Fallout: Kritik zu den ersten drei Episoden der dystopischen Spieladaption bei Amazon Prime Video

© Prime Video
Das passiert in der dystopischen Sci-Fi-Actionserie „Fallout“
Seitdem die Welt vor 219 Jahren in Fallout einem alles verheerenden Atomkrieg zum Opfer fiel, teilt sich Amerika in die verstrahlte Oberfläche und tief ins Erdinnere führende Bunker auf. Lucy MacLean (Ella Purnell) lebt in so einem Vault mit der Bezeichnung 33. Als dieser von Raidern überfallen und ihr Vater entführt wird, zieht es sie in das verstrahlte Ödland, um ihn zu suchen. Doch die Oberfläche ist so ganz anders als sie es aus ihrem regelbasierten Leben im Vault 33 kennt. Mutanten, Mörder und Verrückte treiben ihr Unwesen zwischen den letzten Überlebenden, die zu allem bereit sein müssen, wenn sie nicht eines grausamen Todes sterben wollen.
So trifft die junge unbedarfte Frau auf ihrer Reise auch den Ghoul (Walton Goggins), ein Wesen, das vor der Apokalypse ein ganz normaler Mensch gewesen war und nun dank Drogen und Mutationen zu einem Wandelnden zwischen Leben und Tod geworden ist. Neben der Bruderschaft des Stahls ist auch er hinter einem Mann her, der den Schlüssel für eine bessere Zukunft in sich trägt. Ausgerechnet diesen versucht jedoch auch Lucy zu finden, um durch ihn ihrem Vater näher zu kommen. Die Jagd nach dem mysteriösen Wissenschaftler führt den Ghoul, den Stahlbruder Maximus und Lucy tief in die Wildnis, um die Bandenanführerin Lee Moldaver (Sarita Choudhury) zu finden, die ein Teil des Rätsels ist...
Gaming-Fans aufgepasst

Ich bin ein riesiger Fan von PC-Spielen. Meine Leidenschaft begann 1997 mit einem rundenbasierten RPG namens „Fallout“, das mich tief in seinen Bann zog und mir eine apokalyptische Welt epischen Ausmaßes servierte. Seitdem habe ich abgesehen vom Onlinerollenspielableger „Fallout 76“ so ziemlich alles über die Reihe verschlungen, was metaphorisch gesprochen nicht bei drei im Bunker war. Ich las alles über den Streit zwischen Interplay und Bethesda über das seinerzeit geplante MMORPG, habe jeweils hunderte Stunden in „Fallout 3“ und seine Nachfolger versenkt und zocke nebenbei sogar heute noch den Mobile-Ableger „Fallout Shelter“.
Warum ich Euch das erzähle? Weil mit so einem Background im Gepäck meine Erwartungen an die Live-Action-Streaming-Serie von Amazon Prime Video entsprechend geradezu gigantisch waren. Andererseits hatte ich in Anbetracht der vielen Flops in Sachen Game-Adaption, die ich in den letzten 20 Jahren verkraften musste, auch wiederum nicht wirklich gehofft, dass es diesmal anders würde. Nun, wie man sich doch irren kann! In Zusammenarbeit mit Bethesda und vornehmlich dem Mastermind hinter der Spielereihe Tod Howard ist den Serienerfindern Geneva Robertson-Dworet („Tomb Raider“) und Graham Wagner (Silicon Valley) hier tatsächlich ein kleines Meisterstück gelungen.
Da wäre zuerst einmal die fabelhafte, kinoreife audiovisuelle Umsetzung, die so detailverliebt daherkommt, wie man es aus den virtuellen Originalen kennt. Das ganze Feeling der Show schreit geradezu schon in den ersten Minuten „Fallout“, was die Vorfreude auf die knapp einstündige Pilotfolge enorm steigert. So gut wie keines der allseits beliebten Accessoires, Goodies und Items wird ausgespart. Die Vault-Bewohner tragen nicht nur die ikonischen Anzüge, die zu Beginn eines jeden Spiels eine so wichtige Rolle zur Identifikation der Figur spielen.
Auch der allseits beliebte Pip Boy darf nicht fehlen, oder die Vault-Tec-Wackelkopffiguren. Ebenso wenig vermissen wir im Ödland Stim Packs, Mutanten, Ghouls, skurrile Wesen und durchschlagende Waffen. Die Oberfläche ist herrlich verwüstet. In verrosteten Bussen liegen noch immer verblichene Skelette, in einer Hausruine sitzt eine skelettierte Mutter mit ihrem Kind an einem Tisch, nachdem sie sich und das Kleine nach dem Fallout mit einem Vault-Tec Gift das Leben nahm und wo weiter. All das kennt man nur zu gut und erfreut sich daran, es endlich in einem filmischen Abenteuer erleben zu dürfen. Als Fan der Spiele ertappt man sich geradezu bisweilen dabei, wie der Zeigefinger zur linken Maustaste zucken will, um sich einer drohenden Gefahr zu stellen. So muss das sein!
Jetzt das Angebot von Amazon Prime Video entdecken (Affiliate-Link)
Hier schon mal der Trailer zur Serie „Fallout“:
Die Geschichte

