
Mit Gang Related, der neuen Dramaserie aus dem Hause FOX, setzt der Sender sein Vorhaben in die Tat um, die Ketten des üblichen Seasonverlaufs zu sprengen und seine Serien an höheren Qualitätsmaßstaben zu messen. Das edle Ansinnen von FOX-CEO Kevin Reilly, sich für neue Serien von alten Gewohnheiten zu verabschieden, wird hier offensichtlich. Gleichzeitig zeigt die Pilotepisode, welchen Restriktionen Networkformate unterworfen sind. Erfreulicherweise nehmen sich jedoch viele Elemente - Kameraarbeit, Bildkomposition, Charakterbildung, Musikeinsatz und Plotkonstruktion - eindeutige Anleihen am Pay-TV- und Kabelfernsehen.
Networkfernsehen im Pay-TV-Mantel
Die Auftaktepisode etabliert zügig den aus dem Scorsese-Oscargewinner „The Departed“ (den Scorsese seinerseits vom Hong-Kong-Thriller „Infernal Affairs“ adaptierte) bekannten Plot. Ryan Lopez (Ramon Rodriguez) wurde als Waisenkind vom Bandenchef Javier Acosta (Cliff Curtis) aufgenommen. Wie einen eigenen Sohn zog er ihn auf, hatte jedoch gleichzeitig hochtrabende Pläne für den Jungen. Er schickte ihn zum Militär und schließlich zum Los Angeles Police Department - mit dem Hintergedanken, dass er ihm eines Tages als Maulwurf wertvolle Informationen liefern könnte.
Ryan befindet sich jedoch an einem Scheideweg - was er einmal gegenüber seinem Stiefbruder Daniel (Jay Hernandez) sogar ausspricht. Die jahrelange Indoktrination durch seinen Ziehvater trifft dabei auf die Arbeit, die er im Sonderermittlungskommando der Gang Task Force ausführt und die ihn immer stärker definiert. Er steckt fest im moralischen Dilemma zwischen „Familie“ und „Recht“. Schon in der Pilotepisode wird er in mehrere knifflige Situationen gebracht, die genau dieses moralische Dilemma verdeutlichen. Ein positiv hervorstechendes Merkmal des Piloten ist ebendiese schnelle Einführung in die zentrale Problematik, die sogar größtenteils ohne die networktypische wörtliche Exposition auskommt.
Nach einer kurzen Rückblende in die Vergangenheit wird die Episode mit einer wilden Verfolgungsjagd eröffnet. Die überaus gelungen inszenierte Actionsequenz spielt für den weiteren Handlungsverlauf keine Rolle, führt jedoch die Polizeicharaktere ein. Lopez arbeitet mit seinem Partner James Tanner (Ross Thomas) zusammen. Nach der erfolgreichen Verhinderung eines Raubüberfalls werden sie von den restlichen Mitgliedern der Gang Task Force gefeiert. Sie frotzeln mit ihrer taffen Kollegin Vee (Inbar Lavi), bedenken den FBI-Abgesandten Tae Kim (Sung Kang) mit mehreren Seitenhieben und lassen sich von ihrem Chef John Locke - Verzeihung - Sam Chapel (Terry O'Quinn) daran erinnern, dass die größte Arbeit noch vor ihnen liege.

Ihre Zielperson ist nämlich Ryans Ziehvater Javier Acosta. Chapel will mit allen Mitteln einen großen Drogendeal verhindern, der zu einem offenen Bandenkrieg führen könnte. An der Stelle werden erste Elemente eines „Procedurals“ in die Handlung eingewoben, die durch Ryans doppelte Identität jedoch stets mit der übergreifenden Handlung verbunden bleiben. Um konsequenter gegen Bandenchef Acosta und seine Adjutanten vorzugehen, gibt Chapel die Parole aus, wonach nun auch die Nächsten der Führungsmitglieder ins Ziel genommen werden sollen - fortan soll ebenso Druck auf Kinder, Geschwister und Ehefrauen ausgeübt werden.
Eine neue Strategie
Lopez gibt diese Informationen rechtzeitig an Ziehvater und Bruder Daniel weiter, kann jedoch nicht verhindern, dass Carlos Acosta (Reynaldo Gallegos) ins Visier der Fahnder gerät. Er hatte zuvor Ryans Partner Tanner niedergeschossen. Dabei wurde mir nicht ganz klar, warum Tanner und Lopez sich gerade an dem Ort aufhielten, wo Carlos gerade zwei rivalisierende Bandenmitglieder erschossen und ein Sprayer seine nächtlichen Kunstwerke verbreitet hat. Hier sind zu viele Zufälle im Spiel, um das Drehbuch zusammenzuhalten. Der Tod des Partners, der Bandenkrieg zwischen Latinos und Afroamerikanern und die koreanische Mafia sollen hier miteinander in Verbindung gebracht werden. Manchmal ist es jedoch besser, man setzt im Drehbuch auf Reduktion und gestaltet es weniger kompliziert.
