Defiance 1x01

Beim Blick auf das Kinoprogramm der folgenden Monate dürfte auch dem geneigten Serienjunkie nicht entgangen sein, dass das Genre Science-Fiction aktuell eine vielleicht etwas unerwartete Renaissance feiert. Egal ob Tom Cruise in „Oblivion“ die Erde aufräumt, Will Smith mit seinem Sohn Jaden im Film „After Earth“ eine Bruchlandung auf eben dieser hinlegt oder Matt Damon in „Elysium“ versucht, das, was von unserer blauen Heimat übrig ist, hinter sich zu lassen - überall wird filmisch wieder in die Zukunft geblickt. Wenngleich diese auch meist viele Probleme für die Menschheit parat hält. Nicht anders ist es in der neuen Serie Defiance, die sich thematisch ziemlich exakt in die obigen Beispiele einreihen lässt. Auch in der von Showrunner Kevin Murphy und seinen Autoren erdachten Welt hat es unseren Heimatplaneten stark getroffen. Und so geht es im 90-minütigen Piloten schon beinahe jener Stadt an den Kragen, der die Serie ihren Namen verdankt.
Leben und Überleben in der Welt von Defiance
Defiance spielt in einer nicht allzu fernen Zukunft, in der unsere Erde allerdings kaum noch etwas mit dem Planeten zu tun hat, wie wir ihn heute kennen. Grund dafür ist ein mehrere Jahre zurückliegender Krieg zwischen der Menschheit und den Votan, einer Gemeinschaft von sieben außerirdischen Rassen, die ihr Sonnensystem verlassen mussten und auf der Suche nach einer neuen Heimat waren. Als zunächst diplomatische Verhandlungen über eine eventuelle Kolonialisierung der Erde durch die Aliens außer Kontrolle gerieten, kam es zu den sogenannten „Pale Wars“, welche beide Seiten mit enormen Verlusten zurück ließen. Aus einem unbekannten Grund wurde schließlich das riesige Mutterschiff der außerirdischen Ankömmlinge zerstört, was dazu führte, dass die sogenannte Terra-Forming-Technik unkontrolliert aus der Umlaufbahn auf die Erde fiel und diese für immer veränderte. Zwar liegt der Krieg nun in der Vergangenheit, aber der Planet Erde, auf dem nun sowohl Menschen als auch Votan leben, hat sich für immer verändert.

Von dieser Vorgeschichte und den politischen Querelen, die schließlich beinahe zur Apokalypse führten, bekommt man im Piloten von Defiance allerdings nur wenig zu sehen. Stattdessen steigt der Zuschauer quasi direkt in die Nachkriegszeit der fiktiven Zukunft ein, in welcher der ehemalige Soldat Joshua Nolan (Grant Bowler) versucht, sich gemeinsam mit seiner außerirdischen Ziehtochter Irisa (Stephanie Leonidas) in der feindlichen Umgebung der Erde durchzuschlagen. Helfen kann ihnen dabei die wertvolle Alien-Technik, die weiterhin in unregelmäßigen Abständen vom Himmel regnet und für gutes Geld an den Mann oder die Frau gebracht werden kann.
Die ersten Minuten, in denen sich Nolan und Irisa gemeinsam darum bemühen, endlich den ganzen großen Coup zu landen, gehören gleich auch zu den stärksten des Piloten von Defiance. Dies liegt insbesondere am Neuseeländer Grant Bowler, der seinen Herumtreiber Joshua Nolan als wunderbaren Han-Solo-Verschnitt anlegt, welcher nie um einen Spruch verlegen ist und auch größte Gefahren nicht ganz so ernst zu nehmen scheint. Die Beziehung zur knallharten Irisa bildet zugleich auch den emotionalen Kern des Piloten. Deshalb ist es beinahe schade, dass das interessante Verhältnis zwischen den beiden Figuren nach den unterhaltsamen und spannenden Anfangssequenzen ein wenig aus dem Fokus gerät.
Science-Fiction, Crime-Story oder Soap Opera?
Ein Überfall durch eine feindliche Bande lässt die beiden Artefakte-Jäger Josh und Irisa schließlich in Defiance stranden. Das ehemalige St. Louis ist keine riesige Metropole mehr, sondern eine Art Western-Kaff, in dem jeder jeden kennt. Ist die Idee, Defiance als eine Art Future-Western anzusiedeln, ist sicherlich eine interessante. Die visuelle Umsetzung des Themas lässt an einigen Stellen allerdings ein wenig zu wünschen übrig. So wollen die weiten digitalen Aufnahmen der Stadt nie so wirklich zum dörflichen Charakter passen, den das Defiance-Set schließlich vermittelt. Die Ansprachen der frischgebackenen Bürgermeisterin Amanda Rosewater (Julie Benz) wirken dadurch schnell ein wenig lächerlich, sind doch immer wieder die gleichen Gesichter zu sehen.
In Defiance angekommen, begibt sich Joshua mangels finanzieller Möglichkeiten auf die Suche nach ein wenig Kleingeld, wobei er schnell die wichtigen Figuren, die Big Player der Stadt kennenlernt, in welcher Aliens und Menschen (angeblich) friedlich miteinander leben. Was folgt, ist eine ziemlich holprig erzählte Crime-Geschichte, die sich um den Mord am ältesten Sohn des Minen-Besitzers Rafe McCawley (Graham Greene) dreht. McCawley vermutet Unterwelt-Boss Datak Tarr (Tony Curren) beziehungsweise dessen Sohn Alak (Jesse Rath) hinter der Tat. Das brisante: McCawleys Tochter Christie (Nicole Munoz) ist heimlich in Alak verliebt, was dem Familienoberhaupt natürlich gar nicht schmeckt. Joshua lässt sich schließlich als Nachwuchs-Aragorn anheuern, um das Geheimnis um den toten McCawley-Sohn zu lösen und qualifiziert sich somit frühzeitig als neuer Sheriff der Stadt, da der alte in der ganzen Hektik das Zeitliche segnen musste.

