Die Anthologieserie Genius von Nat Geo widmet sich in ihrer ersten Staffel dem aufregenden Leben des weltbekannten Wissenschaftlers Albert Einstein. Die Pilotepisode findet eine gute Mischung zwischen biographischer Erzählung, interessantem Zeitdokument und abwechslungsreicher Charakterstudie.

Geoffrey Rush als Albert Einstein in „Genius“ / (c) Nat Geo
Geoffrey Rush als Albert Einstein in „Genius“ / (c) Nat Geo
© eoffrey Rush als Albert Einstein in „Genius“ / (c) Nat Geo

Der National Geographic Channel, kurz Nat Geo, ist allen voran für seine vielen Dokumentationen und Wissensformate bekannt, die das gesamte Spektrum an verschiedenen Themen abdecken, von der Raumfahrt über paranormale Aktivitäten bis hin zur Tierwelt. Im Bereich der fiktionalen Produktionen hat man sich bisher eher zurückgehalten, im letzten Jahr wagte man mit der Miniserie Mars einen kleinen Vorstoß in jene Gefilde, indem man Fiktion und Dokumenation miteinander kombinierte. Mit dem Anthologieformat Genius möchte der Bezahlsender nun aber endgültig ins geläufige Seriengeschäft mit einsteigen und hat dafür einige beeindruckende Namen gewinnen können.

Die Serie kommt von dem amerikanischen Starproduzenten Brian Gazer, dessen bisheriges Schaffen prestigeträchtige Filme wie zum Beispiel der mit dem Oscar ausgezeichnete „A Beautiful Mind“ oder diverse TV-Produktionen wie Empire, Friday Night Lights, 24 und viele mehr hervorgebracht hat. Nach einem Drehbuch von Noah Pink hat sich Gazer für die erste Staffel von Genius mit Produktionspartner Ron Howard („Rush“, „Apollo 13“) zusammengeschlossen (das weiter oben erwähnte „Mars“ stammt ebenfalls von dem Duo), selbst ein großes Kaliber im Geschäft, der für die Inszenierung der Pilotfolge verantwortlich zeichnet. Und dann kommt in Hauptdarsteller Geoffrey Rush - ebenfalls ein Oscarpreisträger - auch noch ein Schauspielschwergewicht aller erster Güte hinzu, der den legendären Physiker verkörpert, zumindest in späteren Jahren.

Think for thinking's sake

Diese Voraussetzungen lesen sich alles andere als verkehrt, doch wird das Format in seiner Auftaktfolge den automatisch hohen Erwartungen gerecht? In der Tat hinterlässt „Genius“ einen positiven ersten Eindruck, was unter anderem auf die überzeugenden Schauspielleistungen sowie die für die erste richtige fiktive Nat Geo-Serie (21st Century Fox fungiert als Produktionsfirma) erstaunlich hohen Produktionswerte zurückzuführen ist. Ron Howard drückt der Erzählung mit seinem unverkennbaren Regiestil den Stempel auf, während Geoffrey Rush hervorragend als älterer Albert Einstein funktioniert. Ein paar Probleme gibt es indes aber noch bei Johnny Flynn, dem Darsteller der jüngeren Version unserer Titelfigur, der etwas mehr Strahlkraft vertragen könnte. Die Geschichte an sich gibt derweil sehr viel her und gestaltet sich komplexer, als man eventuell gedacht hatte.

World citizen

Die erste Staffel von „Genius“ beleuchtet sowohl den Werdegang des jungen Albert Einsteins, dessen akademische Laufbahn nach einer eher turbulenten Schulzeit Ende des 19. Jahrhunderts erst in die Vollen geht, als auch das Leben des Wissenschaftlers in seinen 40er und 50er Jahren, eine nicht weniger turbulente Zeit für den Physiker jüdischer Abstammung in einem Deutschland, das in den 1920er Jahren vom dem Aufstieg antisemitischer Nationalsozialisten gezeichnet war. Die Erzählung springt immer wieder zwischen den verschiedenen Zeitepochen und widmet sich dadurch einer ganzen Reihe verschiedener Themen.

Während der alte Einstein eine Koryphäe auf seinem Gebiet ist, sich aber mehr und mehr unwohl in seinem judenfeindlichen Heimatland fühlt und nicht nachvollziehen kann, woher dieser irrationale Hass nur kommt, eckt sein jüngeres Ich auf der Suche nach Bildung und Wissen immer wieder an. Albert Einstein ist nun einmal ein unkonventioneller Denker gewesen, ein Querkopf und Rebell, der stets seinen eigenen Weg gegangen ist. Dieser nahm wiederum unzählige Wendungen, was zu einem einzigartigen Leben geführt hat, dass die Macher hinter Genius in zehn Episoden wiedergeben wollen.

