Dexter 7x03

An animal is never more dangerous than when it is backed into a corner.
Die Warteschlange vor dem Postamt kann schon bei grundanständigen Menschen für fortgeschrittene Aggressionen sorgen. Bei einem Menschen wie Dexter (Michael C. Hall) hingegen ist das Ausmaß an benötigter Selbstkontrolle ungleich größer.
Kein Wunder also, dass sich der Serienmörder auf Abwegen in blutige Phantasien flüchtet, um seine selbstgefälligen Peiniger ihrer gerechten Strafe zuzuführen. Im ersten Moment wirkt der Übergriff auf die Beamtin vielleicht noch wie eine überflüssige und phantasielose Irreführung der Zuschauer - ähnlich der gern genutzten, verblüffenden Sequenzen, die sich im Nachhinein als Traum herausstellen. Doch, um uns die Anspannung vor Augen zu führen, die Debras (Jennifer Carpenter) persönliche Schutzhaft für Dexter bedeutet, ist es ein angebrachtes Mittel. Dex ist wie ein „in die Ecke getriebenes Tier“ und somit besonders gefährlich.
Nachdem sich Dexters wütende Hilflosigkeit in einem realen Übergriff auf einen Verdächtigen entlädt, wird er umgehend wieder von seiner Schwester zur Rechenschaft gezogen. Die hohen Mauern, zwischen denen er sich dabei außerhalb des Miami Metro Police Department wiederfindet, unterstreichen seine verlorene Freiheit auf eindrucksvolle Weise.
Ersatzbefriedigung
Dex sucht nach einem passenden Ventil, um seinen Dark Passenger zufrieden zu stellen. Mit dem Frauenmörder Raymond Speltzer hat sich schnell ein passender Kandidat gefunden. Doch, da er unter Debs konstantem Blick nicht ungehemmt agieren kann, muss er sich nach wie vor in seiner Gedankenwelt austoben, in der ihm nach der Postbeamtin nun auch Vince Masuka (C.S. Lee) zum Opfer fällt. Doch Messer beziehungsweise Kugelschreiber sind nicht Dexters einzige Waffe. Um sich von Louis (Josh Cooke) zu befreien, wählt er so das Mittel der Intrige.
Der große Showdown zwischen Dex und Louis wird mit einer bemerkenswerten Szene angedeutet, in der sich die beiden Männer auf den Fluren des Polizeireviers im Vorübergehen mit ihren Blicken taxieren.
Doch der Praktikant hat seinen Gegner unterschätzt und muss darum erst seinen Job und dann auch noch seine Beziehung einbüßen (eigentlich völlig ungerechtfertigterweise, denn: „It's not cheating if you pay for it!“).
Plan Deb
In Bezug auf seine Schwester ändert Dex nun seine Strategie: Anstatt sie mit Worten von der Notwendigkeit seines Zweitjobs zu überzeugen, möchte er Deb seine einfühlsamen Recherchemethoden nun direkt am - zunächst noch - lebendigen Beispiel erörtern. Bei der Observation von Speltzer kommt es zu einem eindrucksvollen Dialog zwischen den Geschwistern: Während Deb sich erwartungsgemäß verbissen an die Grundlagen des amerikanischen Rechtssystems klammert, will Dex ihr die Stichhaltigkeit seines persönlichen Prozesses vor Augen führen. Sowohl Michael C. Hall als auch Jennifer Carpenter begeistern besonders in dieser Sequenz durch besonders authentisches Spiel.
Quinn und die Brotherhood
Quinn (Desmond Harrington) verbindet unterdessen seinen Beruf mit dem Angenehmen und sorgt sich weiterhin rührend um die Stripperin Nadia (Katia Winter). Damit hat er auf die richtige Informationsquelle gesetzt. Obwohl die junge Frau ihr doppeltes Spiel zugunsten der ukrainischen Mafia zu spielen scheint, ist sie am Ende doch auf der Seite des attraktiven Ermittlers.
Dabei ist es schwer zu sagen, ob Quinns Annäherungsversuche schwerer zu ertragen sind oder die vor Rührseligkeit nur so triefenden Klischees, die seine Gespielin von sich gibt. Sie will - wenn sie es geschafft hat - ein Hundespaziergehgeschäft aufmachen? Wirklich?
In einem Zusammentreffen von Nadia und George Novikov (Jason Gedrick) stellt sich heraus, dass das osteuropäische Verbrechersyndikat neben dem „Tits and Ass Business“ auch im ungleich lukrativeren Handel mit Heroin aktiv ist. Isaac Sirko (Ray Stevenson), der unangefochtene Anführer der Gangster, erhält noch einmal die Gelegenheit dazu, sich zu profilieren. Nachdem er in der Episode Sunshine and Frosty Swirl per Schraubenzieher eindrucksvoll demonstriert hatte, wozu er fähig ist, kommt auch jetzt wieder seine Eloquenz zum Vorschein. Sein Intellekt lässt Sirko dabei umso gefährlicher wirken. Er ist kein grober Schläger, der in Ermangelung von Worten zum Mörder wird, sondern ein sadistischer Denker der kaltblütigsten Sorte. Als sich Isaac und Dex in dem Stripclub des Gangsters begegnen, stimmt zwischen den beiden ungleichen Monstern die Chemie so auch auf Anhieb. Wahrscheinlich hätten aus ihnen unter anderen Umständen recht gute Freunde werden können...