Der Sprayer ist nämlich ein rein konstruiertes Plotelement. Tae Kim und Vee finden ihn über Kims Verbindungen nach „Korea Town“ (oder „K Town“), wo sich Kim einer hanebüchenen Mutprobe unterzieht, um an Informationen zu kommen, die er wohl auch ohne höllische Schmerzen bekommen hätte. Über den jungen Koreaner und einen schwarzen homeboy von Task-Force-Mitglied Cassius (RZA) findet die Spezialeinheit schließlich Tanners Mörder sowie Zeit und Ort des Drogengeschäfts heraus. Lopez kann zwar in letzter Sekunde verhindern, dass Carlos' Tatwaffe gefunden wird - weil Vee jedoch Chapels neue Vorgaben beherzigt und dem Mörder Crystal Meth unterjubelt, ist er gegen dessen Verhaftung machtlos.
Sowieso würde Lopez seinen Stiefbruder liebend gerne im Gefängnis schmoren lassen, doch Carlos spielt eine letzte Trumpfkarte aus. Im Gegenzug für seine Freilassung offeriert er der Polizei sein Wissen über Ryans doppelte Identität. Lopez glaubt zunächst, dass Carlos blufft, weil er niemals den V-Mann seines Vaters verraten würde. Daraufhin erfährt er jedoch, dass er nicht der einzige ist, den Javier Acosta im LAPD eingeschleust hat. Carlos und Ryan einigen sich schließlich darauf, den Drogendeal auffliegen zu lassen. Während Carlos also schnell wieder auf freiem Fuß ist, warnt Ryan seinen Mentor vor der bevorstehenden Razzia. Javier revanchiert sich mit der Warnung vor einer Sprengfalle. Die verlorenen Drogenmillionen irritieren ihn nur wenig, schließlich arbeiten sein Sohn Daniel und er daran, zu seriösen Geschäftsmännern zu werden - Stringer Bell lässt grüßen.

Am Ende schafft es Ryan, sowohl die Drogenrazzia erfolgreich durchzuführen als auch seinen Stiefbruder aus dem Gefängnis zu holen. Doch sein Rachedurst ist größer als die Liebe zur eigenen Familie - er verrät einer rivalisierenden Gangsterbande, wo Carlos sich aufhält und schaut dabei zu, wie er durchsiebt wird. Während also dieser eine Familienkonflikt aus dem Weg geräumt ist (ungeachtet der Folgen dieses Mordes), kündigt sich der nächste schon an. Auf einer Familienfeier tauschen Ryan und Silvia (Lela Loren) vielsagende Blicke aus, bevor Daniel um ihre Hand anhält.
Gutes Drehbuch, solide Performances
Diese komplexen Verwicklungen sind hinreichend aus den beiden Kinovorbildern „The Departed“ und „Infernal Affairs“ bekannt. Drehbuchautor und Serienschöpfer Chris Morgan (Autor des fünften, sechsten und siebten Teils der „Fast and Furious“-Reihe) gelingt es jedoch, das Format für das Fernsehen anzupassen. Die Dialoge sind manchmal noch etwas holprig, bei wenigen Szenen (wie der Unterredung in „K-Town“) schießt der Autor etwas über das Ziel des gewollt Spektakulären hinaus. Die geschickt in die übrige Geschichte verwobene Exposition ist indes eine der Stärken dieser Auftaktepisode. Dabei wird offensichtlich, dass sich Morgan eher an Crimeserien der Kabel- und Pay-TV-Sender orientiert hat.
Manche seiner Figuren sind durchaus komplex - allen voran Ryan Lopez und Javier Acosta. Bei anderen wie dem Task-Force-Chef Chapel oder Lopez' Kollegen bleibt Morgan eher an der Oberfläche. Aufgefangen wird dies durch größtenteils solide Leistungen der Darsteller. O'Quinn, Curtis und Rodriguez können mit ihrem Spiel überzeugen, wenngleich das Drehbuch ihnen manchmal enge Grenzen steckt. RZA bleibt RZA - mit besonders viel Schauspieltalent ist das Musikgenie leider nicht ausgestattet. Dafür spielt ihm das überraschend amüsante Drehbuch die Rolle des comic relief zu. Bei seinem Austausch mit dem ihm bekannten Bandenmitglied musste ich einige Male herzhaft lachen.
Den meisten Spaß hat mir jedoch die Regie von Allen Hughes bereitet. Kameraarbeit und Bildkomposition machen deutlich, dass sich hier an anspruchsvollen Vorbildern orientiert wurde. Der ausufernde Moloch Los Angeles wird als eigener Spieler inszeniert, das diffuse, goldene Licht Kaliforniens meisterlich eingesetzt. Inszenatorische Details wie die Gegenlichtaufnahme im Tunnel sorgen für eine filmisch-dichte Atmosphäre. Der Musikeinsatz des englischen Drum-'n'-Bass-Künstlers Photek liefert den passenden, melancholisch-treibenden Soundtrack. Schade nur, dass der Vorspann so kurz geraten ist. Insgesamt bietet die Pilotepisode von Gang Related unterhaltsames Networkfernsehen mit hohen Ambitionen. Vielleicht werden die Grenzen in den kommenden Episoden noch weiter ausgereizt. Wünschenswert wäre das allemal.