Doctor Who 8x07

Doctor Who 8x07

Warum in die Ferne schweifen, wenn das Abenteuer so nahe liegt: Der Doctor unternimmt mit Clara und Courtney einen Ausflug zum Mond, der jedoch schon bald eine dramatische Wendung nimmt - und für den Doctor und Clara zur Zerreißprobe ihrer Beziehung wird.

Der Doctor (Peter Capaldi) auf dem Mond. / (c) BBC
Der Doctor (Peter Capaldi) auf dem Mond. / (c) BBC

Das passiert in der Doctor Who-Folge Kill the Moon:

Der Doctor (Peter Capaldi) geht nicht gerade pfleglich mit den Gefühlen, der ihn umgebenden Menschen um. So sagt er der jungen Courtney (Ellis George) ganz offen ins Gesicht, dass sie nichts Besonderes sei. Clara (Jenna Coleman) will, dass er dies zurücknimmt. Stattdessen kommt er jedoch auf den Einfall, dass sie gemeinsam zum Mond fliegen könnten, wo Courtney die Gelegenheit hätte, die erste Frau auf dem Erdtrabanten zu sein.

Die TARDIS materialisiert im Jahr 2049 im Inneren eines Space Shuttles, welches gerade im Begriff ist, zur (Bruch-) Landung auf dem Mond anzusetzen. Gleich mehrere Dinge versetzen den Doctor und seine Begleiter in Erstaunen: Das Shuttle transportiert eine Ladung Atomsprengköpfe. Und was noch schwerer wiegt: Die Gravitation auf dem Mond ist viel zu hoch. Von der Kommandantin (Hermione Norris, Spooks) des Shuttles erfahren sie, dass die gesteigerte Schwerkraft bereits Einfluss auf die irdischen Gezeiten genommen und schwere Naturkatastrophen verursacht hätte. Das Shuttle ist auf den Mond geschickt worden, um die Ursache für den Schwerkraftanstieg zu ermitteln - und nötigenfalls den Trabanten mittels der Atombomben zu vernichten.

Die Weltraum-Henne und das Ei

Über Logik und Plausibilität sollte man in Kill the Moon lieber nicht all zu genau nachdenken. Eine Beeinträchtigung des Sehgenusses könnte die Folge sein.

Der Mond, der in Wahrheit ein Ei für ein gigantisches Weltraum-Wesen ist - das ist ja zunächst mal ein bemerkenswert kreativer Einfall! Problematisch daran ist jedoch die Sache mit der Gravitation. Ein Ei ist - ich erlaube mir hier, Wikipedia zu zitieren - ein „durch seine Hülle in gewissen Grenzen abgeschlossenes System und bietet dem sich entwickelnden Wesen für eine begrenzte Zeit einen Schutzraum. In diesem Raum befindet sich zu Anfang ein Depot an Substanzen, die Energie und Körpermasse liefern. Das Stadium des Eis wird durch das Schlüpfen beendet, meist wenn das Depot fast vollständig vom Lebewesen aufgebraucht ist.“ Ein Ei verändert nicht seine Masse, sofern es nicht von außen Materie zugeführt bekommt. Von daher sollte sich die Gravitation des Mondes durch ein im Inneren heranwachsendes Wesen eigentlich nicht verändern.

Golgafrincham!?

Aber gut, es ist Science Fiction, akzeptieren wir also durch das „Baby“ bedingte „Fluktuationen“ in der Gravitation des Mondes einfach mal als gegeben. Akzeptieren wir auch, dass die NASA es für eine gute Idee hält, den Mond zu sprengen - trotz der (in der Folge selbst angesprochenen) Gefahr, dass sich die Erde damit einen Meteoritenhagel einhandeln könnte. Und nehmen wir auch mal an, dass es tatsächlich nur noch ein Museums-Shuttle gibt - Russen und Chinesen haben ihr Weltraum-Programm offenbar ebenfalls eingestellt -, welches man zum Mond schicken kann.

