GLOW 2x10

GLOW 2x10

Die Wrestling-Dramedy GLOW macht in ihrer zweiten Staffel einen Sprung nach vorne und schwingt sich damit endgültig zu den Serien aus dem breitgefächerten Netflix-Katalog auf, die man sich nicht entgehen lassen sollte. Die Gründe dafür sind zahlreich und der größte von ihnen ebenso simpel wie wirkungsvoll.

„GLOW“ (c) Netflix
„GLOW“ (c) Netflix
© ??GLOW“ (c) Netflix

Als Alison Brie vor einigen Wochen bei einer Veranstaltung von Netflix in Rom die Bühne betrat, um über GLOW und die zu dem Zeitpunkt anstehende zweite Staffel der glamourösen Wrestlingserie zu reden, fasste sie den Kern der beliebten Netflix-Produktion treffend zusammen. Natürlich ginge es in dem Format auch um wichtige, gesellschaftliche Themen, um die Repräsentation von verschiedenen Frauen, die den schwierigen Umständen ihrer Zeit mutig entgegentreten und sich unerschrocken für ihre eigenen Wünsche, Träume und Ziele einsetzen. „GLOW“ steht aber allen voran für eines: Spaß. Brie selbst hob damals hervor, wie wichtig es doch ist - gerade in bedrückenden Zeiten wie diesen -, dass man sich manchmal in eine Welt flüchten kann, die einen mit großer Freude erfüllt und auf andere Gedanken bringen kann.

Und genau das gelingt der Netflix-Serie. Um es einfach zu formulieren: „GLOW“ tut gut. Die Serie von Liz Flahive und Carly Mensch zeichnet so viel Schwung, Dynamik und Charme aus, dass man sich ihr fast gar nicht entziehen kann. Die sympathischen Charaktere machen es einem einfach, bedingungslos bei deren Kämpfen, ob im oder abseits des Ringes, mitzufiebern. Inszeniert wird dieses Spektakel wiederum mit so viel Leidenschaft und Hingabe, dass man sich zwischenzeitlich dabei erwischt, heißblütig die Fäuste in die Höhe zu strecken, frenetisch zu jubeln und zu verzweifeln, wenn es mal für eine der Figuren nicht so läuft, wie man es sich erhofft hatte. So, als wäre man selbst hautnah mit dabei, wenn die glorreichen Ladys des Wrestlings Mal für Mal ihre bizarre, farbenfrohe, weltoffene Show abreißen.

Bei der Sichtung der zweiten Staffel von „GLOW“ machte sich in mir immer wieder ein wohliges Gefühl breit, als wären die neuen Folgen in diesem Augenblick genau das, was ich brauchte. An düsteren, dramatischen Serien, die zum Lachen in den Keller gehen, mangelt es dabei jedoch nicht. Auch vielen Dramedys geht gerne die Leichtigkeit abhanden, die ich mir als Zuschauer wünsche. All dies ist irgendwie verständlich, die Realität ist nun mal hart und unfair, wir als Zuschauer können problemlos eine Verbindung zu derartigen Themen aufbauen, weil viele von uns ähnliche Erfahrungen durchlebt haben. Auch „GLOW“ greift immer wieder ernste Probleme auf, die damals wie heute nichts an ihrer Bedeutung eingebüßt haben, so zum Beispiel die sexuelle Diskriminierung von Frauen.

Doch die Serie vollführt eben auch stetig ein Kunststück, das mit einer komplizierten Flugeinlage im Wrestlingring gleichzusetzen ist, die nur die Besten ihres Faches hinbekommen. „GLOW“ schafft es, uns reale Probleme von realen Menschen aufzuzeigen und wie sie mit diesen umgehen, während man gleichzeitig eine lockere, beschwingte, oft ansteckend optimistische Stimmung aufrechterhält, die einem das Gefühl gibt, dass alles möglich ist. „GLOW“ ist Feel-Good-Fernsehen in Reinform, auch wenn man sich zwischendurch mal nicht so gut fühlt, weil sich das Format traut, uns mit den erschreckenden und unschönen Seiten unserer Gesellschaft zu konfrontieren.