Nat Geo
Nat Geo - © Nat Geo

Knowing everything

Genius tut gut daran, nicht all zu trocken und bieder zu sein, auch wenn sich die Pilotfolge oft wie eine sehr klassische biographische Verfilmung des Lebens von Albert Einstein anfühlt. Der Charakter gibt auch wahnsinnig viel her, was hier minutiös ergründet wird. Die Erzählstruktur mit den zwei Handlungsebenen sorgt für etwas Dynamik und Abwechslung, gleichzeitig formt sich für uns Zuschauer eine komplexe Hauptfigur, die weitmehr als nur einer der größten, bedeutendsten Wissenschaftler der Menschheit gewesen ist. Wir rattern eben nicht nur fix durch Einsteins Vita und frühstücken die Höhepunkte seines Schaffens ab. Nein, den Seriemachern liegt ebenso viel an Kontext, an der Welt, in der sich der junge sowie der alte Albert Einstein bewegt hat, was ihn geprägt und beeinflusst hat.

In der Folge avanciert die Auftaktepisode immer wieder zu einem aufschlussreichen Zeitdokument, in dem Parallelen zu aktuellen politischen Ereignissen gezogen werden, siehe die erschreckende Situation, der sich Einstein und seine Frau Elsa (Emily Watson) im Berlin der 1920er Jahre ausgesetzt sehen. Genau so viel wie an diesem Grundgerüst und Rahmen der Geschichte, liegt den Machern aber natürlich auch an den verschiedenen Charakteren, allen voran der Titelfigur. So hat „Genius“ auch ein solides Charakterdrama mit sehr persönlichen Momenten zu bieten, die Einstein als einfachen Menschen mit Träumen, Wünschen und Romanzen zeigt. Diese Mischung hat etwas und macht die Serie zu einem vielschichtigen, ambitionierten Gesamtpaket, das vielleicht nicht jeden der vielen verschiedenen Aspekte perfekt behandelt, aber besser als viele andere Produktionen ähnlicher Art.

Finding answers

Die dynamische Kameraführung trägt dazu bei, dass es trotz reichlich Inhalt nie zu behäbig wird, und die exzellente Ausstattung sowie sehenswerte Kulissen geben dem Format eine sehr hohe Wertigkeit, die es einfach braucht, um diese Geschichte authentisch zu erzählen. In Geoffrey Rush hat man derweil einen starken Hauptdarsteller gefunden, der die Begeisterung für die Wissenschaft und die damit einhergehende, niemals schwindende Neugierde des älteren Einsteins glaubwürdig verkörpert. Auch andere, vielleicht der Allgemeinheit eher weniger bekannte Charakterzüge des Physikers, dem es unter anderem an einigen Sozialkompetenzen gefehlt hat, werden gut von Rush porträtiert. Dieser glänzt wiederum am meisten, wenn er von seiner unendlichen natürlichen Gravitas Gebrauch macht, so zum Beispiel, als er konsterniert, frustriert und verängstigt einsehen muss, dass es an der Zeit ist, Deutschland den Rücken zu kehren.

Bending the rules

Rushs jüngerer Gegenpart Johnny Flynn (Lovesick) muss mich indes noch etwas mehr überzeugen, bleibt er für meinen Geschmack in der Pilotfolge doch ein wenig blass. Dabei setzt er schon einiges daran, dem rebellischen, jugendlichen Albert Einstein Leben einzuhauchen. Irgendwie fehlt Flynn aber noch etwas die Präsenz, um mich komplett mitreißen und für das frühe Leben von Einstein voll und ganz begeistern zu können. Ein weiteres „Problem“ von „Genius“, an das man sich erst einmal gewöhnen muss, liegt für mich an der Sprache. Ein Großteil der Charaktere hat in Wirklichkeit in deutsch kommunziert, in der Serie sprechen diese Figuren nun im gebrochenen Englisch miteinander, während zwischendurch immer wieder deutsche Sprachfetzen durchklingen. Dies kann gelegentlich ein wenig irritierend sein.

Insgesamt spricht jedoch einiges für das erste Kapitel der neuen Anthologieserie von Nat Geo, wo man sich zukünftig in jeder neuen Staffel von Genius mit einem anderen Genie der Menschheit beschäftigen möchte. Das einzigartige Leben von Albert Einstein ist reich an besonderen Geschichten, die es wert sind, verfilmt zu werden. Eine gute Darstellerriege (unter den Nebendarstellern tummeln sich unter anderem Vincent Kartheiser als amerikanischer Bürokrat und der aus Game of Thrones bekannte Michael McElhatton als grässlicher Antisemit Dr. Philipp Lenard) und ein paar schöne visuelle Kniffe von Regisseur Ron Howard (ungewöhnliche Kamerawinkel sowie „warme“ Farben, die die Aufnahmen sehr natürlich erscheinen lassen) machen „Genius“ zu einer frischen Serienbiographie, die man sich definitiv ansehen kann. Und auch wenn hier und da noch etwas Luft besteht, der Auftakt ist gelungen.

„Genius“ ist in Deutschland übrigens kurz nach dem US-Start ab 27. April immer wöchentlich auf National Geographic zu sehen.

Trailer zur 1. Staffel von „Genius“:

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