Dann sind das aber nicht die drei Astronauten, die man - mit 100 Atombomben im Gepäck - zum Mond schicken würde. Es sei denn, dass Entbehrlichkeit (so ähnlich wie in Douglas Adams' „Das Restaurant am Ende des Universums“) ein zentrales Auswahlkriterium gewesen ist. Und was die Atomsprengköpfe angeht: Es scheint offenbar auch keine unbemannten Trägersysteme, vulgo: Raketen, zu geben, mit denen sie sich an ihren Einsatzort transportieren lassen. Abgesehen davon scheint ihre Anzahl viel zu knapp dimensioniert, um dem Mond auch nur eine größere Delle zu verpassen.

Gelangweilt in der TARIDS?

Es gibt so viel, was an der Folge - selbst im konzeptionellen Rahmen des Science-Fiction-Genres - fragwürdig und widersinnig erscheint, dass man es leider nur schwer ignorieren kann. Das gilt auch für manches Verhalten: Courtneys Stimmungsschwankungen sind selbst für einen Teenager schon sehr, sehr heftig und am Rande der Unbegreiflichkeit. Wie man in der TARDIS, auf dem Mond, inmitten einer äußerst gefahrvollen Situation davon sprechen kann, dass einem „langweilig“ ist, das erschließt sich dem Zuschauer nicht wirklich. So unterhalsam auch die Reaktion des Doctors ist, als er feststellen muss, dass Courtney Fotos von ihrem Ausflug auf Tumblr gepostet hat.

Nun wäre es aber ganz und gar falsch, die Folge auf ihre Logikfehler zu reduzieren. Sie trüben lediglich ein wenig den exzellenten Eindruck, den die Episode in dramatischer und damit emotionaler Hinsicht macht.

Das moralische Dilemma

Kill the Moon erzählt im Grunde zwei Dramen, die ineinander verschränkt sind. Da ist zum einen das moralische Dilemma: Ist es gerechtfertigt, dass Mond-Wesen zu töten, um dadurch das Leben vieler Menschen auf der Erde zu retten, welche durch die gravitationsbedingten Naturkatastrophen bedroht sind? Es ist geradezu der Inbegriff eines moralischen Dilemmas, vor dem die Figuren hier stehen: Auf der einen Seite ein unschuldiges Baby, welches nichts dafür kann, dass sein Wachstum für die Bevölkerung der Erde so große Schwierigkeiten verursacht. Auf der anderen Seite die Menschen, die sich mit Fug und Recht bedroht fühlen und um ihr Leben kämpfen.

Man kann auf diesem Hintergrund noch nicht einmal der Shuttle-Kommandantin einen Vorwurf machen, dass sie die Atombomben zünden will. Es bedarf schon einer gewaltigen Portion Optimismus auf Seiten Claras, um anzunehmen, dass das Schlüpfen des Babys nicht in einer gigantischen Katastrophe enden wird. Weder sie noch die Kommandantin konnten schließlich vorab wissen, dass das Schlüpfen so glimpflich ablaufen wird - und das Wesen am Ende sogar noch ein neues Ei (=Mond) hinterlässt (wobei wir uns wiederum besser keine Gedanken darüber machen, wie es möglich sein soll, dass ein Neugeborenes im Handumdrehen ein neues Ei hervorbringt, das genau so groß so sein scheint wie das, aus dem es selbst gerade erst geschlüpft ist... Science Fiction!).

Ein kleiner Schritt für einen Menschen,...

...ein großer Schritt für die Menschheit: Wir töten, was uns bedroht. Spinnen von sehr viel kleinerem Format als die überdimensionierten Bazillen, die uns in der Folge begegnen (und gerade auf Grund ihrer Spinnenform sehr gut als Angstauslöser funktionieren!), werden von uns bei jeder sich bietenden Gelegenheit zerquetscht. Wagt es ein wilder Bär in die Nähe unserer Zivilisation zu kommen, wird er gejagt. Und so viele Kriege, die wir untereinander führen, sind das Resultat, dass sich der eine vom anderen bedroht fühlt. Egal, ob dies nun den Tatsachen entspricht oder nicht.

Clara entscheidet sich dagegen. Sie entscheidet sich für das Leben - trotz des Risikos, welches damit für sie und ihre Spezies verbunden ist. Und sie widersetzt sich damit auch dem quasi-demokratischen Votum. Ein moralischer Gedanke, der nicht der reinen Zweckrationalität unterworfen ist, obsiegt über den Imperativ der Gefahreneliminierung. Ein Knopfdruck für einen Menschen, aber ein großer Schritt für die Menschheit. Mehr noch als alle technischen Innovationen ist es, wie wir später den Worten des Doctors entnehmen dürfen, dieser selbstlose Akt der Erhaltung fremden Lebens mit dem sich daran anschließenden Himmels-Schauspiel, welches eine neue Ära der Menschheit begründet.

Das ist ein großer, erhabener Augenblick.

Der abwesende Doctor

Die Beziehung zwischen Clara und dem Doctor wird durch sein Verhalten angesichts des moralischen Dilemmas bis zum Zerreißen gespannt. Damit kommen wir zum zweiten, man könnte fast sagen: zum eigentlichen Drama der Folge. Denn zum anderen mündet Kill the Moon in den bislang größten Konflikt zwischen Clara und Twelve. Er erklärt (ob zutreffend oder nicht), dass er den Ausgang der Ereignisse nicht absehen kann; dass es sich gewissermaßen um das Gegenteil eines Fixpunktes in der Zeit handelt. Es ist ein Punkt der Geschichte, an dem kein Timey Wimey uns die zu treffende Entscheidung abnehmen kann. Und es ist eine Entscheidung, die uns auch kein Time Lord abnehmen kann.

Und der Doctor geht. Er lässt die Menschen in diesem Augenblick, in dem sie über ihre eigene Zukunft zu entscheiden haben, über die Art von Menschheit, die sie sein möchten, allein. Er, der sich sonst überall einmischt, sagt: „Nicht meine Erde, nicht mein Mond. Das ist Eure Sache.

Es ist mit diesem Drama so ähnlich, wie mit dem moralischen Dilemma: Man kann beide Seiten sehr gut verstehen. Der Doctor handelt aus seiner Sicht richtig: Er kann der Menschheit nicht immer das Händchen halten. Es gibt Entscheidungen, die müssen die Menschen ohne seine Hilfe treffen. Und er vertraut darauf, dass die Entscheidung bei Clara in guten Händen liegt. Das ist per se nichts Schlechtes oder Verwerfliches.

Aber natürlich können wir sehr gut nachvollziehen, dass Clara dies anders empfindet. Dass sie sich von ihrem Freund allein gelassen vorkommt. Dass sie sich wie ein Kind von oben herab behandelt fühlt. Und dass sie nicht verstehen kann, wie jemand, der so oft auf der Erde unterwegs ist, plötzlich so tut, als hätte er mit dem Planeten nichts zu tun.

Und so kommt es am Ende zwischen den beiden Figuren zum ganz großen Knall, an dessen Ende Clara voller Wut und Enttäuschung die TARDIS verlässt - und dem Doctor mehr oder minder sagt, dass er sich zum Teufel scheren kann. Es ist ein Moment, der beiden - Capaldi und Coleman - Gelegenheit gibt, die Figuren am Limit zu zeigen: Der Doctor, der nicht weiß, wie er auf das, was Clara ihm da an den Kopf wirft, reagieren soll; seine unbeholfenen Erklärungsversuche, sein hilfloses „Clara, Clara...“ am Ende. Und Clara, die schließlich nicht minder verloren als der Doctor zum Mond hinaufblickt, nachdem sie mit ihrem besten Freund gebrochen hat.

Das ist toll geschrieben und toll gespielt. Ein herzzerreißender Schluss, welcher die Figuren auseinanderbringt. Und uns mit der bangen Frage zurücklässt, wie dieses Zerwürfnis wieder zu kitten sein wird.

Fazit

Eine dramatisch starke, inhaltlich faszinierende Episode mit thematischen Anklängen an Abtreibungsdiskussion („A question for all womankind“) und Theodizee-Problem (der abwesende Gott, der uns mit den Übeln der Welt alleinlässt), die jedoch mit zahlreichen Logikproblemen im Aufbau belastet ist.

Verfasser: Christian Junklewitz am Montag, 6. Oktober 2014

Doctor Who 8x07 Trailer

Episode
Staffel 8, Episode 7
(Doctor Who 8x07)
Deutscher Titel der Episode
Tötet den Mond
Titel der Episode im Original
Kill the Moon
Erstausstrahlung der Episode in Großbritannien
Samstag, 4. Oktober 2014 (BBC One)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Samstag, 4. Oktober 2014
Regisseur
Paul Wilmshurst

Schauspieler in der Episode Doctor Who 8x07

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