Fringe 3x15

Einfach nur schön. Damit kann ich dieses Review zu Fringes neuester Episode anfangen - und eigentlich auch gleich beenden. Subject 13 demonstriert die nahezu poetische StĂ€rke des IneinanderflieĂens von Wort und Bild. Man möge mir - wie so oft - die "blumige" Sprache verzeihen, aber ein Text ĂŒber ein Kunstobjekt sollte meiner Meinung nach die Beschaffenheit des Objekts widerspiegeln.
In Fringe geht es schon lange nicht mehr nur um Sinnkonstruktion und SinnverstĂ€ndnis, sondern darum, das Publikum die Ereignisse fĂŒhlen zu lassen. Die Episoden der dritten Staffel sind genau wie das Tulpenfeld: Man sitzt darin, vom Duft betĂ€ubt, und stellt sich vor, in einer anderen Welt zu sein, in der ein kleiner Junge nach einem kleinen MĂ€dchen sucht.
Fringes Bilder sind sparsam: und genau in dieser Sparsamkeit liegt ihre StĂ€rke. Man könnte die Fringe-ErzĂ€hlung mit einem Haiku-Gedicht vergleichen: drei Verse Ă fĂŒnf, sieben und wieder fĂŒnf Silben. Mehr nicht. Diese Gedichtform vermag gerade wegen ihrer strengen Knappheit eine gewaltige Wirkung zu entfachen. Fringes ErzĂ€hlung besteht aus kleinen Worten, die auf der Zunge schmelzen - und man weiĂ nicht mehr, wo sie frĂŒher waren.
Die neue Episode Subject 13 ist die ungerade Zahl, diejenige, die von diesem uns Zuschauern bislang fehlenden "frĂŒher" erzĂ€hlt - und einen Ăbergang vollzieht, ein ĂberbrĂŒcken, eine Verbindung zwischen dem, was wir wussten, und dem, was wir bisher nur imaginieren konnten. Sie schafft den Ăbergang zwischen den Figuren, wie sie frĂŒher waren, und den ZustĂ€nden, in welchen wir sie vorfanden, als die Serie ihre fiktionale ErzĂ€hlung startete.
Um im Bereich der Dichtung zu bleiben, können wir sagen, dass Subject 13 das Haiku-Gedicht um zwei Zeilen ergĂ€nzt - und es damit zu einer anderen Form japanischer Dichtung erweitert: dem Tanka, mit fĂŒnf Versen (Silbenanzahl: 5-7-5-7-7). Diese Episode fĂŒllt LĂŒcken der ErzĂ€hlung - und zeigt uns vor allem das erste Treffen zwischen Peter (Joshua Jackson) und Olivia (Anna Torv), als sie noch Kinder waren. NatĂŒrlich stellt sich fĂŒr uns jetzt die Frage, warum sie selbst sich nicht daran erinnern und warum sich Olivia nicht an "Dr. Walter" (John Noble) erinnert. Aber eins steht fest: Die Kinderdarsteller Chandler Canterbury und Karley Scott Collins spielen die Kinder Peter und Olivia nicht nur ĂŒberzeugend, sondern sehr anrĂŒhrend.
Die GefĂŒhlsebene, auf der sich Fringe bewegt, lĂ€uft ihrer Beschreibung davon, genauso wie sich die Zeilen in Mark Helprins "Winter's Tale", dem Buch, das Olivia in dieser Episode liest, der RealitĂ€t entziehen. Wie man es von Fringe schon gewöhnt ist, erscheinen Objekte im Bild nicht ohne Grund. In "Winter's Tale" (es ist lange her, dass ich es gelesen habe) geht es um unsterbliche Liebe, eine Stadt auf dem Grund eines zugefrorenen Sees, weiĂe NĂ€chte, ein weiĂes Pferd, einen mysteriösen BrĂŒckenbauer und einen Protagonisten namens Peter Lake, der aus Liebe ĂbernatĂŒrliches leistet, um die Gerechtigkeit in der Welt aufrecht zu erhalten.
„They were planted by a scientist, who used his brain and his imagination to make the world the way he wanted it to be“, sagt Elizabeth (grandios in der Rolle: Orla Brady) zum jungen Peter, als sie zusammen an einem Feld voller weiĂer Tulpen vorbeifahren.