Hannah und Dexter. Und Batista.
Im Falle des mittlerweile toten Wayne Randall tauchen neue Beweisstücke auf. Eine skurrile Zusammensetzung von Trophäen deutet an, dass der Mann in Zusammenarbeit mit seiner jungen Komplizin Hannah McKay (Yvonne Strahovski) noch mehr Opfer auf dem Gewissen hat, als bisher bekannt war.
Batista (David Zayas), der Dex zur DNA-Probe der McKay begleitet, legt im Laufe der gesamten Episode eine bislang ungekannte Unlust an den Tag. An Aussprüchen wie „Whatever we do, there is always another body“ wird deutlich, wie sehr der Sergeant durch die Geschehnisse der Vergangenheit frustriert ist. Wird Batista den Polizeidienst etwa zugunsten einer Karriere als Kakteenzüchter verlassen?
Dex wird unterdessen durch Hannah derartig vehement auf andere Gedanken gebracht, dass ihm selbst das Wattestäbchen entgleitet. Ob seine Faszination für die hübsche Frau darin begründet liegt, dass sie einen hübschen Mund hat, dass sie das Böse in ihr so erfolgreich ausradieren konnte oder ob Dexter hinter der geläuterten Fassade noch etwas anderes erspürt - es wird sich zeigen.
Das bittere Gesetz
„If you knew there was a murderer out there. And you could do something to stop him before he killed again. Could you let it go?“ Deb werden anhand von LaGuerta (Lauren Vélez) die Grenzen der legalen polizeilichen Strafverfolgung aufgezeigt. Dass sich Deb dadurch weiter der Position ihres Bruders annähert, wird nicht nur dadurch deutlich, dass sie Dexters Vokabel „Eidechsenhirn“ benutzt.
Während Dexter in erster Linie danach trachtet, seine Triebe zu befriedigen, geht es Deb darum, die Unschuldigen zu schützen. Netterweise kann man sich hier der Worte von Isaac bedienen: „Ironic, isn't it?“. Obwohl zwei Menschen (in diesem Falle die Morgans) aus gänzlich verschieden Gründen zum Nichtstun verurteilt sind, führt es bei beiden zum gleichen Resultat: Sie sind frustriert.
Das düstere Psycho-Episodenfinale à la I want to play a game inklusive Grusellabyrinth und blutrünstigem Minotaurus-Look-Alike sorgt nicht nur für Spannung. Gleichzeitig werden Deb erneut die Vorteile von Dexters Art der Präventionsarbeit vor Augen geführt. So hätte der Tod einer unschuldigen jungen Frau verhindert werden können. Deb hasst nach wie vor, was ihr Bruder tut. Aber sie versteht es auch. Und deswegen darf Dexter jetzt ausziehen.
Die Jagd ist eröffnet! Und Louis.
Während Dex noch Speltzer belauert, ist aus dem Jäger längst der Gejagte geworden. Isaac hat das GPS-Signal, das von Victors Leiche ausgeht, geortet und stößt so auf Dexters slice of life. Auf dem Boot gibt Louis sich gerade zum denkbar schlechtesten Zeitpunkt seiner Rache hin. Zu strahlendem Sonnenschein wird der Computerspieleentwickler im Anschluss auf so gänzlich unspektakuläre Weise ins Jenseits befördert, dass man fast Mitleid mit dem Querulanten bekommt. Als letzten Akt seines Anti-Dexter-Streifzugs hetzt er seinem Erzfeind aber immerhin noch die Koshka Brotherhood auf den Hals.
Fazit
Neben den wieder einmal großartigen schauspielerischen Leistungen, der abwechslungsreichen und spannenden Storyline und so manchem packenden und teils amüsanten verbalen Schlagabtausch („Great, now my brother has a lizard-brain“), kann Buck the System auch mit famosen grafischen Details herhalten. Dabei ist besonders eine Sequenz auf dem Friedhof hervorzuheben, in der Dex geschickt so vor einem Grab positioniert ist, dass er einen steinernen Heiligenschein zu tragen scheint. Die betende Geste und das Blümchen in seiner Hand tun noch ihr Übriges.
Zwar erfahren wir in dieser Episode nichts über LaGuertas geheimes Treiben, doch zumindest muss man sich nun um den Störfaktor Louis keine Gedanken mehr machen.
Debras Entwicklung ist im Verlauf der Episode stets nachvollziehbar und hervorragend dargestellt. Sie kann sich jetzt besser in Dexter hineinversetzen. Doch das bedeutet keineswegs, dass sie zu schätzen lernt, was er tut. Vielmehr erkennt Debra nun die Dimension der Abgründe, die sich in ihrem Bruder auftun. Zwar wird in nächster Zeit kein Morgan im Gefängnis landen, doch von einer entspannten florierenden Zusammenarbeit über die Grenzen des Gesetzes hinweg, sind die beiden auch noch weit entfernt.
Dexter wird für Deb nie mehr der bedingungslos geliebte Bruder sein. Das ist der Preis, den Dex für seine zurückgewonnene Freiheit bezahlen muss. Und diesen Freiraum wird er brauchen - schließlich ist Isaac ihm dicht auf den Versen.
Verfasser: Thordes Herbst am Mittwoch, 17. Oktober 2012(Dexter 7x03)
Schauspieler in der Episode Dexter 7x03
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