Deutsches Haus 1x05

Deutsches Haus 1x05

Das Geschichtsdrama „Deutsches Haus“ behandelt die Frankfurter Auschwitz-Prozesse Mitte der Sechzigerjahre - eine BRD im VerdrĂ€ngungsmodus. Serienautorin Annette Hess lĂ€sst die Scheinfassade StĂŒck fĂŒr StĂŒck bröckeln.

Katharina Stark in der Serie „Deutsches Haus“
Katharina Stark in der Serie „Deutsches Haus“
© Disney+

Nach Sam - Ein Sachse erschien mit Deutsches Haus nun im November die zweite deutsche Originalserie des Streamingdiensts Disney+. Und wieder hat sich das Maushaus, das sonst fĂŒr lockerleichte Kinderfilme da ist, einen ziemlich schweren Geschichtsstoff vorgenommen. Es geht nĂ€mlich um die ersten Auschwitzprozesse, die die Bundesrepublik keine 20 Jahre nach den Nazi-Verbrechen aus dem Tiefschlaf der historischen VerdrĂ€ngung aufschrecken ließen.

Adaptiert wird der gleichnamige Roman von Annette Hess, der 2018 auf den Markt kam. Die Autorin hat nun auch selbst das Skript der fünfteiligen Miniserie ĂŒbernommen. Die Regie wurde Isabel Prahl (Westwall) und Randa Chahoud (Legal Affairs) anvertraut, die es sich offenbar zur Aufgabe gemacht haben, in den hĂ€rtesten Szenen am lĂ€ngsten draufzuhalten, um diesem Thema auch in der fiktionalisierten Aufarbeitung gerecht werden zu können.

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Der Cast wird angefĂŒhrt vom glĂ€nzendem Youngster Katharina Stark („Dead Girls Dancing“), die sich auch von grĂ¶ĂŸeren Namen wie Anke Engelke (Das letzte Wort), Hans-Jochen Wagner („Kommissarin Heller“), Heiner Lauterbach („Enkel fĂŒr AnfĂ€nger“), Uwe Preuss („Polizeiruf 110“), Henry HĂŒbchen (Ze Network) und Iris Berben („Paradise“) nicht ĂŒberschatten lĂ€sst. Ihre Hauptfigur der zunĂ€chst so naiven Dolmetscherin Eva Bruhns ist das HerzstĂŒck der Serie. Durch sie bleibt der Fokus auf dem Wesentlichen...

Worum geht es in der Serie „Deutsches Haus?“

Die Geschichte beginnt 1963 in Frankfurt am Main. Im Zentrum steht die gutbĂŒrgerliche Gastronomenfamilie Bruhns, die das Lokal betreibt, nach dem die Serie (und das Buch) benannt ist. Der immer gut gelaunte Vater Ludwig (Wagner) ist fĂŒr die KĂŒche verantwortlich, wĂ€hrend seine charismatische Frau Edith (Engelke) die GĂ€ste bedient. Die Ă€lteste Tochter Annegret (Ricarda Seifried) arbeitet als Krankenschwester auf der Neugeborenenstation im stĂ€dtischen Krankenhaus. Und unsere Eva ĂŒbersetzt am Rathaus aus dem Polnischen ins Deutsche.

Wenn im „Deutschen Haus“ Hochbetrieb herrscht, mĂŒssen natĂŒrlich trotzdem alle Bruhnsens anpacken. Die Familie hat einen herzlichen und lustigen Umgangston, der auch nach außen hin authentisch rĂŒberkommt. Doch das heitere Treiben findet bald ein Ende, als Eva einen neuen Auftrag annimmt. Es geht dabei um einen Mann aus Polen, der eine Zeugenaussage abgibt. Was er beschreibt, lĂ€sst sich fĂŒr Eva beim ersten Hören gar nicht ĂŒbersetzen. Die Wörter haben in diesem Zusammenhang keinen Sinn - so grausam wĂ€re das, was er berichtet.

Gaskammern und RauchsĂ€ulen verbrannter Menschen an einem Ort namens Auschwitz: Kann es das wirklich gegeben haben? Diese Frage lĂ€sst Eva fortan nicht mehr los. Als sie spĂ€ter beim Prozess die eindrĂŒcklichen Schilderungen der Holocaust-Überlebenden Dr. Rachel Cohen (Berben) hört, gibt es fĂŒr Eva kein ZurĂŒck mehr in die GemĂŒtlichkeit der VerdrĂ€ngung. Und auch mit ihrer Familie beginnt sie zunehmend zu fremdeln.

„Deutsches Haus“
„Deutsches Haus“ - © Disney+

Da es sich hierbei um eine Staffelkritik handelt, mĂŒssen wir auch auf den einen oder anderen Spoiler im weiteren Verlauf der Geschichte eingehen. Falls Ihr Euch noch nicht sicher seid, ob Ihr der deutschen Eigenproduktion von Disney+ eine Chance geben wollt, lest gern noch mal in unser Review zur Pilotfolge rein.

