Überzogene Figuren, Tanz und ein Schuss Biss – So unterhaltsam ist Étoile

Überzogene Figuren, Tanz und ein Schuss Biss – So unterhaltsam ist Étoile

Das Tanzdrama „Étoile“ bei Amazon Prime Video ist der neueste Streich von der „Gilmore Girls“-Macherin Amy Sherman-Palladino und setzt ähnliche Hebel an - mit Erfolg.

Szenenfoto aus der Serie „Étoile“
Szenenfoto aus der Serie „Étoile“
© Prime Video

Das passiert in „Étoile“

Das Ballett steckt in Étoile in der Krise. Vor allem die Companys von Jack McMillian (Luke Kirby) in New York und jene von Geneviève (Charlotte Gainsbourg) in Paris leiden unter Zuschauerrückgängen. Um sich irgendwie aus der Misere herauszuwinden, entwickelt Geneviève einen zunächst verrückt anmutenden Plan: einen von einer großen Werbekampagne begleiteten Austausch von Talenten, der frischen Wind in die Inszenierungen der Häuser bringen soll.

Als Finanzier entpuppt sich jedoch ausgerechnet der Waffenhändler Crispin Shamblee (Simon Callow), den Jack auf den Tod nicht ausstehen kann und der sogar Hausverbot bei ihm hat. Doch der Pleitegeier kreist bereits über ihn, also lässt er sich auf Verhandlungen ein und fordert ausgerechnet das Ausnahmetalent Cheyenne (Lou de Laâge), die er vor einiger Zeit bloßgestellt hatte. Doch auch Jack muss bluten, denn Geneviève besteht auf die Überführung seines besten Choreografen. Trotz aller widrigen Umstände schreitet der Tausch indes voran, wenn auch nicht ganz ohne Widerstand...

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Die Macher

Um „Étoile“ genretechnisch und inhaltlich einordnen zu können, ist einführend ein Blick auf die Serienerfinder geboten. Die unterhaltsame Mischung aus Tanz und Dramedy stammt aus der Feder von Amy Sherman-Palladino und Daniel Palladino, die für so erfolgreiche Formate wie Gilmore Girls und The Marvelous Mrs. Maisel verantwortlich sind. Beide genannten Formate zeichnen sich vornehmlich durch einen gewissen Wortwitz, gefühlvoll überzogene Figuren und wendungsreiche Geschichten aus.

Genau diese Stilmittel verwendet sie auch in ihrer neuen Serie, wobei wir zum Teil schon recht verschrobene Figuren erleben, die sich mit Leib und Seele der Kunst verschrieben haben. Das Wort Kunst ist dabei sowohl im Sinne des Ballettthemas als auch metaphernhaft zu verstehen, denn die Welt, in der wir uns in „Étoile“ bewegen, ist tatsächlich durch und durch künstlich.

Dramedy

Da ist zunächst einmal die Tatsache, dass die Serie nur so vor Egozentrik sprüht. Da ist zum Beispiel Jack, dessen Ballettschule in starke finanzielle Schieflage geraten ist und der sich in den eingangs erwähnten Verhandlungen wie eine Diva gebärdet. Den Choreografen Tobias versteht wiederum niemand. Er hat Attitüden an sich, mit denen ein normaler Mensch nur schwer umgehen könnte. In Frankreich ist hingegen die Primaballerina Cheyenne auf einem Umweltaktivistenschiff auf der Suche nach sich selbst und jagt dabei sogar hartgesottenen Kerlen einen so großen Schreck ein, dass sie verhaftet wird. Eines ist diesen Menschen jedoch gemein: Sie alle sind genial und wie wir wissen, führt Genialität bisweilen zu Skurrilität.

Entsprechend inszenieren die Palladinos ihre Dramedy und würzen sie mit einer großen Portion Wortwitz, ohne dabei aber die Grenze der Unglaubwürdigkeit zu überschreiten. Freilich vermag man in eine so ferne Welt wie die des Balletts nur einzutauchen, wenn man sich für die Materie interessiert. Allerdings macht die Serie schon in der Pilotfolge klar, dass die Autoren gar nicht die Absicht hegen, allzu tief zu blicken. Die Geschichte beginnt in einer Diskothek, in der die Protagonisten ausgelassen feiern. Der Alkohol fließt und statt Fachgespräche über Tanz und klassische Musik hören wir Witze über Komponisten mit Geschlechtskrankheiten.

Das mag auf den ersten Blick als derbe Einleitung erscheinen, verweist aber auf die angestrebte Tonalität. Glaubwürdigkeit innerhalb des Kosmos, in dem wir uns bewegen? Ja. Authentizität? Nein. Insgesamt gelingt diese Mischung im Debüt recht gut, vor allem auch, weil das Drehbuch die ein oder andere nette Überraschung parat hält und den Fokus auf die geschickt geschriebenen Figurenzeichnungen setzt.