An diesen Stellen ist Defiance oft mehr Soap als Sci-Fi, obwohl die beiden Genres sicherlich auch schon in anderen Serien erfolgreich miteinander verbunden wurden. Die ganze Geschichte, die sich innerhalb der Mauern oder besser gesagt des Schutzschildes von Defiance entspinnt, sowie die Einführung eines Großteils der Charaktere, ist aber dennach beinahe so klischeebeladen, dass man sich teilweise gewünscht hätte, Joshua und seine Ziehtochter Irisa hätten das ehemalige St. Louis tatsächlich links liegen gelassen und weiter ihre eigenen Abenteuer erlebt. Ist die Welt von Defiance visuell durchaus kreativ gestaltet, so bedient man sich bei den Figuren und Alienrassen doch scheinbar ausschließlich bekannten Stereotypen aus dem großen weiten Sci-Fi-Universum. Da gibt es die Wookie-ähnlichen Pelztiere (Sensothen) genauso wie die schnelldenkenden Wissenschaftsexperten mit dem Hang zum Sarkasmus (Indogenes). Die Castithaner, zu denen auch die Familie des besagten Unterweltbosses Datak Tarr gehört, scheinen dagegen direkt aus einem Twilight-Roman zu stammen, was noch einmal durch die sehr kitschig ausgefallene Antragssequenz (komplett mit Blumenwiese) zum Ende der Episode untermauert wird.
In Anbetracht relativ brutaler Actionssequenzen sowie des etwas erzwungen wirkenden Techtel-Mechtels zwischen Nolan und der Bordellbesitzerin Kenya (Mia Kirschner) (samt erotischer Sexszene), scheint den Machern teilweise nicht wirklich klar zu sein, an welche Zielgruppe sie sich letztendlich wenden wollen. Und so wird zumindest im Piloten versucht, eine möglichst breite Masse an Zuschauern zufrieden zu stellen. Ob dies bei einer Genre-Serie wie Defiance tatsächlich sinnvoll ist, oder ob man damit nicht die eigentlich Science-Fiction-Fans verschreckt, darüber lässt sich sicherlich streiten.
Im letzten Drittel der Pilotepisode von Defiance muss sich Nolan schließlich gegen den Willen seiner Ziehtochter Irisa mit Bürgermeisterin Rosewater zusammentun, um die Stadt schon vor der frühzeitigen Zerstörung durch die brutalen Volge zu retten. Narrativ werden auch hier keine Experimente eingegangen: Nolan mobilisiert die Einwohner zum Kampf (die überraschend viele Waffen besitzen, dafür dass es nur einen Kandidat für den Posten des Sheriffs gab), Irisa naht im letzten Moment zur Rettung und wird ihrerseits vom einstmals unfähig wirkenden Sheriff-Gehilfen Tommy (Dewshane Williams) aus einer brenzligen Lage gerettet.
Fazit
Die Pilotepisode von Defiance erzählt in ihren 90 Minuten eine Geschichte, die in anderen aktuellen Serien eventuell eine ganze Staffel ausgefüllt hätte. Dementsprechend wirkt das Geschehen etwas unfokussiert. Es gelingt der Serie nie, vollständig sowohl die neu erdachte Welt als auch alle in ihr lebenden Figuren geschickt einzuführen. Weshalb man sich für die ersten Folge vielleicht auf eine kleiner angelegte Narration hätte konzentrieren sollen, anstatt sich auf klischeebeladene Charaktereinführungen und bekannte Plotdevices zu verlassen.
Science-Fiction-Fans sollten allerdings trotzdem ein Blick riskieren. Auch wenn die Mythologie der Serie im Piloten kaum ergründet wird, birgt sie mit ihren verschiedenen Alien-Rassen und der interessanten Historie viel Potenzial für weitere interessante Geschichten und kann schon jetzt mit einem sympathischen Protagonisten punkten.

Technisch kann Defiance die meiste Zeit überzeugen, auch wenn Sets und animierte Szenarien manchmal nicht richtig zusammenpassen möchten. Die abschließende Schlacht des Piloten kann sich dagegen für eine TV-Produktion durchaus sehen lassen, genau wie der Soundtrack von Bear McCreary Balsam für die Seele aller Fans von Battlestar Galactica sein dürfte.
Es wird interessant zu sehen sein, ob sich Defiance in Zukunft eher an einer politischen Serie wie eben Battlestar Galactica orientiert oder sich vielleicht eher in Richtung etwas trashiger Space-Opera mit Soap-Elementen entwickelt. Beides könnte seine Fans finden, wobei Anhänger ernster Sci-Fi-Unterhaltung aber sicherlich noch auf eine Steigerung nach dem etwas durchwachsenen Piloten hoffen werden. Dieser wird durch visuelle Kreativität und seinem gut aufgelegten Protagonisten lediglich knapp über das Mittelmaß gehoben.
Verfasser: Thomas Zimmer am Dienstag, 16. April 2013(Defiance 1x01)
Schauspieler in der Episode Defiance 1x01
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