Und davon gibt es in „Fallout“ reichlich. Das muss auch die junge Bewohnerin des Vault 33 namens Lucy MacLean erfahren, die sich gerade auf die Hochzeit mit ihrem unbekannten Ehemann aus dem Nachbarbunker 32 freut. Dieser kleine Kniff gewährt uns einen hübschen Einblick in die idyllische Scheinwelt der Vaults, in der die dort lebenden Menschen fest daran glauben, irgendwann an die Oberfläche gehen zu können, um ein neues, gerechtes Amerika aus den Trümmern des Atomkrieges zu errichten. Wie utopisch dieser Traum in einer Welt der Dystopie ist, wird jedoch nur allzu schnell klar.
Lucys frisch angetrauter Gatte entpuppt sich nämlich als Mitglied einer gefährlichen Raider-Gang, die gerade erst die 32-er abgeschlachtet hat und nun in aller Brutalität ihr Heim überfällt. Der Kampf geht für Vault 33 relativ glimpflich aus, treibt die junge Frau jedoch an die Oberfläche, um nach ihrem entführten Vater zu suchen.
Soweit zur Ausgangslage der Sci-Fi-Serie, die stimmig erzählt wird und sowohl das Leben im alternativ-fiktiven Amerika als auch die apokalyptische Zukunft nahezu perfekt präsentiert. Das trifft, wie oben erwähnt, sowohl für die Optik als auch die Brutalität in den Actionszenen zu, die nun einmal zur Reihe dazugehört wie das berühmte Salz in der Suppe. Da wehrt sich eine schwangere Frau schon einmal verzweifelt mit einer Maschinenpistole in der Hand, während ihr eine Gabel im Auge steckt. Köpfe platzen, Gliedmaßen werden mit einem Schuss zerfetzt oder faustgroße Löcher in den Körper gerissen.
Brutal lustig

Für Zartbesaitete ist „Fallout“ also eher weniger geeignet, was allerdings auf das Original ebenfalls nicht zutrifft. Alle Einzelspieler-Games sind zu Recht mit einer FSK-18 belegt, daher wäre eine familienfreundliche Filmadaption auch ein riesiger Fehler gewesen. Die Brutalität ist von jeher Teil der Erzählung und atmosphärischer Garant für die Apokalypse. Daneben gehört auch eine große Portion Zynismus dazu, dem die Serienmacher ebenfalls reichlich Raum gewähren. Damit sind alle Zutaten vorhanden, um Fans glücklich zu machen, aber auch Franchiseneulinge in den Bann zu ziehen.
Denn schwer zu verstehen ist hier weder die Welt noch die Geschichte. Rein auf das Narrativ bezogen präsentiert sich die Show in den ersten drei Folgen schlicht und simpel strukturiert. Im Grunde genommen sucht Lucy ihren von der Raider-Anführerin Lee Moldaver entführten Vater und trifft dabei auf einen Wissenschaftler, der den Schlüssel für eine besserer Zukunft in sich trägt. Auf diesen ist wiederum ein hohes Kopfgeld an Kronkorken (was auch sonst?) ausgesetzt. Das will sich auch ein Ghoul-Kopfgeldjäger schnappen, dem das Autoren-Team bei aller Kaltherzigkeit aber eine hübsch tragische Geschichte auf den Leib geschrieben hat.
Die Figuren in „Fallout“

Überhaupt sind die Figuren durch die Bank bei aller Simplizität sympathisch und mitnehmend geschrieben. Man mag die naive Lucy sofort und erahnt schnell, was ihr im Ödland widerfahren und wird und wie sie ihre Erlebnisse verändern. Als zweites figürliches Standbein wäre da noch der Knappe der stählernen Bruderschaft Maximus (Aaron Moten), dessen in eine schwere futuristische Rüstung gepackter Ritter ein Feigling und Idiot ist. Als jener von einem mutieren Riesenbären angegriffen wird, zeigt Maximus entsprechend keine große Motivation ihn zu retten. Stattdessen schnappt er sich lieber den T-60-Anzug und erhebt sich quasi selbst in den Ritterstand - dabei erweist er sich aufgrund seines guten Herzens tatsächlich auch als bessere Wahl.
Als eine Art Antagonist fungiert hingegen zunächst der oben erwähnte kaltschnäuzige Ghoul, der auf nichts und niemanden Rücksicht nimmt und dank der starken Schauspielleistung von Walton Goggins ein echtes Highlight der Serie darstellt. Mit anderen Worten folgt man dem ungleichen Trio gerne, obwohl gerade der Mutant der Hauptfigur einigen Ärger bereitet, wobei das Wort „Ärger“ noch reichlich untertrieben ist.
Dass diese drei ungleichen Charaktere irgendwann zusammentreffen und sich wohl irgendwie verbünden, liegt auf der Hand. Es bleibt indes abzuwarten, wie sich die Geschichte um Lucys Vater entwickelt, denn der Raider-Überfall zu Beginn wirft die Frage auf, ob er Dreck am Stecken hat. Wie sich das Ganze letztlich ausnimmt, werden die restlichen Episoden zeigen. Bei einem so starken Beginn mache ich mir jedoch wenig Sorgen.
Fazit

Als Spieleumsetzung, aber auch als unterhaltsame dystopische Zukunftsfantasie funktioniert Fallout hervorragend. Die Serie ist so angelegt, dass man sie auch als Nichtkenner des Spielefranchises gut versteht und der Geschichte folgen kann. Das Intro sowie kleinere Rückblenden innerhalb der Episoden sorgen für ein Verständnis der Zusammenhänge, die die Spielerschaft seit nunmehr 27 Jahren sozusagen mit Maus, Tastatur oder Controller aufsaugt. Wer auf harte, ironisch und kinoreif inszenierte Apokalypsen steht, kommt hier also voll auf seine Kosten. Dafür gibt es von uns die volle Punktzahl.
Wir vergeben fünf von fünf Sternen.
Hier abschließend auch noch der deutsche Serientrailer zur Serie „Fallout“, die nun beim Streamingdienst Amazon Prime Video startet: