Im April 2015 wurde die Serie Emerald City bereits in Entwicklung geschickt und nun, Anfang 2017, hat sie ihre Premiere gefeiert. Wie ist die neue Serienadaption von Der Zauberer von Oz mit einer erwachsenen Dorothy gelungen?

Der bunte Cast von „Emerald City“ / (c) NBC
Der bunte Cast von „Emerald City“ / (c) NBC
© er bunte Cast von „Emerald City“ / (c) NBC

L. Frank Baums „Land of Oz“-Romanreihe, auf der auch „Der Zauberer von Oz“ basiert, wurde bereits zigmal interpretiert. Am erfolgreichsten in der Version mit Judy Garland aus dem Jahr 1939. Allerdings beispielsweise auch als „The Wiz“ mit Michael Jackson und Diana Ross oder aber als Miniserie mit Zooey Deschanel unter dem Namen Tin Man.

Nun ist NBC an der Reihe und nach langer Entwicklungszeit - die Bestellung erfolgte im April 2015 - und Showrunnerwechsel, ist die zunächst zehnteilige Serie nun gestartet. Auf dem Regiestuhl für alle Episoden hat es sich Tarsem Singh gemütlich gemacht, dessen Werke Zuschauer und Kritiker gleichermaßen polarisieren. Optisch sind seine Filme wie „The Cell“, „The Fall“, „Immortals“ oder „Mirror Mirror“ meist eine Wucht, inhaltlich aber oft leider eher schwach.

Definitiv nicht mehr in Kansas - Prämisse von „Emerald City“

Singh wandelt den Ursprungsstoff ab und modernisiert Dorothys Geschichte um die gegenwärtige Realität besser abzubilden. Adria Arjona spielt eine hispanische Dorothy Gale, die in Kansas als Krankenschwester arbeitet. Sie wächst bei Pflegeeltern auf - ihre biologische Mutter verließ sie kurz nach der Geburt. Nach über zwanzig Jahren sucht sie wieder Kontakt zu ihrer Tochter, doch Dorothy, die ihre Pflegeeltern über alles liebt, ist sich nicht sicher, ob sie auf die Kontaktaufnahme eingehen soll.

Dazu kommt - denn ohne geht es bei Oz nicht - ein Tornado. Als Dorothy ihre echte Mutter besuchen will, wütet der Tornado mit aller Kraft und droht die Protagonistin einzusaugen. Ihre Mutter wird schwer verletzt und schafft es gerade noch Dorothy zu warnen.

Doch Dorothy hat einen waschechten Helferkomplex und versucht genau das Gegenteil. Sie landet, da die Polizei merkwürdigerweise an dieser Stelle als Bösewicht stilisiert werden muss, im Auge des Tornados, in einem Polizeiauto inklusive Polizeischäferhund in der nicht ganz so zauberhaften Welt von Oz.

Eine angeblich tote Hexe des Ostens später und Dorothy findet sich inmitten eines rätselhaften Dorfes, das von einem Volk bewohnt wird, dessen Kinder an Ewoks und Erwachsene an die Grounder aus The 100 erinnern. Also ganz sicher nicht Kansas City. Immer wieder werden Anspielungen an die bekannte Oz-Geschichte gemacht, beispielsweise durchfliegt eine Drone die Landschaft, anstatt der geflügelten Affen.

Dorothy wird zunächst als Hexe beschimpft und mit Waterboarding gefoltert. Niemand traut ihr, denn nur eine Hexe kann eine andere Hexe töten. Als die Zweifel halbwegs aus dem Weg geräumt sind, soll sie der Yellow Brick Road folgen, die diesmal mit Mohnsamen gepflastert ist und die ein oder andere halluzinogene Wirkung entfaltet. Dorothy hofft, dass der Zauberer von Oz (Vincent D'Onofrio) ihr den Heimweg weist. Dumm nur, dass er ihr und allem was aus dem Himmel fällt nach dem Leben trachtet.

Der Tod der Hexe des Ostens (Florence Kasumba) ruft derweil Glinda (Joely Richardson), die Hexe des Nordens, auf den Plan, die in einen Waffenstillstand mit dem Zauberer eingewilligt hat. Nun aber wird sie unruhig, denn nicht vielen gelingt es ihresgleichen auszuschalten (Protipp: Mal mit Wasser versuchen).

Abzweigungen des Yellow Brick Road

Yellow Brick Road 2017 in „Emerald City“
Yellow Brick Road 2017 in „Emerald City“ - © NBC

Nebenbei werden noch andere Fässer aufgemacht: Das „Beast Forever“, eine große Bedrohung für die Welt, vor der selbst die mächtigen Tonangeber Angst zu haben scheinen; der Soldat Lucas (Oliver Jackson-Cohen), den Dorothy vom Kreuz befreit und der an die Vogelscheuche erinnert. Die Hexe des Westens (Ana Ularu) die ins horizontale Gewerbe wechselt oder aber Tip (Jordan Loughran) eine Figur, die wie Rapunzel in einem Turm eingesperrt ist und von der magisch begabten Mombi (Fiona Shaw) „beschützt“ wird.

