Wir sind die Welle: Kritik der deutschen Netflix-Serie

© zenenbild von Wir sind die Welle: Die jungen Aktivisten träumen vom großen Coup... (c) Netflix
„Die Welle“ zu schauen, ist für viele deutsche Gymnasialschüler/-innen ein Wendepunkt im persönlichen Denken über den Nationalsozialismus. Es ist eine Sache, immer wieder zu hören, dass theoretisch jede Demokratie in eine Diktatur umschlagen kann, doch zu sehen, wie die fiktiven Gleichaltrigen im Film mit all ihrem Vorwissen über das sogenannte Dritte Reich unbemerkt in dieselbe Falle der menschlichen Massenpsychologie und des Mitläufertums tappen wie ihre realen Urgroßeltern, ist dann doch ein wenig eindrucksvoller.
Nur wenige wissen wahrscheinlich, dass die Geschichte, die vor allem hierzulande auf große Resonanz zu stoßen scheint, ursprünglich aus den USA kommt. Der amerikanische Schriftsteller Morton Rhue dokumentierte in seinem 1981 erschienenen Roman gleichen Namens ein skandalöses Sozialexperiment, das Ende der Sechziger so tatsächlich von einem Geschichtslehrer im kalifornischen Palo Alto durchgeführt wurde. 2008 trat Jürgen Vogel an dessen Stelle und ließ sich dabei von dem Regisseur Dennis Gansel in Szene setzen.
Nun kehrt Gansel zurück, um den Stoff erneut als Serie aufzulegen. Überredet hat ihn dazu Netflix. Und herausgekommen ist die neue deutsche Eigenproduktion Wir sind die Welle, die am heutigen Freitag, den 1. November mit ihrer sechsteiligen Auftaktstaffel aufschlägt. Auffällig war im Vorfeld, dass im Cast ein großer Name wie damals Vogel fehlte. Stattdessen stehen die Jungschauspieler Ludwig Simon, Luise Befort, Michelle Barthel, Daniel Friedl und Mohamed Issa im Zentrum. Eine merkwürdige Herangehensweise, denn schließlich spielt die charismatische Lehrerfigur sowohl in der literarischen als auch in der filmischen Vorlage eine Schlüsselrolle. Doch, wie sich herausstellt, ist dies nicht mal die fatalste Fehlentscheidung...
Hier kommt die neue deutsche Welle
Am leichtesten lässt sich der Unterschied zwischen dem Film und der Serie so beschreiben: Während „Die Welle“ vor den Gefahren der Ordnung warnt, warnt Wir sind die Welle vor den Gefahren des Chaos. Beides prinzipiell berechtigte Anliegen, doch Gansel und Konsorten hätten kaum einen unglücklicheren Zeitpunkt finden können, um den Scheinwerfer der Anklage vom Rechtsextremismus hin zum Linksextremismus zu lenken. Immerhin sind die schrecklichen Ereignisse in Halle noch keinen Monat her. Zumal man das Gefühl nicht los wird, dass die radikalen Jugendlichen in der Serie stellvertretend für Umweltschutzgruppierungen wie Extinction Rebellion oder Greenpeace stehen sollen. Und diese mit Faschismus gleichzusetzen, wäre wahrlich ein Hohn - oder fast schon unfreiwillige AfD-Propaganda.

Natürlich sind Nazis viel zu unterbelichtet, um zu bemerken, dass eine Serie wie Wir sind die Welle ihnen eigentlich in die Karten spielen könnte. Stattdessen drohten einige AfD-Politiker/-innen beim Erscheinen des ersten Trailers sogar schon mit Unterlassungsklagen, da die Verantwortlichen der Serie die wenig subtile Parodiepartei NfD ins Drehbuch schrieben. Dummerweise kommen die fünf Helden der Geschichte aber kaum sympathischer weg als die vorbestimmten Schurken. Ein unverzeihlicher Fehltritt bei einem derart politischen Format.
Besonders amateurhaft wirkt die Einführung des Protagonisten Tristan (Ludwig Simon), der die komplette Pilotepisode einen „Save the Cat“-Moment nach dem nächsten durchläuft. Mal verteidigt er ein Mobbingopfer auf dem Schulhof, mal weiß er als Einziger die Antwort auf eine besonders schwierige Testfrage im Unterricht. Es scheint nichts zu geben, was er nicht beherrscht - und dabei sieht er auch noch verdammt gut aus. Trotzdem soll er uns als typischer Außenseiter verkauft werden, was selbstverständlich keinen Sinn hat. Seine Kompagnons sind nicht weniger klischeebehaftet: Da wären etwa die aufsässige Idealistin aus reichem Elternhaus, die ihre Ideale aber erst entdeckt, als sie sich in den enigmatischen Rebellen verliebt oder der übergewichtige comic relief-Charakter, der solche Sachen sagt wie: „Ich bin eigentlich immer hungrig.“
Vielleicht hätte es den Autor/-innen ganz gutgetan, sich tatsächlich mal mit jungen Menschen der linken Szene zu unterhalten, um ein paar authentischere Figuren zu schreiben. Dann hätten sie vermutlich auch mehr Einfühlungsvermögen entwickeln können, was die wahren Motive dieser Protestaktionen angeht, statt solche Floskeln rauszuhauen wie: „Die obersten fünf Prozent der obersten fünf Prozent schröpfen uns alle aus!“ In einer Episode wird die Autolobby zum Todfeind erklärt und in der nächsten schon die Waffenindustrie. Diese Sprunghaftigkeit verhindert endgültig, dass man sich mit irgendeiner Person oder irgendeinem Ziel identifizieren kann. Und genau das machte ja die Faszination beim Film aus.
Fazit
Fans von „Die Welle“, die sich Sorgen machten, dass einer möglichen Serienadaption aufgrund der längeren Laufzeit früher oder später die dramaturgische Luft ausgehen könnte, können demnach ganz beruhigt sein: Tatsächlich hat Netflix' Wir sind die Welle niemals wirklich geatmet. Nicht nur wirft das zuvor schon wenig versprechende Format politisch fragwürdige Implikationen auf, nein, es ist auch vorhersehbar geschrieben, stümperhaft gespielt und überhastet inszeniert. Alles in allem ein totaler Reinfall.
Hier abschließend noch der Trailer zur neuen deutschen Netflix-Serie Wir sind die Welle: