Doctor Who 8x04

Doctor Who 8x04

Hattet Ihr auch schon mal das Gefühl, dass da etwas im Dunkeln ist? Dass etwas unter Eurem Bett lauert - und jeden Moment nach Euch greifen könnte? Spürt Ihr, wie Euer Herz vor Angst klopft und Eure Sinne im Alarmzustand sind?

Möchte seine Kreidetafel nicht mehr missen: Der neue Doctor (Peter Capaldi). / (c) BBC
Möchte seine Kreidetafel nicht mehr missen: Der neue Doctor (Peter Capaldi). / (c) BBC

Das passiert in der Doctor Who-Episode Listen:

Der Doctor (Peter Capaldi) hat eine Theorie: Er glaubt, dass die Evolution Wesen hervorgebracht hat, die perfekt darin sind, sich zu verstecken. Wesen, die jederzeit unerkannt um uns herum sind. Wesen, die wir bestenfalls erahnen. Sie sind der Grund dafür, warum wir zu uns selbst sprechen, wenn wir alleine sind. Wir sind nämlich gar nicht alleine. Und sie sind auch die Ursache für einen ganz bestimmten Typ von Alptraum: Wann immer wir glauben, dass da etwas im Dunkeln lauert, eine Hand, die von unter unserem Bett aus nach uns greift, dann sind das in Wahrheit sie.

Um seine Theorie zu testen, verbindet der Doctor Clara (Jenna Coleman) mental mit der TARDIS. Die TARDIS soll heausfinden, wann Clara den Alptraum mit der Hand unter ihrem Bett gehabt hat. Der Doctor will genau zu diesem Zeitpunkt hinfliegen - und nachschauen, was sich unter dem Bett verbirgt. Leider wird Clara jedoch von ihrem klingelnden Handy abgelenkt. Die TARDIS fliegt zwar in die Vergangenheit. Dort treffen der Doctor und Clara jedoch nicht auf eine jüngere Version der Begleiterin, sondern auf den jungen Rupert Pink (Remi Gooding), der in einem Kinderheim lebt - und Angst vor dem hat, was sich unter seinem Bett befindet.

Für Clara ist es eine überaus seltsame Begegnung, hat sie doch - aus ihrer Perspektive - noch am gleichen Abend ein misslungenes Date mit der älteren Version von Rupert (Samuel Anderson) gehabt...

Unheimlich alltäglich

Grundsätzlich ist Doctor Who fast immer dann am Besten, wenn sich die Serie völlig alltäglichen Dingen annimmt und ihnen einen Spin ins Unheimliche gibt. Das war bereits ein Teil des Erfolgsgeheimnisses von Blink. Und auch Listen hat von dieser Zutat reichlich: Ich erinnere mich noch sehr gut daran, wie ich als Kind einmal in der Nacht aufgewacht bin - und davon überzeugt war, dass dort jemand (oder etwas?) im Dunkeln auf mich lauert.

Listen lebt geradezu davon, genau diese Kindheitsängste (die keineswegs nur auf die Kindheit beschränkt bleiben müssen) aufzugreifen. Verbirgt sich hinter den unheimlichen Geräuschen - hinter dem Knarren, Zischen und Klopfen - nur etwas ganz Banales, oder steckt doch mehr dahinter? Ganz virtuos spielt die Folge genau mit dieser Unsicherheit und Doppeldeutigkeit.

Ungewöhnlich

Listen ist eine in vielerlei Hinsicht ungewöhnliche Folge: Sie besticht dadurch, dass die Wesen, die der Doctor sucht, gar nicht existieren, sondern letztlich als ein Produkt der ängstlichen Einbildung demaskiert werden.

(Ja, über diesen Punkt ließe sich sicherlich streiten; man könnte einwenden, dass die Existenzfrage der Wesen nicht abschließend geklärt wird; schließlich könnten sie ja tatsächlich Meister des Versteckens sein; auch dann wäre es aber immer noch eine höchst ungewöhnliche Doctor Who-Folge, in der die „Monster“ gar nicht manifest auf den Plan treten)

Ungewöhnlich ist auch der Ausgangspunkt: Der Doctor, der eine Theorie beweisen will, was in der Teaser-Sequenz durch einige sehr bemerkenswerte visuelle Einfälle in Szene gesetzt wird (der Doctor, der auf dem Dach der TARDIS grübelt; die Ausflüge in die Savanne und unter Wasser).

Coupling

Listen ist eine dunklere Folge, die aber sehr wohl auch einige heitere Momente besitzt. Dazu zählt natürlich insbesondere das mit Peinlichkeiten gespickte erste Date von Clara und Danny, welches mich daran erinnert hat, wie sehr ich Steven Moffats Sitcom Coupling vermisse. Sehr schön ist auch der Running Gag der Staffel, welcher darin besteht, dass der Doctor so überhaupt gar kein Auge für die physische Attraktivität seiner Begleiterin zu besitzen scheint.

Apropos Clara: Das Verhältnis zwischen ihr und Twelve ist um Längen interessanter als das, welches sie zu seinem Vorgänger hatte, einfach weil es zwischen ihnen mehr Reibungspunkte gibt. In Listen geht es - thematisch passend zum Episodentitel - vor allem um die Probleme, welche die beiden damit haben, auf den jeweils anderen zu hören. Der Doctor muss an einer Stelle gar mit dem Ende ihrer gemeinsamen Reisen drohen, damit sie auf ihn hört. Er selbst wiederum will sich von ihr nichts sagen lassen, hört am Ende aber - zum Glück - doch auf sie.

