Doctor Who 6x01

Steven Moffat ist einer der besten TV-Autoren, den Großbritannien je hervorgebracht hat ###news0###. Punkt. Umso erstaunlicher war es, dass die fünfte Staffel von Doctor Who, seine erste als verantwortlicher Showrunner, etwas gemischte Gefühle hinterließ. Vor allem seine eigenen Folgen waren bisweilen weit von dem Genie entfernt, welches er zuvor mit Episoden wie The Girl in the Fireplace oder Blink offenbart hat.
Viel zu oft schien er mit dem Recylcing früherer Ideen beschäftigt - und mogelte sich mit ein bisschen Timey Wimey durch die Drehbücher. Als wäre er mit der Last der Verantwortung überfordert oder wegen des hohen Erwartungsdrucks irgendwie gehemmt.
Was es auch gewesen ist: Mit The Impossible Astronaut (1) ist es überwunden. Endlich zeigt Mr. Moffat wieder das Genie, das in ihm steckt - mit einer atemberaubenden Folge, die aus faszinierenden Mysterien, unheimlichen Aliens, bewegendem Charakterdrama und köstlichem Witz, garniert mit einer großen Portion WTF-Momente, einen rasanten, spannenden und durch und durch unterhaltsamen Cocktail serviert.
Die Episode verliert keine Zeit: Nach einer kurzen Sequenz von fast sketchartigen Szenen, in denen der Doctor (Matt Smith) seine Spuren in der Geschichte hinterlässt (unter anderem mit einem Gastauftritt bei „Laurel & Hardy“), stecken wir auch schon im ersten Geheimnis drin: Amy (Karen Gillan) und Rory (Arthur Darvill) erhalten einen tardisblauen Umschlag mit einer Einladung, die sie zu einer bestimmten Zeit an einen bestimmten Ort führt: In die Wüste von Utah.
Dort treffen sie nicht nur auf River Song (Alex Kingston), die ebenfalls einen Umschlag erhalten hat, sondern auch auf einen Doctor, der 1103 Jahre alt. Bevor wir uns jedoch fragen können, was er die letzten 200 Jahre getrieben hat, sieht Amy einen Alien, den niemand sonst bemerkt (und auch sie vergisst es sogleich wieder), ein Apollo-Astronaut entsteigt aus einem See und erschießt den Doctor. Und ein Mann namens Canton Everett Delaware III (William Morgan Sheppard) taucht auf - und bringt schon mal das Benzin für die Feuerbestattung des Time Lords vorbei.
Als wäre das nicht schon seltsam genug, entdecken River, Amy und Rory, dass noch jemand eine Einladung nach Utah erhalten hat - und zwar der 909-jährige Doctor, dem sie nichts von ihrer Begegnung mit seiner 200 Jahre älteren Version erzählen dürfen. Der Hinweis „Space 1969“ und der Name Canton Everett Delaware III führen sie ins Oval Office, wo Richard Nixon (Stuart Milligan) ein Problem mit einer geisterhaften jungen Anruferin hat...
The Impossible Astronaut (1) fühlt sich in jeder Hinsicht neu und aufregend an, was nicht nur an dem beeindruckenden Setting in Utah liegt, welches zudem - die Feuerbestattung auf dem See (!) - auch noch grandios, mit einem Sinn für die Weite und Tiefe des Raums gefilmt wird.
Vor allem die Figuren stehen vor einer völlig neuen Situation und Herausforderung: Amy, River und Rory müssen mit der Tatsache fertig werden, dass der Doctor stirbt. Niedergeschossen während der Regeneration sieht es so aus, als ob dieser Tod endgültig ist. Gleichzeitig dürfen sie seinem jüngeren Selbst nichts davon erzählen, wenn sie kein Zeitparadox verursachen wollen. Dadurch entsteht die ungewohnte Lage, dass die Begleiter zum ersten Mal einen Wissensvorsprung vor dem Doctor haben. Normalerweise ist es ja eher anders herum.
Der Doctor spürt, dass sich etwas verändert hat - und schmollt geradezu ein wenig, weil ihn die anderen im Dunkeln lassen. Für das Verhältnis der Figuren untereinander ist vor allem die Szene in der TARDIS überaus aufschlussreich: Der Doctor ist vom „bad girl“ River Song sehr fasziniert (und angezogen), aber er vertraut ihr nicht. Erst als Amy einen Schwur bei „fish fingers and custard“, seinem Lieblingsgericht bei ihrer ersten Begegnung, leistet, legt er sein Schicksal in fremde Hände.
Ein weiterer sehr bewegender Charaktermoment ist natürlich das Gespräch zwischen River und Rory, in dem die geheimnisvolle Zeitreise-Archäologin durchblicken lässt, wie sehr es ihr zu schaffen macht, dass sie und der Doctor sich auf dem Zeitstrahl in unterschiedliche Richtungen bewegen - und wie sehr sie den Tag fürchtet, an dem sie ihn trifft und er nichts von ihr weiß: „And I think it's going to kill me.“ O wie Recht sie mit dieser Prognose behalten wird!
Mit den Außerirdischen, deren Existenz man vergisst, sobald sie außer Sicht sind, ist Moffat eine ausgesprochen unheimliche Kreation gelungen. Unterstützt wird der furchteinflößende Eindruck von ihrem Gezirppe, der tiefen Stimme und der geschickten Variation des „Roswell-Alien“-Looks: Statt kleiner grauer Männchen sind sie lang und schlacksig. Statt großer runder Augen mit Baby-Effekt haben sie tiefliegende, wie Furchen erscheinende Augenhöhlen. Ein Mund ist kaum zu erkennen, außer sie gehen gerade ihrem sadistischen Tötungstrieb nach.
Für eine „Kinderserie“ geht es in The Impossible Astronaut (1) - man denke an die zerfetzte Angestellte des Weißen Hauses - ziemlich brutal zur Sache. An Horror-Effekten wird in der Episode wahrlich nicht gespart.
Gleichzeitig präsentiert sich Doctor Who aber auch humorvoll wie und eh je: Angefangen bei den spritzigen Dialogen, vor allem zwischen River und dem Doctor („Hippie!“/„Archaeologist!“), über den Besuch des Doctors im Oval Office, bis hin zu Cantons (W. Morgan Sheppards Sohn Mark Sheppard als seine jüngere Ausgabe) Trip in der TARDIS („How long has Scotland Yard have this?“).
Fazit
The Impossible Astronaut (1) ist ein Staffelauftakt nach Maß - fantasievoll, spannend, bewegend, voller Tempo, Witz und Überraschungen, und mit einem Cliffhanger, der einen ungeduldig den kommenden Samstag erwarten lässt.
Mit 6,5 Millionen Zuschauern war die Folge die meistgesehene Sendung der BBC am Samstag. Zwar lag der Wert deutlich unter dem Auftakt der fünften Staffel, allerdings muss man das traumhafte Feiertagswetter und die sehr frühe Anfangszeit berücksichtigen. Letztlich zählt für die BBC außerdem nur das Gesamtpublikum - einschließlich iPlayer und DVR - und das dürfte wesentlich größer ausfallen.
Verfasser: Christian Junklewitz am Montag, 25. April 2011(Doctor Who 6x01)
Schauspieler in der Episode Doctor Who 6x01
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