Die Farbe WeiĂ dominiert Subject 13. Die Episode eröffnet mit Bildern aus dem Jahre 1985. Der junge Peter steht mit einem Stein in den HĂ€nden mitten auf dem zugefrorenen Lake Reiden. Der Stein ist mit einem Seil an ihm gebunden. Er versucht das Eis zu brechen, um nach Hause zu kommen, „to the other world at the bottom of the lake“, wie er der entsetzten Elizabeth Bishop in einer Szene voller Verzweiflung und Trauer erklĂ€rt.
Trostlos: dieses Wort beschreibt vermutlich am besten die Bilder dieser Episode. Es geht um die verschneite Landschaft in den GemĂŒtern zweier Kinder, die das Wort "Zuhause" beinahe buchstĂ€blich einfrieren lĂ€sst - nur aus unterschiedlichen GrĂŒnden. WĂ€hrend Peter Heimweh hat und nicht bei den Welt-1-Versionen seiner Eltern bleiben will, möchte die an Walters Experimenten in Jacksonville teilnehmende Oliv nicht nach Hause. Denn dort ist ihr gewalttĂ€tiger Stiefvater, der sie regelmĂ€Ăig schlĂ€gt.
Als er sie wieder einmal bedroht, sehen wir, wie die kleine Olivia zum ersten Mal die Grenze ĂŒberquert und plötzlich auf einem nĂ€chtlichen Feld steht, mit einem Zeppelin ĂŒber ihrem Kopf. Aber nicht lange genug, um dem nĂ€chsten Schlag zu entkommen, der ihr ein blaues Auge beschert.
A propos: Blau und Rot. Diese beiden Farben sind ĂŒberall in Subject 13 zu finden, aber besonders prĂ€sent sind sie in Jacksonvilles bunten, betont kinderfreundlichen (und deswegen besonders melancholisch wirkenden) RĂ€umen. Die Kinder haben dort Plastik-SchubkĂ€sten, rot und blau. Olivias Fach ist rot.
In Welt-2, die rote Welt, will Walter Peter zurĂŒckschicken: nach Hause, mit Hilfe eines der Kinder, wenn es so weit ist und die Grenze ĂŒberqueren kann. Zu diesem Zweck ĂŒberschreitet auch Walter Grenzen - ethische: Er unternimmt zunĂ€chst nichts, um Olivia vor dem Stiefvater zu schĂŒtzen, damit er ihre Furcht fĂŒr sein Experiment ausnutzen kann. Das aber erweist sich buchstĂ€blich als Spiel mit dem Feuer, welches eine entsetzte Olivia im Laborraum entfacht, als sie wĂ€hrend des Experiments in einen Schockzustand versetzt wird.
In einem solchen haltlosen Zustand befindet sich Walter-2, den wir Peter nachtrauern sehen - zu Hause, mit einer Whiskyflasche. Er trĂ€gt ein weiĂes Hemd. Elizabeth-2 versucht ihn aus der Depression herauszuholen, genauso wie Walter seine Elizabeth auf der anderen Seite. Walter-2 findet den Weg aus dem Kaninchenbau heraus - aber als Walternate. Wir werden Zeugen der Geburtsstunde einer gnadenlosen Feindschaft, als Walter-2 Besuch aus Welt-1 bekommt: Olivia. Der Besuch ist von kurzer Dauer, aber Walternate behĂ€lt eine ihrer Zeichnungen: eine Zeichnung, die bestĂ€tigt, wo sich sein Sohn befindet.
Aber auch Peter hat eine von Olivias Zeichnungen gefunden, eine mit weiĂen Tulpen darauf. Die einzige, die Freude ausstrahlt, meint Peter, als er Olivia tatsĂ€chlich im Tulpenfeld findet. Hier beginnt die Geschichte des Jungen aus Welt-2, der sich im SpielzeuggeschĂ€ft (dort ist auch ein Battlestar Galactica-Puzzle zu sehen!) ein kleines Flugzeug aussucht und auf das MĂ€dchen aus Welt-1 trifft, das in seiner Welt einen Zeppelin bewundert und dann in ihren Block gezeichnet hat.
Die Szene mit den beiden Kindern auf dem nÀchtlichen Tulpenfeld gehört zu den schönsten, die Fringe bisher zelebriert hat. Sie gibt den Worten des erwachsenen Peter eine ganz andere, viel tiefere Bedeutung: Er sagte, er wisse, wie schön es mit Olivia zusammen sei. Die sehr emotionalen letzten Episoden finden in Subject 13 ihre Grundlage, und wir sehen - wenn auch vielleicht unbewusst -, wie weit die reicht, wie tief die Bindung zwischen Olivia und Peter geht.

Fringe ist eine ErzĂ€hlung ĂŒber zwei verlorene Kinder, die ihr Leben, ihre Welt so, wie sie waren, nicht wollten, aber trotzdem darin gefangen blieben - und das wussten und sich darein schickten. „Sometimes what we have is not the world we want, but we have our hearts and our imaginations to make the best of it“, sagt Elizabeth zu Peter und definiert damit gleichzeitig Fringes Kern.
Verfasser: Vladislav Tinchev am Sonntag, 27. Februar 2011(Fringe 3x15)
Schauspieler in der Episode Fringe 3x15
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei EpisodenfĂŒhrern?