Girls 5x10

Für viele Zuschauer der HBO-Serie Girls dürfte es schon lange ein Wunder sein, dass die Titelfiguren des Formats überhaupt noch miteinander befreundet sind - oder es jemals waren. Es gibt kaum eine Gemeinheit, die sich Hannah (Lena Dunham) und Marnie (Allison Williams), Shoshanna (Zosia Mamet) und Jessa (Jemima Kirke) noch nicht an den Kopf geworfen hätten. Dieses Verhalten ist auf den bisweilen schwer zu ertragenden Egoismus zurückzuführen, der oftmals gefährlich nahe an der Grenze zum Narzissmus verläuft.
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Da ist es nur folgerichtig, dass die kürzlich zu Ende gegangene fünfte Staffel die Folgen dieser gegenseitigen Böswilligkeiten beleuchtet. Am Ende steht die absehbare und trotzdem niederschmetternde Erkenntnis, dass diese Menschen wohl nicht mehr allzu viel Zeit miteinander verbringen werden - auseinandergetrieben vom eigenen spektakulären Egozentrismus. Somit erreicht die Serie vielleicht zum ersten Mal das, was sie von Beginn an wollte, nämlich: ein realistisches Porträt junger Großstädter zu sein.
Die Auftaktepisode Wedding Day, in der sich Marnie und Desi (Ebon Moss-Bachrach) im grandios fehlgeleiteten Glauben, füreinander bestimmt zu sein, vor den Traualtar wagen, dient als Nebelkerze. Für das, was man von der Serie gewohnt ist, verläuft die Zeremonie einigermaßen glimpflich, wobei ein Beweis dafür erbracht wird, dass in „Girls“ immer noch eine große Portion Comedy steckt. Danach wird es jedoch in der gesamten Staffel keine einzige Episode mehr geben, in der sämtliche Ensemblemitglieder zusammen zu sehen sind.
Das hat zunächst ganz praktische Gründe, hatte Shoshanna doch am Ende der letzten Staffel beschlossen, nach Tokio auszuwandern. Die Episode Japan stellt einen ersten Höhepunkt in einer Staffel dar, die mit zunehmender Laufzeit immer mehr Fahrt aufnimmt. Vordergründig genießt Shosh ihr neues Leben und all die neuen Erfahrungen, die sie in dieser unbekannten Kultur macht. Bald darauf muss sie sich jedoch eingestehen, dass sie sich in Tokio bisweilen genauso einsam fühlt wie in New York - daran kann auch ihr liebenswerter Freund Scott (Jason Ritter) nichts ändern, den sie kurzerhand abserviert.

Im Vergleich zu ihren Freundinnen - oder diejenigen Personen in ihrem Leben, die sie von früher als Freundinnen kennt - ist Shoshannah vielleicht diejenige mit den am wenigsten anstrengenden Charakterzügen. Diejenige mit den meisten - und das mag daran liegen, dass sie am längsten vor der Kamera steht - ist wohl Hannah, die in dieser Staffel so sehr mit sich selbst beschäftigt ist, dass sie nur noch über ihre Freundinnen spricht, statt sich mit ihnen zu treffen. So scheinen mittlerweile alle vier miteinander verbunden zu sein - als Schimären aus der gemeinsamen Vergangenheit.
A lazy, manipulative, myopic narcissist
Dass Hannah und Jessa kein Wort mehr miteinander wechseln, ist angesichts der Beziehung zwischen letztgenannter und Adam (Adam Driver) überaus verständlich. Jedoch dauert es bis zur exzellenten Episode Hello Kitty, die sich mit dem berühmten Mordfall an der New Yorkerin Kitty Genovese auseinandersetzt, bis Hannah angesichts ihrer Selbstbezogenheit überhaupt etwas davon mitbekommt. Am Ende schafft sie es lediglich, als wunderbar antiquiertes Zeichen der Versöhnung einen Obstkorb vor die Wohnungstür ihrer Freunde zu stellen.
Ein Gutes hat diese spät aufgedeckte Affäre für Hannah dennoch - sie findet sofort ein Thema, das sie anhand ihrer neu entflammten Leidenschaft fürs Schreiben verarbeiten kann. Entfacht hat diese jedoch eine alte Bekannte, die uns zum ersten Mal seit dem Ende der ersten Staffel über den Weg läuft. Tally (gespielt von der famosen Jenny Slate) schafft es in Love Stories mit ihrem fröhlichen Optimismus und einer entwaffnenden Offenheit, Hannah bei der Überwindung ihrer Trauer über die jüngsten Missgeschicke zu helfen. Einen kleinen Teil übernehmen dabei außerdem Nicki Minaj, Beyoncé und ein paar „fat Js“.
Neben der sehr einfachen, aber doch stets wiederholenswerten Erkenntnis, dass wir alle einsame Wesen sind, die nach menschlicher Wärme suchen, bringt diese Szene zum Vorschein, dass Hannah sämtliche platonische Freundschaften mit sexuellen Gesten zu torpedieren versucht. Sie denkt nicht nur über Sex mit Tally nach, sondern hat diesen auch mit ihrer Yogalehrerin in Queen for Two Days, obwohl sie gar nicht lesbisch ist. Ray (Alex Karpovsky), dem einzigen Freund in der Serie, mit dem sie bisher nicht geschlafen hat, bietet sie nach ihrer Rettung Oralsex an und ihrem bemitleidenswerten Rektor Toby (Douglas McGrath) zeigt sie ihre Vulva - in einer Szene, die einmal mehr beweist, dass niemand im amerikanischen Fernsehen mehr Schneid hat als Lena Dunham.

