Fatma: Review der Pilotepisode der Netflix-Serie

© zenenfoto aus der Serie Fatma (c) Netflix
Mit den Mitteln eines Actionthrillers wollen die Macher der neuen Netflix-Serie Fatma den Zuschauern zeigen, wie das Leben als Frau in Armut ist in der Glitzermetropole Istanbul, aber auch anderswo in männlich dominierten Gesellschaften. Und sie zeigen, dass die Unsichtbarkeit eine Stärke sein kann, zum Beispiel, wenn man sich zu einer Auftragskillerin entwickelt...
Wovon handelt die Serie Fatma?
Unsere Titelheldin (Burcu Biricik) lebt ein bescheidenes Leben am Rande der Stadt in einem kleinen Hinterhaus beziehungsweise eher in einer Baracke. Ihr großes Glück, ihre Familie, hat sie verloren. Ihr Mann ist nach einer viermonatigem Gefängnishaft verschwunden und ihr Sohn ist gestorben. Fatma hält sich als Putzfrau über Wasser. Sie putzt für reiche Istanbuler, darunter eine moderne Frau und ein verschrobener Autor. Aber sie putzt auch in Einkaufszentren und Büros. Sie ist überall, nur niemand nimmt sie wahr. Denn sie ist eine Putzfrau, schlüpft von unauffälligen Arbeitskleidern in noch schlichtere Privatkleidung; für die meisten, die sie trifft, verschmilzt sie mit dem Hintergrund.
Dabei sucht sie fortwährend ihren Mann Zafer. Sie versucht, seine Bilder aufzuhängen und mit seinen alten Auftraggebern zu sprechen, doch überall stößt sie auf Spott, Ablehnung und immer wieder Aggressionen. Schon in der Pilotepisode erfahren wir, dass sie kein einfaches Leben hatte. Als ihr betrunkener Vermieter nachts gegen ihre Tür hämmert, offensichtlich mit nichts Gutem im Sinne, weckt das bei Fatma Erinnerungen an andere Gelegenheiten aus ihrer Kindheit, in denen sie sich vor Männern verstecken musste, in der Hoffnung, sexueller Gewalt zu entgehen.
Immer wieder geht sie zu Herrn Bayram, dem ehemaligen Auftraggeber ihres Mannes, um mehr über den Verbleib von Zafer zu erfahren. Der reagiert ähnlich genervt und latent aggressiv wie die anderen, wirft ihr aber dennoch immer kleine Informationen zu. Bei dem Besuch in der Pilotepisode sieht Fatma, wie er große Mengen an Bargeld und eine Pistole in seinen Safe deponiert, den er anschließend offenstehen lässt und zu einem Meeting geht. Fatma, die gerade erfahren hat, dass ihr Mann vermutlich Schulden bei einem gewissen Sevket hatte, schleicht sich zu dem Safe und nimmt etwas an sich.
Kurz darauf sehen wir, wie sie Sevket einen Besuch abstattet, um zu erfahren, ob er etwas über Zafer weiß. Doch der Mann reagiert hochgradig aggressiv und angreifend. Fatma holt die Pistole raus und drückt ab. Entsetzt verlässt sie den Tatort und wendet sich an Bayram, wo gleichzeitig die Polizei auftaucht. Während die Beamten jeden Zentimeter des Büros durchsuchen weil sie vermuten, dass Bayram hinter dem Mord steckt, spaziert Fatma mit der Tatwaffe in der Hand unbehelligt aus dem Büro. Sie ist schließlich in jeder Hinsicht eine Unsichtbare, auch für die Mordermittlungen spielt eine Frau wie sie keine Rolle.
Selbst als Fatma in der Polizeistation ein Geständnis ablegt, hat das keine Folgen, der Ermittler hat sie schlichtweg ausgeblendet, wie er es wohl in der Regel mit Putzfrauen tut. Er hört sie einfach nicht.
Bayram erkennt das Potential hinter dieser Mischung und schickt einen Handlanger los, um Fatma einen weiteren Auftrag zu überbringen. Der überlegt sich während des Gesprächs, dass es für ihn ja ebenfalls rentabel sein könnte und erklärt Fatma, dass sie fortan für jeden Auftragsmord einen Prozentsatz an ihn zu zahlen habe. Fatmas Reaktion ist eine der ersten erfrischenden Überraschungen der Pilotepisode.
Wie kommt es rüber?