Besonders bei letztem Handlungsbogen bin ich mir nach der Doppelfolge zum Auftakt nicht sicher, was das darstellen soll, hier wird offenbar eine Gendertwistgeschichte präsentiert, aber bisher auf eine Art und Weise, die wenig Feingefühl spüren lässt. Versucht man die queerness des Löwen aus dem 30er-Jahrefilme auf Tip zu übertragen und spielt deswegen mit der Gender-Identität der Figur? Das wäre gewagt und könnte auch leicht nach hinten losgehen.

Überhaupt möchte der Auftakt viel zu viel einführen und ein episches Gefühl vermitteln, dass wir auf eine große Schlacht der Fraktionen zusteuern und deutet hier und da diplomatische Bemühungen wie bei Game of Thrones an, ohne je auch nur ansatzweise die Spannung oder die Klasse, die dort vorherrscht, zu erreichen. So ein großes Figurenkonvolut muss erst etabliert werden, doch für mich stellte sich im Auftakt schon öfter Langeweile statt Spannung ein. Da deuten die Kreativen dann aus der Vorlage bekannte Elemente an (den Löwen zum Beispiel) und hoffen, dass es reichen wird, um die Zuschauer bei der Stange zu halten.

Der Ansatz der Macher, eine düsterere und vermeintlich erwachsenere Version der Vorlage zu zeigen geht leider manchmal nicht ganz auf. Elemente wie Waterboarding, Kreuzigung, Kopfschüsse oder Erdolchungen und Zerstückelungen sind extrem, doch nur deshalb hebt das nicht den Unterhaltungswert oder die Qualität des Gezeigten.

Dorothy ist stellenweise wie man sie kennt: Sie fegt wie ein Wirbelwind durch Oz und hilft -manchmal auch nicht ganz freiwillig oder absichtlich -, wo sie nur kann, sodass der bekannte Status Quo durchgewirbelt wird. Ob nun im Fall von Lucas oder Tip - und in den kommenden Episoden Folgen wahrscheinlich auch an anderen Stellen - sie kann nicht umhin als Missstände zu beseitigen, auch wenn sie sich dabei bald mit Kräften konfrontiert sieht, denen sie nicht gewachsen ist.

In dieser Version kommt nun offenbar noch hinzu, dass sie selbst nach dem Tod der Hexe des Westens deren magische Fähigkeiten erbt, was sie potentiell übermächtig machen könnte. Neben der Kraft der Heilung, hat sie dann also potentiell magische Zerstörungskräfte. Allerdings dürfte ein Wandel auch nötig sein, denn der Wizard tut alles für seinen Machterhalt, unterjocht die Magie der Hexen und bereichert sich wie es ihm gefällt.

Potential steckt meiner Meinung nach im Stoff also drin, nur leider werde ich mit der Erzählung, der Anzahl von nicht sonderlich faszinierenden Nebenfiguren und den vielen offenen Plots nicht warm. Die erste Hälfte der Doppelfolge hat mir dabei noch besser gefallen. Aber schon in der zweiten Hälfte merkte ich, dass mein Interesse abnimmt.

Style Over Substance

Wicked Witch in „Emerald City“
Wicked Witch in „Emerald City“ - © NBC

Wenn selbst ein D'Onofrio, dessen Spiel und Marotten ich sonst genieße und mich gar darauf freue, mir keinen Mehrwert zum Zuschauen liefert, dann läuft etwas schief. Singh liefert in meinen Augen oft schöne Schauwerte, was auch in den Landschaftsaufnahmen hier der Fall ist, aber gemeinsam mit den Autoren Josh Friedman und Matthew Arnold keine frischen Ansätze, die mich dazu bringen tiefer in diese etwas andere Welt von Oz eintauchen zu wollen.

Ana Ularu als ehemalige Hexe erscheint mir dabei fast die spannendste Figur zu sein, weil sie unberechenbar und labil wirkt, sodass sie für Überraschungen gut sein kann. Eigentlich kann man auch Hauptdarstellerin Adria Arjona keinen großen Vorwurf machen, denn sie bekommt einfach kein allzu prickelndes Material, mit dem sie arbeiten kann und die Liebesgeschichte mit Lucas, sollte es denn dazu kommen, geht mir jetzt schon auf die Nerven. Immerhin klingt der Score, wenn er denn zum Einsatz kommt, ganz gut. Aber bitte keine edgy Version von „Somewhere over the Rainbow“...

Ich würde die Umsetzung gerne mehr mögen, aber bislang wird mir wenig angeboten, an das ich mich klammern könnte, darum kann die Bewertung nicht besser ausfallen. Denn die wenigen Pluspunkte täuschen nicht darüber hinweg, dass die beiden bisherigen Folgen insgesamt eher eine Enttäuschung sind und ich es mir wohl zwei Mal überlegen muss, ob ich am Ball bleiben soll. Aktuell wünsche ich mir eher Zauberschuhe, die mich zurück nach Kansas bringen.

Trailer zu „Emerald City“:

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