Wie gelungen ist die Serie „Deutsches Haus?“

Deutsches Haus“ hat herausragende StĂ€rken, aber auch viele kleine Schwachstellen. Alles, was direkt im Gerichtssaal spielt, scheint wirklich gut gelungen. Serienmacherin Hess und ihre Regisseurinnen Prahl und Chahoud achten penibel darauf, die Schrecken der schlimmsten Verbrechen im 20. Jahrhundert angemessen abzubilden. Besonders eindrucksvoll ist die fast ungeschnitte Verlesung aller Anklagepunkte gegen die Verantwortlichen Robert Mulka (Martin Horn), Wilhelm Boger (Lauterbach), Hans Hofmeyer (Preuss) und Co. Auch kommt es spĂ€ter zu einer ohrenbetĂ€ubenden Schweigeminute bei der Ortbegehung vor der Schwarzen Wand im KZ Auschwitz.

Die Serie ist eine Abrechnung mit allen Deutschen, die die NS-Zeit miterlebt, unterstĂŒtzt oder nur zugelassen haben - eine Abrechnung ohne Aber! Konsequent bricht Eva mit ihrer Familie, mit der sie vorher so eng war, als ihr klar wird, dass auch sie Blut an den HĂ€nden haben. Die Erkenntnis, dass sie als Kind neben dem Lager aufwuchs, dreht nicht nur ihr den Magen um, sondern auch uns Zuschauenden. Ihre ganze Verzweiflung gipfelt darin, dass sie nach Polen reist, um den ehemaligen Inhaftierten aufzusuchen, der ihr als junges MĂ€dchen die Haare schnitt. Sie will, dass er ihr eine Glatze rasiert, weil sie Buße tun will. Er entlarvt ihre egoistische Geste der Selbstentschuldigung: „Das steht dir nicht zu.

Die Schauspielerin Stark meistert die schwierige Herausforderung, in nur fĂŒnf Folgen eine komplette Wandlung ihrer Figur durchzuspielen. Mit Eva verĂ€ndert sich auch der Ton der Serie von einer harmlosen Nostalgieschau hin zu einer ganz, ganz dĂŒsteren GeschichtsbewĂ€ltigung. Die Einzige, die ihr mit ihrer Darbietung das Wasser reichen kann, ist Berben. Ihr gehört der Höhepunkt im FĂŒnfteiler, als ihre Dr. Rachel Cohen auf die Angeklagten zuschreitet und ihre Verlogenheit verhöhnt.

Ein Lob verdient aber auch Lauterbach, der seinen realen Nazi-Verbrecher Boger so nĂŒchtern spielt, dass es einem - wie man abgedroschen sagen wĂŒrde - das Blut in den Adern gefrieren lĂ€sst. Mit einer ebenso herausragenden PrĂ€senz kommt Sabin Tambrea (Ku'damm) als schmieriger Verteidiger Dr. Fritz Jerichow daher, der all den Hass auf sich lĂ€dt, den seine feigen Mandanten nicht annehmen. Und dann ist da noch HĂŒbchen als Exkommunist/KaufhausmillionĂ€r Walther Schoormann, der mit seinem Charme den kompletten Nebenplot rund um Evas Verlobten trĂ€gt, den man sonst sofort streichen wollen wĂŒrde.

Damit kommen wir abschließend auf die Schwachstellen von „Deutsches Haus“ zu sprechen. Man merkt der Serie an, dass sie auf einem Buch basiert. Warum? Hess hat zu viel von ihrem eigenen Werk in die Adaption mitnehmen wollen - was man verstehen kann, aber nicht umsonst gibt es die Autorenregel „Kill Your Darlings“. Dianas (Runa Greiner) Schwangerschaft, JĂŒrgens (Thomas Prenn) Kindheitstrauma, Davids (Aaron Altaras) GewaltausbrĂŒche sowie seine Romanze mit Sissi (Alice Dwyer) - auf all das hĂ€tte man sicherlich verzichten können.

Geradezu sprachlos lassen einen die Wendungen rund um den Unfalltod von Dr. Rachel Cohen oder die Coli-Vergiftungen auf Annegrets Station zurĂŒck. Das wirkt einfach so drĂŒber, dass man es nicht verstehen muss. Zumal der eigentliche Fall ja schon erschĂŒtternd genug ist. Gleichzeitig dienen diese Freiheiten, die Hess sich genommen hat, als Erinnerung daran, dass wir es nicht mit einer Dokumentation zu tun haben, sondern mit einer Dramaserie. So tritt auch der bei den Auschwitzprozessen so zentrale Generalstaatsanwalt Fritz Bauer (Thomas Bading) immer nur sporadisch auf.

Alles in allem ĂŒberwiegen die StĂ€rken die SchwĂ€chen von „Deutsches Haus“. Die Serie von Disney+ bietet einen Einblick in eine SchlĂŒsselzeit der bundesdeutschen Geschichte und konzentriert sich dabei vor allem auf die Stimmung statt auf Fakten, was eine wichtige ErgĂ€nzung in der AufklĂ€rung neuer Generationen sein kann. Insgesamt vergeben wir daher vier von fĂŒnf Sternen.

Verfasser: Bjarne Bock am Donnerstag, 30. November 2023
Episode
Staffel 1, Episode 5
(Deutsches Haus 1x05)
Titel der Episode im Original
Das Urteil
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Mittwoch, 15. November 2023 (Disney+)
Erstausstrahlung der Episode in der Mediathek
Mittwoch, 15. November 2023
Erstausstrahlung der Episode in Österreich
Mittwoch, 15. November 2023
Erstausstrahlung der Episode in der Schweiz
Mittwoch, 15. November 2023

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