Die unsichtbare Putzfrau ist ja schon des Öfteren auf der Mattscheibe ein Cover für einen Mord gewesen, man kann sich quasi vor allen Augen unsichtbar durch die Gegend bewegen. Die meisten Menschen versuchen, Blickkontakt zu vermeiden, ernst genommen wird man in den allerseltensten Fällen. In der Netflix-Serie Fatma ist die Putzkraft keine Rolle, für unsere Titelheldin ist es ihr Leben. In einer männlich dominierten Gesellschaft nach den Maßstäben des Kapitalismus ist sie eine arme Frau ohne Bildung und Status. Sie ist in jeder Hinsicht unsichtbar, hat keinen eigenen Wert. In dieser speziellen Gesellschaft sogar so sehr, dass sie ohne ihren Mann nicht einmal ihren abgelaufenen Ausweis erneuern kann.
Es ist schon interessant, dass „Fatma“ die zweite türkische Netflix-Produktion in kurzer Zeit ist, die eine weibliche Putzkraft zur Protagonistin macht. In Bir Baskadir - Acht Menschen in Istanbul begleiten wir Meryam durch ihr Leben in der Metropole Istanbul zwischen ihrem ärmlichen Viertel und den Apartments der Reichen. Nun ist es Fatma, die uns ihre Welt zeigt. Doch anders als Meryam startet Fatma als Klischee. Sie geht in ihren jungen Jahren schon tief gebeugt, hat den Widerstand gegen die Ungerechtigkeiten aufgegeben und lässt das meiste über sich ergehen. Ihre einzige Gegenwehr ist es, sich zu verstecken, wenn das möglich ist. Sie sieht in ihren beigefarbenen Klamotten um Jahrzehnte älter aus und wirkt immer, als wenn sie ein bisschen vor Angst weint. Selbst wenn sie mutige Sachen macht, wie mächtige Männer auf den Verbleib von Zafer anzusprechen und an Orte zu gehen, an denen sie nicht willkommen ist. Ihre Unterwürfigkeit scheint mehr eine erlernte Schutzhaltung als ein Charakterzug zu sein.
Das erste Mal, dass sie sich wehrt, ist in Sevkets Büro. Mit der Sicherheit der Waffe holt sie zum ersten Mal zum Gegenangriff aus. Auch diese Situation grenzt an viele Klischees. Sevket droht ihr auf vielfältige Weise, beleidigt ihren toten Sohn, ihren verschwundenen Mann, droht ihrem Leben, redet sich richtig in Rage. Wir sind in der Pilotepisode dabei, wie das Fass von Fatma zum Überlaufen kommt, in nervenzehrender Zeitlupe. Doch, als es dann endlich so weit ist, nimmt die Story zum Ende hin noch mal einiges an Überraschungseffekt auf. Nämlich, als Fatma in den letzten Minuten aus dem Bildrahmen geht, wie sie immer mehr wie ein geprügelter Hund wirkt, der hofft, sich unauffällig davonschleichen zu können. Doch dann rennt sie zurück ins Bild, in voller Fahrt und schubst den Mann, der sich ihr gerade als eine Art Killerzuhälter aufgezwungen hat, im genau passenden Moment vor den einfahrenden Zug...
Die letzte Minute ist dieser Moment, in dem ich weiß, dass ich weiter dranbleibe. Denn bis dahin liegen die Klischees und Vorhersehbarkeiten so schwer auf der Spannung, dass man nicht zweimal hingucken muss. Ähnlich wie Fatma selbst kann die Serie im entscheidenden Moment dann aber doch überraschen.
Wirkt es auf den ersten Moment so, als ob die Story mit der Putzfrau vor allem ein Vorwand ist, um eine Actionstory zu erzählen, zeigt sich nach der Pilotepisode, dass mehr dahintersteckt. Die Serienmacher wollen erzählen, wie es als Frau in einer von Männern dominierten Welt ist. Als arme Person in einer Gesellschaft, in der nur Geld zählt. Dafür haben sie eine Machtlose zu ihrer Heldin gemacht, eine Unsichtbare, die Rache nimmt an all den Menschen, die an ihrem Elend teilhaben, davon profitieren und darauf aufbauen. Doch man darf auch nicht zu viel erwarten, von einer Serie, deren Beteiligte sie in Interviews vor allem gegen die in der Türkei üblichen Seifenopernserien absetzen. Gegen die wirkt „Fatma“ erfrischend, hochwertig produziert und mit einer interessanteren Geschichte ausgestattet. Wenn man sie gegen ihre Konkurrenz bei Netflix antreten lässt, das großartige „Bir Baskadır - Acht Menschen in Istanbul“, dann schneidet „Fatma“ nicht so grandios ab. Aber vielleicht muss es ja auch nicht immer ein dichtes Charakterdrama sein, das die Risse in der Gesellschaft spannend ausleuchtet und psychologisch seziert bis zum intellektuellen Höhepunkt. Manchmal reicht es halt auch, wenn man einfach Anlauf nehmen und die Ungerechtigkeit mit Schmackes vor den Zug schubsen könnte.
Hier abschließend noch der Trailer zur Serie „Fatma“: