Die Notärztin: Emily - Review der Pilotfolge der Medical-Serie in der ARD

Die Notärztin: Emily - Review der Pilotfolge der Medical-Serie in der ARD

Mit „Die Notärztin“ startet Das Erste eine neue Medical-Serie zur Primetime am Dienstagabend. Trotz einer sympathischen Hauptdarstellerin krankt das Format allerdings an einer kaum zu übersehenden Vorabendbelanglosigkeit. Mehr dazu in unserem Review zur Pilotfolge „Emily“.

„Die Notärztin“: Sabrina Amali in der Titelrolle als Notärztin Dr. Nina Haddad und Max Hemmersdorfer als Feuerwehrmann Markus Probst.
„Die Notärztin“: Sabrina Amali in der Titelrolle als Notärztin Dr. Nina Haddad und Max Hemmersdorfer als Feuerwehrmann Markus Probst.
© ARD/Volker Roloff

Das passiert in der Episode „Emily“ von „Die Notärztin“

Dr. Nina Haddad (Sabrina Amali) braucht in Die Notärztin einen „beruflichen und privaten“ Neuanfang und steigt als Notärztin bei der Mannheimer Feuerwehr ein. Zusammen mit dem Notfallsanitäter Paul (Paul Zichner) schwebt sie zwischen der Langeweile auf der Wache, Routineeinsätzen und solchen, die sich nicht so leicht verkraften lassen. Die Feuerwehrleute Markus (Max Hemmersdorfer), Billy (Anna Schimrigk) und Brandmeister Piotr (Mark Zak) sind zunächst skeptisch, doch schon bald verdient sich Nina den Respekt der anderen Retter.

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Vorabendbelanglosigkeit zur Primetime

Die Notärztin“ ist als ein Format gedacht, welches das Berufsleben der im Alltag viel zu wenig wertgeschätzten Berufsgruppen der Feuerwehrleute, Notfallsanitäter und Notfallärzte möglichst realistisch in den Fokus rücken will. Das ist eine lobenswerte Prämisse, an der die neue Primetime-Serie am Dienstagabend allerdings leider auch scheitert. Denn die erste 24-Stundenschicht der Hauptfigur Nina ist insgesamt nicht nur belanglos, sondern fühlt sich auch ein wenig wie eine Scripted-Reality-Show an, in der echte Spezialisten in merkbar konstruierten Storys ihrem Tagewerk nachgehen.

Die Geschichte beginnt mit dem vorgetäuschten Unfall eines Drogensüchtigen, der von Nina vorsorglich in den Rettungswagen verfrachtet wird. Kaum erwähnt sie, dass in solchen Fällen standardmäßig die Polizei hinzugezogen wird, offenbart dieser seine Absichten und beklaut die Helfer. Schon an dieser Stelle hebt sich der selbstgesetzte Anspruch der Drehbuch-Autoren Jan Haering und Tina Thoene allerdings auf und lässt tief in die Art des Storytellings blicken, mit der das Publikum unterhalten werden soll. Mehr als ein hämisches Grinsen ihrer Kollegen, die Nina natürlich vor dem Schurken zuvor warnten, hat die Einführungsszene nämlich kaum zu bieten. Vom harten Alltag der Retterinnen und Retter keine Spur, lediglich ein hanebüchener Einstieg, der nicht nur Nina, sondern auch Paul ziemlich alt aussehen lässt.

Figürliche Reißbrettlogik

Nach diesem enttäuschenden Start lernen wir zunächst Ninas Arbeitsplatz und ihr Kollegium näher kennen, von denen sich Brandmeister Piotr als aus der Zeit gefallender Patriarch, Markus als gutherziger Charmebolzen und Billy als von Piotr untergebutterte Kollegin herausstellt. Von echten Konflikten, einer gewissen Komplexität oder dem persönlichen Drama der Protagonisten ist der Figurenaufbau damit zumindest in der Pilotfolge weit entfernt. Das ist für eine Serie, die immerhin um 20.15 Uhr zur besten Sendezeit läuft, zu wenig, weil man sich in der Simplizität solcher Konstruktionen eher an Vorabendserien wie die „WAPO“-Reihe erinnert fühlt.

Das ist allein schon deshalb schade, weil Sabrina Amali in der Hauptrolle als Nina eine gute Figur macht und ihrem Mitstreiter die sich über die Jahre angestaute Desillusion anzumerken ist. Wenn Paul während eines gemeinsamen Essens auf der Wache sagt, dass er sich wünscht, sein Kind möge nicht in seine Fußstapfen treten, spricht aus ihm der Frust zu vieler Überstunden, von zu wenig Freizeit und über einen physisch und psychisch zehrenden Job, den ihm niemand dankt. Das sind die wenigen Momente, in denen „Die Notärztin“ die Zuschauenden tatsächlich mitzunehmen versteht, während fast der gesamte Mittelteil der rund 45 Minuten langen Episode mehr oder weniger nichtssagend vor sich hindümpelt.

Zwischen Unglaubwürdigkeit und Langeweile

Nina (Sabrina Amali) und Paul (Paul Zichner) nehmen Frau Ahrens (Greta Galisch de Palma) mit ins Krankenhaus
Nina (Sabrina Amali) und Paul (Paul Zichner) nehmen Frau Ahrens (Greta Galisch de Palma) mit ins Krankenhaus - © ARD/Volker Roloff

Ähnliches lässt sich auch über die steif geschriebenen Einsätze der Retterinnen und Retter sagen. In einem Fall wird Nina zu einer sorgenden Mutter gerufen, die ihre 14-jährige Tochter namens Emily vermisst. Die sitzt allerdings gedankenverloren auf dem Dach des Mehrfamilienhauses und nimmt gerade ein TikTok-Video auf. Nachdem Piotr seiner Kollegin Billy den Rettungseinsatz in bester konservativ-männlicher Attitüde verboten hat, darf Markus die Jugendliche vom Sims ziehen. Wo in dieser Szene nun die Dramatik liegt, erschließt sich allerdings nicht, zumal der Feuerwehrmann anschließend ihre abwertenden Sprüche über ihn auch noch mit einem platten Kommentar quittiert.

Um irgendwie eine in sich abgeschlossene Geschichte zu kreieren, entschlossen sich Hearing und Thoene in den letzten Minuten, den Drogensüchtigen aus dem Opening und Emily noch einmal ins Spiel zu bringen. Erster gab sein Diebesgut an einen Freund mit dem wenig einfallsreichen Spitznamen „Büchse“ weiter, der daraufhin Hilfe benötigt. Die Mutter von Emily erleidet hingegen einen schweren Autounfall, der möglicherweise ein geplanter Suizidversuch war. In der letzten Szene besucht Nina das Mädchen nach ihrer Schicht im Krankenhaus, wo sie erfährt, dass Emilys Mutter im Koma liegt.

Spätestens hier wird deutlich, dass der Wunsch, die Einsätze der Helferinnen und Helfer in ein starres Aktkorsett zu pressen, gründlich schiefgeht. Zufälle sind natürlich möglich, doch in so geballter und unglaubwürdiger Form? Es mag hart klingen, doch wenn sich eine Geschichte wie auf dem Reißbrett entworfen anfühlt, muss sie sich letztlich gegebenenfalls den Vorwurf gefallen lassen, die Episode mit dem Faktor Zufall gnadenlos zurechtgebogen zu haben.

Fazit

Es ist ärgerlich. Es gibt so gute Medical-Dramen da draußen, so viele Heldinnen und Helden des Alltags, denen man gerne auf ihre Einsätze folgt. Die Notärztin gehört ausgehend von der Pilotfolge leider nicht dazu. Natürlich kollidieren derartige Serien standardmäßig zugunsten des Unterhaltungswerts mit der Realität, insofern ist es lobenswert, dass Jan Haering und Tina Thoene ihre Figuren nicht zu Actionheldinnen und Achtionhelden stilisieren wollten.

Doch warum nur dieser unglaubwürdige narrative Ansatz? Wenn man unbedingt eine in sich abgeschlossene Geschichte erzählen will, sollte diese sich auf die Hauptfiguren beziehen und nicht auf Koinzidenzen. Hinzu gesellen sich eine Bildsprache und eine Kameraführung, die zweifelhaften Vorabendseriencharme versprühen. Wären Sabrina Amali und Paul Zichner in ihren Rollen nicht so sympathisch, wäre die Bewertung sicherlich noch einen halben Punkt schlechter ausgefallen.

So kommen wir immerhin noch auf zweieinhalb von fünf Punkten für die neue Primetime-Serie im Ersten.

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