
Mit gerade einmal sechs Episoden kommt die erste Staffel der neuen Comedyserie Getting On aus der Feder der Big Love-Schöpfer Will Scheffer und Mark V. Olsen daher. Mit der gestrigen Ausstrahlung der Pilotepisode bekommt man schnell einen Eindruck, wohin die Reise ungefähr gehen soll. Es wird uns ein detaillierter Einblick in die Welt der Kranken- und Altenpflege geliefert. Dabei begleiten wir gleich mehrere Charaktere an ihrem Arbeitstag am 4. Juli im Mt. Palms Hospital in Long Beach, Los Angeles.
Da wäre zum Beispiel Denise „DiDi“ Ortley (Niecy Nash), die an ihrem ersten Tag als Krankenschwester gleich viele neue Erfahrungen darüber sammelt, wie der Alltag in ihrer Abteilung abläuft. So muss man schon das erste Mal schmunzeln, als die erfahrene Krankenschwester Dawn Forchette (Alex Borstein) angesichts von Fäkalien auf einem Stuhl im Wartebereich der Pflegeabteilung etwas merkwürdig reagiert und einen höchstoffiziellen Weg einschlagen will, um mit dem Vorfall richtig umzugehen. Als dann noch die labile Ärztin Dr. Jenna James (Laurie Metcalf), welche sich auf der Suche nach einer geeigneten Stuhlprobe für eine ihrer Studien befindet, hinzukommt, wird DiDi zum ersten Mal klar, dass sich ihre Arbeit im Mt. Palms viel stressiger gestalten könnte als anfangs noch vermutet.
Die ersten Minuten von „Getting on“ hinterlassen insgesamt einen guten Eindruck, auch wenn nichts wirklich Besonderes passiert. Der Stil erinnert sogleich an „Mockumentary“-Aufnahmen, was wiederum sehr gut zu dem realistischen Rahmen der Serie passt. Die Kameraführung gestaltet sich als unaufgeregt, jedoch werden auch mit schnellen Schnitten die gut getimten Dialoge überzeugend eingefangen. Zwar stehen zu Beginn die eher skurrilen Charaktere im Mittelpunkt, wodurch „Getting on“ eher einer Comedy gerecht wird. Doch optisch ist die neue HBO-Serie eher grau gehalten, was sich als sehr passend zu der morbiden Stimmung in der Extended Care-Abteilung des Krankenhauses herausstellt. Im Gegensatz zu thematisch ähnlichen Serien wird während der Lauflänge von 30 Minuten eher wenig zwischen den einzelnen Figuren und verschiedenen Orten gewechselt. Die Charaktere treffen immer wieder aufeinander und interagieren miteinander, was wiederum einen sehr dynamischen Eindruck macht.
Unter den Darstellern fällt mit Abstand Metcalf am meisten auf - mittlerweile vor allem aus The Big Bang Theory in der Rolle der Mary Cooper, die strenggläubige Mutter von Sheldon Cooper (Jim Parsons), oder aus Desperate Housewives bekannt. In „Getting on“ zeigt sie, dass sie auch eine starke Dramaschauspielerin ist. Ihre Rolle der instabilen Dr. Jenna James ist hier am interessantesten, ihr emotionaler Ausbruch kurz vor Ende der Episode gehört zu einem der Höhepunkte der Auftaktfolge. In einem Gespräch mit ihrem Vorgesetzten (Mark Harelik) bekommen wir abermals einen aufschlussreichen Einblick in ihren brüchigen Charakter.
Aber auch Alex Borstein und Niecy Nash können überzeugen. Borsteins Dawn Forchette hat darüber hinaus die wohl amüsanteste Szene der Pilotfolge, als sie gemeinsam mit DiDi versucht, die für sie unverständliche Sprache einer asiatischen Patientin zu übersetzen. Mit Telma Hopkins in der Rolle der Supervising Nurse Beverly Raymes wird ein weiterer interessanter Charakter eingeführt. Dieser funktioniert perfekt als Gegenpol zu Laurie Metcalfs Rolle der Dr. James, aber anscheinend wird Raymes am Ende der Episode auf Anweisung von Dr. James versetzt. Sollte dies der letzte Auftritt von Hopkins in ihrer Rolle der starken Beverly Raymes gewesen sein, wäre dies äußerst schade, denn sie hinterließ bereits in den wenigen Momenten, in denen sie zu sehen war, einen sehr belebenden Eindruck.
Wie bereits angedeutet, möchte „Getting on“ sowohl Comedy als auch Drama sein, auch wenn in der Pilotepisode das Augenmerk eher auf den komischen Szenen liegt. Doch es werden auch dramatische Nuancen deutlich, zum Beispiel in der Interaktion zwischen den Krankenhausangestellten und ihren Patienten. DiDi gewinnt dabei wohl am ehesten die Herzen der Zuschauer. In einer Szene hilft sie einer dementen Patientin zurück an ihren Platz, im Hintergrund kann man ein Feuerwerk hören, feiert die Nation doch den 4. Juli und somit die Unabhängigkeit der USA. Ein freudiges Ereignis, aber hier im St. Mount Krankenhaus in Los Angeles ist die Stimmung eher verhalten. Es ist nun mal die harte Realität, in der in einem Krankenhaus eben auch Menschen sterben. Ein wichtiger Aspekt, den „Getting on“ auf keinen Fall vernachlässigen darf, schaut man sich an, wie wichtig den Machern der reale Bezug zu dem Thema ist.
Neben DiDi hat auch Dawn ein paar emotionale Momente, selbst wenn sie sich etwas seltsam anstellt. Sie vergreift sich zum Beispiel an der Geburtstagstorte einer kürzlich verstorbenen Patientin und bedient sich in der letzten Szene der Episode einer Notlüge, um die Schwester der Verstorbenen zu beruhigen. Doch man merkt ihr an, dass sie eigentlich ein sehr warmherziger Mensch ist. Raymes spricht es in einem Gespräch mit ihr an: Dawn muss von Zeit zu Zeit raus aus ihrem Schneckenhaus und gerade Dr. James gelegentlich mal Paroli bieten. Auch von ihrem Charakter kann man wohl noch einiges erwarten.
Fazit
Mit der Pilotepisode von „Getting on“ kann HBO beziehungsweise können Will Scheffer und Mark V. Olsen ohne Zweifel überzeugen, doch man muss die weiteren Episoden abwarten, um zu sehen, in welche Richtung sich das Format entwickeln wird. Die Comedy ist subtil und angenehm leicht, die Dialoge zwischen den einzelnen Figuren fühlen sich rund an und machen Lust auf mehr. Letzteres liegt auch an den vielschichtigen Charakteren selbst. Mit einer überzeugenden Riege an Darstellern und einer interessanten Prämisse kann „Getting on“ auf jeden Fall punkten.
Wenn die Serie es schafft, die Balance zwischen komischen und dramatischen Elementen zu halten, vielleicht sogar noch mehr Drama mit einzubauen, könnte sich die sechsteilige erste Staffel der Serie als eine gute und durchaus sehenswerte Ergänzung im Programmplan von HBO herausstellen. Zwar protzt „Getting on“ nicht mit einer ausgefallenen Idee oder einer vollgepackten Pilotepisode, aber das, was die Serie macht, macht sie gut. Der Auftakt mag vielleicht nicht herausragend sein, doch es wird angedeutet, dass sich die Serie unter den richtigen Einflüssen zu einem sehr guten Format entwickeln könnte.
Felix Böhme hat an diesem Beitrag mitgearbeitet.