas! Die Wrestlingshow ist von Los Angeles in die „Stadt der Sünde“ umgezogen, in der man jetzt wöchentlich in einem Casino auftritt. Der Rubel rollt, die Show wird immer beliebter, die Mädels haben grundsätzlich Spaß, Produzent Bash Howard (Chris Lowell) feilt an neuen Deals... aber irgendetwas fehlt. Die Wrestlerinnen haben einen festen Job, der ihnen Sicherheit gibt - zumindest auf beruflicher Ebene. Abseits davon stellt dieser inzwischen alltägliche Trott jedoch einen fruchtbaren Nährboden für allerlei beunruhigende Gedanken jenseits des Rings dar. Ist das wirklich das, was ich machen will? Was ist mit meiner Familie? Habe ich nicht andere Möglichkeiten? Habe ich vielleicht nur noch eine einzige Chance, bevor ich mich auf Lebzeiten in Las Vegas als Spaßmacherin für gelangweilte Hotelgäste verdinge?

Als wären diese lähmenden Momente der Selbstreflexion nicht schon bedrückend genug, korreliert der Auftakt der Vegas-Show auch noch mit der schrecklichen Katastrophe rund um die Raumfähre Challenger am 28. Januar 1986. Viel Freude kommt da nachvollziehbarerweise nicht auf. Und dieser Gefühlszustand, der zum allgemeinen Befinden vieler Charaktere ob der Überlegungen hinsichtlich ihrer kurz- bis mittelfristigen Zukunft beiträgt, schwappt auch auf die Zuschauerschaft über. „GLOW“ ist zurück, juhu! Aber... Moment mal... Warum ist das alles sofort so ernst und deprimierend? Was ist aus meiner 80er-Jahre-Wohlfühloase geworden? Das leichtfüßige „GLOW“ ist auf einmal schwerfälliger, vielleicht sogar ein klein wenig finsterer, noch ehrlicher und desillusionierter. Und das ist eigentlich gut. Aber auch ein Risiko.

Netflix
Netflix - © Netflix

Flahive und Mensch gehen in der ersten Hälfte der der dritten Staffel von GLOW durchaus ein kleines Wagnis ein, erwischen sie ihre Charaktere doch mehrfach in unbequemen Lebenssituationen, die wenig Spaß bereiten. Doch durch solche Szenen und direkte Konfrontation ergeben sich Fortschritt sowie eine Entwicklung der Figuren, die sich auszahlen kann. Dennoch habe ich mich während der neuen Episoden mehrfach dabei ertappt, wie ich ein klein wenig frustriert vor mich hin brabbelte, dass „GLOW“ etwas von seinem besonderen Zauber verloren hat. Nicht, weil die schillernde Glitzerwelt dieses absurden Showgeschäfts um eine sonderbare Wrestlingshow mehr denn je zuvor von der harten Realität konterkariert wird. Sondern vielmehr, weil nur mühsam Momentum aufkommt und die Staffel zu Beginn recht ziellos versucht, sich all der Sorgen und Ängste der verschiedenen Figuren anzunehmen, ohne eine klare Linie zu entwickeln.

Das mag Kalkül sein, denn genau darum geht es im Großen und Ganzen: eine gewisse Planlosigkeit und Unsicherheit, wie es für Ruth - insbesondere Ruth -, Debbie und ihre Mitstreiterinnen weitergehen wird, ist permanent greifbar. Und es kann anstrengend sein, diesen dunklen Gedanken und Zukunftsängsten beizuwohnen, so realistisch und nachvollziehbar sie auch sind. Wenn dann noch einzelne Charaktere dazukommen, die durch ihr grenzwertiges Verhalten (Bash, der in Staffel zwei eine sehr spannende Entwicklung durchlaufen hat, ist nun lange Zeit teilweise unerträglich) die Geduld der Zuschauer/-innen immens strapazieren, oder gewisse Handlungsstränge einfach nicht zünden wollen (eine potentielle Liebesgeschichte zwischen Ruth und den von Marc Maron gespielten Regisseur Sam Sylvia funktioniert nicht, so sehr die Serienmacherinnen es auch erzwingen wollen), tun sich eben Probleme auf, die einem den Spaß an „GLOW“ nehmen können.

