Fenris 1x01

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Das passiert
Emma Salomonen (Ida Elise Broch) ist Biologin und Wolfsspezialistin. Sie lebt in Oslo, während sich ihr Vater Marius (Magnus Krepper) in den Wäldern eines Dorfes nahe der schwedischen Grenze herumtreibt und umstrittene Feldforschungen durchführt. Als er sich eines Tages nicht mehr im Institut, das ihn bezahlt, meldet, schickt der Leiter Emma los, um mit ihm zu reden. Gemeinsam mit ihrem Sohn Leo Vilja Knutsen Bjaadal sucht sie Marius in seinem Haus auf und zieht mit ihm los, um Welpen zu chippen. Was sie noch nicht weiß, ist, dass ein paar Tage zuvor ein Junge verschwunden ist, der nun in den Wäldern gesucht wird. Als sie davon erfährt und im Heim ihres Vaters eine blutverschmierte Jacke findet, ahnt sie, dass es bald um die Ruhe der Wölfe geschehen ist...
In den Wäldern Norwegens
Für Nordic-Noir-Thrillerserien und -Krimiserien ist es nicht ganz unüblich, dass sie in ungewöhnlichen Settings angesiedelt sind. Während man sich in Deutschland gefühlt immer mehr in der von den Filmemachern oft genug selbst gelebten gut situierten Mittelschicht wohlfühlt, traut man sich ihm hohen Norden gerne, Locations und Figurenzeichnungen nach etwas realistischeren Gesichtspunkten zu wählen. So beispielsweise neuerdings in Cell 8 oder in der hier besprochenen, eigenwilligen Serie Fenris. Die Pilotfolge beginnt in Found-Footage-Manier.
Auf den Bildern einer in einem dichten Wald an einem Baum befestigten Tierbeobachtungskamera sieht man einen flüchtenden Jungen. Offensichtlich ist er verängstigt. Panikerfüllt dreht er sich mitten im Lauf um und blickt in Richtung eines Verfolgers. Rennt er vor einem Menschen davon? Vor einem Tier? Das ist eine der Fragen, die es im Verlauf der sechs Episoden zu klären gilt. Nach einem Schnitt finden wir uns in einem Haus wieder, in dem ein Mann mittleren Alters vor einem Laptop sitzt und die mysteriösen Szenen soeben mitverfolgt hat. Damit ist ein interessantes Spannungsmoment aufgebaut, denn so entsetzt und verzweifelt der Beobachter auch ist, er denkt offensichtlich nicht daran, dem Jungen zu Hilfe zu eilen.
Die beschriebene Szene spielt sich in einer kleinen, am Waldrand gelegenen Stadt namens Østbygda ab, die oberflächlich betrachtet nicht viel zu bieten hat. Und doch: die raue Wildnis vor der der Haustüre lockt immer mehr Touristen an, die Jan Petter Kolomoen Jonas Strand Gravli, der Sohn des hiesigen Polizeidienststellenleiters gerne als Einnahmequelle nutzen möchte. Au der anderen Seite ist da der Wolfsforscher Marius der sein Leben lang darum gekämpft hat, dass seine Schützlinge wieder in den Wäldern Norwegens heimisch werden. Der Konflikt zwischen Mensch und Natur kommt schon in der Pilotepisode zum Tragen, als Jan Petter den Interviewanfragen der Stadtpresse ausweicht und Emma sich mit Marius und Leo in den Wald begibt, wo sie auf Welpen treffen, Szenen, die in ihrer Machart durchaus Anklänge an einen Dokumentarfilm zeigen.