Angst ist Deine Superkraft!

Womit wir zu der Szene kommen, die Listen mehr als alles andere auszeichnet: Clara fliegt die TARDIS in eine ihr unbekannte Scheune, wo sie ein ängstlich schluchzendes Kind unter einer Bettdecke findet. Als dessen Eltern (?) in die Scheune kommen, versteckt sich Clara unter dem Bett und hört, wie der Vater davon spricht, dass aus dem Jungen niemals ein Time Lord werden wird. Clara liegt, wie sie und wir annehmen müssen, unter dem Bett des sehr, sehr jungen Doctors! Von einem Ruf seines älteren Selbst aufgeschreckt, will er aus dem Bett klettern, doch Clara hält ihn am Fuß fest.

Dieser Moment ist von einer so wundervollen und herzergreifenden Ironie, dass man vor dem Fernseher geradezu applaudieren möchte: Unter dem Bett des Jungen ist tatsächlich jemand verborgen; doch es ist niemand, vor dem man Angst haben müsste. Ganz im Gegenteil: mit sanfter Stimme beruhigt Clara den kleinen Doctor und spricht ihm unter Verwendung der „Angst ist Deine Superkraft“-Rede, die sie von seinem Alter Ego aufgeschnappt hat, Mut zu, während mittels eines Flashbacks der Bogen zum Jubiläums-Special The Day of the Doctor gepannt wird, in dem der War Doctor (John Hurt) genau diese Scheune aus seiner Kindheit aufsucht, um den Time War zu beenden. Einfach grandios!

Listen ist eine wunderbare Übung in der Dekonstruktion der Angst, die zu etwas Positivem umgewertet wird.

Etwas schlucken muss man vielleicht, als Clara in einer früheren Szene die Spielzeug-Soldaten zum Schutz um Ruperts Bett herum aufstellt (womit sie offenbar seine spätere Berufswahl präformiert). Einen interessanten Spin erhält die Szene jedoch dadurch, dass Clara implizit den Soldat ohne Waffe mit dem Doctor gleichsetzt (was durch die Kameraeinstellung unterstützt wird, die den eigentlich im Hintergrund befindlichen Doctor scharf ins Bild setzt).

Plotschwäche

So weit ist Listen eine thematisch überaus faszinierende Episode, welche durch eine Unzahl kreativer Einfälle glänzt. Das ist das Einerseits. Aber leider gibt es da noch ein Andererseits. Denn Listen leidet unter der mittlerweile klassischen Malaise vieler Moffat-Folge: viele tolle Ideen, die aber irgendwie nicht so richtig zu einer kohärenten, spannenden Geschichte zusammenkommen wollen. Das liegt nicht zuletzt daran, dass Moffat in Listen dem Ausspielen seiner thematischen Ideen höhere Priorität als dem Plot gibt.

Der Doctor fliegt gezielt in Claras Vergangenheit, um nachzuschauen, was unter ihrem Bett ist. Das ist das Ziel der Mission. Was macht er, als er die Gestalt auf Ruperts Bett sieht? Schaut er unter die Bettdecke? Nein, stattdessen dreht er der Gestalt gemeinsam mit Clara und Rupert den Rücken zu, damit sie verschwinden kann. Äh, ja... Thematisch ergibt dieses In-der-Schwebe-halten durchaus Sinn. Auch wäre die „Angst ist Deine Superkraft“-Rede nicht mehr so recht angebracht gewesen, wenn der Doctor unter die Decke gesehen - und darunter tatsächlich nur ein anderes Kind gefunden hätte. Leidtragender ist jedoch der Plot, der bisweilen recht unmotiviert einfach nur von einem Ereignis zum nächsten mäandert.

Wollte der Doctor nicht die Alptraum-Wesen finden? Ach, vergessen wir es, lassen wir ihn stattdessen mal in Claras Zeitlinie herumstochern und Orson Pink - scheinbar ein Nachfahre von ihr und Danny - am Ende des Universums finden! Apropos Orson Pink: der läuft die ganze Zeit ohne Raumfahrer-Helm herum, natürlich mit Ausnahme der Szene im irdischen Restaurant, wo er den Helm auf hat. Das ist für einen tollen Gag gut („Gerade als ich dachte, dass das Date nicht noch seltsamer werden könnte...“), ist aber vom Plot her gesehen vollkommen unsinnig.

Fazit

Ich will wirklich nicht ständig auf das Haar in der Suppe hinweisen. Gerade bei einer Folge wie Listen, die mir sowohl von den Figuren als auch von der - psychologisch fundierten - Behandlung des Themas her so gut gefallen ist, möchte ich das ganz und gar nicht. Aber die Vernachlässigung des Plots macht mir doch so sehr zu schaffen, dass ich dazu nicht schweigen kann.

Verfasser: Christian Junklewitz am Montag, 15. September 2014

Doctor Who 8x04 Trailer

Episode
Staffel 8, Episode 4
(Doctor Who 8x04)
Deutscher Titel der Episode
Hör zu
Titel der Episode im Original
Listen
Erstausstrahlung der Episode in Großbritannien
Samstag, 13. September 2014 (BBC One)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Samstag, 13. September 2014
Regisseur
Douglas Mackinnon

Schauspieler in der Episode Doctor Who 8x04

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