Dexter 8x08

Lange, lange Zeit fühlte sich die Rezensentin bei dem Konsum der Episode Are We There Yet? wie ein ungeduldiges Kind, das auf dem Rücksitz einem diffusen Ziel entgegengesteuert wird. Selbst die falsche Fährte, dass Zach Hamilton (Sam Underwood) Dexters Nachbarin Cassie (Bethany Joy Lenz) zu Tode geprügelt haben soll, konnte die Spannungskurve nur kurzzeitig in die Höhe schnellen lassen. Erst am Ende der Episode kann Dexter wieder zu seinem packenden Selbst finden.
Roadtrip
Die endlose Autofahrt von Dexter (Michael C. Hall) und Hannah (Yvonne Strahovski), die sich auf der Suche nach Zach befinden, nimmt einen gewaltigen Teil der Episode in Anspruch. Immerhin mischen sich immer wieder clevere Dialogfetzen in die Monotonie. Es steht schon länger außer Frage, dass Dexter mit der Zeit echte Gefühle für einen engen Kreis seiner Mitmenschen entwickelt hat. Nun geht aus seinem inneren Monolog jedoch auch explizit hervor, dass die Intensität der Emotionen ihn mittlerweile übermannt: „I would give everything to feel nothing again.“ Dabei wird gleichzeitig auch deutlich hervorgehoben, dass Dex noch weit von dem Gefühlsleben eines normalen Menschen entfernt ist: „I forget the impact murder has on real people.“
Ansonsten ist der Mehrwehrt an neuen Erkenntnissen denkbar gering. Aus welchem Grund sollte zum jetzigen Zeitpunkt noch einmal der Zusammenhang zwischen Harry (James Remar), Dr. Vogel (Charlotte Rampling) und dem Code durchexerziert werden? Auch die Tatsache, dass Dex die Psychiaterin aus einem nicht gänzlich nachvollziehbaren Grund als Teil seiner Familie betrachtet, war kein Geheimnis. Das seichte Geklimper aus dem Radio, das diese überflüssigen Wiederholungen begleitet, tut dem ohnehin schon einschläfernden Eindruck dieser Passagen ebenfalls keinen Gefallen.
Wann sind wir da?
Und immer weiter geht die Fahrt, wobei das Offensichtliche recycelt wird: Warum Dexter seine Hannah nie aufgespürt und getötet hat? Vielleicht - eine dreiste Spekulation - könnte dies in seinen amourösen Gefühlen begründet liegen? Es ist ein zutiefst menschlicher Zug, den Hannah an den Tag legt, als sie im Gespräch mit Dexter nach Komplimenten und Liebesbeweisen „fischt“. Doch leider ist nicht alles, was Authentizität verströmt, auch unterhaltsam: „Shrimp?“ „Yeah.“ „Bottom Feeders.“ „Aha.“ Ok.
Ein Stück weit können sich die Drehbuchauroren durch eine fast selbstironisch anmutende Anspielung auf Dexters charakteristische Monologe rehabilitieren: „You have all these clever little sayings inside your head, don't you?“ Zur gleichen Zeit manifestiert sich hier auf subtile Weise, wie gut Hannah Dexter tatsächlich versteht und wie perfekt die beiden füreinander sind.

Deb
Auch die Interaktion, die sich parallel zwischen Debra und ihrem Boss Jacob Elway (Sean Patrick Flanery) entfaltet, bringt keine dramaturgischen Höhepunkte mit sich. Immerhin wirkt sie aber als Katalysator dafür, dass Elway später für eine sich anbahnende Eskalation sorgt, indem er die Fahndung nach Hannah McKay wiederbelebt.
In Debs Aufeinandertreffen mit ihrer Erzfeindin Hannah stellt sie einmal wieder das Wohl ihres Bruders über das eigene. Obwohl sich die ehemalige Polizisten der gravierenden Konsequenzen, die mit der Ergreifung der Giftmörderin einhergehen könnten, bewusst ist, ist Debs Beherrschung beachtlich. Immerhin hat Hannah ja nicht nur Debra selbst vergiftet, sondern sie zeichnet auch für den Mord an ihrem Freund Sal Price verantwortlich. Auch die Rolle der Eifersucht darüber, dass Hannah solch intensive Gefühle in ihrem geliebten Bruder wachrufen könnte, sollte nicht überschätzt werden. Dexters Erleichterung ist also mehr als nachvollziehbar: „You are both still breathing. That is a good sign.“ Am Ende entscheidet sich Deb gegen jegliche weitere Verstrickungen in das mörderische Umfeld ihres Bruders und für einen Neubeginn im Miami Metro Police Department.
Vater, Mutter, Killer?
Trotz der perfiden Manipulation an Cassies Leiche ist es im Grunde genommen keine große Überraschung, dass sich Zach - zumindest in diesem Fall - als unschuldig erweist. Dank des Zuspruchs von Vogel und Harry wird es den Zuschauern immens erleichtert, den Neuling ins Herz zu schließen. Vogel liebäugelt mit dem Juniorkiller, weil... ihr sonst zu langweilig wäre und sie in Bezug auf Menschen ohnehin einen merkwürdigen Geschmack an den Tag legt. Harrys Preisung hingegen ist ein wenig schwerer nachvollziehbar. Wenn es ihn schon zugrunde gerichtet hatte, dass sein eigener Sohn zum Serienmörder wird - selbst wenn dies seine einzige Option ist -, sollte es Harry dann nicht posthum um den Schlaf bringen, dass bald noch ein zweiter abgerichteter Killer durch Miami streifen soll?
Trotz allem gewinnt Dexter durch das Zusammentreffen von Dex und Zach an Dynamik. Der reiche Spross sorgt durch sein amateurhaftes Auftreten für die nostalgische Betrachtung von Dexters Anfängen und bringt gleichzeitig noch etwas Humor in die Handlung. Leider wird Zachs Rolle als Schüler und Ziehsohn durch seine Frage „Are We There Yet?“ auf recht fantasielose Weise hervorgehoben. Außerdem sollte er die Strecke gen Miami doch kennen, was den Ausspruch noch platter erscheinen lässt. Nichtsdestotrotz geht mit dem Aufeinandertreffen von Dexter mit seinem Ziehsohn, der spiritual mother und der Liebe seines Lebens eine erquickliche Gruppendynamik einher: „I trust there are no vegetarians here?“
Vogels Verhalten ist trotz ihres konsequenten Lächelns und ihrem unverkennbaren Charme so unheimlich, dass man sich fragt, ob auch Hannibal Lecter an ihrem alten Familienrezept Freude finden würde... Gegen die Theorie einer bösen Vogel spricht allerdings, dass sie in dem Moment, in dem sie das neue Präsent des brain surgeon in der Hand hält, einen wahrlich schockierten Eindruck macht.
Nach der verqueren, aber dennoch harmonischen Familienzusammenführung ist der überraschende Tod des aufgehenden Sternes am Killerhimmel umso schockierender. Zum Glück hat sich dadurch aber auch gleichzeitig eine wenig verlockende Spin-off-Variante zerschlagen. Zudem geht zumindest für Zachs Darsteller mit dem blutigen Abgang aus Dexter nicht die Welt unter. So wird Underwood künftig in der Serie The Following von FOX sein Unwesen treiben „52097“.