Aber genau dann, wenn man denkt, dass die Serie ins Wanken gerät, vollführt man ein kleines Kunststück, indem man das Ruder gekonnt herumreißt. Dies beginnt mit der fünften Episode der neuen Staffel, in der endlich mal wieder ein frischer Wind durch die „GLOW“-Show und die Serie selbst weht, als die Wrestlerinnen einfach mal die Rollen tauschen und wie befreit aufspielen. Es ist dieser simple Perspektivwechsel, der letztlich im weiteren Verlauf als Katalysator fungiert und die Figuren dazu bringt, ungewohnte Pfade zu beschreiten und zu anderen Ufern aufzubrechen. Die Charaktere und die Zuschauer/-innen mussten zuvor ein wenig leiden und mit diesem neuen Blickwinkel und vielleicht sogar etwas mehr Demut ist man nun gut für eine zweite Staffelhälfe vorbereitet, die sich zu den bekannten Höhen der Netflix-Produktion aufschwingt.

GLOW“- eine Serie, die es so hervorragend versteht, absolute Glücksgefühle mit ergreifenden, nachvollziehbaren Dramen zu kombinieren, wodurch ein schmaler Grad zwischen freudigem Gelächter und bitteren Tränen entsteht. Ist die gefühlte Totengräberstimmung in den ersten paar Folge der Staffel es also wert gewesen, wenn die Rendite letztlich so saftig ausfällt? Eine Frage, die schwierig zu beantworten ist. Fakt ist, dass dieser erzählerische Ansatz clever gewählt und durchaus passend für die neue Staffel ist. Die Dramedy musste nach der zweiten Staffel lange um eine Verlängerung zittern, was für viele Zuschauerinnen und Zuschauer völlig unverständlich war. Und selbst jetzt ist es gut möglich, dass „GLOW“ nach dieser dritten Staffel ein Ende haben wird, auch wenn die Verantwortlichen sich neue Möglichkeiten geschaffen haben, die Geschichte weiterzuerzählen. Allein, wenn sie nur wüssten, ob sie diese denn auch weitererzählen dürfen...

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Netflix
Netflix - © Netflix

So spiegeln sich die Hürden, welche von den GLOW-Charakteren in den neuen Episoden genommen und überwunden werden müssen, durchaus auch in der möglichen Gemütslage der kreativen Köpfe hinter dem Format wieder, ob nun bewusst oder nicht. Das ist ein interessanter Nebeneffekt der dritten Staffel, wodurch einem die Erzählung stellenweise noch nähergeht, als es zuvor der Fall war. Weil zum einen die Charaktere persönliche Tiefpunkte erreichen und sich mehr oder minder erfolgreich wieder aufrappeln, was einem große Empathie und Respekt abverlangt. Und weil es zum anderen leicht vorstellbar ist, woher diese Geschichten und Figuren kommen. Das floss von der Autorenseite in diese fiktiven Platzhalter hinein, um deren Wesen, Sichtweisen und Probleme so real wiederzugeben, wie es sich in der Serie nun einmal immer wieder darstellt.

Einzig das wunderbare Ensemble ist dabei wie immer Fluch und Segen zugleich, auch wenn es in der dritten Staffel weitaus besser gelingt, den Fokus zu erweitern und gezielt andere Charaktere neben dem sehr zentralen Duo Ruth und Debbie ins Rampenlicht zu befördern. Allen voran Gayle Rankin, die Sheila the She-Wolf verkörpert, macht nachhaltig auf sich aufmerksam und durchlebt eine starke, rührende Entwicklung ihrer Rolle. Wie bereits in Staffel eins und Staffel zwei bekommt jede Nebenfigur ihre Chance zu glänzen, doch ein kleines Ungleichgewicht ist wie immer zu erkennen. Da kommt es schon einmal vor, dass bestimmte Figuren leider viel zu kurz kommen, über die man nur zu gerne viel mehr erfahren würde. So zum Beispiel Sandy Devereaux St. Clair, ein ehemaliges Showgirl und nun die Leiterin des Casinos, in welchem „GLOW“ in Las Vegas aufgeführt wird. Gaststar Geena Davis gibt dieser Rolle eine ganz besondere, eigenwillige Note, doch man wird das Gefühl nicht los, dass sie noch viel effektiver eingesetzt werden könnte.