Außenbetrachtungen

Szenenfoto aus der Serie „Étoile“
Szenenfoto aus der Serie „Étoile“ - © Prime Video

Auf den Punkt gebracht soll das Publikum also gar nicht so tief in das Geschehen gezogen werden, dass es quasi ein Teil der Geschichte wird, sondern die Position von beobachtenden Außenstehenden einnehmen. Man wundert sich darüber, wie eine geniale Tänzerin so abgedreht sein kann, ein Unternehmer so arrogant oder ein begnadeter Choreograf so weltfremd.

Man schüttelt den Kopf, schmunzelt und erfreut sich an den leider etwas zu wenigen, aber in schönen Bildern dargebotenen Tanzszenen. Vor allem Lou de Laâge begeistert in einer leider etwas zu kurzen Sequenz mit beeindruckenden Tanzfähigkeiten, die nur so vor Dynamik und Kraft strotzen. Doch auch kurze Einblicke in die Proben zu einem neuen Stück, kurze, nette Flashbacks auf große Auftritte diverser Tänzerinnen und Tänzer und Ähnliches machen Lust darauf, in diese wunderschöne Traumwelt einzutauchen.

Wer schon einmal das Vergnügen hatte, „Schwanensee“ von Tschaikowski zu erleben, oder „Ein Sommernachtstraum“ von Felix Mendelssohn-Bartholdy, wird sich musikalisch sofort wohl fühlen, obwohl die Serienmacher ihre Zuschauenden hier ebenfalls nicht überfordern. Die Kunstform dient vielmehr als Mittel zum Zweck und ist lediglich der Aufhänger für eine Geschichte um eine Gruppe von Menschen, denen wir vor allem deshalb gerne folgen, weil es solche Persönlichkeiten in unserem normalen Lebensumfeld nicht gibt.

Ein Schuss Drama

Obwohl die oben erwähnten Stilmittel durchaus überwiegen, funktioniert Comedy stets am besten, wenn sie mit einem Hauch Drama gespickt ist. Dafür, dass auch dieser Aspekt nicht zu kurz kommt, sorgt die Figur des Großunternehmers Crispin Shamblee, der sein Geld in allen Bereichen verdient, die schnellen Gewinn versprechen.

Skrupel und Sozialverhalten sind ihm fremd, doch Shamblee liebt das Ballett. Das führt dazu, dass er Geneviève und Jack eine große Finanzspritze zusagt, um den Plan des Talenttausches inklusive einer millionenschweren Werbekampagne zu finanzieren.

Allerdings tut ein Mensch wie er alles aus irgendeinem Kalkül heraus. Ob dieses wirklich nur darin liegt, seinen Namen mit etwas Gutem und - wie er es nennt - Reinem sozusagen in Unschuld zu waschen, wird in der Pilotepisode indes nicht deutlich.

Fest steht aber, dass er keineswegs gedenkt, sich an seine Zusage, sich abgesehen von den Geldzuschüssen aus den Geschäften herauszuhalten, zu halten. Kaum ist der Vertrag unter Dach und Fach, beginnt er systematisch, Jack zu untergraben. So ordnet er in einer der letzten Szenen an, das Theater komplett umzubauen, ohne das überhaupt mit Jack abgesprochen zu haben. Shamblett möchte aus dem Saal eine New Yorker Scala machen, einen wahren Tempel der Kunst.

Ein aufschlussreicher Dialog zwischen ihm und Cheyenne offenbart darüber hinaus, wie sich Superreiche sieht und wie kalt und berechnend er ist. Für reichlich Konfliktpotential ist also bei allem oft leichtfüßigen Charme, den das Format versprüht, gesorgt.

Fazit

Ausschnitt aus der Serie „Étoile“
Ausschnitt aus der Serie „Étoile“ - © Prime Video

Der Einstieg zu Étoile ist gelungen. Die dem Publikum vor Augen geführte Welt scheint unendlich weit entfernt und ist uns doch so nah. Die Figuren sind alles andere als geerdet, aber nicht so überzeichnet, dass man den Bezug zu ihnen verliert und das Thema hat einen gewissen Reiz.

Das gewählte Ensemble offenbart sich zudem als gelungene Mischung aus Veteranen, die wir aus anderen Produktionen der Palladinos kennen, französischen Talenten und bisher eher unbekannten Gesichtern. Die wenigen Tanzszenen sind einladend und in einem Fall sogar fast atemberaubend in Szene gesetzt und die Dialogführung ist stark punktiert.

Last but not least, beweist das Produzentengespann erneut ein gutes Gespür für Timing und Erzähltempo. Die rund 60 Minuten der Einstiegsfolge zeigen sich durchweg spritzig und mit einem feinen Gefühl für die Einführung der Figuren. Der Auftritt von Cheyenne gleicht einem Donnerschlag, die Verhandlungen geraten zu einem Katz- und Mausspiel und das Ende macht klar, dass wir einige dramatische Wendungen erwarten dürfen. Dafür gibt es von uns 4 von 5 Tanzeinlagen.

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