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© usan Sarandon und Jessica Lange als Bette Davis und Joan Crawford in „Feud“ / (c) FX
Ryan Murphy gehört aktuell ohne Zweifel zu den einflussreichsten, bekanntesten Fernsehschaffenden, die in dem Medium tätig sind. Dem scheinbar nimmermüden Serienmacher, Drehbuchautor und Regisseur, bekannt geworden durch Glee, Nip/Tuck, The New Normal oder auch dem langlebigen American Horror Story, wird gar die „Renaissance des Anthologieformats" zugeschrieben, Serienproduktionen, die in einer Staffel eine abgeschlossene Geschichte erzählen und sich in der nächsten Staffel dann einem neuen Thema widmen.
Im letzten Jahr begeisterten Murphy und sein Kreis an talentierten Autoren und Autorinnen sowie ein überragender Cast mit der Aufarbeitung der Mordanklage gegen O. J. Simpson Anfang der 1990er. „The People v. O. J. Simpson: American Crime Story“ war ein beeindruckender, mehrfach mit dem Emmy ausgezeichneter Erfolg, der sich völlig zurecht an der Spitze etlicher Bestenlisten wiederfand. Mit Feud folgt 2017 nun die nächste Anthologieserie aus dem Hause Murphy, die am gestrigen Sonntag nach acht Episoden ihre erste Staffel beendet hat. In dieser wird sich dem legendären Konflikt zwischen den beiden Schauspielgigantinnen Joan Crawford und Bette Davis gewidmet, die im Rahmen der Dreharbeiten zu Robert Aldrichs Spielfilm „What Ever Happened to Baby Jane?“ zu Beginn der 1960er Jahren zu Todfeinden wurden.
When the lights are off
Murphys neuester Streich, ein Herzensprojekt für den großen Crawford-Fan, mag eventuell nicht ganz so große Wellen wie die erste Staffel von American Crime Story schlagen, gehört aber dennoch jetzt schon zu den unzähligen TV-Produktionen im vollgepackten Serienjahr 2017, die man sich definitiv ansehen sollte. Wer glaubt, dass Ryan Murphy zusammen mit seinem Autorenteam und einer erneut exzellenten Besetzung „Feud“ nur auf die Fehde zwischen zwei alternden Hollywoodstars von gestern reduziert, wird sich wundern. Die Serie zeichnet ein hochkomplexes Bild, wie es zu diesem Konflikt kommen konnte und wie pervers und krank die an der sonnigen Westküste der USA beheimatete Filmindustrie wirklich ist.
A cockroach just like me
Gleichzeitig wird völlig zurecht hart mit den erschreckenden Mechanismen des Filmgeschäfts ins Gericht gegangen und es werden Missstände aufgezeigt, die auch heute noch von großer Relevanz sind. Die beiden zentralen Charaktere, die sich immer wieder an die Gurgeln gehen, dabei doch so viel gemeinsam haben und eigentlich füreinander, nicht gegeinander kämpfen sollten, stellen sich so nicht nur als das Produkt von falschem Stolz, ungesunder Eitelkeit und großen Egos heraus. All dies hat die Fehde von Crawford und Davis sicherlich befeuert. Doch das eigentliche Problem ist tiefer verwurzelt, in einer Welt, in der es von Beginn an das Ziel gewesen ist, diese beiden Frauen gegeneinander auszuspielen, um den größtmöglichen Profit zu machen.
Wie die gute, vielleicht nicht immer subtile sowie oft rührselige, aber ohne Frage sehr runde Finalepisode You Mean All This Time We Could Have Been Friends? letzten Endes zeigt, hätten Joan Crawford und Bette Davis von Anfang an einfach nur Freunde sein können. Warum es nicht dazu kam, lässt sich nicht so einfach beantworten. Die Faktoren sind zahlreich, ob es ihre schillernden Persönlichkeiten sind, geprägt von einer Industrie, die es Frauen Mitte des 20. Jahrhunderts ungemein schwer gemacht hat, oder die manigfaltigen äußerlichen Einflüsse, die das ständige Konkurrenzdenken nur noch unterstützt und befeuert haben.

Pulling strings
Ryan Murphy hat es sich zusammen mit Jaffe Cohen und Michael Zam zur Aufgabe gemacht, ein wenig Klarheit zu schaffen, wenn auch hier und da im Sinne der Dramaturgie ein paar Anpassungen in der Historie vorgenommen wurden. Grundsätzlich wird in Feud jedoch eine wahre, oft unfassbare Geschichte erzählt, die gleichermaßen mitreißende sowie intime Charaktermomente zu bieten hat. Dabei befasst man sich für den Großteil der ersten Staffel mit der Filmproduktion zu Robert Aldrichs „What Ever Happened to Baby Jane?", mit der Oscarverleihung von 1963 in der fünften Episode, namentlich And the Winner Is... (The Oscars of 1963), als vorläufigen Höhepunkt.
Als Zuschauer findet man sich nach ein paar Episoden in einer interessanten Bredouille wieder. Als Filmfan genießt man den authentischen Einblick in das Geschäft von vor über 50 Jahren, während es gleichzeitig ein großer Spaß ist, den beiden Hauptdarstellerinnen Jessica Lange und Susan Sarandon dabei zuschauen zu dürfen, wie sie sich gegenseitig Feuer geben und dabei immer wieder überbieten. Auf der anderen Seite wird einem von Folge zu Folge klar, dass diese Unterhaltung einen verdammt hohen Preis hat. Dass man sich auf Kosten von zwei Frauen belustigt, die wie Marionetten vorgeführt werden und die oft nur einen kleinen Schubs benötigen, um die nächste Gemeinheit für ihre Leinwandpartnerin zu planen oder sich zu ermächtigen.
The good stuff
Es entsteht ein faszinierendes Wechselspiel der Wahrnehmung und Gefühle für uns Beobachter. Zum einen wollen wir mehr über die Fehde zwischen Crawford und Davis an sich erfahren, mit all ihren pikanten Wendungen und perfiden Zügen, zum anderen empfinden wir aber auch großes Mitleid für beide Stars, die sich nicht nur ausspielen lassen, sondern auch nicht bereit dazu sind, mit diesem Nonsens von allein aufzuhören. Eben weil sie kaum eine andere Wahl haben, um ihr Überleben im Geschäft und ihre Existenz als Grandes Dames der Schauspielkunst zu sichern. Es ist das von außen so traumhaft erscheinende Hollywood, das diesen Konflikt erst möglich macht, da Frauen ab einem bestimmten Alter als Gift für die Kinokassen bezeichnet werden, was das Hauen und Stechen um die wenigen guten Rollen nur noch intensiviert.
Cast aside, beaten down, forgotten
Crawford und Davis, beide alleinerziehende Mütter und hart arbeitende, professionelle Meister ihres Faches, werden von dieser unfairen Dynamik immer wieder eingeholt und provoziert. Aus reinem Selbsterhaltungstrieb und der Sorge um ihren Nachwuchs sowie ihrem Vermächtnis fahren sie die Krallen aus, in dem Glauben, dass es in Hollywood nur Platz für einen von ihnen gibt, weil Hollywood, konkret in Person des skrupellosen Filmproduzenten Jack Warner (großartig gespielt von Stanley Tucci), diesen Glauben reproduziert. Man möchte ihnen fast schon zurufen, dass sie einem üblen Trick aufgesessen sind und wie Schachfiguren hin und her bewegt werden. Andererseits: Was bleibt ihnen anderes übrig, so traurig diese Fragestellung auch ist?
Während die beiden Filmstars in vorderster Front mit diesem Dilemma zu kämpfen haben, nimmt sich die Serie ihre kleinen Momente, um das allgemeine Problem der fehlenden Gleichberechtigung und die sexistischen Rollenbilder in „Tinseltown" ins Visier zu nehmen. Siehe zum Beispiel die von Alison Wright gespielte Pauline Jameson, die früh erkennt, dass diese glamouröse Traumfabrik ihr keine verdiente Chance geben wird, weshalb sie ihren eigenen Weg einschlägt. Murphy, selbst sehr engagiert, Frauen jeden Alters sowohl vor als auch hinter der Kamera mehr Chancen zu geben (seine Initiative „Half“ umfasst auch die Berücksichtigung weiterer Minderheiten im Geschäft), macht gezielt Kommentare in dieser Hinsicht, um ein Bewusstsein für dieses Problem zu schaffen, das auch heute noch in weiten Teilen der Film- und Fernsehindustrie verbreitet ist.

The special something
Neben all der politischen und gesellschaftlichen Relevanz, die die erste Staffel von Feud mit sich bringt, präsentiert sich die Erzählung aber auch als ein stilvolles, gerne mal bewusst überkandideltes Charakterdrama, das aufgrund der starken Schauspielleistungen seiner Darsteller und Darstellerinnen bei den nächsten Preisverleihung trotz großer Konkurrenz eine Rolle spielen wird. Vor allem Susan Sarandon strotzt gerade so vor Energie und Spiellust, wenn sie der selbstbestimmten, selbstbewussten Bette Davis Leben einhauchen darf. Sie bekommt zweifelsohne die deftigeren Szenen zugeschustert, passend zur unbequemen, unangepassten Bette Davis, die nie ein Kind von Traurigkeit gewesen ist. Und Sarandon trifft sie perfekt, die harte Schale, unter der sich ein oft unsicherer, sich sorgender, aufopferungsvoller Kern befindet.
