Die Entführung des Fluges 601: Review der Pilotepisode der Netflix-Serie

© Netflix
Die kolumbianische Thrillerserie Die Entführung des Fluges 601 erzählt von der längsten Flugzeugentführung in der Geschichte Lateinamerikas - einer wahren Begebenheit. Sie startete am 30. Mai 1973, als bewaffneten Revolutionären die Maschine entführten und die Freilassung von 50 politischen Gefangenen sowie ein Lösegeld forderten.
Wovon handelt die Serie „Die Entführung des Fluges 601“?
Edie (Mónica Popera) ist eine gute Stewardess für Aero Bolivar. Sie kennt das Spiel, achtet auf ihr Gewicht, ihre Erscheinung und vor allem versteckt sie die Tatsache ihrer drei Söhne vor ihrer Chefin, der unbarmherzigen Vorarbeiterin Manchola (Marcela Benjumeca). Denn was dürfen Stewardessen niemals tun? Heiraten, Kinder bekommen und zunehmen. Es sind die 70er.
Doch Edie hat einen Morgen aus dem Alptraumbuch einer alleinerziehenden Mutter und landet mit ihrem Jüngsten beim Arzt. Ein Anruf in der Arbeit, wo sie versucht, Hilfe von ihrer Freundin Bárbara (Ángela Cano) zu erhalten, scheitert. Sie verpasst ihren Flug und damit ist die Neue im Team, Marisol (Ilenia Antonini), alleine mit den beiden Kapitänen an Bord. Doch es ist nicht Edies erstes Rodeo, sie eilt zum Flughafen um einen anderen Flug zu erwischen, mit dem sie ihren einholen und zusteigen kann.
Diesem Spiel setzt Manchola an diesem Tag ein Ende. Doch Edie geht zu Mustafá (Enrique Carriazo). Der wurde zwar kürzlich zum Geschäftsführer der Airline befördert und findet, er hat mit den Stewardessen nun nichts mehr zu tun. Doch eine gemeinsame Vergangenheit und jede Menge Schmuggler-Geheimnisse bringen ihn dazu, Edie schnell wieder einzustellen.
Bis zu dem Moment, an dem die beiden erfahren, dass ausgerechnet ihr Flug entführt wurde und das ausgerechnet nur mit der unsicheren Neuen an Bord.
Unterdessen herrscht an Bord der 601 bereits Chaos. Marisol ist in Ohnmacht gefallen, der Kapitän entscheidet sich zu einer eigenen Forderung. Die Entführer wollen das Flugzeug tanken und dann nach Kuba dirigieren. Kapitän Wilches (Christian Tappan) entschließt sich, eine eigene Forderung an die Airline zu übermitteln. Er will eine neue Stewardess. Natürlich will niemand freiwillig an Bord gehen, außer Edie, die damit ihren Job zurück bekommt.
Auf dem Weg zum schicksalhaften Flug wird sie von Bárbara abgefangen, die sie nicht alleine gehen lassen will. Also besteigen die beiden gemeinsam das entführte Flugzeug.
Wie kommt es rüber?
Serien aus anderen Ländern als den üblichen Verdächtigen sind stets ein Abenteuer der besonderen Art. Man weiß nicht, was einen erwartet. Seit Netflix ist das Produktionsniveau erheblich gestiegen und auch die Darsteller lassen nichts vermissen, was man in US-Produktionen gewöhnt ist. So ist es auch bei Die Entführung des Fluges 601.
Dabei ist besonders charmant, wie die Serienmacher das Zeitkolorit der 70er einfangen. Die Vergangenheit fügt Geschichten über das Fliegen etwas Magisches hinzu. Nicht umsonst spielen Produktionen wie Pan Am gerne in den 60er und 70er Jahren. Dort war Fliegen noch etwas Besonderes, nicht jeder konnte es sich leisten. Und die Uniformen der Stewardessen und der Piloten umwehte eine besondere Aura.
Die kolumbianische Produktion führt das direkt ins Absurde als wie Edie in ihrem chaotischen Haushalt kennen lernen, wo sie notdürftig ihre verwundeten Füße pflegt um in die ehrenhafte Uniform zu schlüpfen und es mit ihren drei Söhnen aufzunehmen, die alles andere als frühstücken im Kopf haben.
Auch ihre Freundin Bárbara lässt den Widerspruch glänzen als sie der Neuen wissen lässt, dass diese Uniform eine Ehre sei, der alle Männer zu Füßen lägen, nur um uns kurz darauf zu zeigen, dass sie verzweifelt versucht, mit einem der Piloten zusammen zu sein, der für sie jedoch seine Frau nicht verlassen will.
Dennoch tragen die geübten Stewardessen das Gewicht ihrer Uniform mit Würde und Ernsthaftigkeit. Wir erleben die Entführung aus ihrer Sicht und sie sind es, die das Treiben unter Kontrolle halten.
Politisch positioniert die Serienproduktion sich wenig, es geht um die Ausnahmesituation zwischenmenschlicher Art, die die Autoren interessiert. Der widmen sie sich mit der gebotenen Dramatik, aber auch mit einem feinen Humor-Anstrich. Am Ende kommt dabei ein bezaubernder Erzählton heraus, der die Serie zu einem klaren Geheimtipp macht.
4 von 5 Punkte