Figurenzeichnung
Vor diesem Hintergrund spielt sich die Geschichte um den Jungen von Kathinka Belset (Julia Schacht ab, der Tage zuvor in der Wildnis verschwand. Es ist erfrischend, zu beobachten, dass Kathinka und ihr Lebensgefährte keine angenehmen Zeitgenossen sind. Ohne die Figuren zu stark zu „dysfunktionalisieren“, zeichnen die Showrunner Simen Alsvik und Magnus Monn-Iversen das Bild einer nicht wirklich funktionierenden Patchworkfamilie, die zwar nicht arm, aber auch alles andere als gut situiert ist und in ihrem Alltag gefangen scheint. Sie sind nicht unsauber, aber auch nicht sonderlich gepflegt, machen sich Sorgen um ihr Kind, wirken andererseits aber erschreckend teilnahmslos. Keine modischen Kleider, Audis und schicke Einfamilienhäuser, in denen Anwälte und Architekten leben, die wie zufällig in ein Verbrechen schlittern also, gut so.
Ähnliches lässt sich über Marius sagen, der zwar Wissenschaftler ist, aber in einem alten Haus wohnt und ohne Luxus auskommt. Emma hat es aus ihrer Heimat nach Oslo gezogen, dort erleben wir sie aber nur in den ersten Minuten der Pilotfolge. Als sie zurückkehrt und in das Verschwinden des Jungen hineingezogen wird, dessen blutverschmierte Jacke sie im Auto ihres Vaters findet, wird auch sie ein Teil des rauen Lebens in Østbygda, das von Aufbruchsstimmung, aber auch Melancholie und einer gewissen Abgeschiedenheit geprägt ist.
Wölfe
In dieses Bild passt das Wolfsthema, dem die Serie ihren Titel verdankt - der Fenriswolf ist in der nordischen Mythologie das erste Kind Lokis - hervorragend hinein, zumal sich schon in den ersten Minuten herausstellt, dass die Rückkehr des Jägers eine Menge Ärger für die Schafzüchter jener Gegend mit sich bringt... Bald wird man den scheuen Tieren jedoch, wie schon so oft in der Vergangenheit, Menschenmorde anlasten. Auch, wenn es in der Pilotepisode nicht explizit betont wird, scheint es offensichtlich zu sein, dass Marius die Jacke nur an sich nahm, um die Tiere vor der Willkür des Menschen, der immer weiter in den zurückeroberten Lebensraum der Wölfe eindringen wird, zu schützen.
Wenn die Wölfe verschwinden, steht Jan Petters Vision eines Touristenparadieses nichts mehr im Wege, so die Theorie des Rezensenten. Diese wird durch die Tatsache unterstützt, dass etwas Seltsames geschieht, während die Dorfbewohner im Wald nach dem Vermissten suchen. Als der zwielichtige Jugendliche Stian Ole Jansen Ulfsby, vom Suchtrupp erfährt, hat er es plötzlich sehr eilig. Er rennt in den Wald, um dort einen Gegenstand - womöglich ein Beweisstück - aufzuheben, den er anschließend in einem Teich verschwinden lässt. Was hat er mit dem Fall zu tun? Wurde er vielleicht dafür bezahlt, Daniel etwas anzutun, weil er ein Praktikum bei Marius absolvierte und ein Wolf-Fan ist? Die Produktion Fenris baut ihr Mysterium so geschickt auf, dass man als Zuschauer ins Mutmaßen und Mitraten gerät.
Fazit
Die Inszenierung von „Fenris“ ist düster rätselhaft, mysteriös und melancholisch, ganz so, wie man sich einen Nordic-Noir-Thriller wünscht. Die Figuren sind vielfältig und glaubwürdig kreiert, der Story-Aufbau um die Wölfe ist ungewöhnlich und die gewählten Locations passen hervorragend ins Setting. Zudem wirft die Pilotfolge (Forsvunnet bedeutet übrigens so viel wie verschwunden) viele Fragen auf, ohne zu viel preiszugeben. Das treibt die Spannung in die Höhe und macht obendrein Spaß. Dennoch: Ein wenig mehr als vage Andeutungen wäre gut gewesen, um das Publikum auf die kommenden Geschehnisse noch besser einzustimmen und vorzubereiten.
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Fenris: Serientrailer
Hier abschließend noch der Trailer zur Serie „Fenris“:
Verfasser: Reinhard Prahl am Dienstag, 28. März 2023Fenris 1x01 Trailer
(Fenris 1x01)
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