Das Wow-Ende
Es ist eine wirklich brillante Entscheidung der Drehbuchautoren, Zach dem lange ignorierten Hirnchirurgen zum Opfer fallen zu lassen. Nicht nur wird auf diese Weise endlich eingestanden, dass es sich bei A. J. Yates (Aaron McCusker) nicht um den brain surgeon gehandelt hatte. Indem der Surgeon allem Anschein nach auch dafür verantwortlich war, Zachs Blut unter Cassies Fingernägeln zu positionieren, wird zudem dessen bedrohliches Potential hervorgehoben.
Wer ist der Brian Surgeon?
„We talked about a life together.“ Dieser Satz lässt die Zweifel an der Ehrbarkeit von Cassies Freund Oliver (Darri Ingolfsson) neuerlich auflodern. Hatte die junge Frau nicht angedeutet, dass sie es insgeheim auf Dexter abgesehen hatte? Aber die Liste der Verdächtigen ist ohnehin so lang, dass sie den Rahmen dieser Kritik sprengen würde. Zweifelsfrei lässt sich mittlerweile jedoch davon ausgehen, dass der Killer eine wichtige Rolle in Vogels Vergangenheit gespielt hatte. Vielleicht werden wir ja bereits in der nächsten Episode mehr erfahren, denn diese trägt den Titel des Liedes, das mittlerweile zweimal im Zusammenhang mit Vogel und dem surgeon erklungen war: Make Your Own Kind of Music.
Fazit
Trotz der stimmigen und teils wirklich cleveren Dialoge ist die erste Hälfte dieser Episode zu langatmig geraten. Daran können auch die starke Chemie zwischen Hall und Strahovski und der romantische Flair nichts ändern. Gerade in der finalen Staffel einer Serie wäre es wünschenswert, die brisanten Entwicklungen nicht erst in den letzten Minuten der betreffenden Episode in Gang zu bringen.
Immerhin kann Are We There Yet? auch noch durch eine geschmackvoll inszenierte Sexszene und gutes Timing glänzen. So hätte der Zeitpunkt für den Mord an Zach nicht besser gewählt werden können. Schließlich konnte man sich erst dank Zachs Wirken in dieser Folge richtig für ihn erwärmen. Ein früherer Tod hätte die Zuschauer kaum berührt. Zudem haben selbst die Auftritte von Quinn (Desmond Harrington) ein wenig an Bedeutung gewonnen und werden langsam wieder mit der Haupthandlung in Verbindung gebracht - mit Ausnahme seiner ermüdenden Beziehungsprobleme, versteht sich. Ob Masuka (C. S. Lee) und seine esoterisch veranlagte Tochter noch zu Elementen aufsteigen werden, deren Bedeutung über die eines comic relief-Duos hinausgeht, steht allerdings in den Sternen.
Nie hat Dexter so vielen Menschen Zugang zu seinem wahren Ich gewährt wie jetzt. Daraus resultieren Gefahren, die es für den früheren, vollkommen isolierten Killer nie gegeben hätte. In diesem Zusammenhang ist auch die Tatsache verlockend, dass Elway zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt Hannah ans Messer liefert.
Im Ganzen künden die letzten Entwicklungen davon, dass Dexter in den verbleibenden vier Episoden endlich das Spektakel abfeuern wird, das die Serie noch zu einem würdigen Abschluss bringen kann. Hoffentlich.
Verfasser: Thordes Herbst am Dienstag, 20. August 2013Dexter 8x08 Trailer
(Dexter 8x08)
Schauspieler in der Episode Dexter 8x08
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