Doctor Who 11x07

© zenenfoto aus der Doctor Who-Folge Kerblam! (c) BBC
Kerblam!
Pete McTighe und Jennifer Perrott liefern uns mit der Doctor Who-Folge Kerblam! die erste Episode der elften Staffel ab, die kein geradliniges beziehungsweise kein einfach zu durchschauendes Abenteuer an Bord hat. Die Spurensuche nach dem Ursprung des Hilferufs ist komplizierter gestaltet, denn während der Doctor (Jodie Whittaker), Ryan (Tosin Cole), Graham (Bradley Walsh) und Yasmin (Mandip Gill) in verschiedenen Abteilungen unterwegs sind und zahlreiche Entdeckungen über die Mitarbeiter, die Chefetage und die Roboter machen, entzieht sich der Ursprung des Hilferufs für lange Zeit unserer Erkenntnis. Ebenso schwierig ist es, den Bösewicht und dessen mörderischen Plan auszumachen (wobei sich dort trotzdem einiger Anlass zur Kritik findet - aber mehr dazu später).
McTighe und Perrott legen jedenfalls sehr viel Wert auf das Abenteuer, führen uns und das Team TARDIS über mehrere Ecken zur Auflösung und liefern somit eine Folge ab, die auch sehr gut in die erste oder eine der folgenden Staffeln von „New Who" gepasst hätte. Gleichzeitig (und das ist die echte Kunst) bleibt Chibnalls Handschrift in Sachen Charakterentwicklung erhalten, was vor allem die einmaligen Gastfiguren betrifft. Aber auch der Einsatz unseres Teams wirkt besser ausbalanciert als zuvor. Selbst Yas (die ich zuvor vielleicht ein wenig zu oft kritisiert habe) hat eine tragende Rolle.
Obendrein wirft Kerblam! einen Blick in die Zukunft der bereits heutzutage sehr gefragten Paketdienstleister und die Folgen der Automatisierung diverser Arbeitsprozesse. Ein ganzer Mond als Basis? Roboter, die die Pakete blitzschnell per Teleportation ausliefern? Eine Vorschrift, die auf zehn Prozent menschlicher Arbeiter besteht und möglicherweise in Zukunft auf weniger „Organics" reduziert wird? Internetriesen wie Amazon kommen unsereins da sofort in den Sinn, denn riesige Lagerhallen, superschnelle Auslieferung der Bestellungen und Gewinnoptimierung durch möglichst wenig (und zudem schlecht bezahlte) Arbeiter und Automatisierung aller Prozesse sind sicherlich Themen, die aktuell immer wieder auftauchen. Zwar übt die Folge letztlich keine große Kritik an diesen Vorgängen oder deren potenzieller Entwicklung - wenn sie das wollte, hätte sich das Management oder „das automatisierte System" als Bösewicht entpuppt. Aber immerhin rückt man doch irgendwie die passenden Themen in den Vordergrund, so dass man sich als Zuschauer (und Amazon-Kunde - sind wir das nicht alle?) leicht fragen kann, ob man eine solche Entwicklung gutheißen würde. Und es ist immer schön, wenn sich Episoden von Doctor Who auf derartige aktuelle Entwicklungen beziehen - das gibt der Folge jedenfalls einen guten Mehrwert, der keineswegs selbstverständlich ist und ohne die bislang in dieser Staffel zweimal gezeigte Geschichtskeule auskommt.
Letzter Punkt hier: Luftpolsterfolie. Schlichtweg genial, dieses Verpackungsmaterial als Auslöser für die Durchsetzung des bösartigen Plans zu nehmen. Das ist sowas von „Doctor Who“, dass mir gerade die Worte fehlen.
Charaktere