Jessica Lange, immer wieder in Projekten von Ryan Murphy vertreten und hier wie Sarandon als ausführende Produzentin gelistet, fällt die etwas gesetztere Rolle der Joan Crawford zu, die jedoch vor allem in vielen stillen, persönlichen Augenblicken brilliert. Die Verletztlichkeit dieser Ikone des Schauspiels, die es am Ende ihrer Karriere einfach nicht wahrhaben will, dass nun alles vorbei ist, dass sie nicht mehr relevant ist und droht in Vergessenheit zu raten, fängt Lange immer wieder hervorragend ein. Ihre letzten Szenen, in denen sie eine traumhafte Wahnvorstellung hat, in der alles hätte anders sein können, gehen extrem zu Herzen und wecken unser Mitgefühl sowie eine Art der wütenden Frustation ob der Umstände, die Crawford letztlich da hingeführt haben, wo sie sich Ende der 1970er Jahre befindet.
Survivors
Beide Hauptdarstellerin ziehen einen mit ihren eigenen Mitteln und speziellen Charakteren in ihren Bann, doch auch die Nebendarstellerriege kann sich sehen lassen. Die Performances strotzen nur so vor Gusto (Judy Davis oder auch Catherine Zeta-Jones ist die Freude an ihren Charakteren förmlich anzumerken), man umgeht jedoch in weiten Teilen eine überbordende Theatralik, die das Thema fast schon automatisch mit sich bringt. Und so kurzweilig die Darbietungen von Alfred Molina oder Dominic Burgess als Victor Buono, von Judy Davis, Catherine Zeta-Jones oder der jungen Kiernan Shipka sind, das Team hinter „Feud“ findet auch immer wieder diese eindringlichen Momente der Intimität, diese Situationen, in denen die Charaktere es selbst nicht verstehen können, wie Hollywood eigentlich so funktionieren kann und was daran alles falsch ist, die das Format nur noch umso sehenswerter machen.
Worth it?
Wenn sich „Feud“ Kritik gefallen lassen muss, dann eventuell, dass die zweifellos wichtige Botschaft der Serie nicht immer sehr subtil verpackt ist. Aber darauf legen es Murphy und Co. auch ein wenig an, was in einer interessanten Mischung aus flotter Fernsehunterhaltung, spannende Charakterstudie und Gesellschafts- beziehungsweise Kritik an der Filmindustrie resultiert. Inszenatorisch sticht allen voran die fünfte Episode heraus, in der Ryan Murphy selbst Regie geführt hat. Die Oscarverleihung von 1963 ist wohl auch die beste Folge der gesamten Staffel, kommt hier doch alles zusammen: die Fehde zwischen Davis und Crawford an ihrem absoluten Siedepunkt, ein genauer Einblick in die perversen Mechanismen Hollywoods, eine hochdynamische Kameraführung sowie der stets gekonnte Einsatz von Musik. Nach dieser hervorragenden Folge fragt man sich eventuell, was jetzt noch kommen kann, und tatsächlich wiederholt sich Feud ein klein wenig in den beiden darauffolgenden Episoden, scheint das Thema nach dem Staffelhöhepunkt doch in der Tat etwas auserzählt.
Das Finale rundet die Geschichte jedoch gut ab und zeichnet noch einmal ein tragisches Bild unserer beiden Heldinnen, die sich am Ende ihrer Karrieren die Frage stellen, ob es all das wert gewesen ist. Eine Feindschaft, die eine Freundschaft hätten sein können, gesundheitliche Schäden, brüchige Familienverhältnisse und eine erdrückende Einsamkeit zum Lebensabend. Nur, um die verdrehten Erwartungen einer gnadenlosen Welt des Glamours zu erfüllen, im Rampenlicht zu stehen und überhaupt wahrgenommen zu werden. Feud wirkt in vielerlei Hinsicht nach und bietet so viel an, über das es zu diskutieren lohnt. Am Ende bleiben aber vor allem diese beiden Frauen, Joan Crawford und Bette Davis, und eine Fehde, die niemals hätte existieren müssen, die sie geprägt, geformt und gezeichnet hat. „Und wofür das Ganze?", fragt man sich. Für eine Scheinwelt, der man schlussendlich eh egal ist.
Trailer zur ersten Staffel von „Feud":
Verfasser: Felix Böhme am Montag, 24. April 2017Feud 1x08 Trailer
(Feud 1x08)
Schauspieler in der Episode Feud 1x08
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