Fleabag 1x06

Phoebe Waller-Bridge ist ein Arbeitstier. Nach Crashing ist die BBC-Serie Fleabag bereits die zweite Waller-Bridge-Serie in diesem Jahr (!), die von der Schauspielerin und Autorin erdacht wurde und in welcher sie selbst die Hauptrolle spielt.
Sie basiert auf einem Bühnenstück von - natürlich - Waller-Bridge und dreht sich um Fleabag, eine emotional geschädigte Mittzwanzigerin, die sich von niemandem helfen lassen möchte, und die aus einem inneren Verteidigungsmechanismus heraus immer alles klein und lächerlich reden muss.
Doch eines schon einmal vorneweg, für alle die, die gerne nach ein oder zwei Absätzen aufgeben: „Fleabag“ ist die mit Abstand, weitem Abstand witzigste Serie der letzten Jahre.
Girls 2.0
Und hier kommen wir auch schon zum ersten Problem, das die Serie vor allem in der Pilotepisode heimsucht. Zum Konzept gehört es, dass uns Fleabag anfangs nicht sonderlich sympathisch ist und erst mit der Zeit ein wenig ans Herz wächst. Das führt anfangs zu starken Girls-Déjà-vu-Momenten.
Deswegen wirkt die erste Episode auch zeitweise etwas veraltet, denn die junge, dynamische Frau, die mit sich selbst und ihrem Leben unzufrieden ist und der sowieso kein Mann irgendeine Befriedigung verschaffen kann, owbwohl sie ständig von einem Bett ins nächste hüpft, ist in Rekordzeit zum Klischee verkommen.
Auch die betont vulgäre Sprache, die uns direkt bei unserem Einstieg in die Serie und „Arsehole Guys“ (Ben Aldridge) Einstieg in die Welt des Analverkehrs begleitet, lässt einen eher Schlimmes befürchten. Denn provokante Vulgarität hatten wir zumindest in Deutschland schon vor fast zehn Jahren mit „Feuchtgebiete“, das wirkt, zumindest auf mich, eher ermüdend als „echt“.
Do I have a massive arsehole?
Doch bald merkt man, dass das Konzept in „Fleabag“ weitergedacht wurde. In Episode zwei merken wir nämlich, dass all die schönen Momente, die Fleabag mit ihrer Freundin Boo (Jenny Rainsford) hat, nicht parallel zur Haupthandlung verlaufen. Es sind Blicke in die Vergangenheit der beiden, da Boo sich unabsichtlich umgebracht hat.
So wird dem Zuschauer tatsächlich Kontext zu Fleabags Verhalten gegeben. Die junge, verlorene Frau wandelt sich von der verwöhnten Göre, die einem nur auf die Nerven geht, in eine hilflose Heranwachsende, der niemand wirklich bei ihren Problemen hilft.
Somit ist die erste Staffel von Fleabag auch eigentlich die Geschichte einer Frau auf der Suche nach Hilfe. Der Hilfeschrei, als der versuchter Suizid meist gedeutet wird und den Boo genau auf diese Weise loslassen wollte, wird uns hier auf Staffellänge präsentiert.
Und aus unterschiedlichsten Gründen schafft es nie jemand, wirklich an Fleabag heranzukommen, teilweise aus emotionaler Unfähigkeit und teilweise, weil sie es einem durch ihre Art selbst nicht wirklich leicht macht.
I'm not trying to shag you, look at yourself
Das klingt jetzt erst einmal furchtbar deprimierend, aber „Fleabag“ trifft nicht nur die emotionalen Töne. Denn die Serie ist teilweise das mit Abstand witzigste, was die gesamte Unterhaltungsindustrie seit Jahren produziert hat. In beinahe jeder Episode musste ich, der über das meiste, das heute als komisch bezeichnet wird, höchstens mal schmunzeln kann, laut loslachen - mehrfach.
Denn der Humor der Serie kommt meist so plötzlich, so unerwartet und so intelligent, dass man einfach nicht anders kann, als loszuprusten. Sicher, es gibt auch Witze, die nach hinten losgehen, etwa, wenn sich über den neuen Liebhaber Fleabags (Jamie Demetriou) auf Kosten seiner Hasenzähne lustig gemacht wird. Doch viel öfter trifft der Humor mitten ins Schwarze.
Dafür sorgen nicht zuletzt die durch die Bank brillanten schauspielerischen Leistungen. Besonders muss man hier Waller-Bridge selbst, vielen vielleicht bekannt aus der zweiten Staffel der Serie Broadchurch, und Olivia Colman hervorheben. Doch, dass alles, was Colman anfasst, quasi sofort schauspielerisches Gold wird, ist ja bekannt.
Because people make mistakes
Doch einige Probleme gibt es leider bei Fleabag. So braucht die Serie mindestens zwei Episoden, um sich zu entwickeln, da einem die Hauptfigur in der ersten Folge eben aufgrund der fehlenden Informationen nicht wirklich ans Herz wächst. Auch dauert es etwas, bis der richtige Ton bei den betont-vulgären Ausdrücken gefunden wurde.
Dazu ist der Humorgehalt der einzelnen Episoden unterschiedlich. Gerade in der dritten Episode zünden die Scherze nicht so wirklich, während die letzte Episode aufgrund der Entwicklungen in der Handlung größtenteils humorfrei bleibt.
Schließlich ist der „große Twist“, der uns in der letzten Episode verkauft werden soll, und der die Hintergründe von Boos versehentlichem Selbstmord beleuchtet, leider allzu vorhersehbar und kann schon ab Episode vier erahnt werden. Dadurch bleibt diese Enthüllung, die durch eine große Montage und dröhnende Musik direkt ins Herz des Zuschauers gedrillt werden soll, ohne große Wirkung.
Fazit
Ich kann nur jedem raten, Fleabag zumindest bis zur zweiten Episode eine Chance zu geben. Es ist schlicht das witzigste, was in den letzten Jahren über die Bildschirme gelaufen ist, selbst, wenn einen die vielleicht etwas ausgelutschte kaputte, unzufriedene Mittzwanzigeringeschichte nicht reizen möge.
Verfasser: Benedikt Pichl am Samstag, 3. September 2016(Fleabag 1x06)
Schauspieler in der Episode Fleabag 1x06
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?