Die zweite Staffel von „GLOW“ geht da noch einen Schritt weiter als die erste und legt den Finger mehrfach in die Wunde, findet aber auch immer wieder gekonnt den Weg dahin zurück, dass man sich trotz aller Widerstände und Rückschläge nicht entmutigen lässt. Diese beispiellose Furchtlosigkeit, die die Figuren, die Serienmacherinnen und das Format selbst an den Tag legen, ist bemerkenswert. Und sie überträgt sich auf die Zuschauer, die sich in den Charakteren selbst wieder erkennen und sich nur zu gerne eine Scheibe von ihrer unerschütterlichen Einstellung abschneiden.

Mehr zur zweiten Staffel im Detail auf der nächsten Seite...

Interview mit Betty Gilpin und Alison Brie zur zweiten Staffel von „GLOW“:

Netflix
Netflix - © Netflix

In der zweiten Staffel von GLOW dreht sich nach wie vor der Großteil der Handlung um die beiden ehemaligen Freundinnen Debbie (Betty Gilpin) und Ruth (Alison Brie), die nun versuchen, ihrem turbulenten Leben eine neue Richtung, wenn nicht sogar Ordnung zu geben/zu verleihen. Beide suchen und finden ihren Platz in dem bunten Kuddelmuddel, das die billig, aber hingebungsvoll produzierte Damenwrestlingshow „GLOW“ darstellt. Den Weg dorthin, und dass sich die beiden zerstrittenen Frauen zum Ende hin wieder mehr annähern (auch wenn dem Ganzen ein brutaler Tiefpunkt vorangeht), verfolgt man nur allzu gerne. Vor allem, weil beide auf den ersten Blick so unterschiedlich erscheinen, letztlich aber für die gleiche Sache kämpfen: Sie wollen sich behaupten, sie wollen unabhängig sein. Das ist nicht leicht, insbesondere wenn dir deine Umwelt immer wieder sagt und aufzeigt, dass du als Frau auf Hilfe angewiesen bist.

Die aufrichtigen, bisweilen mitreißenden, emotionalen Darbietungen von Betty Gilpin und Alison Brie bilden die Grundlage dafür, dass uns beide Charaktere noch mehr zu Herzen gehen als zuvor, all ihren Verfehlungen und Macken zum Trotz. Während man Ruth wünscht, dass ihr Einsatz und ihr Eifer endlich belohnt werden, gibt uns Debbie die Perspektive einer geschiedenen Mutter eines Kleinkindes, die fortan auf eigenen Beinen stehen muss und will. Die Figuren spielen mehrere Rollen, die sich nicht immer miteinander vertragen, doch was bleibt ihnen anderes übrig, als sich den Tatsachen zu stellen und es anzupacken? Dabei offenbaren beide eine Verletzlichkeit, aber auch einen starken, unzerstörbaren Charakter, dem man noch so viele Knüppel zwischen die Beine werfen kann. Es geht immer weiter, aufgeben verboten. Man kämpft ununterbrochen für sich selbst und für die, für die man alles aufopfern würde.

Da Debbie und Ruth nach wie vor die zwei zentralen Figuren der Erzählung sind und als klare Fixpunkte fungieren, stellt sich natürlich die Frage, wie es um den Rest des wunderbaren Ensembles steht. Bereits in der ersten Staffel wurde hier ein wenig Potential vergeudet, da das Autorenteam nicht immer genau wusste, was es denn mit all seinen Figuren anstellen soll. In der zweiten Staffel dreht man ein wenig an dieser Stellschraube, insbesondere der grummelige Sam (überzeugend grummelig von Marc Maron gespielt) rückt etwas mehr in den Fokus. Aber auch Chris Lowell, der den reißerischen Produzenten und aufbrausenden Ringkommentator Sebastian „Bash“ Howard spielt, bekommt mehr Gelegenheiten, sich auszuzeichnen, vor allem, was sein dramatisches Repertoire betrifft. Beide Herren bilden ein interessantes Gegenstück zu ihren Kolleginnen und erschließen sich uns als vollwertige Charaktere mehr als noch zuvor.