Am Ende behaupten Hannah und Jessa im Gleichklang, aber nicht zueinander, dass sie beste Freundinnen sind, obwohl das Gesehene in die entgegengesetzte Richtung deutet. Ihre Freundschaft besteht wohl nur noch aus einem Loyalitätssinn gegenüber der gemeinsamen Vergangenheit. Es war der vielleicht beste - und wichtigste - Kniff der Serie, diese wachsende Disparität zu ihrem zentralen Stilmittel in der fünften Staffel zu machen. Jetzt endlich haben die Figuren verstanden, dass sie einander nicht brauchen, um glücklich zu sein.
Ride into the future
Diese bittere Wahrheit eröffnet der Serie neue Möglichkeiten, die früher schon einmal in anderer Besetzung hervorragend funktionierten. Die Episode The Panic in Central Park - der Titel ist eine Hommage an den Al Pacino-Film „The Panic in Needle Park“ - richtet, wie schon One Man's Trash aus der zweiten Staffel, ihren Fokus auf einen einzigen Charakter. Allerdings ist es dieses Mal nicht die Hauptfigur, sondern eine, die wohl bei vielen Zuschauern als unaushaltbar gilt. Innerhalb von nur dreißig Minuten gelingt es Autorin Dunham, Regisseur Richard Shepard und Darstellerin Williams aber, dieses Bild von Marnie zumindest teilweise zu korrigieren.
Viel glücklicher ist sie nach der überfälligen Trennung von Desi aber nicht wirklich, wie die zu „Can't Take My Eyes off You“ von Frank Valli gescorte Endmontage schmerzlich offenbart. Sämtliche Figuren befinden sich darin an Türschwellen - im eigentlichen wie im übertragenen Sinne. Marnie und Ray, die wohl irgendwie wieder zusammen sind und langweiligen Sex haben, trommeln wütend gegen die Tür der Umkleidekabine, in der sich Desi gerade von einem Fangirl befriedigen lässt. Adam spielt den durchgeknallten Jack Torrance aus „The Shining“ und schlägt die Tür des Badezimmers ein, in dem sich Jessa gerade vor ihm versteckt.
Vor ihrer Wohnungstür liegt derweil der Obstkorb von Hannah, den sie dort abgeliefert hat, ohne auch nur den Versuch eines Gesprächs zu unternehmen. Zugegeben - sie hat die beiden gehört, wie sie sich lautstark anschrien und dabei ihren Namen ausriefen, und wollte dabei nicht stören. Trotzdem bleibt der Eindruck, dass es zwischen Hannah und Jessa, aber auch zwischen den meisten anderen Figuren kaum mehr zu sagen gibt als das, was ein gekaufter Obstkorb ausdrücken könnte. Der verdammte Obstkorb ist das Fanal dieser todgeweihten Beziehungen, eine Erinnerung an vergangene Zeiten, die mal schön, mal traurig, mal witzig, mal ärgerlich waren.
Die Girls werden sich wahrscheinlich nie wieder so nahe sein, wie sie es einmal waren. Sie werden manchmal zurückdenken an ihre gemeinsame Zeit und dann werden sie sich wieder ihrer Arbeit, ihrer Familie oder ihren neuen Freunden widmen. Das ist unendlich traurig, aber ebenso folgerichtig - und das Beste, was dieser Serie hätte passieren können.
Verfasser: Axel Schmitt am Montag, 25. April 2016(Girls 5x10)
Schauspieler in der Episode Girls 5x10
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