Zunächst einmal zum Team TARDIS. Das gefällt diese Woche tatsächlich sehr gut, denn ich wüsste kaum, was ich da bemängeln sollte. Jede/r liefert im Rahmen der Rolle gekonnt ab und kaum jemand kommt zu kurz. Es gibt Humor, es gibt Drama und das wichtigste: Es findet alles im Rahmen des Abenteuers statt. Unser Team ist sehr darauf fokussiert, das Rätsel zu lösen, agiert entsprechend mit den jeweiligen Figuren und nimmt Risiken in Kauf, was das Geschehen obendrein spannend gestaltet. Das i-Tüpfelchen kommt schon zu Beginn, als unser Doctor den Fez erhält, den offensichtlich die Inkarnation von Matt Smith bestellt hat - eine schöne Referenz an den elften Doctor. Wobei mich Whittaker diese Woche sehr überzeugt hat. Denn sie bekam neben der üblichen Hampelei (mit dem Sonic Screwdriver) auch einige ruhige Szenen, die sehr Doctor-like waren. Wir merken jedenfalls, dass unser Team ein echtes Team ist und nicht nur aus zusammengewürfelten Figuren besteht. Klarer Pluspunkt.
Was die Gäste betrifft, wissen die größtenteils ebenfalls zu überzeugen. Also, im Rahmen ihrer Rollen. Sicher, es gibt diverse Red Herings wie Judy (Julie Hesmondhalgh), Jarva (Callum Dixon) oder die Roboter. Die wirken alle irgendwo zwischen freundlich und bedrohlich (im Falle von Jarva andersrum), was aber Absicht ist und zu diversen Twists führt. Einige davon sieht man sicher kommen, andere aber nicht. Je nachdem, was man nach der jeweiligen Vorstellung erwartet. Da ist es ein echter Clou, dass keiner von ihnen den Bösewicht repräsentiert (auch wenn Charlie (Leo Flanagan) zumindest bei den Robotern eingegriffen hat).
Meine liebsten (Gast-)Charaktere dieser Woche sind Dan (Lee Mack) - ein echter Sympathieträger, nicht zuletzt, weil er Yas vor einem bösen Schicksal bewahrt - und Kira (Claudia Jessie). Beide bekommen eine tolle Hintergrundgeschichte, überleben aber die Episode nicht. Sehr schade, womit hier abermals der Drama-Faktor unter Chibnall betont wird, aber andererseits auch ein mögliches (eher typisches) Happy-End zu Grabe getragen wird. Okay, nicht ganz, denn der große Plan von Charlie wird schließlich vereitelt und rettet unzählige andere Leben.
Womit wir zur eigentlichen Krux der Folge kommen, denn Charlie ist ein Charakter, der von Beginn an sehr sympathisch in Szene gesetzt, aber letztlich durch den großen Twist verunstaltet wird. Was mir einfach nicht einleuchten will: Charlie begibt sich in (zuweilen tödliche) Gefahren und riskiert (rückblickend) seine eigentliche Mission, um Kira zu retten. Ihr Tod nimmt ihn dementsprechend auch nicht genug mit und obendrein entpuppt er sich als ein Fanatiker der schlimmsten Sorte - solche eben, die nicht mit sich diskutieren lassen. Seine Bemühungen sind zwar irgendwo nachvollziehbar - also, mehr menschliche Arbeiter bei Kerblam!, weniger Automatisierung und so - aber sein Plan eben nicht. Schließlich würde der Unschuldigen das Leben kosten. Mir schwante zwar irgendwie, dass das „System" den Hilferuf losgeschickt haben könnte - denn es wäre sehr Doctor Who - ish, einen solchen Ansatz zu fahren (der auf unterdrückte Roboter setzen könnte). Aber nachdem die „Postboten" Dan angegriffen haben, ließ sich dieser Gedanke sehr leicht entsorgen. Und dann kommt doch noch die große Überraschung, dass Charlie der Bösewicht ist. Das passt in meinen Augen nicht wirklich gut und zieht die gesamte Episode mitsamt ihrer „Kritik" an Amazon & Co. ein gutes Stück herunter. Hätte, hätte Fahrradkette - aber die Offenbarung in Bezug auf Charlie gefällt mir einfach nicht.
Außerdem gefällt mir nicht, dass Charlie keinen Gesinnungswandel erlebt, weil er seine große Liebe verloren hat. Doctor Who und der Doctor im Speziellen sind dafür bekannt, die Ansichtsweisen diverser Figuren umzukehren und auf Themen wie Menschlichkeit, Liebe oder schlicht einen größeren Zusammenhalt aller zurückzuführen. Das passiert hier leider nicht, obwohl es sich anbieten würde. Ich meine, hey, selbst bei den Daleks konnte unser Doctor da schon was bewerkstelligen, deren Meinungen beeinflussen und letztlich für sich nutzen. Diese Ausgereiftheit fehlt diese Woche einfach, was doch sehr schade ist.
Fazit

Die erste Folge dieser Staffel, die Chibnalls neuen, charakterbasierten Weg mit einem signifikanten (nicht-historischen, aber dafür doch sehr gegenwärtigen) Abenteuer vereint. Hut ab für diesen Ansatz und natürlich die Episode, denn da bleibt nur wenig zu wünschen übrig. Dieses „wenige" ist allerdings mit dem Twist um Charlie verbunden, der einfach nicht funktionieren will und letztlich auch die Kritik an Großkonzernen bedeutend entschärft, auf die es hinauszulaufen scheint. Fraglos eine gute bis sehr gute Folge, die ihr Potenzial am Ende aber leider nicht auszuschöpfen weiß. Von meiner Seite sind vier von fünf Sternen drin, aber sicher nicht mehr.
Trailer zur Episode The Witchfinders der Serie Doctor Who (11x08):
Verfasser: Christian Schäfer am Dienstag, 20. November 2018Doctor Who 11x07 Trailer
(Doctor Who 11x07)
Schauspieler in der Episode Doctor Who 11x07
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