Doch wenn sich „GLOW“ erneut einen Kritikpunkt gefallen lassen muss, dann, dass die restlichen „Ladys“ weiterhin eine bunte Masse an grundverschiedenen Figuren sind, die als Gruppe hervorragend funktionieren - die einzelnen Figuren bleiben aber weiterhin zu blass. Wie viel Potential sich hier versteckt, zeigen die letzten Episoden der Staffel, als sich der Fokus weg von Debbie, Ruth und Sam hin zu den vermeintlichen Nebencharakteren verschiebt, die natürlich auch ihren fairen Anteil an großen Problemen zu bewältigen haben (Rhondas (Kate Nash) bevorstehende Abschiebung, Arthies (Sunita Mani) sexuelles Erwachen et cetera). In der vierten Episode, passend mit Mother of All Matches betitelt, zeigt sich zum Beispiel eindrucksvoll, was hinter Tammé aka der polarisierenden Welfare Queen (Kia Stevens) steckt: eine aufopferungsvolle Mutter, ganz ähnlich wie Debbie, und eine stolze Frau, die mutig ihren eigenen Weg geht. Mehr davon! Auch bei anderen Figuren bahnt sich immer wieder eine größere Geschichte hinter ihrer Wrestling-Persona an. Dass man sich dann diesen wirklich eindringlich widmet, das fehlt momentan noch.

Es ist nicht einfach, all die Charaktere in zehn Episoden à circa 30 Minuten unterzubringen. Aber es würde die Serie noch vielfältiger, noch vielschichtiger machen, als sie es bereits ist. Der Szenenwechsel, der am Ende des fulminanten Finales (inklusive eines fantastischen Ringspektakels, bei dem sich sogar ein paar bekannte Profiwrestler die Ehre geben) vorbereitet wird, gibt den Verantwortlichen die Chance, sich noch breiter aufzustellen und weiter neu zu erfinden. „GLOW“ wird nun zu einer prächtigen Liveshow in Las Vegas, was einem viele neue Möglichkeiten eröffnet. Mit Debbie und Ruth beziehungsweise Gilpin und Brie hat man nun mal einfach zwei fantastische Zugpferde, die die Show hervorragend tragen. Nun ist es an der Zeit, den anderen Heldinnen dieses Format den Raum zur Entfaltung zu geben, den sie sich mittlerweile redlich verdient haben. Denn, wenn man ganz ehrlich ist, nehmen viele von ihnen nur die überspitzte Rolle für uns ein, die sie im Ring darstellen. Aber was genau verbirgt sich hinter der jeweiligen Fassade?

Ich könnte mir vorstellen, dass sich Liz Flahive, Carly Mensch und ihre Autoren und Autorinnen längst Gedanken über diesen Punkt gemacht haben und mit den ersten beiden Staffeln von GLOW eine Grundlage schaffen wollten, um nun in diese Bereiche vorzudringen. Dass sie ein extrem gutes Gespür dafür haben, aktuelle Themen anzusprechen und pointiert zu kommentieren (siehe eine schreckliche Situation in Episode fünf, Perverts are People, in der sich Ruth mit einem Senderchef wiederfindet), stellen sie immer wieder eindrucksvoll unter Beweis. Auch ihre Experimentierfreudigkeit und das große Herz für den Amateurwrestlingsport, der weder lächerlich noch bitterernst, sondern genau richtig - charmant, authentisch und respektvoll - repräsentiert wird, sind ein besonderer Trumpf der Serie, den man in der grandiosen achten Folge, The Good Twin, superb zur Schau stellt. Es fehlt wahrlich nicht viel, dann wäre diese funkelnde, laute, komplexe und kurzweilige 80er-Jahre-Extravaganza doch womöglich die beste Eigenproduktion, die Netflix bis dato hervorgebracht hat. Kein Wunder, denn „GLOW“ tut eben verdammt gut.

Englischsprachiger Trailer zur zweiten Staffel von „GLOW“:

Verfasser: Felix Böhme am Samstag, 30. Juni 2018
Episode
Staffel 2, Episode 10
(GLOW 2x10)
Deutscher Titel der Episode
Alles hat einen Preis
Titel der Episode im Original
Every Potato Has a Receipt
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Freitag, 29. Juni 2018 (Netflix)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Freitag, 29. Juni 2018
Erstausstrahlung der Episode in Österreich
Freitag, 29. Juni 2018
Erstausstrahlung der Episode in der Schweiz
Freitag, 29. Juni 2018
Autoren
Liz Flahive, Carly Mensch, Marquita Robinson
Regisseur
Jesse Peretz

Schauspieler in der Episode GLOW 2x10

Darsteller
Rolle
Britt Baron
Sydelle Noel
Gayle Rankin
Kia Stevens
Jackie Tohn
Britney Young
Marc Maron

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