Detective Forst 1x01

© Netflix
Das passiert in der Serie „Forst“
Nach einem folgenschweren Fehler wird der Mordermittler Wiktor Forst (Borys Szyc) in der Thrillerserie Detective Forst in ein kleines Nest nahe des Tatra-Gebirges versetzt. Als auf einem Berg eine nackte, an ein Kreuz gehängte Leiche entdeckt wird, ist Wiktor von Anfang an nah an dem Fall dran. Auch die freie Journalistin Olga (Zuzsanna Saporznikow) ist vor Ort und scheint mehr zu wissen, als sie zugibt.
Nachdem Forst vor ihrer Kamera ein Statement abgibt, um den Killer aus der Reserve zu locken, wird kurz darauf eine weitere auffällig drapierte Leiche entdeckt. Wiktors Chef zieht ihn daraufhin vom Fall ab, doch der eigenwillige Polizist denkt überhaupt nicht daran, einfach aufzugeben. Gemeinsam mit Olga, die einen geheimnisvollen Informanten hat, begibt er sich auf die Suche nach dem Serienmörder.
Die „Forst“-Romane
Auf der Suche nach neuen Stoffen, die sich möglichst kostengünstig seriell umsetzen lassen, bewegt sich Netflix in den letzten Jahren immer mehr in Richtung Europa. Polen gehört dabei zu den Ländern, die immer wieder mit ungewöhnlichen Produktionen auffallen und trotz bisweilen offensichtlicher finanzieller Nachteile gegenüber der US-Konkurrenz recht gutes Material abliefern. Für „Forst“ bediente sich der Streaming-Riese nun an den Romanen des polnischen Schriftstellers Remigiusz Mróz, dessen Werke in seiner Heimat regelmäßig in den Beststellerlisten zu finden sind. Die Thriller und Fantastikwerke des umtriebigen, erst 37 Jahre jungen Autors wurden mehrfach ausgezeichnet und seit 2019 befindet sich Mróz ganz oben auf der von der polnischen Nationalbibliothek herausgegebenen Liste der beliebtesten Schriftsteller des Landes.
Der Einstieg

Grund genug also, sich die bislang sechsteilige Romanreihe vorzunehmen und einem weltweiten Publikum zu präsentieren. Und das gelingt erstaunlich gut. Die Serie steigt ungewöhnlicherweise nicht mit einer zeitlichen Einordnung ein, sondern teilt dem Publikum mit, dass die Handlung im Tatra-Gebirge in über 2200 Meter Höhe beginnt. Die Berge spielen offensichtlich überhaupt eine zentrale Rolle, weil es sich bei den Opfern erstens anscheinend um Wanderer handelte und der Täter zweitens spezifische Kenntnisse besitzt. Das wird beispielsweise anhand Knoten und Seilen deutlich, die der Killer verwendet, um die ersten beiden Leichen der Serie möglichst wirkungsträchtig zu platzieren.
Die Einstiegs-Szene verrät uns außerdem, dass der Mann und die später in der Pilotfolge entdeckte Frau vor dem Tod grausam gefoltert wurden. Als Markenzeichen steckt der Mörder den Leichen zudem jeweils eine wertvolle altgermanische Münze in den Mund. Selbstredend gibt es zu Beginn der Geschichte weder einen Verdächtigen noch erschließt sich ein Motiv für die schrecklichen Taten. Die Ermordeten haben auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun, so dass wir der Geschichte im Grunde genommen unbedarft zunächst chronologisch folgen.
Die Hauptfiguren
Um die Vergangenheit von Kommissar Forst zu beleuchten, verwenden die Serienmacher von „Forst“ sehr kurz gehaltene Flashbacks und Dialoge, beispielsweise zwischen Wiktors Vorgesetzten. Die Stilmittel sind sparsam und im Falle der Flashbacks visuell ansprechend in Szene gesetzt und genügen vollkommen, um Forst als dysfunktionale, traumatisierte Persönlichkeit zu etablieren. Wiktor lebt das Credo eines klischeehaften „ganzen Kerls“ voll aus, der tut, was er eben glaubt, tun zu müssen. Hierarchien, Dienstwege und die gemeinsame Arbeit an einem Fall sind ihm fremd, was in seiner alten Heimat Krakau einen Menschen das Leben kostete.
Seitdem leidet er unter schwerer Migräne, die ihn in einem Fall sogar in die Ohnmacht treibt. An diesen Stellen wird deutlich, wie stark die Figur eigentlich emotional angegriffen ist, und wie sehr er die Übernahme des Falls gegen den ausdrücklichen Willen seines Chefs als Wiedergutmachung für seinen Fehler begreift.
Die zweite Hauptfigur, die Journalistin Olga, ist ihm sehr ähnlich. Mehrfach vom Journalistenrat für Ethik gerügt und seitdem von den TV-Sendern des Landes geschasst, ist auch sie eine einsame Wölfin. In den ersten Minuten der Folge ist sie der Polizei dank eines geheimnisvollen Informanten immer einen Schritt voraus, dabei denkt sie keine Sekunde daran, dass dieser vielleicht auf irgendeine Art in die Morde involviert ist. Auch Olga strebt nach Rehabilitierung, weshalb es nur logisch ist, dass sie sich mit Wiktor zusammentut. Dennoch gelingt es ihr zunächst, Privatleben und Job voneinander zu trennen und lehnt Forsts Avancen ab. Als Ermittlerduo hinterlassen die beiden Protagonisten also einen insgesamt stimmigen Gesamteindruck, wobei die oben angesprochene, ausgeprägte „Einsamer-Wolf-Attitüde“ manchmal schon fast ein wenig zu viel des Guten ist.
Die Technik

Visuell lehnt sich „Forst“ recht deutlich an das Nordic-Noir-Genre an, entwickelt aber dank einiger typischer Mysteryserie-Elemente (man beachte beispielsweise die Beleuchtung in einigen Szenen) einen eigenen, ansehnlichen Stil. Große Schwächen leistet sich die Inszenierung weder in Sachen Kameraführung noch bei der Regie oder der Dialogführung. Sicherlich, sonderlich innovativ ist das alles nicht, aber eben qualitativ solide und daher auch gut schaubar. Der musikalische Part bedient sich ebenfalls an altbekannten Thriller- und Mystery-Versatzstücken. Spannungsgeladene, kurze Einschübe rangieren neben leicht melancholischen Klängen oder gut getimten angstheischenden Sounds, wobei das Klangbild bislang relativ sparsam eingesetzt wird.
Fazit
Wie bereits gesagt, bietet die Pilotfolge von „Forst“ grundsolide Thrillerkost, die mysteriös und spannend zugleich daherkommt. Die schauspielerischen Leistungen gehen absolut in Ordnung, die technische Umsetzung ist genretypisch gelungen und der Fall bietet genug Geheimnisse, um das Weiterschauen auch auf dieser Ebene zu rechtfertigen. Da Netflix die gesamte Staffel mit sechs jeweils rund 45 Minuten langen Folgen online gestellt hat, lässt sich die Geschichte locker an einem oder zwei Abenden binge-watchen. Wer gute Thriller mag, die das Rad zwar nicht neu erfinden, aber doch reichlich Potential für spannende Unterhaltung bieten, kann ohne großes Risiko einen Blick riskieren.
Wir vergeben: vier von fünf Punkten.
Hier abschließend noch der Trailer zur neuen Serie „Forst“:
Verfasser: Reinhard Prahl am Donnerstag, 11. Januar 2024(Detective Forst 1x01)
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