Das ist eben der gewaltige Haken an einem so ausladenden, talentierten Cast, in dem abermals Brie (für die siebte Episode erstmals auch als Regisseurin tätig) und Gilpin am prominentesten in Erscheinung treten. Beide Schauspielerinnen präsentieren sich in hervorragender Form, auch wenn ihre Charaktere nicht immer Entscheidungen treffen, die die Zuschauer/-innen gutheißen werden. Doch das macht Ruth, dauerhaft auf der Suche nach der einen Sache, die sie glücklich macht, und Debbie, die fürsorgende Mutter und erfolgreiche, unabhängige Produzentin zugleich sein möchte, so interessant und komplex. In diesen beiden Fixpunkten sind die übergreifenden Fragen und Themen der Staffel, all die Selbstzweifel und Ambitionen, so deutlich erkennbar wie in kaum einer anderen Figur.

Etwas ermüdend ist derweil, dass Flahive und Mensch lange Zeit nicht wissen, was sie mit Marc Maron anfangen sollen, dessen griesgrämiger Sam Sylvia auf Biegen und Brechen sympathisch gemacht werden soll. Hier findet man letztlich eine überraschend gute Lösung für diesen speziellen Charakter, für den Ruth aus mir unerfindlichen Gründen doch tatsächlich etwas übrighat. Ohnehin fühlen sich einige Beziehungen innerhalb der Serie zu gewollt und unnatürlich an, doch vieles davon ist auch beabsichtigt, denn, bevor man sich wahrhaftig auf jemand anderen einlassen kann, muss man sich selbst erst einmal so akzeptieren, wie man ist. Auf diesen Punkt kommt die dritte Staffel immer wieder zurück, allen voran in der hochemotionalen, rasend machenden vorletzten Folge der Staffel sowie in dem sehr gelungenen Staffelfinale. Das spielt bizarrerweise an Weihnachten, schnürt aber durchdacht eine Schleife um mehrere Handlungsstränge, ohne zu definitive Aussagen zu machen und lässt eher Raum für Interpretationen.

Was die „Gorgeous Ladies of Wrestling“ letztlich erwarten wird, ob sie überhaupt noch einmal in den Ring steigen werden, ist zu diesem Zeitpunkt wie bereits erwähnt offen. Es wäre wünschenswert, denn der kleine Richtungs- und Stimmungswechsel in Staffel drei, der sich im Übrigen auch so darstellt, dass der Wrestlingssport ganz klar den Charakteren und deren Weiterentwicklung untergeordnet ist, stellt sich schlussendlich als Erfolgsgeschichte heraus. Diese bedient im Grunde genommen abermals die komplette Bandbreite an Emotionen, wenngleich es so ernst wie selten zuvor zugeht. Doch: je tiefere Tiefs, desto höhere Hochs.

Trailer zur dritten Staffel von GLOW:

Hier abschließend noch der Trailer:

Verfasser: Felix Böhme am Freitag, 9. August 2019

GLOW 3x01 Trailer

Episode
Staffel 3, Episode 1
(GLOW 3x01)
Deutscher Titel der Episode
Hoch hinaus
Titel der Episode im Original
Up, Up, Up
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Freitag, 9. August 2019 (Netflix)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Freitag, 9. August 2019
Erstausstrahlung der Episode in Österreich
Freitag, 9. August 2019
Autoren
Liz Flahive, Carly Mensch, Isaac Oliver
Regisseur
Claire Scanlon

Schauspieler in der Episode GLOW 3x01

Darsteller
Rolle
Britt Baron
Sydelle Noel
Gayle Rankin
Kia Stevens
Jackie Tohn
Britney Young
Marc Maron

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